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Abdulrazak Gurnah

Ferne Gestade

Roman. Nobelpreis für Literatur 2021

(2)
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Entdecken Sie eine weitere Facette des vielschichtigen Werks von Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah: Die verschlungene Lebens- und Fluchtgeschichte zweier Menschen aus Sansibar – ergreifend, zeitlos und so wahrhaftig wie das Leben selbst

Es ist ein später Novembernachmittag, als Saleh Omar auf dem Flughafen Gatwick landet. In einer kleinen Tasche, dem einzigen Gepäck, das der Mann aus Sansibar bei sich trägt, liegt sein wertvollster Besitz: eine Mahagonischachtel mit Weihrauch. Eben noch war Omar Inhaber eines Geschäftes, er besaß ein Haus, war Ehemann und Vater. Jetzt ist er ein Asylbewerber, und Schweigen ist sein einziger Schutz. Während Omar von einem Beamten ins Verhör genommen wird, lebt nicht weit entfernt, zurückgezogen in seiner Londoner Wohnung, Latif Mahmud. Auch er stammt aus Sansibar, hatte jedoch bei der Flucht aus seiner Heimat einst den Weg über den »sozialistischen Bruderstaat« DDR gewählt. Als Mahmud und Omar Jahre später in einem englischen Küstenort aufeinandertreffen, entrollt sich beider Vergangenheit: eine Geschichte von Liebe und Verrat, von Verführung und Besessenheit, und von Menschen, die inmitten unserer wechselvollen Zeit Sicherheit und Halt suchen. Ein differenzierter Blick auf die Themen Exil und Erinnerung, so bewegend wie meisterhaft erzählt.

Im Original 2002 erschienen, wurde »Ferne Gestade« für den Booker-Preis nominiert. Jetzt liegt der Roman erstmals wieder in der Übersetzung von Thomas Brückner auf Deutsch vor, durchgesehen und mit einem erläuternden Glossar.

»Von den ersten Zeilen an weiß man, dass man sich in den Händen eines echten Schriftstellers befindet, eines Menschen, der etwas über die Welt zu sagen hat.« The Observer

»Im Roman „Ferne Gestade“ summieren sich Gurnahs Lebensthemen zur vielschichtigen Meistererzählung.«


Aus dem Englischen von Thomas Brückner
Originaltitel: By the Sea
eBook epub (epub)
ISBN: 978-3-641-29442-7
Erschienen am  14. March 2022
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Rezensionen

Ein toller Roman des Nobelpreisträgers

Von: Bibliokate

16.04.2022

[TW: Flucht, Folter] "Sobald ich im Wohnheim angelangt war, nahm mir eine Frau in dem Büro meinen Pass Ab und gab  mir stattdessen eine Identitätskarte. Das machte mich unruhig. Dieser Gedanke, dass sie mir vom Moment meiner Einreise an Misstrauen."  S. 214 Abdulrazak Gurnah erzählt die Geschichte zweier Emigranten aus Sansibar. Saleh Omar, der eine Mahagonischachtel mit Weihrauch seinen Wertvollsten Besitz nennt und sich plötzlich aus seiner Rolle als Ehemann und Vater gerissen und in die des unerwünschten Asylsuchenden gedrängt sieht, und Latif Mahmud, einem Beamten der über die DDR aus Sansibar geflogen ist. Bei ihrer Begegnung in London entrollt sich ihrer beider Vergangenheit die untrennbar miteinander verwoben scheint. Die Themen sind Flucht/Migration, Exil, Fremdsein sowie Liebe und Verrat. Auch die Kollonialgeschichte hat einen wichtigen Anteil an der Handlung. Mir hat besonders folgendes Zitat gefallen. Es stammt aus einer Unterhaltung zwischen Saleh, der sich mit einer bekannten unterhält. Diese erzählt ihm folgendes :" Sie meinen nicht: Warum Kenia und nicht irgendein anders Land. Weil es auf diese Art keinen Unterschied machte, ob es sich nun um Kenia handelte oder irgendein anderes Land. Wir waren Europäer. Wir konnten uns in der Welt niederlassen, wo immer wir es wünschten. Sie meinen: warum entschlossen wir uns, nach Kenia auszuwandern und anderen Menschen das wegzunehmen, was ihnen gehörte, es fortan als unser Eigentum zu bezeichnen und uns mit Falschheit und Gewalt zu bereichern. Sogar zu kämpfen und zu Schäden für das, was uns nicht Zustand. [...] Nun, weil wir in einer Zeit lebten, in der wir davon überzeugt waren, dass wir auf all das ein Recht hatten, ein Anrecht auf Orte und Gegenden, an denen nur Leute mit dunkler Haut und Kraushaar lebten." Teil 3, Latif S  217 Nach und nach zerlegt Gurnah in seinem Roman die Werkzeuge der Kollonialisten, die Fremdenfeindlichkeit Europas und die Folgen für die Unterdrückten Völker die bis heute andauern. Eine riesen Empfehlung meinerseits. Danke an den penguin_verlag und das bloggerportal für dieses tolle Rezensionsexemplar

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Familiengeschichte über Rache, Verlust und Neid

Von: Britta Buchlingreport

31.03.2022

Der Penguin Verlag hat mit “Ferne Gestade” einen weiteren Roman des letzten Literaturnobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah herausgegeben. Dieser ist nicht ganz neu, denn er erschien bereits 2001 unter dem Titel „By the Sea“ und wurde kurz danach auch auf Deutsch herausgegeben. Weil diese Ausgabe aber schon lange vergriffen ist, folgte nach dem großen Preis nun die neue Übersetzung. Gurnah spannt in dieser Familiengeschichte den Bogen zwischen London und seinem Heimatland Sansibar: Am Flughafen Gatwick triff am 23. November 1993 ein älterer Herr aus Afrika ein. Er hat kein Visum. Scheint kein Englisch zu sprechen. Und – wie wir später erfahren – auch der Pass ist nicht sein eigener: „Ich heiße Rajab Shaaban. Das ist nicht mein richtiger Name, sondern der eines anderen, den ich mir für die Reise zur Rettung meines Lebens ausgeliehen habe.“ Der Mann hat beschlossen, Asyl in England zu beantragen. Nachdem der Zollbeamte sein wertvollstes Mitbringsel , ein Mahagonikästchen mit einem besonderen Weihrauch, „konfisziert“, werden die Hebel der Einwanderungs- und Asylbehörde in Bewegung gesetzt. Der angebliche Rajab Shaaban kommt in eine heruntergekommene Unterkunft einer Hilfsorganisation. Man versucht einen Dolmetscher zu organisieren, damit dem Mann geholfen werden kann. Doch dann kommt raus: eigentlich spricht er fließend Englisch und hat sich nur verstellt, um Hilfe zu erhalten. Doch da war der Dolmetscher Latif Mahmud bereits angefragt. Er ist eigentlich Literaturdozent an der University of London, stammt aber ursprünglich auch aus Sansibar. Und er fällt aus allen Wolken, als er den Namen des Flüchtlings erfährt. Denn Rajab Shaaban ist der Name seines verstorbenen Vaters. Ferne Gestade – Familiengeschichte über Rache, Verlust und Neid Schließlich kommt es zum Treffen der beiden Männer. Es stellt sich heraus, dass die Leben der beiden eng verwoben sind. Der ältere Herr ist ein entfernter Verwandter des Dolmetschers. Die Familie hatte sich einst über einen Kredit verstritten. Der Dolmetscher Latif bekam als Jugendlicher die Chance Sansibar mit einem Stipendium zu verlassen und in der DDR Medizin zu studieren. Von dort floh er schließlich über die Grenze und landete über Umwege in London. Der ältere Herr – dessen eigentlicher Name Saleh Omar ist – hatte hingegen ein gutes Leben in Sansibar. Er besaß ein Geschäft, das gut lief, eine Frau, die er liebte und die ihm schließlich eine Tochter gebar. Doch auf dem Höhepunkt seines Lebens eskaliert der Streit zwischen den entfernten Verwandten über einen Kredit und die Verpfändung eines Hauses. Daraufhin rächt sich die Familie des Dolmetscher an ihm und stürzt ihn ins Unglück. Abdulrazak Gurnah zeichnet mit „Ferne Gestade“ eine komplexe Familiengeschichte. Durch zahlreiche Rückblicke und verschiedene Erzählperspektiven fügt er nach und nach die Details der zerstrittenen Verwandten zusammen. So ergibt sich eine tragische Story um Betrug, Neid, Rache und politische Willkür und Verlust. Gurnah stellt “Einwanderer” damals und heute gegenüber Neben der Familienfehde ist der Kolonialismus in Ostafrika eine große Thematik in „Ferne Gestade“. Die Gegensätze könnten nicht krasser sein: Zum einen die britischen und deutschen Besetzer, die sich völlig selbstverständlich in ihrer neuen Heimat niederlassen und dort erst das Sagen übernehmen und das Land dann mit ihrem Abzug ins Chaos stürzen. Auf der anderen Seite der afrikanische Flüchtling, dem auch sein letzter wertvoller Gegenstand genommen wird und in eine schäbige Unterkunft gesteckt wird. „Wir waren Europäer. Wir konnten uns in der Welt niederlassen, wo immer wir es wünschten. Sie meinen: warum entschlossen wir uns, nach Kenia auszuwandern und anderen Menschen das wegzunehmen, was ihnen gehörte, es fortan unser Eigentum zu bezeichnen und uns mit Falschheit und Gewalt zu bereichern. Sogar zu kämpfen und zu schänden für das, was uns nicht zustand. […] Nun, weil wir in einer Zeit lebten, in der wir davon überzeugt waren, dass wir auf all das ein Recht hatten, ein Anrecht auf Orte und Gegenden, an denen nur Leute mit dunkler Haut und Kraushaar lebten. Das war der eigentliche Sinn des Kolonialismus, und man tat zugleich alles dafür, dass wir die Methoden nicht bemerkten, die es uns ermöglichten, uns an einem Ort unserer Wahl anzusiedeln.“ Abdulrazak Gurnah: Ferne Gestade Abdulrazak Gurnah zeigt in “Fernde Gestade”, dass hinter jedem Einwanderer und Flüchtling, aber auch jedem Familienmitglied eine individuelle Geschichte steckt. Es gibt immer zwei Perspektiven zu einer Story – und die beiden Protagonisten versuchen sich hier mit den Gespenstern ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen und Buße zu tun. Aber Gurnah erinnert er uns, dass viele der kolonialen Verbrechen noch nicht aufgearbeitet sind und wir heutzutage immer noch nicht mit gleichem Maß messen, wenn es um Einwanderer geht. Es ist ein umfassender Erzählkosmos, den Gurnah aufspannt und der uns in das bunte trubelige Sansibar als Meltingpot zahlreicher Kulturen und Religionen zieht und diesen gegen das spröde, hektische London stellt. Mein einziger Kritikpunkt an der Geschichte wäre, dass zunächst eine Kulisse über die Einwanderung aufgebaut wird mit zahlreichen Namen und Charakteren und Kulissen, die letztendlich für die Handlung nicht wirklich ausschlaggebend sind. Natürlich wollte Gurnah hier deutlich machen, dass ein Mann, der seine Stimme und sein Schicksal als verloren angesehen hat, dieses nun langsam zurückgewinnt. Aber vor den doch sehr komplexen Rückblicken und Puzzelstücken der Vergangenheit bleibt dieser Einstieg doch etwas losgelöst vom Rest der Handlung stehen.

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Vita

Abdulrazak Gurnah (geb. 1948 im Sultanat Sansibar) wurde 2021 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er hat bislang zehn Romane veröffentlicht, darunter »Paradise« (1994; dt. »Das verlorene Paradies«; nominiert für den Booker Prize), »Admiring Silence« (1996; »Donnernde Stille«), »By the Sea« (2001; »Ferne Gestade«; nominiert für den Booker Prize und den Los Angeles Times Book Award), »Desertion« (2006; »Die Abtrünnigen«; nominiert für den Commonwealth Writers' Prize) und »Afterlives« (2020; »Nachleben«; nominiert für den Walter Scott Prize und den Orwell Prize for Fiction). Gurnah ist Professor emeritus für englische und postkoloniale Literatur an der University of Kent. Er lebt in Canterbury. Seine Werke erscheinen auf Deutsch im Penguin Verlag.

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Thomas Brückner

Thomas Brückner (geb. 1957 in Görlitz) studierte Afrikanistik, Literatur- und Kulturwissenschaft in Leipzig. Nach seiner Habilitation arbeitete er als akademischer Lehrer und hatte Gastprofessuren in Deutschland und Schweden. Seit 1994 ist er freier Übersetzer u. a. von Ngũgĩ wa Thiong’o, Ivan Vladislavić, Abdulrazak Gurnah, Syl Cheney-Coker, Meja Mwangi und Wayétu Moore.

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Pressestimmen

»„Ferne Gestade" ist ein filigran konstruierter, schmerzlich schöner Roman, der uns Dinge zeigt, vor denen wir allzu oft die Augen schließen.«

»Fesselnd der Einblick in Ostafrikas multikulturelle Gesellschaft und ihre politischen Verwerfungen; großartig die Figurenzeichnung, das allgemein Menschliche, die Einsicht, wie Menschen einander belügen, betrügen, misshandeln und trotz allem zueinanderfinden können.«

Bayern 2, Diwan, Cornelia Zetzsche (21. March 2022)

»Gurnah durchdringt hier die Schicksale von Geflüchteten präzise und mitfühlend, gerade in der Kluft zwischen den Kulturen und Kontinenten.«

Der Tagesspiegel, Gerrit Bartels (03. April 2022)

»›Ferne Gestade‹ ist ein hochkomplexer, schattierungsreicher Roman über die Verheerungen des Kolonialismus«

Frankfurter Rundschau, Sylvia Staude (07. April 2022)

»Ein vielschichtiges, Jahrhunderte durchquerendes literarisches Gesamtkunstwerk, soghaft, spannend, sarkastisch – einfach genial.«

Kleine Zeitung, Werner Krause (23. April 2022)

»Abdulrazak Gurnah ist ein begnadeter Geschichtenerzähler.«

Berliner Morgenpost, Ulrike Borowczyk (15. March 2022)

»Wer ›Ferne Gestade‹ gelesen hat, wird in Zukunft kaum mehr in paternalistischer Gleichmacherei von ›dem globalen Süden‹ sprechen können.«

Deutschlandfunk "Büchermarkt", Marko Martin (07. April 2022)

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