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Rezensionen zu
Die Verlassenen

Tom Perrotta

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Der 14. Oktober wird allen auf der Erde unverrückbar im Gedächtnis bleiben, denn an diesem Tag hat jeder jemanden verloren – in einem bisher nicht erklärbaren Phänomen verschwanden Millionen Menschen, einfach so, ohne erkennbaren Grund, ohne wahrnehmbares Ziel. Bei den verschwundenen Leuten gibt es keine echten Gemeinsamkeiten – Heilige sind ebenso wie Sünder aus der Mitte ihres Lebens gerissen worden, bekannte Menschen ebenso wie unbekannte. Von den fassungslosen zurückgelassenen Personen als »Entrückung« bezeichnet, hat das Phänomen einen starken Einfluss auf die Menschheit: Auseinandergerissene Familien, Menschen, die mit ihrer Trauer und Ratlosigkeit nicht zurecht kommen, ein allgemeiner Zusammenbruch des Alltags, das Aufkommen von Weltuntergangssekten und selbsternannten Predigern folgt. Inmitten des Chaos muss das Leben jedoch weitergehen – die amerikanische Familie Garvey aus dem beschaulichen Mapleton hat zwar niemanden verloren, ist von den Auswirkungen der Entrückung jedoch genauso betroffen wie alle anderen Familien ihres Städtchens, da Tochter Jill ihre damalige Freundin verloren hat. Mutter Laurie nimmt sich die Katastrophe so sehr zu Herzen, dass sie sich der Schweigesekte »Schuldiger Rest« anschließt, welche sich als Mahner versteht, die all jene, welche lieber mit ihrem gewohnten Leben fortfahren wollen, an die Entrückung und die verschwundenen Menschen erinnert. Sohn Tom bricht das College ab, um einem zwielichtigen Heilsprediger und dessen Kindsbraut Christine zu folgen. Nur Vater Kevin scheint in all dem Verlust irgendwo noch seinen Weg zu finden und versucht, als der neue Bürgermeister des Städtchens für das Wohl seiner Bürger zu sorgen. Doch auch Kevin wird von den Ereignissen schließlich eingeholt … Trotz des geheimnisvollen Ereignisses, welches während der Erzählung als »Entrückung« bezeichnet wird, sollte man bei diesem Buch nicht den Fehler machen, besonders viel Mystizismus zu erwarten oder gar eine Erklärung für die »Entrückung«: in »Die Verlassenen« geht es vor allem um Trauer und die unterschiedlichen Methoden der Betroffenen, ihre Trauer irgendwie zu verarbeiten, daneben steckt auch ein wenig Coming-of-Age gerade für Tom und Jill mit in der Geschichte. Dabei wählen die in der Erzählung besonders beleuchteten Mitglieder der Familie Garvey unterschiedliche Methoden: von der Hinwendung zu einem falschen Heilsversprechen über ein resolutes Schweigegelübte inclusive Märtyrertum bis hin zum Betäuben mit Alkohol und Drogen ist alles mit dabei, was man sich so ausdenken kann. Gemeinsam ist allen Suchenden jedoch, dass sie mit den Vor- und Nachteilen ihrer gewählten Bewältigungsmethode konfrontiert werden und die meisten schließlich wieder Abstand davon nehmen, als die Nachteile überhand nehmen. Dem Autor Tom Perotta gelingt es auf undramatische, aber dennoch packende und nachfühlbare Weise, die dumpfe Trauer zu beschreiben, welche über den beleuchteten Menschen und ihrer Lebensumgebung liegt und die sie teilweise sogar innerlich zu ersticken droht: wer sich beim Lesen irgendwie aufmuntern möchte, sollte vielleicht lieber ein anderes Buch wählen, denn spätestens, wenn man selbst einmal die Auswirkungen von Trauer miterlebt hat, gibt es einiges an Erinnerungen, über die es nachzudenken gilt. Aber genau das empfinde ich bei »Die Verlassenen« als Vorteil: Perotta exerziert glaubhaft durch, in welche Richtung ein harter Einschnitt Menschen bringen kann, ohne einem seine Überlegungen mit der Faust einzuhämmern, man darf eigene Schlüsse und Beobachtungen entwickeln und erfährt den nötigen Freiraum für Gedanken. Dabei sind die unterschiedlichen Perspektiven auf jeweils eigene Art und Weise reizvoll gewählt: Lauries Verzicht auf Sprache und der radikale Wandel ihrer Lebensumstände, mit denen sie oft genug zu kämpfen hat, sind genauso interessant wie die Erlebnisse der Teenagerin Jill, die irgendwo zwischen Verlust ihrer Mutter, einer früheren Freundin und dem Finden ihrer eigenen Identität festhängt und damit umso realistischer wirkt. Auch Toms Sektenumgebung und dessen wachsende Erkenntnis, wie hohl das Heilsversprechen seines Gurus doch ist, wirkt auf mich glaubhaft, wenngleich das Ganze ruhig noch etwas abgedrehter und seltsamer hätte sein können, um die Abkehr um so deutlicher zu machen. Einzig Kevins Perspektive ist fast ein bisschen zu bieder, antriebslos und spannungsarm, da er von den Ereignissen am wenigsten berührt scheint. Der bodenständige Familienvater und Bürgermeister funktioniert jedoch recht gut als Bindeglied zwischen all den leiseren und lauteren Extremen seiner unmittelbaren Umgebung. Durch ihn lernt man zudem noch Nora kennen, die ihren Mann und ihre Kinder an die »Entrückung« verloren hat und mit der man die härteste Form von Verlust und Trauer durchleiden muss. Noras Kapitel waren entsprechend emotional am härtesten zu lesen, da hier Perottas leise Art der Schilderung besonders stark zum Tragen kommt und die Verbindung zur handelnden Person sehr schnell erstarkt. Der Autor verleiht jedem zudem Blickwinkel routiniert Details, die zur jeweiligen Lebenssituation und dem Erfahrungshorizont passen. Mein größter Wermutstropfen bei »Die Verlassenen« liegt darin begründet, dass das Ereignis der »Entrückung« zwar als durchgehendes Erzählelement vorhanden ist, aber nie wirklich erklärt wird. Es wäre schön gewesen, zumindest irgendeinen Hinweis darauf zu erhalten, immerhin muss man sich die ganzen knapp 450 Seiten lang mit den Auswirkungen des Ganzen beschäftigen und bekommt die verschiedensten Gruppierungen und kulturellen Veränderungen der menschlichen Gesellschaft in den USA präsentiert. Da »Die Verlassenen« auf der TV-Serie »The Leftovers« basiert, wird vermutlich in dieser die Erklärung geliefert, aber da ich die Serie nicht kenne, bleibt die Neugierde leider unbefriedigt. Sicher, man kann das Buch ohne Schwierigkeiten ohne die Lösung zu kennen lesen, aber gerade bei so einem großen, weltumspannenden Ereignis würde ich doch bevorzugen, nicht ganz im Regen stehen gelassen zu werden. Soll das Buch jedoch auf die Serie neugierig machen, wäre das Ziel erreicht. Fazit: Interessanter Dystopie-Entwurf mit gut gewählten Blickwinkeln. Acht von zehn möglichen Punkten.

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Die Kurzbeschreibung hat mich von der Thematik her direkt an Stephen King erinnert. Ich habe zwar erst zwei Bücher von King gelesen (Carrie und Die Arena), aber es passiert ja meistens etwas Übernatürliches und Unerklärliches. Als Leser begleitet man die Familie Garvey und liest immer wieder aus den verschiedenen Perspektiven. Andere Personen spielen aber auch eine wichtige Rolle. Im Prolog erfährt man zunächst wie "Zurückgelassene" die "Entrückung" erlebt haben. Die eigentliche Geschichte knüpft drei Jahre später an das Ereignis an. Das Buch behandelt also die Folgen dieses Ereignisses und wie unterschiedlich Menschen mit so einer Situation umgehen bzw. sie versuchen zu bewältigen. Zwischendurch habe ich immer wieder gedacht: Hätte King dieses Buch geschrieben, so wäre es doppelt so lang gewesen, es wäre noch mehr Übernatürliches passiert und es wäre durchaus brutaler gewesen. Demnach ist die Geschichte also relativ "harmlos", obwohl zwischendurch schon ein paar schockierende Dinge passieren. Der Schreibstil gefällt mir gut, und der ständige Perspektivwechsel bringt viel Dynamik und Abwechslung in die Geschichte. Ich hatte zwischendurch die Befürchtung, dass die Geschichte vielleicht langweilig werden könnte, aber dem war überhaupt nicht so. Es war einfach spannend zu erfahren, was mit den Figuren passiert. Man erfährt sehr viel über die Charaktere und auch über ihre Vergangenheit. Wie war ihr Leben vor der "Entrückung" und was hat sich alles verändert. Dazu eine sehr zutreffende und knappe Aussage auf dem Klappentext: "Perrotta zeigt anhand einer bürgerlichen Familie, auf welch unterschiedliche Art und Weise die menschliche Psyche mit einer Ausnahmesituation umgeht. Ein erschreckendes, zum Nachdenken anregendes Buch über Liebe, Verlust und die Natur menschlicher Beziehungen." Fazit: Mir hat das Buch sehr gut gefallen, die Thematik ist wirklich interessant und wer gerne Stephen King liest, der sollte sich Tom Perrotta mal genauer ansehen.

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