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Sylvia Lott: Zusatzmaterial und Interview zu »Die Frauen vom Inselsalon«

Sylvia Lott über die Hintergründe und Recherchen zu »Die Frauen vom Inselsalon«

Sylvia Lott
© Daniel Culmann
Wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem aktuellen Buch?
Ich grübelte schon einige Zeit, hatte für meinen vorangegangenen Roman »Der Dünensommer« (2020) viel Spannendes über die Historie Norderneys erfahren und wollte schreiberisch gern auf der Insel bleiben. Bis zum Ersten Weltkrieg war das Nordseeheilbad ein Treffpunkt der mondänen Welt – Reichskanzler von Bülow kam jedes Jahr für mehrere Wochen, Könige und Fürstinnen, Schauspieler, Sängerinnen, jede Menge Künstler und Unternehmerfamilien mit Kindermädchen reisten an … Aber mir fehlte noch der zündende Funke. Ich ging zum Friseur, genoss die angenehme Atmosphäre und das typische Geplauder dort, fuhr anschließend mit der S-Bahn durch Hamburg nach Hause. An der Haltestelle Kellinghusen dachte ich plötzlich: Warum schreibst du nicht aus der Sicht einer Friseurfamilie auf Norderney? Am besten von der Kaiserzeit bis nach Zweiten Weltkrieg, über drei oder vier Generationen. Im Mittelpunkt sollte ein Inselsalon stehen, in dem große weite Welt und Dorfklatsch aufeinandertreffen. Sofort fing ich an zu recherchieren und je mehr ich herausfand, auch über Frisurenmoden, umso mehr glühte ich für die Idee. Glücklicherweise ließ sich meine Lektorin gleich von der Begeisterung anstecken.

Wie verlief die Recherche zu Ihrem aktuellen Buch? Welche Rolle spielen wahre Hintergründe und Fakten?
Als gelernte Journalistin und studierte Historikerin liebe ich es zu recherchieren. Zur Frage nach Dichtung und Wahrheit im Inselsalon gilt: Je berühmter die Figuren, desto authentischer ihre Geschichten. Alle erwähnten prominenten Kurgäste einschließlich des Kaisers sind tatsächlich auf Norderney gewesen. Die geschilderten historischen Ereignisse und Skandale haben sich wirklich zugetragen, die Verbindungen zu meinen (fiktiven) Hauptfiguren jedoch sind erfunden.
Da ich nun mal die Vorstellung, Weltpolitik, Prominenten- und Inseldorfklatsch in einem Friseursalon aufeinandertreffen zu lassen, so reizvoll fand, musste ich auch in alle Richtungen Nachforschungen anstellen. Glücklicherweise haben viele Menschen, darunter etliche Prominente, über ihre Erlebnisse auf dieser elegantesten der Ostfrieseninseln geschrieben. Andere erforschten historische Ereignisse, einige stellten Materialsammlungen oder Chroniken zusammen. Das alles hat mir enorm geholfen. Ohne diese »Vorarbeiten« wäre der Inselsalon nicht möglich gewesen. Mehrfach durfte ich auch im Inselarchiv recherchieren.
Das alles war aufwendig, aber auch ergiebig, lehrreich und oft amüsant. Ich will ja nicht zu viel verraten, aber eines kann ich jetzt schon versprechen: Damals gab’s noch richtig schöne Skandale!
In der Art von Romanen, die ich gern schreibe, soll‘s möglichst zugehen, wie es tatsächlich hätte sein können. Mein Ehrgeiz besteht darin, Geschichten glaubhaft in ein sorgfältig recherchiertes Hintergrundgeschehen einzupassen und neben der Liebesgeschichte, die im Mittelpunkt steht, en passant zu verdeutlichen, wie so was von so was kommt.
Es existierte übrigens auf der Insel lange Zeit ein Friseursalon Sebes, der bereits im Jahr 1890 gegründet worden war. Und er war nicht der einzige. 1882 arbeiteten laut Statistik der Ortshandwerkerschaft drei, 1913 fünf Friseure auf Norderney, während der Saison auch mehr. Es hat mich sehr gefreut, dass ich mit der über neunzigjährigen Ruth Sebes sprechen konnte, die den Salon nach dem Tod ihres Mannes, der ihn mit ihr in dritter Generation betrieben hatte, bis zum Ende des Jahres 2004 weiterführte. Wir trafen uns, sie erzählte Inspirierendes vom Friseuralltag und der Inselgeschichte − vor allem seit 1946, als es sie aus Schlesien auf die Insel verschlagen hatte. Aus der Zeit davor allerdings erfuhr ich wenig. Ich entdeckte noch ein paar Fotos, die in den Zwanzigerjahren gemacht worden waren, und fand eine Zeitungsmeldung zum hundertjährigen Jubiläum des Salons Sebes. Doch mehr nicht. So verdanke ich Familie Sebes zwar Anregungen, doch meine Friseurfamilie Fisser ist komplett erfunden.

Um was geht es kurz zusammengefasst in »Die Frauen vom Inselsalon«?
Es geht in vier Bänden um die Geschichte einer Friseurfamilie auf der Insel Norderney von der Kaiserzeit bis nach dem Zweiten Weltkrieg (Band 1 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, Band 2 bis 1920). Im Mittelpunkt stehen vier Generationen von Frauen, die im Inselsalon hautnah, oder besser vielleicht: haargenau den Wandel der Zeit miterleben. Ihre Schicksale – ihr Liebesleben, ihre Freundschaften, ihre großen und kleinen Kämpfe – spiegeln die Veränderungen der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso wider wie die der Frisurenmode und Schönheitsideale.

Welche Szene oder Szenen darin waren am schwierigsten zu schreiben?
In Band 1: Die Ballszene, als der Komponist Paul Lincke selbst sein »Glühwürmchen, Glühwürmchen flimm’re« dirigierte, ein Abend wie Champagner, ein Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens während der Kaiserzeit auf Norderney – zu einem Zeitpunkt, als es in meinem Privatleben gerade alles andere als beschwingt zuging.
In Band 2: Die Szenen zur Revolution 1918/19 auf Norderney, als es um ein Haar zur Bombardierung von Deutschen durch Deutsche gekommen wäre – weil ich viel historischen Hintergrund möglichst elegant einarbeiten musste, damit man die Ereignisse versteht, aber natürlich trotzdem wollte, dass es sich lebendig liest.

Haben Sie eine Lieblingsszene?
Seltsamerweise weiß ich das diesmal in dieser Phase der Buchveröffentlichung noch nicht. Vermutlich werde ich es bei den Lesungen herausfinden. Dabei kristallisieren sich, auch durch die Reaktionen der Besucher und Besucherinnen – immer ein paar Szenen heraus, die ich besonders gern vortrage.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Natürlich liebe ich die beiden Hauptfiguren, die so gegensätzlichen Freundinnen Frieda und Grete. Aber zu meiner eigenen Überraschung entwickelte Jakomina, die Ehefrau des Saloninhabers, eine ursprünglich als etwas spießig und durchschnittlich angelegte Matrone, auf einmal ein Eigenleben – eigensinnig, abergläubisch, mit festen Grundsätzen, jedoch moralisch flexibel, wenn‘s erforderlich ist, und mit einem sehr großen Herzen kämpft sie für das Wohl ihrer Familie. Die Kapitel aus Jakominas Sicht schrieben sich fast von allein und haben mir viel Vergnügen bereitet.

Was verbindet Sie mit ihren Figuren? Sind Figuren von echten Menschen inspiriert?
Natürlich sind meine Figuren von echten Menschen inspiriert. Ich bin ganz schlecht im Erfinden. Manchmal sagen Leute mir: Oh, was Sie sich immer alles ausdenken, das ist ja toll – so viel Fantasie hätte ich nicht! Darauf kann ich nur antworten: eigentlich erfinde ich ganz selten – ich finde. Ich suche, sammle, lege frei, empfange und nehme an. Und dann füge ich diese Zutaten zusammen, bis sie für mich einen stimmigen Charakter, eine Szene, eine Geschichte ergeben, die mir »wahr« erscheint. Am Ende bin ich sogar meist überzeugt, dass es sich genau so zugetragen hat. Ich glaube, Psychologen nennen das Phänomen (wenn Menschen etwas sich Vorgestelltes für etwas wirklich Erlebtes halten) Quellenverwechslung.

Welchen Bezug haben Sie zum Schauplatz des Romans?
Meinen ersten Inselurlaub erlebte ich im Jahrhundertsommer 1959 als Dreieinhalbjährige auf Norderney. Ich erinnere mich an einen gigantischen Sandkasten am Meer und an den Schlager »Du kleine Fliege, wenn ich dich kriege«, den ich sang, während meine Mutter mit mir durch eine schier endlose Dünenlandschaft wanderte. Ich erinnere mich, dass jeden Tag die Sonne schien. Und dass alle Frauen wunderschöne bunte Kleider trugen. Auch daran, dass wir nach der Rückkehr in meinem Heimatdorf Schlange stehen mussten, was sehr unterhaltsam war, um mit einem Metalleimer Wasser aus einem Brunnen zu holen. Das Spielzeug der Saison stand zuhause auf dem Rasen: eine kleine Zinkwanne voll Wasser.
Für die Älteren mag es wohl ein Ausnahmezustand gewesen sein, der ihnen auch Sorge bereitete – für mich war es der Prototyp eines Sommers. Alle späteren wurden an ihm gemessen und stets für weniger sonnig, bunt, warm und fröhlich befunden. Deshalb war’s vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis er in einem meiner Bücher auftauchen würde. So entstand »Der Dünensommer« (2020).
Um in diesem Zeitfenster von Mai bis September 1959 eine veritable Romanhandlung stattfinden zu lassen, bedurfte es natürlich mehr als ein paar verblassender Kindheitserinnerungen. Auch wenn ich später noch häufiger Zeit auf Norderney verbringen durfte – mit Eltern und Geschwistern, als jugendliche Ferienjobberin in einem Strandhotel am Damenpfad oder als erwachsene Urlauberin –, hatte ich doch nur sinnliche, mehr oder weniger zufällige Eindrücke gespeichert. Mir fehlte das Hintergrundwissen.
Also hab ich recherchiert. Zu Atmosphäre, Zeitgeist und Lokalkolorit jenes Jahres auf Norderney, und weil es so spannend war, auch noch zu einigen davor liegenden Jahren. Ich grub immer tiefer. Und so entwickelte sich dann die Idee für den Inselsalon.

Was war für Sie bei den Recherchen die größte Herausforderung? Wie authentisch ist eigentlich der Hintergrund? Beruht Ihr Buch auf wahren Begebenheiten?
Siehe vorherige Frage.
Ein hartes Stück Arbeit war es übrigens, sich auf Norderney zu jeder Zeit zurechtzufinden. Denn nicht nur die Strände, auch die Architektur und deren Nutzungen haben sich ständig verändert.
Einige der im Roman erwähnten Gebäude kann man bei einem Inselbesuch heute noch wiederfinden, andere nicht. Das Conversationshaus zum Beispiel wurde vor einigen Jahren stilvoll restauriert. Aus Scherls Lesehalle, einem 1908 errichteten runden Pavillon, wurde 1936 eine Milchbar, die Keimzelle für die heute noch beziehungsweise wieder bestehende, erweiterte Kultlocation gleichen Namens.
Viele der erwähnten Hotels, Logierhäuser und anderen Gebäude, die Norderney zu einem einzigartigen, teils idyllischen, teils mondänen Kurort machten, existieren nicht mehr. Die Gründe dafür sind vielfältig (im Nachwort zu Band 1 gehe ich darauf ausführlicher ein).
In den Kriegs- und Nachkriegsjahren waren sie als Soldatenunterkünfte, Lazarette oder durch erzwungenen Leerstand zweckentfremdet worden und heruntergekommen − das Geld für ihre Instandsetzung fehlte anschließend. Oft hatten auch Sturmfluten oder allein das raue Klima ihnen zugesetzt. Hinzu kam der Wandel des Zeitgeistes, der Geschmack änderte sich.
Etliche Häuser erkennt man heute auf den zweiten oder dritten Blick hinter modernisierten Fassaden wieder. Ab Ende der Sechzigerjahre erwies sich der Bau von Ferienappartements, besonders in Strandnähe, als einträgliches Geschäft, und so bestimmten immer mehr Hochhäuser mit Meerblick, sechs-, sieben-, sogar zwölfstöckig, die erste Reihe.
Wenn man die Ansichten von damals mit den heutigen vergleicht, kann einem schon das Herz bluten. Zahlreiche historische Fenster auf der Insel, Schautafeln mit Fotos aus der Kaiserzeit, lassen den einstigen Charme erahnen.
Manches, was ausgedacht erscheinen mag, ist wirklich geschehen. So habe ich als junge Lokalredakteurin einmal ein Ehepaar im Landkreis Oldenburg besucht, das seine Eiserne Hochzeit feiern konnte. Es hatte am 1. August 1914 geheiratet, der Bräutigam musste Stunden später in den Krieg ziehen und auf die Hochzeitnacht mussten beide, wie sie mir versicherten, vier Jahre lang warten. Das hat mich als junge Frau nachhaltig beeindruckt.
Oder: Bei den Recherchen zum Ersten Weltkrieg stieß ich in der »Badezeitung« auf eine kuriose Meldung. Eine Frau auf dem ostfriesischen Festland, der man mitgeteilt hatte, dass ihr Mann gefallen war, öffnete Tage später die Haustür – und davor stand der Totgeglaubte in bester Verfassung. Es verschlug ihr im wahren Wortsinn die Sprache. Die kehrte jedoch zum Glück nach einer Weile zurück. Das ist doch irre, oder? Wie mag sich so etwas anfühlen? Als ich davon las, dachte ich sofort: Das möchte ich einmal mit einer Romanfigur durchleben.

Möchten Sie Ihren Lesern mit Ihrem aktuellen Buch eine bestimmte Botschaft mitgeben?
Der zweite Band entstand im Corona-Lockdown. Manchmal habe ich mich während des Schreibens in meine Inselwelt verkrochen und beim Auftauchen gedacht: Uns geht‘s ja noch gut, wir haben satt zu essen, unsere Männer sind nicht im Krieg. Andererseits habe ich in dieser Zeit die Katastrophen des Ersten Weltkriegs recherchiert und darübergeschrieben, wodurch das Abtauchen nicht unbedingt erholsam war.
Damals wie heute hat die Welt einen Knacks bekommen. Auch wenn man diese Zeiten nicht wirklich miteinander vergleichen kann, weisen sie doch in der Krisenentwicklung einige Parallelen auf. Durch die Beschäftigung mit den historischen Ereignissen vor diesem Hintergrund kann ich heute im Nachhinein meine Großeltern und generell die politische Entwicklung Deutschlands besser verstehen.
Vielleicht bringt die Lektüre den Leserinnen und Lesern einen ähnlichen »Nebeneffekt«. Das würde mich freuen. Natürlich möchte ich in erster Linie mit Geschichten über Liebe und Freundschaft unterhalten und berühren, aber die Basis, auf der die Geschichten gründen, soll nicht im Dünensand stehen, sondern solide genug sein, um ein paar Erkenntnisse mitzutragen.
Ich bin gespannt auf das Feedback – ob durch eine Buchbesprechung im Internet, etwa auf Amazon oder einen Kommentar auf meiner Facebook-Seite.

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