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Eine mutige Frau zwischen den Fronten

Annette Wieners - Special zu "Die Diplomatenallee"

Brief der Autorin an die Leser*innen

Annette Wieners
© Bettina Fürst-Fastré
Liebe Leserinnen, liebe Leser,

haben Sie heute schon etwas mit der Hand geschrieben? Mit einem Kuli, Bleistift oder Füller? Bei mir liegen stets Zettel griffbereit. Ich liebe gute Bleistifte und ihr Geräusch auf Papier.

Meine Schrift ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Noch nie konnte ich schönschreiben, selbst wenn ich mir Mühe gebe. Aber erst seitdem ich mich mit der Graphologie befasst habe, weiß ich, dass mein Gekritzel nicht zu ändern ist.

Jede Handschrift ist Ausdruck einer Persönlichkeit, sagen die Graphologen. Unser Charakter bestimmt, wie unsere Buchstaben aussehen, und demnach verrät unsere Schrift auch viel über unser Innenleben. Sind Sie ein mutiger oder eher ein ängstlicher Typ? Leidenschaftlich oder nüchtern? Es steht geschrieben – glauben die Graphologen.

Wichtig ist zum Beispiel Ihr Punkt auf dem i: Sitzt er exakt über dem Buchstaben, gelten Sie als gut durchorganisiert. Verschiebt sich der Punkt dagegen nach rechts, neigen Sie zum Überschäumen. Rutscht er nach links, sind Sie ein vorsichtiger Mensch.
»Die Bundesrepublik ist das graphologiewütigste Land der Erde«, schrieb Der Spiegel – wohlgemerkt im Jahr 1965. Anders als heute, war die Graphologie damals eine hoch angesehene Wissenschaft und man verließ sich auf sie. Behörden und Verwaltungen, Unternehmen aller Branchen, selbst die Lufthansa und die Bundeswehr beschäftigten Graphologen, um die Handschrift von Mitarbeitern analysieren und Personalentscheidungen fällen zu lassen.

In dieser Blütezeit der Graphologie ist der Roman angesiedelt, und es war mir eine Freude, in die gar nicht so ferne Vergangenheit einzutauchen. Ausgerechnet unsere bürokratisch-korrekte Nation war hemmungslos der Handschriften-Deutung verfallen – wobei natürlich auch die deutsche Teilung ihre Spuren hinterließ:
Im Westen stürzte sich die gesamte Gesellschaft in einen Handschriftenrausch. Fragen der Moral standen ganz oben. Schriftproben wurden auf Pünktlichkeit, Treue und Ehrlichkeit untersucht, in der Eheberatung ebenso wie beim Vorstellungsgespräch. Im Osten gehörte die Graphologie eher dem Staatsapparat. Die Stasi beanspruchte die besten Fachkenntnisse für sich. An der Stasi-Hochschule in Potsdam lernten die Agenten, anhand von Schriftproben Freund und Feind zu erkennen. Wer war linientreu und wer verlogen?

Bei der Recherche hat es mich manchmal erschreckt, dann wieder fasziniert, welch große Bedeutung Handschriften hatten. Die Graphologie schien mir in ihren Grundzügen nachvollziehbar zu sein, bei den Extremen aber bleibe ich skeptisch. »Zeig mir dein F, und ich sage dir, wer du bist.« Nein, so einfach ist es wohl nicht.

Auch meine Romanfigur, die Graphologin Heike Holländer aus Bonn, muss ihren kritischen Blick trainieren. Machen Sie mit, folgen Sie ihr in die Sechziger- und Siebzigerjahre und entdecken Sie mit ihr die Geheimnisse der Handschrift.

Herzliche Grüße

Die Diplomatenallee

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