Wem erzähle ich das?

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Hardcover
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Wenn Ali Smith die Regeln des Erzählens erklärt, entfalten sich Geschichten. Ihre Vorlesungen über Literatur sind eine Liebesgeschichte, wie sie noch keiner je gehört hat – eine Geschichte zweier Liebender ebenso wie die Geschichte der Liebe des Menschen zur Kunst und was sie für unser aller Leben bedeutet.


DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Originaltitel: Artful
Originalverlag: Penguin
Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87436-4
Erschienen am  06. März 2017
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Fantasievolle Mischung aus Geistergeschichte und Literaturvorlesung

Von: Kate Rapp

27.12.2020

Eine namenlose Protagonistin trauert um ihre verstorbene Partnerin, ein Jahr und ein Tag ist dieser Verlust nun her, da taucht ihr Geist mit Sprachstörungen wieder auf und setzt sich an ihren Schreibtisch, um zu arbeiten. Die verstorbene Schriftstellerin sollte Vorträge für Studenten halten, unter anderem über Zeit und Form in der Literatur. Und während sie Tag für Tag wieder kommt, immer etwas zerlumpter und in fortschreitender Verwesung, setzt Ali Smith die Kapitel für uns zusammen und es ergibt sich im Zusammenspiel diese wunderbare Mischung aus Geistergeschichte und Literaturvorlesung (tatsächlich von Ali Smith am St. Annes College in Oxford gehalten) Die Themen, die Ali Smith abhandelt sind neben Zeit und Form auch Grenzen und Spiegelungen. Doch vor allem ist es die Phantasie, der sie einen großen Raum gibt, die der Zeit und dem Tod ein Schnippchen schlägt und den zerfledderten schnarchenden Geist der Geliebten als Adressat für ihre Gefühle, Fragen und Dialoge zurück bringt. „Die Phantasie übertraf alles, was ich ihr zugetraut hatte.“ Die Anmerkungen der Erzählerin, die in einer Baumschule arbeitet, zu den Vortragsnotizen der Verstorbenen erschienen mir wie ein Zwiegespräch von Ali Smith mit sich selbst, in dem sie ihre gehaltenen Vorträge um fantasievoll skurrile Ausschmückungen erweitert, hinter die Spiegel und in Götter- und Unterwelten springt, um zu beweisen, dass Literatur und Kunst den Tod überdauern. „Artful“ heißt der Roman im englischen Original, eine Anspielung auf den immer wieder zitierten Artful Dodger, eine Figur aus dem Roman Oliver Twist, der sich als Hauptthema durch die gesamte Erzählung zieht, sowie auf die kunstvoll beschriebene Vielfältigkeit der Kunst. Es ist ein gleichzeitig unterhaltsames und kluges, in seinen Anspielungen auf Wilde, Dickens, Shakespeare, Atwood, Sappho, Plath, Colette und Mantel sowie Filme von Hitchcock oder Charly Chaplin und Kunst von Dali und Carrington überbordendes, äußerst lehrreiches Werk, eine Hymne auf die verbindende Kraft der Kreativität und wie alle Bücher von Ali Smith ist auch dieses wieder sehr empfehlenswert!

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Ali Smith und die Liebe zur Literatur

Von: Rabenfuss sucht Tintenfass

15.06.2019

Es ist ein Buch über die Liebe. Über den Verlust, das Abschiednehmen, Trauern. Loslassen. Diesen endlos langen Prozess der Neuorientierung. Und es ist ein Buch über die Poesie, die Literatur, die Kunst. Es ist ein Buch von Ali Smith und nennt sich: „Wem erzähle ich das?“ Ich gebe zu, ich habe sie ein bisschen vor mir hergeschoben, diese Buchbesprechung… Warum? Weil ich fast sprachlos war. Irritiert. Hin & hergerissen. Wie schon zuvor bei der schottischen Schriftstellerin Ali Smith. Es ist ein sprachliches Wunderwerk, dieses Buch, keine Frage. Und es rüttelt, nein, nicht auf, sondern durcheinander. Da werden verschiedene Ebenen mit- und ineinander verschachtelt, verwoben, dass es einem fast schwindlig wird. Einderseits eben die Liebes-, Trauer-, Loslassgeschichte, die da in Ich-Form erzählt wird. Keine banale Geschichte. Nein, denn die Geliebte – Ehefrau und langjährige Lebensgefährtin – ist tot. Seit einem Jahr schon. 1 Jahr und 1 Tag. Dann steht sie plötzlich wieder vor der Tür. Ein seltsames Zwischenwesen, voller Staub und Sand. „Das Husten war so typisch, das konntest nur du sein.“ Die tote Geliebte kommt immer wieder und benimmt sich, nun ja, etwas sonderbar. Sie spricht in manchmal fremder Sprache, klaut wie ein Rabe, lässt Dinge fallen und kümmert sich wenig um Konventionen.Sie ist bereits etwas vermodert und klapprig und vor allem: sehr eigenwillig… Verwoben sind diese sonderbaren Begegnungen mit Erinnerungen der Ich-Erzählerin, Erlebnissen, Gesprächen, Gedanken von früher. Und dem Alltag von heute – Arbeit, Kurzurlaub, Therapiesitzung, einsame Abende daheim. Um dann, schleichend in Poetik-Vorlesungen hineinzugleiten. Literatur in all ihren Formen wird eingeflochten in die Erzählungen, verschwimmen mit dem Allgegenwärtigen. Von Shakespeare zu Katherine Mansfield, Oliver Twist und Jane Austen, über W.C. Williams, Sylvia Plath, Dylan Thomas und Colette bis zu Ovid und Ezra Pound reicht die Palette. Gedichte und Textauszüge werden besprochen, zueinander in Beziehung gestellt. Die tote Geliebte war immerhin Kunst- und Literaturwissenschaftlerin, ihre Unterlagen liegen noch im Haus verstreut – und werden so zur Reise in verblichene Vergangenheiten und öffnen zugleich das Tor in eine neue Gegenwart, eine neue Zukunft. Filme, Fotographie, darstellende Kunst in all ihren Spielarten finden ebenso Eingang in das Buch – eine ungewöhnliche Mischung von Roman, Erzählung, Autobiographie (?) und detaillierten Abhandlungen über Kunst und Literatur. Als Laie wird mir letzteres manchmal fast zu viel. Zu genau, zu spezifisch. Große Namen und Werke rattern in unüberschaubarer Zahl durch meinen Kopf – ohne fundiertes Literaturgrundlagenwissen wird es manchmal etwas mühsam. Und doch immer wieder faszinierend. Wie Metaphern, Vergleiche, Bilder einander umgarnen, ins Fantastische, Surreale abgleiten, sich im realen Alltag wiederfinden. Der Besuch bei einer Psychologin, das Durchackern des Oliver Twist, das Neu-Sich-Formieren, sich finden. Es ist ein außergewöhnliches Buch, verspielt und doch geistreich, herausfordernd – man braucht Geduld und viel Liebe zu Kunst und Literatur – dann jedoch wird man reichlich belohnt! Ali Smith: „Wem erzähle ich das?“ Luchterhand Literaturverlag, München 2017, gebunden. ISBN: 978-3-630-87436-4

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Vita

Ali Smith wurde 1962 in Inverness in Schottland geboren und lebt in Cambridge. Sie hat mehrere Romane und Erzählbände veröffentlicht und zahlreiche Preise erhalten. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman »Beides sein« wurde 2014 ausgezeichnet mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award, dem Goldsmiths Prize und 2015 mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction. Mit »Herbst« kam die Autorin 2017 zum vierten Mal auf die Shortlist des Man Booker Prize sowie auf Platz 6 der SWR-Bestenliste.

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Silvia Morawetz

Silvia Morawetz, geb. 1954 in Gera, studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik und ist die Übersetzerin von u.a. Janice Galloway, James Kelman, Hilary Mantel, Joyce Carol Oates und Anne Sexton. Sie erhielt Stipendien des Deutschen Übersetzerfonds, des Landes Baden-Württemberg und des Landes Niedersachsen.

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