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Rezensionen zu
Die Gewalt der Hunde

Thomas Savage

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Hart und ungerecht

Von: mimitatis_buecherkiste

16.03.2022

Phil und George sind Brüder, der vierzigjährige Phil ist optisch und auch was den Charakter und das Wesen angeht, das genaue Gegenteil des zwei Jahre jüngeren George. Die beiden führen in den 1920ern eine Ranch, sind geachtete Mitglieder ihrer Gemeinde und dazu noch unglaublich reich. Die Brüder sind sich sehr nahe, die Eltern wohnen nicht mehr auf der Ranch, die beiden haben nur sich. Als George eines Tages heimlich die Witwe Rose heiratet und sie mit auf die Ranch bringt, fängt Phil einen Kleinkrieg gegen Rose und ihren halbwüchsigen Sohn an. Rose wirft er vor, seinen Bruder nur des Geldes wegen geheiratet zu haben, ihren Sohn Peter beschimpft er als Weichling, schließlich ist es eine Zeit, wo Männer noch Männer sind, womit nicht nur gemeint ist, dass diese rülpsen, furzen und sich an Genitalien kratzen, ohne sich dafür im geringsten schämen zu müssen. Es sind harte Zeiten, insbesondere für Männer, die vielleicht anders fühlen und auch anders sind. …aber manchmal werden wir zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort geboren. Seite 48 Ein Erzähler führte mich durch das Buch, das für mich wie ein spannendes Drehbuch rüber kam. Wie passend, dass es tatsächlich verfilmt wurde, diese Geschichte hat es verdient. Das grausame und zielgerichtete Verhalten von Phil, die gutmütige Passivität von George, das stoische Verhalten von Peter, das war schon großes Kino. Das Leben in einer Kleinstadt und auf dem Land, die Vertreibung der Indianer, die Suche nach dem großen Glück, alles fand seinen Platz im großen Ganzen. Spannend und unterhaltsam nahm die Story irgendwann eine Wendung, die ich nicht erwartet hatte, um dann wiederum in einem Finale zu münden, das ich überhaupt nicht kommen sah. Ein Buch wie eine Naturgewalt, das mich nachdenklich zurücklässt. Von mir gibt es fünf Sterne mit Sternchen und eine unbedingte Leseempfehlung.

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Das kann man nun mit Fug und Recht einen zweiten Frühling nennen. Bislang war der amerikanische Autor Thomas Savage höchstens Eingeweihten ein Begriff, nun erfährt sein Werk Die Gewalt der Hunde eine Renaissance. Ursprünglich bereits 1967 erschienen ist hier ein wuchtiger Spätwestern zu entdecken, der durch die preisgekrönte Verfilmung von Jane Campion mit Stars wie Kristen Dunst und Benedict Cumberbatch momentan in aller Munde ist. Doch auch ohne die Verfilmung überzeugt die Buchvorlage und liefert Breitwandkino für den Kopf. 13 Romane hat Thomas Savage zeit seines Lebens verfasst, wie die kanadische Bestsellerautorin Annie Proulx in ihrem Nachwort zur Neuauflage erklärt. Es ist der fünfte und für manche Leser, die Verfasserin dieses Nachworts eingeschlossen, der beste von Savages dreizehn Romanen, eine psychologische Studie voller Dramatik und Spannung, ungewöhnlich, weil sie ein Thema behandelt, das damals nur selten erörtert wurde – verdrängte Homosexualität, die sich als Homophobie in der männlich geprägten Ranchwelt äußert. Annie Proulx in ihrem Nachwort zu Thomas Savage – Die Gewalt der Hunde, S. 327 Spätestens hier erschließt sich, warum Annie Proulx das Nachwort beisteuert, hat sie doch mit ihrer Kurzgeschichte Brokeback Mountain ein ähnliches Sujet behandelt, wenngleich auf ganz andere Art und Weise. Zwei gegensätzliche Brüder Denn während sich bei Proulx die Liebe zwischen zwei Schafhirten im amerikanischen Westen entspannt, ist von Liebe in Thomas Savages Roman nur wenig zu spüren. Es sind die Brüder Phil und George Burbank, die die elterliche Farm im Nirgendwo von Montana fortführen. Phil ist ein bestechender Verstand zu eigen, er kann musizieren, durchblickt Sachverhalte schnell und lässt andere seine intellektuellen Fähigkeiten spüren. Ganz anders sein jüngerer Bruder George, dem ein sanftes Naturell zueigen ist und der sich in fast allen Belangen von seinem Bruder unterscheidet. Das brüderliche Gleichgewicht gerät in bedrohliche Schieflage, als sich George entscheidet, eine Witwe aus dem benachbarten Städtchen Beech zur Frau zu nehmen. Hellsichtig erkennt Phil die Schwachpunkt in der Beziehung seines Bruders und nimmt dessen Frau subtil aufs Korn und macht ihr das Leben im elterlichen Haus zur Qual. Insbesondere der Stiefsohn von George nimmt in den Plänen von Phil eine entscheidenen Platz ein. Doch auch wenn er in Phils Augen schwach sein mag – der junge Mann weiß sich zu wehren und besitzt Standfestigkeit. Brüderliche Treue und brüderlicher Verrat Die Gewalt der Hunde ist ein Roman über brüderliche Treue und brüderlichen Verrat. Der Vergleich zu ähnlichen Paaren aus biblischem Kontext kann gezogen werden, doch dieser greift im Falle von Savages Roman zu kurz, wie ich übereinstimmend mit Annie Proulx urteilen würde. Der Roman ist die psychologische Studie zweier gegensätzlicher Männer, die ihre Gefühle auf ganz unterschiedliche Art und Weise artikulieren. George versucht sich an einem (zugegeben etwas hilflosen) Ausdruck seiner Gefühle, während Phil diese gegen sich richtet und aus dieser Unfähigkeit nur Bitterkeit und Verachtung zieht, die sich eben auch in seiner Homophobie und der Ablehnung alles „Weibischen“ wie der etwa der vom Stiefsohn angefertigten Papierblumen äußert. Hochspannend, wie Thomas Savage von seinen so unterschiedlichen Brüdern und den wechselhaften Dynamiken auf der Ranch der Burbanks erzählt. Darüber hinaus gelingt es ihm auch, die Weite der Natur und die gleichzeitige Unbehaustheit in Figuren und Umgebung zu schildern. Auch erklärt sich durch die Schilderung der Natur der Titel, der auf den Psalm 22,21 rekurriert, in dem es heißt: „Entreiße mein Leben dem Schwert, mein einziges Gut aus der Gewalt der Hunde“. Ebenjene Hunde meint Phil in einer Felsformation in der Nähe der Ranch zu erkennen. Wer ebenfalls die Pareidolie der jagende Hunde im Gestein entdeckt, in der ist seines Respekts würdig, alle anderen verachtet dieser Mann. Fazit Mit Die Gewalt der Hunde ist Thomas Savage ein wuchtiges Buch gelungen, das ein gegensätzliches Brüderpaar in das Setting eines Spätwestern einpasst, der so auch im Liebeskind– oder Polarverlag hätte erscheinen können. Der Roman bietet verschiedene Deutungsebenen und ist für mich eine wirkliche Überraschung. In diesem Falle muss ich mich wohl bei Jane Campion für ihre Verfilmung bedanken, die das Werk von Thomas Savage auf diese Art und Weise dem Vergessen entrissen hat. Als preisgünstiges Taschenbuch ist es in der Übersetzung von Thomas Gunkeln nun bei btb erschienen. Ein wiederentdeckter Buchtipp, den man am besten vor den Genuss der Verfilmung setzen sollte.

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Savage erzählt in einem langsamen Tempo und voller Spannung, die sich auf den letzten Seiten zu einer perfekten Auflösung aufbaut. Er beschreibt das tägliche Leben auf der Rinderfarm so, dass man sich jede Szene lebhaft vorstellen kann, und auch die Nebenfiguren sind glaubwürdig und gut beobachtet. Die Geschichte folgt zwei Brüdern, die nach dem Umzug ihrer Eltern nach Salt Lake City die Familienranch leiten: dem langsamen und schwerfälligen, aber liebenswürdigen George und dem intelligenten, aber rachsüchtig grausamen Phil. Sie führen die Ranch mit gleichbleibender Routine, schlafen immer noch im selben Schlafzimmer, das sie als Kinder geteilt haben, und ihr Leben verläuft ruhig, bis George Rose, eine junge Witwe, heiratet. Phils Verachtung für Schwäche und seine Abneigung gegen Rose führt zu einer grausamen Kampagne, um sie und ihren Teenager-Sohn Peter zu demütigen. Phil ist ein großartiger Antagonist, den ich gleichermaßen geliebt und gehasst habe. Er ist brillant und grausam zugleich, er ist so lebendig und springt mit seinen scharfen Beleidigungen und seinem kühlen, schneidenden Schweigen, mit dem er seine arme Schwägerin unterminieren will, förmlich aus dem Buch. Es ist leicht, ihn zu hassen, und man ist gewillt, dass er seine gerechte Strafe bekommt, aber ich empfand dennoch ein gewisses Maß an Sympathie für ihn, als sein Charakter immer deutlicher hervortrat. Er ist wohl einer der besten Bösewichte in der Belletristik, und Savage schafft es, unter der Oberfläche eine dunkle und faszinierende Figur zu erschaffen. Es ist eine fesselnde und brutale Auseinandersetzung mit männlicher Identität und Sexualität in der rauen Umgebung des Montana der 1920er Jahre, die bereits auf der ersten Seite mit der Beschreibung einer Kälberkastration eindrucksvoll demonstriert wird. Ich kann dieses Buch nicht genug empfehlen und würde es jedem, der gute Bücher liebt, ans Herz legen, es zu lesen. Es verdient es, ein Klassiker genannt zu werden.

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