Aus der Welt

Roman

(5)
Hardcover
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Hoch oben im Norden Norwegens spielt diese Geschichte, kurz vor der Jahrtausendwende. Der junge Henrik Vankel arbeitet hier als Aushilfslehrer. Selbsthass, Einsamkeit und Schamgefühle bestimmen sein Leben. Schon lange ist er aus der Welt gefallen, schon lange versteht er die Zeichen seiner Mitmenschen nicht mehr – schon lange verschwimmen ihm Traum und Realität. Bis ihm eines Tages klar wird, dass er sich verliebt hat. In eine seiner Schülerinnen. Eine eigentlich unmögliche Liebesgeschichte. Ist dies wirklich die Rettung – oder der Auftakt zum endgültigen Zusammenbruch?



„Aus der Welt“, das gefeierte Romandebüt von Karl Ove Knausgård, hat viele Facetten. Von Sprach- und Verbindungslosigkeit ist darin die Rede, vom verzweifelten Versuch, sich einen Sinn zu erschaffen in einem rätselhaften Dasein. Es erzählt die Geschichte einer Kindheit und Jugend im Norwegen der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, in einer Familie und einer Welt, in der Scham und Schuldgefühle zu den stärksten Triebfedern überhaupt gehören. Es ist das sprachmächtige Debüt eines jungen Schriftstellers, eine erbarmungslose Erkundung des männlichen Egos und der Selbstzerstörung, aber auch eine literarische Feier von überbordender Phantasie.

»So verstörend wie packend. Letzteres liegt am Rhythmus von Knausgårds Sprache, die widersprüchliche Emotionen und unzählige Nuancen in sich birgt und immer in Bewegung bleibt.«

Martina Läubli / NZZ am Sonntag (18. Oktober 2020)

DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Aus dem Norwegischen von Paul Berf
Originaltitel: Ute av verden
Originalverlag: Tiden Norsk Forlag
Hardcover mit Schutzumschlag, 928 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87437-1
Erschienen am  19. Oktober 2020
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

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Dieses Buch spielt in: Norwegen

Leserstimmen

Alles oder nichts

Von: Thomas Lawall

13.02.2021

Die Geschichte ist schnell umrissen. Henrik Vankel zieht für ein knappes Jahr in einen Ort direkt am Meer "im nördlichsten Norwegen". Sein Alltag als Aushilfslehrer gestaltet sich eher unspektakulär, wenn da nicht seine Schülerin, die dreizehnjährige Miriam, wäre ... Spektakulär ist erst einmal Henriks wacher Geist, der die Dinge leider viel zu oft aus einer erhöhten Position betrachtet. Da wären erst einmal die Dorfbewohner, deren Verhaltensmuster er umgehend analysiert, obwohl es da gar nicht so viel herauszufinden gibt. In Frage zu stellen aber schon, denn einerseits bewundert er ihre Freundlichkeit und dass sie ihm als Fremdem wohlgesonnen sind, relativiert dieses aber sofort, denn das an sich wäre "noch nie ein Kriterium für Güte" gewesen. Doch das markiert nur den Beginn einer Odyssee durch Henriks wahrlich unübersichtliche Psyche, die niemand versteht, am allerwenigsten er selbst. Er erkundet und beobachtet sein soziales Umfeld, und die ganze Welt gleich mit, unentwegt und nur durch Schlaf unterbrochen. Wobei (auch) hier die Grenzen immer weiter verwischen. Henrik ist längst "aus der Welt" gefallen, an was er sich klammert, sind Momente, die, egal in welcher Schattierung auch immer, keinen rechten Sinn ergeben wollen. Dass sie das nicht können, sieht er nicht. Deshalb muss er weiterziehen, von seiner endlosen Gedankenflut über alle Ufer gespült. Ein furchtbar kluger Mann mit furchtbar großen Problemen. Eines davon ist weiblich und 13 Jahre alt. Es passiert nicht all zu viel, doch das was passiert, liegt jenseits der unsichtbaren Grenze, die niemals überschritten werden sollte. Die räumliche Flucht, für die er sich deshalb entscheidet, scheint ohne Wirkung zu sein, denn er ist so oder so mit dem immer gleichen Gepäck beladen. Stets sieht er einen Ausweg, doch es sind so viele. Zu viele. Welcher ist der richtige? "Aus der Welt" erzählt in ausschweifendem Perfektionismus von einem, der sich in der Welt und sich selbst verlaufen hat. Henrik hat eine "einfache" Fahrt gelöst, denn ein Rückweg ist ausgeschlossen. Wohin auch? Zwanghaft ergibt er sich gnadenlosen Selbstzweifeln. Leben kann er nicht, weil er es ständig zu durchschauen versucht. Jeden Gedanken sezieren und jeden Moment, jedes Gefühl, jede noch so kleine Emotion auf die Goldwaage legen. Karl Ove Knausgård lädt uns in seinem 1998 in Norwegen erschienenen und jetzt erstmals auf Deutsch veröffentlichten Debüt zu einer aufregenden Reise durch die rastlose Existenz seiner Hauptfigur ein, die einerseits abstoßend und andererseits, trotz einiger mühsamen Längen auf den weitläufigen Rückblick in die Familiengeschichte, unendlich spannend ist. Man befindet sich in einer permanent belastenden Aufmerksamkeit, immer gespannt auf den nächsten Satz, die nächste Erkenntnis und die nächsten Zweifel, die sich auf einer immerwährenden Überholspur nähern, bis zum nächsten Sturz in die endlosen Kellergewölbe einer beschädigten Seele, die sich selbst nicht versteht, die Angst vor dem Tod, aber auch vor dem Leben hat. Man liebt diesen seltsamen Henrik, der alles und jeden registriert und wenn es nur die Bewegungen von auf Kundschaft wartender Taxifahrer sind, die Lässigkeit junger Leute oder jenen weinenden Mann in dem kleinen Café, seine Gedankenflut und den Sturz durch die Literatur- und Kunstgeschichte der Welt, und bedauert und verachtet ihn im nächsten Augenblick. Aber wer sagt denn, dass Hauptdarsteller immer sympathisch sein müssen? Suche nach dem Wesentlichen und eine männliche Tragödie.

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Eindrucksvolles Debüt, über das sich diskutieren lässt

Von: Constanze Matthes

10.02.2021

Dass Literatur immer auch Gedächtnis ist, dass ein Werk noch Jahre nach seinem Erscheinen erneut in den Fokus rücken und bedacht werden kann, beweist auch Karl Ove Knausgård, der berühmte weil auch preisgekrönte Norweger, dessen Bücher in zahlreichen Sprachen übersetzt wurde; allen voran sein sechsbändiges autofiktionales Mammut-Schreibprojekt „Min kamp“. 22 Jahre nach dem Erscheinen seines umfangreichen Debüts „Ute av verden“ kann dieser Erstling unter dem Titel „Aus der Welt“ auch in deutscher Übertragung gelesen und vor allem debattiert werden. Denn dieses Buch hat große Diskussionen ausgelöst, nicht so sehr in Knausgårds Heimatland, wo er vielmehr als erster Debütant überhaupt mit dem renommierten Kritikerprisen geehrt wurde, sondern zuerst in Schweden. 2015 kritisierte die Literaturwissenschaftlerin Ebba Witt-Brattström das Buch und bezeichnete es als „literarische Pädophilie“. Und auch in Deutschland, nun fünf Jahre später, geht die Diskussion weiter, die einen loben, die anderen zerreißen das Buch förmlich in der Luft, eine Auseinandersetzung, die allerdings bereits die „Min kamp“-Reihe angesichts ihrer privaten Details aus dem Leben des Schriftstellers und seiner Familie begleitet hat. Streitpunkt ist nunmehr die intime Beziehung zwischen dem 26-jährigen Henrik Vankel und seiner nur halb so alten Schülerin Miriam, die in dem Debüt geschildert wird und an den Klassiker „Lolita“ von Vladimir Nabokov aus dem Jahr 1955 erinnert, der von der Liebesbeziehung des Literaturwissenschaftlers und Ich-Erzählers Humbert Humbert zu der zwölfjährigen Dolores Haze, die er Lolita nennt, erzählt. Vankel kommt für ein Jahr als Aushilfslehrer in einen nordnorwegischen Ort unweit von Tromsø. Er versucht, Anschluss an die Gemeinschaft aus Lehrerkollegen und Eltern zu finden, doch er scheitert. Vor allem seine Kollegin und Nachbarin Linda rückt von ihm ab, als er sich ihr aufdrängt. Zeitgleich zeigt sich Vankel fasziniert von Miriam. Er sucht die Nähe zu ihr, empfindet ein intensives Begehren. Heimlich besucht sie ihn. Nach einer gemeinsamen Nacht flieht er Hals über Kopf gen Süden, um schließlich wieder in der Stadt seiner Jugend, in Kristiansand, anzukommen. Ein Rückzug, der von Erinnerungen an seine Kindheit begleitet wird. An die schwierige problembeladene Beziehung zwischen seinen Eltern und zu seinem Bruder Klaus, die erfolglosen Annäherungsversuche an gleichaltrige Mädchen, die zu seinem unsicheren und schambehafteten Wesen beigetragen haben. Vankel lebt in seiner eigenen Welt. Die Komplexität des Buches entsteht sowohl durch die zahlreichen, auch ineinander verschränken Zeitebenen als auch durch die Wechsel der Perspektiven sowie zwischen erzählter Handlung und vielschichtigen, oft auch essayhaften Reflexionen des Helden. So ist auch von den Großen der Literaturgeschichte wie Flaubert, Hamsun und Proust zu lesen, vom Genie Leonardo da Vinci, vom Zauberer Houdini oder vom deutschen Kaiser Wilhelm I., der sich regelmäßig in Norwegen erholt hat. Dass Knausgård Grenzen überschreitet, zeigt auch ein langer, ausufernder surrealer Traum des Ich-Erzählers. Wer deshalb dieses Buch nur auf die nur kurze, wenn auch detailfreudige Intim-Szene beschränkt, wird diesem Werk nicht gerecht werden. Sicherlich und glücklicherweise werden heute Debatten über Sexualität und Missbrauch ganz anders geführt, doch soll es dabei Schriftstellern verwehrt sein, darüber zu schreiben? Persönlich stimme ich Knausgårds persönliche Verteidigung seines Buches zu, die in einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung zu lesen ist: Alles Menschliche habe in ihr eine Berechtigung, „da die Literatur, indem sie frei ist, auch frei von Moral ist, das heißt, frei von Verdammung.“ Vielmehr sei es, so finde ich, dem Leser die Aufgabe zugesprochen, über das Wesen der Protoganisten, ihre Stärken und Schwächen, zu urteilen und zu erkennen: Erzählen ist nicht das Gleiche wie Gutheißen, wie es an einer weiteren Stelle in dem Beitrag heißt. Einzig und allein, dass die Geschehnisse rein aus der männlichen Perspektive geschildert werden, laste ich ihm an. Mit Blick auf die Anspielungen auf sein eigenes Leben – der Norweger ist wie sein Protagonist in Kristiansand aufgewachsen, war als Lehrer im Norden tätig – verwies er jedoch, dass der Missbrauch reine Fiktion sei. In einem Interview für den norwegischen Fernsehsender NRK nach Erscheinen seines Debüts in Norwegen betonte der 30-Jährige – damals ohne Bart und mit Kurz-Haarschnitt – zudem, dass er ein Problem mit der Bezeichnung „Pädophilie“ habe. Auch aus anderen Gründen sollte dieser umfangreiche Band mit einem durchaus positiven Blick bedacht werden. Knausgård erweist sich in „Aus der Welt“ als ein sensibler Beobachter der Menschen, ihren Handlungen und ihrem Gefühlsleben. Überaus intelligent setzt er sich mit den Themen Zeit und Erinnerungen, Vergänglichkeit und die Rolle des Zufalls aueinander, beschreibt mit sehr viel Sprachkraft und Poesie die markante Landschaft im Norden sowie die Straßen und Plätze der Stadt, durch die Vankel streift. Mit Stadt und Land, Norden und Süden erschafft der Autor zudem zwei Pole, die den Helden prägen. Einmal mehr setzt während der Lektüre der bekannte Sog ein, der mich bereits während der „Min kamp“-Reihe begleitet hat, entsteht der Eindruck, dass sich bereits in diesem von Details überbordernden Debüt – er schreibt, als müsste er eine Fotografie so gut es geht beschreiben – die Klasse Knausgårds zeigt. Wenngleich ich weiterhin hoffe, dass trotz der Berühmtheit und Präsenz des Norwegers dessen Kollegen hierzulande nicht vergessen werden.

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Vita

Karl Ove Knausgård wurde 1968 geboren und gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen, autobiographischen Projektes wurden weltweit zur Sensation. Sie sind in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. 2015 erhielt Karl Ove Knausgård den WELT-Literaturpreis, 2017 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Er lebt mit seiner Familie in London. "Aus der Welt", 1998 in Norwegen erschienen, ist sein Debüt als Autor, das nun erstmals auf Deutsch erscheint. Der Roman wurde bei seiner Veröffentlichung in Norwegen gefeiert als eines »der wichtigsten Bücher der letzten 25 Jahre« (Dagbladet) und mit dem Norwegischen Kritikerpreis ausgezeichnet. Es war das erste Mal, dass dieser Preis einem Debütanten verliehen wurde.

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Paul Berf

Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, Kjell Westö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.

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Links

Pressestimmen

»Schon in diesem Debüt legt sich Knausgård keine Zügel an, es ist undiszipliniert, anmaßend. Es ist ein Monstrum. Überwältigend gut.«

Peter Urban-Halle / Berliner Zeitung (18. Oktober 2020)

»Man liest und liest gebannt und verblüfft staunend, wie sich das alles fügt in diesem grandios fließenden Stil jenseits allen Moralisierens.«

Ulrich Steinmetzger / Westdeutsche Allgemeine Zeitung (09. November 2020)

»In seinem Debütroman probiert sich Karl Ove Knausgård mit der Unbändigkeit eines Kindes aus und lässt seine spätere Meisterschaft aufblitzen.«

Tobias Wenzel / WDR 3 (20. Oktober 2020)