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Rezension zu
Oh, William!

Oh William!

Von: Letteratura
04.01.2022

Wie macht sie das eigentlich? Ich liebe Elizabeths Strouts Romane, ich liebe es, zurückzukehren in ihre Welt, wenn ein neues Buch von ihr erschienen ist, und jedes Mal bin ich nach wenigen Seiten mittendrin in der Geschichte, lasse mich treiben und mitnehmen und denke dann schon nicht mehr darüber nach, wie sie das eigentlich macht. Wenn ich dann aber überlege, was ich über den neuen Roman schreiben soll, wird es mir wieder bewusst: Es ist schwierig, den Finger darauf zu legen. Vielleicht ist das aber auch gerade die hohe Kunst, die Strout beherrscht: zu fesseln, zu berühren, auf hohem Niveau zu unterhalten, uns Leser:innen das Gefühl zu geben, wir wären Teil ihrer Welt, uns dazu zu bringen, dass wir uns wieder erkennen in ihren Figuren, dass wir uns einfach fallen lassen in ihre Geschichten. Strout lässt ihre Protagonist:innen aus früheren Büchern gern wieder auftauchen in neuen Romanen. Das hat sie bereits getan, als sie ihrer wohl berühmtesten Heldin Olive Kitteridge aus „Mit Blick aufs Meer“ mit „Die langen Abende“ einen neuen Roman widmete. Und auch Lucy Barton ist treuen Leser:innen der Autorin bekannt. Aus ihrer Sicht wird „Oh William!“ erzählt. Man kennt sie aus „Die Unvollkommenheit der Liebe“ und „Alles ist möglich“. All diese Romane kann man aber problemlos unabhängig voneinander lesen. In meinen früheren Besprechungen zu Strouts Büchern habe ich mich immer wieder über die Titelübersetzungen gewundert, die ich teils eher unglücklich fand, diesmal hat man sich dazu entschieden, den Titel aus dem Original zu belassen, was meiner Meinung nach eine gute Entscheidung ist. Dieser William aus dem Titel ist der erste Mann Lucy Bartons, die wie ihre Schöpferin Strout auch Autorin ist. William und Lucy sind bereits seit vielen Jahren getrennt, William hat nach Lucy noch zwei weitere Male geheiratet, Lucy war sehr glücklich mit David, der inzwischen verstorben ist und um den sie sehr trauert. William und Lucy haben es aber irgendwie geschafft, befreundet zu bleiben, und sie haben viel Kontakt und benötigen die beiden gemeinsamen Töchter nicht, um sich zu sehen. Ohnehin sind die längst erwachsen und haben eigene Familien. Lucy erzählt scheinbar so wie es ihr in den Sinn kommt mal längst vergangene Episoden, mal von dem, was in der Gegenwart passiert. Als William nun erfährt, dass er vielleicht eine Halbschwester hat, ist es Lucy, die mit ihm losfährt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Wie immer bei Strout treffen sich auch in ihrem neuen Roman das Alltägliche und das Bedeutende, vermischen sich die kleinen, vermeintlich nichtigen Momente mit den großen Verlusten, den Krisen, die zu einem Menschenleben dazu gehören. So gibt es immer ein wenig Melancholie in „Oh William!“, aber eben auch eine Zugewandtheit, eine Menschlichkeit und eine Zuversicht, die dazu führt, dass man sich so wohlfühlt in Strouts Kosmos. Dabei erzählt die Autorin mit reduzierten Mitteln, sie macht nicht zu viele Worte, ihre Sprache ist auf den Punkt und sie schafft es, dass man schon nach wenigen Seiten völlig drin ist in ihrer Welt, dass man das Gefühl hat, man gehöre dazu, so lebendig sind ihre Figuren, dass sie für die Zeit der Lektüre zu Freunden werden. „Oh William!“ erzählt wie auch schon „Die langen Abende“ eine Geschichte aus den späteren Jahren ihrer Protagonist:innen, um das Große und das Kleine, um die Suche nach dem Glück, um Liebe und Freundschaft, Familie und Beziehungen. Große Empfehlung.