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Rezension zu
Ede und Unku - die wahre Geschichte

Ein literarisches Mahnmal

Von: Buchvogel
26.06.2018

Vorsicht - Spuren von Spoilern Da ich nicht in der DDR aufgewachsen bin, kannte ich das Buch "Ede und Unku" nicht. Es war in der DDR Schullektüre. Der Roman spielt in der Zeit der Weimarer Republik, es ist die wahre Geschichte der Freundschaft zwischen dem Arbeiterjungen Ede und der Sinteza Unku. Ede und Unku waren damals oft bei der Autorin Grete Weiskopf zu Besuch, die die Geschichte aufschrieb. Weiskopf schrieb ein mitfühlendes und leidenschaftliches Jugendbuch abseits der romantisierenden Klischees, aber erfüllt von einem proletarischen Elan, der sich vom Klassenkampf vieles, wenn nicht alles erhoffte; auch die Beseitigung des Antisemitismus und des Antiziganismus. [Vorwort von Heribert Prantl, S. 6] Unku hieß eigentlich Erna Lauenburger, Unku ist ihr Sinti-Name. Der Autor Janko Lauenberger (die abweichende Schreibweise ist einem nachlässigen Behördenmitarbeiter zu verdanken) ist ein Verwandter von Unku, sie war die Cousine seiner Großmutter Kaula (die auch im Buch vorkommt). Er begibt sich auf Spurensuche. Janko berichtet von Unkus Leben. Die Sinti-Kultur war natürlich faszinierend, aber bei den vielen Verwandten, die im Buch vorkommen und Unkus Leben bereicherten, hab ich irgendwann den Überblick verloren. Janko skizziert das lebensfrohe Mädchen und berichtet, wie es weiterging. Die Lage wird schlimm, als die Nazis an die Macht kamen. Sie ist jetzt 17 - ... sie ist schön. Und seit dem 3. Januar 1936 ist sie auch "minderwertig und artfremd". So hat es Reichsinnenminister Wilhelm Frick an diesem Tag verfügt. [S. 88] Als junge Erwachsene verliebt sie sich in Mucki, wird von ihm schwanger. Doch ihr Mann Mucki sollte die kleine Marie nie sehen. Wie so viele Zigeuner wurde er inhaftiert. Die Familie und weitere Zigeuner wurden auf einem Platz zusammengepfercht, den sie nur zur Zwangsarbeit verlassen durften. Und schließlich wurden alle nach Auschwitz deportiert. Anders als die Juden durften die Zigeuner dort in den Baracken als Familie zusammenbleiben, im Zigeunerlager. Ich schrieb jetzt absichtlich von "Zigeunern", den das war die offizielle Nazi-Sprache. Die Gefangenentätowierungen begannen auch mit einem Z wie Zigeuner. Wenn ich allein bei meinem Großvater bin, darf ich in seinem Bett schlafen. Ich fühle mich geborgen an seiner Seite. Morgens, wenn ich die Augen aufschlage, ist er meist schon wach. Seine Arme liegen verschränkt unter seinem Kopf, auch der linke mit der Tätowierung, ein Buchstabe und drei Zahlen: Z 539. Ich bin sie oft mit dem Finger abgefahren. Als ich ihn gefragt habe: "Was ist das?", hat er geantwortet: "Das ist meine Häftlingsnummer vom Konzentrationslager. Alle da haben eine bekommen." Das Leben im Lager ist unfassbar grausam. Unkus Töchter und auch sie selbst sterben, Unku ist gerade mal 24 Jahre alt. Emotional ein sehr sehr schweres Kapitel. Abwechselnd zur Geschichte von Unku erzählt Janko auch von seiner eigenen Geschichte, seiner Kindheit in der DDR, dem Aufwachsen, Alltagsdiskriminierung, dem Leben als Musiker und seiner weit verzweigten Verwandtschaft (schwierig, so viele Namen...). Ich habe bisher noch keinen Sinto kennengelernt, daher fand ich es interessant, etwas darüber zu erfahren. Etwa, warum sie an ihrer Sprache, dem Romanes, festhalten und sich sowohl als Sinti als auch als Deutsche sehen. Sie sind Deutsche, aber auch ein eigenes Volk. Ich bin also nicht nur Deutscher, ich bin vor allem Sinto. Auch wenn es für einige schwer zu begreifen ist, dass Menschen mehr als eine Identität haben können: Es geht. Und heute stehe ich auch dazu. [S. 217] Wichtig erscheint es mir, wie auch Janko, aufzuklären in einer Zeit, in der der Rassismus wieder wächst. Rassismus scheint in Wellen über unser Land zu schwappen. ... Und er trifft auch uns. Die wenigsten wissen ja, wer wir sind. Sie sehen nur unsere schwarze Haare und die dunkle Haut. ... Tatsächlich sorgen sich viele von uns, dass sich die Lage in den nächsten zehn Jahren verschärfen könnte, dass eine weitere Tragödie möglich ware. "Wir sind dann wieder die Ersten, die dran glauben müssen", sagen manche. [S. 212-213] Die beiden Geschichten sind sprachlich leicht erzählt, man kann ihnen gut folgen. Die Geschichte von Unku und die von Janko sind in zwei verschiedenen Schriftarten gesetzt, so kann man sie schon äußerlich gut auseinanderhalten. Die von Unku wird in der dritten Person erzählt, die von Janko in der Ich-Form. Privatfotos des Autors sind auch im Buch, so bekommt man einen Eindruck von den Personen im Buch. Alle Geschichten und Personen sind mir sehr nahe gekommen. Lesen oder nicht? Ein Buch gegen das Vergessen - und eine Mahnung für die Zukunft. Die Sinti in Deutschland sind ein Teil der deutschen Kultur und doch ein eigenständiges Volk, und erfahren dennoch Alltagsdiskriminierung. Sie waren eine der Gruppen, die die Nazis in den Konzentrationslagern umbrachten, doch ihre Geschichte wird seltener erzählt. Schon allein daher lesenswert. Die Charaktere sind sympathisch und sie klären mit Vorurteilen auf.

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