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Interview: Neal Stephenson über »Corvus«

Fantastische Reise durchs menschliche Bewusstsein

Neal Stephenson
© Peter von Felbert
Neal Stephenson meldet sich mit »Corvus«, einem außergewöhnlichen, vielseitigen, philosophischen Roman, zurück, in dem Gehirne nach dem Tod als digitale Seelen weiterleben. Ermöglicht wird das neue fantastische Dasein durch Supercomputer – und der Kultautor aus Seattle fragt, was solche digitalen Versionen des Ichs bedeuten könnten.

In »Corvus« befassen Sie sich mit einer Reihe von technologischen, wissenschaftlichen und philosophischen Fragen. Im Zentrum stehen digitale Seelen – sehen Sie selbst diese Art der Unsterblichkeit als das Hauptthema Ihres Romans?
Nicht ganz – das Wort »Unsterblichkeit« würde ich nicht verwenden. In ihm stecken noch viele Bedeutungsmomente religiöser Traditionen, denen ich nicht folgen kann.

Was stört Sie daran?
Für mich ist jedes Szenario schwer vorstellbar, in dem das Bewusstsein eines Verstorbenen mit all seinen Erinnerungen komplett unversehrt vorhanden ist, wenn auch in einem anderen physischen Zustand. In »Corvus« heißt das: Gehirne werden digitalisiert und in Computern neu hochgeladen – die Frage ist aber, was genau das bedeuten würde. Mir geht es darum, die Natur des Geistes zu untersuchen: Es geht um die Frage, was menschliches Bewusstsein ist – und was es heißt, sich selbst als ein einzigartiges Individuum mit einer Vergangenheit, einer Gegenwart und einer Zukunft wahrzunehmen.

Es geht Ihnen also gerade nicht um die klassische Vorstellung vom Paradies im Himmel, wo das Leben für immer zu einem glücklichen Ende kommt?
Diese Art von Unsterblichkeit, die in christlichen oder anderen religiösen Jenseits-Konzepten gedacht ist, könnte äußerst langweilig werden – so sehr, dass Unsterbliche schließlich versuchen könnten, ihr Leben zu beenden. Andererseits ist nicht einmal klar, was es bedeutet, wenn man von einer Seele spricht, die für immer lebt.

Was meinen Sie damit?
Ich habe Erinnerungen von mir als Student in Boston im Jahr 1980 – und doch ist der Neal von damals so tot, als wäre er von einem Bus überfahren worden. An seiner Stelle ist jetzt der Neal des Jahres 2021, der in seinem Gehirn die Erinnerung aus dem Jahr 1980 hat. Diese Erinnerung ermöglicht es, eine kontinuierliche Erzählung im Gedächtnis zu konstruieren, die den Neal von 1980, 1981, 1982 etc. mit dem von heute verbindet, auch wenn die früheren Versionen nicht mehr existieren. Irgendwann werde ich sie vermutlich vergessen – und wenn das passiert, bin ich mir nicht sicher, was es bedeutet, unsterblich zu sein. Das ist eine der Fragen, mit denen ich mich in »Corvus« auseinandersetze.

Was könnte eine Antwort auf die Frage sein, wen oder was man weiterleben lässt, wenn man ein menschliches Gehirn digitalisiert – was also ist wesentlich für das menschliche Bewusstsein?

Meine Hypothese ist, dass eine kohärente Erzählung entscheidend ist, die alle vergangenen Versionen eines Ichs mit der Gegenwart verbindet.


Das Bewusstsein an- und abschalten

Glauben Sie, dass die Digitalisierung von Gehirnen bald Realität werden könnte?
Wenn es überhaupt möglich sein sollte, wird es noch lange dauern. Im Roman versuche ich darauf hinzuweisen, indem ich betone, dass solche Simulationen enorme Computerkapazitäten brauchen würden. So viele, dass der ganze Planet umgestaltet werden müsste, um die dafür notwendige Infrastruktur zu erschaffen.

Es geht Ihnen hier also gerade nicht darum, dicht am aktuellen Stand der Wissenschaft zu bleiben?
In diesem Roman nicht. Das unterscheidet ihn von einigen meiner anderen Bücher wie »Amalthea« (im englischsprachigen Original »Seveneves«), in denen ich versuche, alles technologisch so realistisch wie möglich zu halten. Allerdings gibt es doch auch Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Büchern: »Amalthea« beginnt damit, dass der Mond explodiert ist. Das ist keine logische Prämisse, es gibt auch keine wissenschaftliche Grundlage dafür. Aber ich habe es als gegeben akzeptiert und dann versucht, daraus eine kohärente Geschichte zu entwickeln. Und »Corvus« beginnt mit der Prämisse, dass Computer Gehirne simulieren können, wenn die Maschinen nur leistungsfähig genug sind, bleibt dann aber bei fiktiven Annahmen.

Was hat Sie dazu angeregt, diesen Roman zu schreiben?
Zuerst einmal steht ein historisches Detail am Anfang, das ich auch in »Cryptonomicon« aufgegriffen habe: Während des Silicon Valley Tech-Booms vor einigen Jahrzehnten wollten einige ihre Körper nach dem Tod durch Kryotechnik bewahren. Sie sollten wieder aufgetaut werden, wenn die Technik so weit wäre, Gehirne über Computertechnologien zum Leben zu bringen. Sie regelten das entsprechend in ihren Testamenten und trugen Armbänder mit Anweisungen, falls Sie etwa einen Unfall erleiden sollten. Ich fand es spannend, eine Geschichte über jemanden zu erzählen, der ein solches Prozedere als junger Mann in seinem Testament festgelegt, es danach aber wieder vergessen hat. Dann stirbt er plötzlich bei einer Routineuntersuchung, und seine Familie muss Instruktionen folgen, die er 20, 30 Jahre vorher getroffen hat.

Was interessiert Sie daran?
Zum einen die Entscheidungen, die von den Angehörigen getroffen werden müssen: Mit welchen Kryo-Anbietern arbeitet man zusammen? Was ist das Beste für den Verstorbenen? Dann bin ich inzwischen selbst in dem Alter, in dem einem empfohlen wird, sich ab und zu bestimmten medizinischen Untersuchungen zu unterziehen, bei denen man zeitweilig durch Narkose ohne Bewusstsein ist.

Das sind medizinische Routinen, die man in der Regel möglichst schnell hinter sich lassen will – was ist daran spannend für Sie?
Mit Hilfe von Medikamenten wird ein Bewusstsein wie eine Lampe ausgeschaltet. Wenn die Medikamente dann nicht mehr im Körper sind, schaltet sich das Bewusstsein wieder ein, und man ist dieselbe Person wie vorher. Man kann aber auch bei einem solchen Eingriff sterben, so geschieht es in »Corvus« – und ich habe mich gefragt, ob das Gehirn über eine andere »Hardware« simuliert und später wieder angestellt werden kann. Ich finde es interessant, darüber nachzudenken, ob das einen Unterschied machen würde. Oder ob es genauso wäre, als ob man aus dem Schlaf oder aus einer Narkose aufwacht.

Die Welt des Fleisches und die Welt der Bits

In »Corvus« erhalten Verstorbene ein zweites, ein digitales Leben: in der Bitworld, die der ersten Welt, dem Meatspace, ziemlich ähnlich ist. Wenn es digitale Unsterblichkeit geben könnte – was würden Sie bevorzugen: einen Zugang zu einer Welt wie unserer oder etwas Neues?
Ich glaube nicht, dass eine komplett andere Welt funktionieren könnte. Unsere Gehirne haben sich in einer Art dreidimensionaler Landschaft entwickelt, und unser Geist ist darin verwoben. Das ist ein großes Thema in »Corvus«: Die digitalen Seelen erschaffen sich in der Bitworld eine Umgebung, die der Erde, die dem Meatspace ähnlich ist – und sie machen vieles nicht anders oder besser als im ersten Leben.

Warum haben Sie sich für die Begriffe Meatspace und Bitworld entschieden?
Bitworld ist offensichtlich: Die Welt der Bits. Meatspace – die Welt des Fleisches – ist ein Begriff, der von meinem Freund Doug Barnes geprägt wurde. Ich benutze ihn gern, weil er einen wesentlichen Aspekt unserer Welt auf den Punkt bringt und witzig ist.

Die digitalen Seelen erschaffen zwar eine Welt, die dem Meatspace ähnlich ist, haben aber doch ihre Erinnerungen verloren und können nicht mit der Welt kommunizieren, aus der sie gekommen sind. Warum ist das so?
Erst einmal ist die Geschichte auf diese Weise spannender, als wenn die digitalen Seelen sich an alles erinnern und mit dem Meatspace kommunizieren könnten. Zudem kann ich so aber auch traditionelle Ewigkeitsvorstellungen spiegeln. Denn diejenigen, die glauben, dass verstorbene Seelen in irgendeiner Art von Jenseits leben, müssen eine Frage beantworten: Wenn die Verstorbenen auf einer anderen Existenzebene vollständig bei Bewusstsein sind – warum kommunizieren sie dann nicht mit uns? In religiösen Traditionen, die an ein Jenseits glauben, gibt es selten befriedigende Antworten auf diese Frage, mit der ich mich hier in einem wissenschafts-fiktionalen Kontext befassen wollte.

Kryotechnik, die Digitalisierung von Gehirnen, Supercomputer, Meatspace und Bitworld – mit all diesen Themen ist »Corvus« ein sehr abwechslungsreicher Roman mit viel Personal geworden. Wer ist Ihre Lieblingsfigur?
Ich mag Richard Forthrast sehr, der von seinen Freunden Dodge genannt wird und schon eine meiner Hauptfiguren unter anderem in »Error« (im englischsprachigen Original »Reamde«) war. Weil ich ihn mag, habe ich mich entschlossen, ihn auch zur Hauptfigur in »Corvus« zu machen. Er ist derjenige, der bei einer Routineuntersuchung nicht überlebt. Sein Körper wird eingefroren, und er ist der erste, der schließlich als digitale Seele hochgeladen wird.

Spannendes Spiel mit Mythen

Neben Dodge spielen unter anderem Adam und Eva zentrale Rollen. Sie sind die ersten digitalen Seelen in der Bitworld, die kein vorheriges Leben im Meatspace hatten. Warum ist dieser Aspekt so wichtig?
In »Corvus« versuche ich, verschiedenen alten Mythen und Geschichten einen neuen Dreh zu geben. Am wichtigsten ist hier für mich John Miltons »Das verlorene Paradies«. In diesem epischen Gedicht schafft Gott Adam und Eva als neue Wesen – anders als die Engel und alle, die das Universum vorher bevölkert haben. Ähnlich ist es in meinem Roman. Eine der mächtigen Figuren in der Bitworld verzweifelt an all dem Gepäck, das die Seelen aus dem Meatspace mitbringen, und beschließt, ganz von vorn mit komplett neuen synthetischen Seelen zu starten. Aber das funktioniert nicht besser als für Gott in Miltons Epos.

Wenn Sie parallel die Geschichten in der Bitworld und im Meatspace erzählen, verbinden Sie sehr Unterschiedliches: Elemente des Alten Testaments, Computerspiele, Science-Fiction, Fantasy, eine mittelalterlich anmutende Quest – was hat Sie daran gereizt?
Zum einen geht es mir mit diesen unterschiedlichen Elementen um die Unterhaltung der Leserinnen und Leser. Aber auch noch um etwas anderes. Es geht mir darum, dass moderne Fantasy-Epen wie »Der Herr der Ringe« eine quasi-religiöse Bedeutung für viele Fans angenommen haben. Niemand glaubt, dass diese Geschichten im wörtlichen Sinn wahr sind. Aber sie können dieselbe Funktion im Leben von Menschen übernehmen wie Geschichten aus der Bibel oder aus alter Mythologie. Eine solche Geschichte ist dann auch mit der Quest in »Corvus« integriert.

Dabei spielt ein alter Freund von Dodge eine zentrale Rolle: Corvus. Er gibt Ihrem Roman den deutschen Titel – was bedeutet er?
Es ist ein Spiel mit Worten. Diese Romanfigur ist nach Corvallis in Oregon benannt, der Stadt, in der er geboren wurde. Sein Spitzname wird Corvus, das lateinische Wort für »Rabe«. Später im Roman spielt es dann eine Rolle, dass Erinnerungen und Eigenschaften einer Persönlichkeit nur unvollkommen vom Meatspace in die Bitworld übertragen werden: Die digitale Form von Corvallis alias Corvus ist die eines riesigen, sprechenden Raben. Und er passt wiederum zur Mythologie der Native Americans im Nordwesten der USA, in der ein Rabe ein intelligenter Betrüger ist.

Ihr Roman ist eine abwechslungsreiche, komplexe Geschichte über unsere reale und über eine mögliche digitale Welt. Was möchten Sie mit »Corvus« erreichen?

Natürlich möchte ich unterhalten. Ich würde aber auch sehr gern ein Nachdenken anstoßen: Darüber, wie alte Vorstellungen von Leben, Tod und dem Jenseits heute gesehen werden können – wenn man neue Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie berücksichtigt.


© Goldmann Verlag
Interview: Sabine Schmidt

Corvus

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