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Laudatio auf Marica Bodrožić

Anlässlich der Verleihung des Manès-Sperber-Preises im September 2021 in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in Wien.

Katja Gasser
Wien, den 17. September 2021


Hélène Cixous schreibt, dass die lebensnotwendige Bedeutung literarischen Sprechens darin begründet ist, dass dieses Sprechen, dieses ‚uneigentliche Sprechen‘, den ‚Rhythmus unserer Angst verzaubert‘. Den Rhythmus unserer Angst verzaubert in Lebbares? Den Rhythmus unserer Angst verwandelt in etwas Offenes? Die Offenheit und die Angst: sie sind wichtige Denkfiguren in Marica Bodrožićs Werk, das davon zeugt, dass Literatur hier als etwas vom Leben im Innersten zusammengehaltenes verstanden wird. „Ich kenne die Angst, aber ich gehöre ihr nicht an“, schreibt sie in ihrem Essay ‚Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe‘. Die Angst: sie wird von Marica Bodrožić gedacht als etwas, das dringend überwunden gehört. Die Offenheit: sie wird von Marica Bodrožić als etwas vorgestellt, wofür man sich entscheiden muss. Nicht zufällig ist etwa ihrem Buch ‚Mein weißer Frieden‘ unter anderem ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe vorangestellt: dieses Zitat: es lautet: „Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, /Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.“

Dass Angst und Offenheit, dass Furcht und Freiheit, dass Wunder und Wunden, dass Zugrundegehen und Auf(er)stehen, dass Schmerz, Schrecken und Schönheit, Zittern und Zaubern aufs engste miteinander verwoben sind: das veranschaulicht Marica Bodrožićs Literatur auf unterschiedlichste Weise von Beginn an. Dabei erweist sich die Literatur als Ort, an dem in Bewegung gebracht werden kann, was im Leben selbst vielleicht zu erstarren droht, oder bereits erstarrt ist – etwa die Erinnerung. Die Literatur: sie zeigt sich bei Marica Bodrožić als eine großzügige Sprachlandschaft, die zu Verwandlung einlädt, zur Verwandlung letztlich von Schmerz in Schönheit: In dem bereits erwähnten poetologischen Essay heißt es: „Wer in einem schmerzverzahnten Leben feststeckt, kann von jedem anderen gelenkt werden, nicht wir sind dann autonom, sondern es ist der Schmerz, der Macht über uns hat.“ Und an anderer Stelle im Text ist zu lesen: „Leben ist aber und bleibt Bewegung. Ein neuer Süden ist immer in Flügelweite. Wer sich bewegt, erschafft sich auf die Art der Vögel einen eigenen Platz in der Welt.“

Es ist viele Jahre her, als Marica Bodrožić und ich gemeinsam mit einem Kamerateam das dalmatinische Hinterland bereisten. ‚Herzgemälde der Erinnerung‘ hat das filmische Resultat unserer Reise geheißen. Es war eine Reise durch die Herkunftslandschaft Marica Bodrožićs. Es war das Jahr 2007. Kroatien war noch nicht Mitglied der Europäischen Union. Ich kann mich noch sehr gut an das Licht erinnern, in das die Orte, die wir aufsuchten, getaucht waren, an die Gesichter der Menschen, die wir getroffen haben, an das Gesicht der Mutter, das Haus der Eltern. An die Gerüche. An das Hören von ‚Lepa Brena‘. Allem und allen hat sich der Krieg tief eingeschrieben. Und doch schien er zugleich unendlich weit weg. Wie das Leben selbst: als würde es aus allem fliehen wollen. Und doch unglaublich präsent alles, unmittelbar. Und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr es mich befremdete, dass Marica Bodrožić trotz allem mit Nachdruck das Augenmerk auf die Schönheit lenken wollte - die der Menschen und die der Landschaft, auf das Rettende letztlich: Die Gefahr und das Rettende: sie unterhalten bekanntlich eine innige Beziehung.

Viele Jahre später erst verstand ich Marica Bodrožićs Beharren. Viele Jahre später verstand ich erst ihren größeren, ihren weiteren, ihren offenen Blick: meiner hatte sich, zum damaligen Zeitpunkt, in sich selbst verfangen, in einer diffusen Außenperspektive, die die Mehrschichtigkeit dessen, was sich zeigte, in ein passives Objekt verwandelte; Marica Bodrožić bemühte sich auch damals um einen Blick, der unter die Haut geht, sich aus der Perspektive des betrachtenden Subjekts löst und damit letztlich auch darum, den Schmerz zu verwandeln - ohne ihn, freilich, verdrängen zu wollen. Ganz im Gegenteil. Und noch viel weiter: „Die Narben, die wir davon tragen, sind unsere eigentlichen Herzen. Unser Leben bündelt sich in ihnen“, schreibt Marica Bodrozic in ‚Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe‘. Dzevad Karahasan, auf den sich Marica Bodrozic immer wieder auf unterschiedlichste Weise bezieht, hat wiederholt auf die Relevanz der Schönheit besonders unter grausamen Bedingungen hingewiesen: „Womit sonst als mit der Schönheit soll man sich gerade in den schwierigsten Momenten, wie etwa der Belagerung Sarajevos, beschäftigen?“ hat er einmal in einem Gespräch mit mir gesagt. Die rettende Kraft der Schönheit: dieser Gedanke ist auch im Werk Marica Bodrožićs tief verankert.

„Verwundbar bleiben“: das ist Marica Bodrožićs poetologische Richtschnur. Von Beginn an. Das heißt auch: sich nicht zugrunde richten lassen. Und um sich nicht zugrunde richten zu lassen, muss das Ich austreten aus den Konventionen der Zeit und dem geltenden Regelwerk des Kollektivs, in das es geworfen wurde: das unnachgiebige Bestehen auf Individualität, auf die Würde des Einzelnen, auf die Heiligkeit des jeweiligen Andersseins, ist auch eine Lehre aus der Geschichte, aus der zerstörerischen Vergangenheit, nicht zuletzt der jugoslawischen, die in Marica Bodrožićs Literatur eine immerwährende Mitspielerin ist: eine, die auch die Idee (nicht die Ideologie) eines solidarischen und egalitären ‚Wir‘ nachhaltig beschädigt hat: In dem Buch ‚Mein weißer Frieden‘ ist zu lesen: „Das alte Land, in dem ich stolze Pionierin war, gab es nicht mehr, aber in mir überlebte trotzdem das visionäre Wir, von dem ich lernte, dass es ein Wert an sich war.“

Sich herausschälen können aus den Bedingungen, in die man geboren wird: diese menschliche Fähigkeit zu Metamorphose wird in dieser vielgestaltigen, den hohen Ton nicht scheuenden Literatur als existenzielle, als überlebensnotwendige beschworen: So schreibt Marica Bodrožić in dem bereits zitierten poetologischen Essay ‚Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe‘: „Manchmal spüre ich förmlich, wie ich mich Schritt für Schritt mit den Jahren aus meiner konkreten Biographie lebend herausschreibe und Anfängerin meiner selbst werde. (…) Auszutreten aus der Zeit und den kollektiven Maßregelungen der anderen, das ist das größte Spiel meines Lebens. Noch immer übe ich mich darin in meiner mir gegebenen eigenen Zeit.“ Das bedeutet auch, dass das Ich nicht ident ist mit sich selbst, dass überhaupt die Vorstellung einer zementierbaren Identität eine gefährliche Fiktion ist, politisches Gift. Von Kindheit an fühlte sie sich im multiethnischen Jugoslawien nie ausschließlich einer Volksgruppe zugehörig: darüber hat sie mehrfach geschrieben. „Kann man Nationalität empfinden“, fragt Marica Bodrozic. Ihre Antwort fällt so aus: „Ich kann es nicht. Es kommt für mich einem Versuch gleich, mich in Zement einzufühlen. Ich kann mich nicht in Zement einfühlen. Zement ist nicht Leben. Nationalität ist nicht Leben.“

In der deutschen Sprache erst habe sie begonnen ‚an das Leben zu glauben‘, schreibt Marica Bodrožić in ihrem Essay ‚Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern.‘ Die ersten Lebensjahre hat sie in Dalmatien verbracht, in dem Dorf Svib, in der Obhut vor allem ihres Großvaters, während ihre Eltern in Deutschland arbeiteten – wohin sie ihnen folgen sollte, im Alter von 9 Jahren. Später schrieb sie: „Jahr für Jahr wuchs das Deutsche heran, wurde ein Schutzschild, gegen die Sehnsucht nach dem Großvater, nach dem Dorf, nach den dortigen Kindern, die jedes Mal zur Ferienzeit fremder und fremder wurden, sich ausließen über meinen neuen Ton, über die Lücken in meinen Sätzen. Schließlich, als Jugoslawien längst zusammengebrochen war, sagte einmal eine meiner Tanten, ich rede ein Kroatisch, das es so gar nicht gebe; heute.“ In dem Roman ‚das gedächtnis der libellen‘ heißt es an einer Stelle: „Die Verbannung aus dem Paradies ist die Verbannung ins eigene Leben.“ Dabei lässt diese Literatur außer Zweifel: das Paradies, das hat es so nie gegeben, die Idylle: „sie ist immer am Zittern“, wie es Marica Bodrožić einmal in einem Interview sagte.

Das ‚Größere der Freiheit‘ sei ihr erst im Deutschen möglich geworden, schreibt Marica Bodrožić. Dabei denkt sie den ‚Entzug alles Vertrauten‘ als Voraussetzung eben dieser Freiheitserfahrung. Überhaupt spielt Fremdheit im Werk Marica Bodrožićs eine zentrale Rolle – Fremdheit in einem sehr grundlegenden Sinn gedacht, wie etwa bei Marina Zwetajewa, auf die Marica Bodrožić immer wieder Bezug nimmt. Wie ein Echo scheint Marina Zwetajewas Gedanke, wonach jeder Dichter dem Wesen nach Emigrant sei, Bodrožićs Literatur innezuwohnen - wie auch Marina Zwetajewas Überzeugung, dass Schreiben vor allem ein intensives In-Sich-Hineinhören sei. Marica Bodrožić schreibt in ihrem jüngsten Buch ‚Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge‘: „Wie Sehen Bewusstsein stiftet und Veränderung anstoßen kann, davon handelt Literatur in ihrem Kern.“ Und etwas weiter im Text ist zu lesen: „Das Sehen allein ändert mehr als fortwährendes, vom eigenen Atem abgewandtes Tun. Poesie ist nicht nur Schrift, sondern auch Teil dieses Atems der Welt in der Welt der Welt.“ Dabei wird das Sehen als ein Ort gedacht, von dem aus man für die Massen, für Parolen nicht zugänglich ist: Fühlen und Denken können hier eins sein. Marica Bodrožić fasst ‚Ästhetik‘ wörtlich: in seiner griechischen Urform bedeutet das Wort ‚wahrnehmen, empfinden‘: und diese so gedachte Ästhetik: sie kommt ohne Ethik nicht aus. In einem ihrer frühen Poetik-Vorlesungen schreibt sie: „Nicht die Auflehnung, nicht die Revolte ist es, die alles anders denkbar erscheinen lässt, es ist das Sehen – das betrachtende Auge hinter allen Phänomenen -, das die Möglichkeit einer anderen Wirklichkeit greifbar macht, weil es nicht kämpft und aufbegehrt, sondern um die Überschreibungen weiß.“

Vom ‚Handwerk des Behütens‘ ist in einem von Marica Bodrožićs Gedichten die Rede: ihre Literatur: sie ist nicht zuletzt das: ein ‚Handwerk des Behütens‘, das, um mit Klaus Merz zu sprechen, den Glauben an ‚die Anrufbarkeit des Menschen‘ lebendig hält.

Herzlichen Glückwunsch, liebe Marica Bodrožić, zum Manés-Sperber-Preis!

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