btb Selection - Ausgezeichnet. Ungewöhnlich. Erstklassig.

Eine neue Bühne für internationale literarische Stimmen und preisgekrönte Talente innerhalb des btb Taschenbuchprogramms. Es erscheinen ausschließlich deutsche Erstveröffentlichungen als hochwertig ausgestattete, großformatige Klappenbroschur. Literatur für Leser*innen, die ganz besondere Entdeckungen machen möchten.

Das Fluchholz

Ein Stück Holz erzählt seine Geschichte: Einst gehörte es zu einem alten Olivenbaum in Palästina, der dem Propheten Jeschua und seinen Freunden Schatten spendete, dann wird es zum Kreuz, an dem der Prophet endet. Und als der Direktor eines Wandertheaters einen Klotz mitnimmt und in seine Bühne verbaut, beginnt eine abenteuerliche Reise. Das Holz trifft auf den römischen Kaiser Nero, orthodoxe Mönche, den russischen Zaren, islamische Gelehrte, den Papst, Faschisten und Kommunisten, Erfinder und Terroristen – und verfolgt mit Ironie und Skepsis, was der Mensch durch die Jahrhunderte so treibt …

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Flauschig

Florence, Maisie, Stephan und Diek, alle sind mehr oder weniger unglücklich, im Grunde also ganz normal. Sie vermissen etwas, wissen jedoch nicht so genau, was, bis sie, jeder für sich, eines Tages auf einen kleinen flauschigen Ball stoßen: Fuzzie. Jeden Tag erzählt Fuzzie ihnen Geschichten, Geschichten über Liebe und Verlust, über Träume und Einsamkeit, Geschichten, in denen sich jeder wiederfindet. Sie hören ihrem kleinen Ball zu, sie tun, was er sagt. Sie lieben ihren kleinen flauschigen Ball, denn er kennt sie, ja, er scheint sie vollkommen zu verstehen, vielleicht sogar als Einziger …

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Fancy Red

»Fancy Red« ist ein Spiel mit Identität, Verwandlung und Bewegung. Fancy Red ist zugleich der Name des Diamanten, um den es in dem Roman geht – und eine Metapher für die Gegensätze, für die er steht: Reichtum und Armut, Glanz und Trübheit, Härte und Zerbrechlichkeit. Zwei Welten prallen aufeinander: die trostlose derer, die ihn betrachten, und die schillernde derer, die ihn besitzen. Wir folgen dem Diamanten durch die ganze Welt – jeder Ort und jede Stadt liefern dem Protagonisten Filippo ein neues Puzzleteil der Wahrheit, die er genauso verzweifelt zu finden versucht wie den Edelstein, der verschwunden ist, seit seine Frau Ludò eines Morgens ermordet neben ihm lag. Der Text ist aufgebaut wie ein Diamant, ein Oktaeder bestehend aus acht Dreiecken: acht Kapitel mit je drei Unterkapiteln. Mitreißend und kunstvoll wie ein Diamantschliff.

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Konstellationen - Die Sprache meines Körpers

Wie kann man die Geschichte des eigenen Körpers erzählen, in Gesundheit, Krankheit, Mutterschaft? Wie kann man diese Geschichte als Frau erzählen, noch dazu als Frau in Irland? Mit diesen mutigen und starken Texten tut Sinèad Gleeson genau das.

Das ganze Leben ist in diesem Buch: von der Geburt zur ersten Liebe, von Schwangerschaft zu Muttersein, bedrohlicher Krankheit, Alter und Tod. Sinéad Gleeson nimmt uns mit auf eine Reise, die zugleich sehr persönlich und zutiefst universell ist.

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Dinge, die das Herz höher schlagen lassen

In ihrem unbändigen Hunger nach Freiheit bricht Mia Kankimäki aus ihrem Leben aus und beginnt ein riesiges Abenteuer: Sie reist nach Kyōto, lässt sich einfangen von Tempeln, Kirschblüten, Kabuki-Theater, Zen-Meditation und Teezeremonien. Und von einer faszinierenden Frau, die ihr zur feinsinnigen und gewitzten Seelenschwester wird: Sei Shōnagon, der Hofdame, die vor mehr als 1000 Jahren am japanischen Kaiserhof Kaiserin Teishi diente, eine so selbstbewusste wie raffiniert-ironische Schriftstellerin war und deren »Kopfkissenbuch« heute zu den Klassikern der Weltliteratur gehört. Geleitet von den Spuren der Seelenverwandten entdeckt Mia Kankimäki die subversive Kraft, die in der Liebe liegt, Listen von Dingen zu erstellen, die charmant, delikat, nervig oder elegant sind – und die das Herz höher schlagen lassen...

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Der Anfang: Oktober

Damit fängt es an.
Ich bin meines Lebens überdrüssig. Ich langweile mich so sehr, dass ich sterbe. Ich langweile mich so sehr, dass ich sterben könnte, wenn ich es über mich brächte und die Kraft dazu hätte.
Ich bin mittelalt, männerlos und kinderlos. Ich lebe allein. Ich mache seit zehn Jahren dieselbe Arbeit.
Ich stehe morgens um 6.15 Uhr auf. Ich frühstücke, immer das Gleiche. Ich lese die Zeitung. Gehe unter die Dusche. Fahre zur Arbeit im Zentrum von Helsinki. Ich arbeite, sitze in Besprechungen. Ich nehme die Umstrukturierungen und die Unternehmensberater, die für mehr Effizienz sorgen sollen, von Jahr zu Jahr frustrierter zur Kenntnis. Ich fahre wieder nach Hause zurück. Ich sehe fern, zu viel. Ich gehe zum Yoga, manchmal. Aus Angst vor Kopfschmerzen vermeide ich es, Wein zu trinken. Ich gehe zeitig schlafen. Den größten Teil der Nacht liege ich wach.
Am nächsten Morgen stehe ich um 6.15 auf.
Ich sterbe vor Langeweile. Ich sterbe vor Beklemmung.
Ich sterbe, weil mich alles ankotzt. Ich muss mir etwas einfallen lassen.
Von einer Freundin ermuntert, lege ich eine Tafel der Träume an, obwohl ich den Verdacht habe, dass es Humbug ist. Ich nehme ein Stück Pappe, das im Ikebana-Kurs übriggeblieben ist, und klebe gelbe Post-it-Zettel darauf, auf die ich Dinge schreibe, die ich will. Ein Auto, das funktioniert.
Eine Safari. Einen Mann (eventuell). Irgendein inspirierendes Projekt. Einen Grund, für einige Zeit in Japan zu leben.
Es ist überraschend schwer, sich Dinge auszudenken,die man will, wenn man seines Lebens überdrüssig ist. Das Ganze kommt mir immerhin idiotisch genug vor, dass ich die Tafel jedes Mal verstecke, wenn jemand zu Besuch kommt. Was nicht sehr oft der Fall ist.

Damit fängt es an.
An meinem Arbeitsplatz werden Verhandlungen über Stellenabbau angekündigt. Oder nein, es wird irgendwie anders ausgedrückt: Es wird davon gesprochen, dass man sich für die Zukunft präparieren, das Kerngeschäft stärken wolle. Das Resultat ist jedenfalls das gleiche: Fünfundzwanzig Menschen müssen gehen. Ich bin keine von ihnen, aber mein Arbeitsplatz ist nicht mehr der alte. Ich will hier nicht mehr sein. Ich beschließe zu gehen. Obwohl ich überhaupt nicht weiß, wohin, fühle ich mich sofort leichter.

Vor mehr als zehn Jahren fing ich an, Gedanken mit der japanischen Hofdame Sei Shōnagon, die im 10. Jahrhundert gelebt hat, auszutauschen. Ich las ihr Werk Makura no Sōshi, also Das Kopfkissenbuch, in einem Kurs über japanische Literatur an der Universität und verliebte mich sofort. (Also gut: Ich habe es nicht ganz gelesen, weil es stellenweise ziemlich schwer zu verstehen ist, aber ich vertiefte mich in ausgewählte Passagen der englischen Übersetzung.) Im Lauf der Jahre ließ ich mich dazu inspirieren, auf der Grundlage von Seis berühmten Listen mal dieses und mal jenes zu planen, manchmal mit mehr, oft mit weniger Erfolg. Einmal schickte ich ein zehnseitiges Manuskript an eine meiner Kolleginnen, die Lektorin war. Ihr Kommentar lautete: »Ganz spannend, aber was ist das?« Ich wusste es nicht.
Ach Sei, dich (mich) versteht man auch im 21. Jahrhundert noch nicht.
Ich komme auf die Idee, Jobsharing zu machen und mich für ein Jahr freistellen zu lassen. Ich komme auf die Idee, nach Japan zu gehen, um mich mit Sei Shōnagon zu beschäftigen, über sie und über mich zu schreiben, und was das Aberwitzigste ist, ich fange an, nach diesem vorerst fiktiven Dokumentationsprojekt zu leben. Ich habe keine Ahnung, ob die Möglichkeit besteht, mich für ein Jahr freistellen zu lassen, oder wovon ich leben soll, falls es gelingt.
Ganz zu schweigen davon, ob ich ein Buch schreiben könnte, auch wenn ich jahrelang mit den Texten anderer gearbeitet habe.

Ich schlage das Notizbuch auf, das ich ein Jahr zuvor in Tokio gekauft habe und dessen Umschlag ein kleines wütendes Mädchen von Yoshitomo Naran zeigt. Dann schreibe ich – sicherheitshalber in Barbiesprache – die ersten Sätze:

Die da würde jetzt ein Jahr freinehmen. Sie würde nach Japan gehen und sich mit Sei Shōnagon beschäftigen. Sie würde irgendeine irre Geldsendung bekommen und davon das ganze Jahr leben. Danach würde sie, wer weiß wohin, reisen. Sie hätte ein tolles und spannendes Jahr, über das sie ein Buch schreiben würde. Dann wäre sie bis zum Ende ihres Lebens glücklich und würde sich überlegen, was für fantastische Sachen sie als Nächstes machen würde.

Es ist der 5.10.2009, ich bin 38 Jahre alt. Damit fängt es an. Ich weiß es.

In der Nacht schlafe ich seit Langem einmal gut und sehe im Traum mein neues Leben vor mir. Mit meiner Kampfesgenossin Ulla entdecke ich in der Granitburg, in der sich mein Arbeitsplatz befindet, einen neuen Flügel. Er besteht aus einem großen, fabrikhallenartigen Saal mit wandgroßen Fenstern, durch die man auf paradiesische Wiesen sieht, die bis zum Horizont reichen. Wildpferde weiden darauf.
So kann das Leben sein, denke ich.


[Sei Shōnagon schreibt]
Was angenehm ist
Wenn man einen großen Haufen Geschichten findet, die man noch nicht gelesen hat. Oder wenn man den zweiten Teil einer Geschichte in die Hände bekommt, deren erster Teil einem gefallen hat. Aber oft erweist sie sich als Enttäuschung. Jemand hat einen Brief zerrissen und weggeworfen. Beim Einsammeln der Teile merkt man, dass man viele davon wieder zusammenfügen kann.
Ich freue mich sehr, wenn ich Michinoku-Papier in die Hände bekomme, oder weißes, verziertes Papier, oder auch ganz gewöhnliches Papier, wenn es schön und weiß ist.

Dinge, die ich über Sei Shōnagon weiß:
Ich weiß, dass Sei Shōnagon (ca. 966–1017) eine japanische Hofdame war, die vor tausend Jahren in der Heian-Zeit am Hof diente. Sie schrieb ein Buch namens Makura no Sōshi, in dem sie in tagebuchartigem Stil Anmerkungen zum Leben am Hof macht. Das Werk ist eine Sammlung von Listen, Gerüchten, Gedichten, ästhetischen Bewertungen und vermischten Beobachtungen, unter anderem über zwischenmenschliche Beziehungen und über die Natur – über alles, was die Verfasserin der Niederschrift wert fand. Ihr Stil bildet den Anfang einer Literaturgattung, die man Zuihitsu nennt (wörtlich »dem Pinsel folgend«), und in diesem Stil setzt sich das Buch aus den zufälligen, persönlichen Gedanken der Verfasserin zusammen. Über Sei Shōnagons Leben weiß man nicht viel mehr, als das, was sich aus ihren Texten schließen lässt, aber zur gleichen Zeit waren am Hof von Heian-kyō, dem heutigen Kyōto, auch viele andere schreibende Frauen tätig. So ist zum Beispiel das Buch Die Geschichte vom Prinzen Genji von Sei Shōnagons Konkurrentin Murasaki Shikibu als erster Roman der Welt in die Geschichte eingegangen und gilt immer noch als wichtigstes Werk der japanischen Literatur.
Ich weiß, dass Makura no Shōshi in der Übersetzung von Ivan Morris unter dem Titel The Pillow Book of Sei Shōnagon auf Englisch erschienen ist, denn diese Version habe ich mir, inspiriert von einem Kurs über japanische Literatur, im Dezember 1995 für mein Bücherregal angeschafft.
Das Buch kennt hier so gut wie niemand, weil es nicht ins Finnische übersetzt worden ist, und man nennt es einfach das Kopfkissenbuch.

Sei, ich habe im Hinblick auf dich zwei undeutliche Gedanken.
Erstens: Viele deiner vor tausend Jahren gemachten Anmerkungen sind mir erstaunlich nah und kommen mir so aktuell vor, als würdest du speziell zu mir sprechen. Zweitens: Die Gattung Zuihitsu erscheint mir irgendwie sehr modern und in ihrem persönlichen und fragmentarischen Charakter fast wie eine Vorfahrin des Blogs.
Ich weiß, dass ich dich, den Gedanken an dich, fast fünfzehn Jahre mit mir herumgetragen habe. Ich habe dich als Geheimnis gehütet, als Quelle meiner Inspiration, die mir aus der Vergangenheit von Jahrhunderten heraus im Beruf wie in der Freizeit beim Verfassen von Texten mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat. Inspiriert von dir habe ich ein Manuskript für die Schublade geschrieben.
Inspiriert von deinen Listen habe ich Bücher zum Ausfüllen erfunden, denn es ist erstaunlich, wie viel interessante Erkenntnisse über die Persönlichkeit eines Menschen in Listen verdichtet werden können. Ich habe (für irgendein anderes Leben) eine kunsthandwerkliche Postit- Zettel-Ausstellung auf der Grundlage deiner Schriften geplant.

Schon immer habe ich gewusst, dass ich eines Tages für dich Verwendung finden werde, und da nun der Augenblick gekommen ist, erscheint es mir ganz selbstverständlich, für ein Jahr wegzugehen, um nach dir zu suchen und darüber zu schreiben. Ich stelle mir vor, in dein Heimatland Japan zu reisen, mich in die unpraktischen Gewänder der Heian-Zeit zu kleiden, mein Gesicht weiß anzumalen, in der Winterkälte Gedichte im Mondlicht zu schreiben, dich und mich zu finden.
Ich denke, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, zu dem du sprichst. Ich bilde mir ein, erwählt zu sein, etwas zu sehen, was die anderen nicht sehen. Ich glaube, dass nur ich eine Verbindung zu dir habe, eine mindestens mystische, und dass darum nur ich etwas von dir verstehen kann, was niemand sonst je verstanden hat.

Dieses spärliche und falsche Wissen schreibe ich ohne die geringste Hemmung in einen Antrag auf ein Stipendium, das mir das Verfassen eines Sachbuchs ermöglichen soll, den ich an zahlreiche Institutionen schicke.
Später wird sich herausstellen, dass ich an diesem Nachmittag im Oktober gar nichts weiß.

Mia Kankimäki
© Tommi Tuomi /Otava Publishing Company

Mia Kankimäki

Mia Kankimäki, 1971 in Helsinki geboren, hat an der Universität Helsinki allgemeine Literatur studiert. Bis zu ihrer Reise auf Sei Shōnagons Spuren hat sie in verschiedenen Verlagen gearbeitet. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit der japanischen Kultur und hat an der Sogetsu-Ikeban-Schule in Tokio die Kunst gelernt, »aus wenigen Blumen und Zweigen ein kunstvolles Arrangement entstehen zu lassen, das durch Schlichtheit und Klarheit besticht«.

Interview mit Mia Kankimäki

Liebe Mia, worum geht es in deinem Buch »Dinge, die das Herz höher schlagen lassen«?

Vor ein paar Jahren war ich in folgender Situation: Ich war 38 Jahre alt, hatte keinen Mann und keine Kinder, ich hatte seit 10 Jahren im selben Job in einem Verlag gearbeitet und war gelangweilt von meinem Leben. Ich brauchte unbedingt irgendwas Neues in meinem Leben, und einer meiner Träume war, mal längere Zeit in Japan zu leben. Plötzlich hatte ich diese verrückte Idee: Ich nehme mir eine Auszeit vom Job, vermiete meine Wohnung, reise nach Kyōto und versuche, mehr über Sei Shōnagon herauszufinden, eine Hofdame und Schriftstellerin, die vor 1000 Jahren gelebt hatte, und deren Buch »Kopfkissenbuch« ich liebte. Ich konnte zwar kein Japanisch und kannte auch niemanden in Kyōto, aber zu meiner eigenen Überraschung habe ich es durchgezogen.
In einem unerträglich heißen September kam ich in Kyōto an. In meiner WG wohnten jede Menge Kakerlaken, und ich hatte Mitbewohner*innen aus ganz Europa. Ich habe mich einfach komplett in Kyōto verliebt, in seine Schönheit und sein Wunder. Nach und nach habe ich dann auch versucht, Antworten darauf zu finden, wer Sei Shōnagon war, wie ihr Leben am Hof der Heian-Zeit in Kyōto aussah, und wovon ihr Buch wirklich handelt. Ich habe versucht, mich so gut wie möglich in sie hineinzuversetzen – ich wollte sehen, was für Gemeinsamkeiten eine Frau im 21. Jahrhundert mit einer japanischen Hofdame haben könnte. Ich habe mir den kaiserlichen Palast angeschaut, habe Sutras im Mossgarten nachgeahmt, habe versucht, Gedichte im Mondschein zu schreiben. Zum Schluss habe ich einen 12-lagigen Kimono der Heian-Periode anprobiert (der 18 Kilo gewogen hat) und versucht, mir Gedanken zu machen, wie mein Leben nach diesem einen Jahr der Freiheit weitergehen sollte.
Meine Reise habe ich dann in meinem Buch beschrieben, das etwas zwischen Reisetagebuch und einer Erzählung von Sei Shōnagons Geschichte ist – und natürlich sind Listen ein wichtiger Teil: Seis und meine eigenen. Einige unerwartet Dinge sind während meiner Reise passiert: im März 2011 musste ich vor der Fukushima-Katastrophe durch den Tsunami nach Thailand fliehen. Für meine Recherche bin ich auch nach London gereist und alles aufgeschrieben habe ich in der Normandie.

Wie bist du eigentlich auf Sei Shōnagon gestoßen?

Ich bin Sei Shōnagon das erste Mal in der 1990er Jahren begegnet, als ich Vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität von Helsinki studiert habe und einige Kurse in Japanischer Kulturgeschichte belegt habe. In einem dieser Kurse über Japanische Literatur haben wir das »Kopfkissenbuch« von Sei Shōnagon auf Englisch gelesen, und ich war sofort hellauf begeistert. Jahrelang habe ich mit dem Gedanken gespielt, wie wunderbar es wäre, etwas über sie oder mit ihr zu machen – und 15 Jahre später habe ich es dann wirklich getan.

Was fasziniert dich am meisten an Sei und an Japan?

Als ich das »Kopfkissenbuch« zum ersten Mal las, war ich beeindruckt, wie modern sich Sei Shōnagons Text anfühlte. Ich bewundere ihren Witz, ihr Selbstbewusstsein, ihren Humor und ihre Offenheit und Direktheit. Die Art, wie sie über das Leben am Hof, menschliche Beziehungen, Liebesaffären und die Natur schreibt, ist so erfrischend und scharfsichtig, dass das alles auch heute so geschrieben werden könnte. Es ist erstaunlich, wie manche Gefühle und Dinge im Leben einer Frau sich überhaupt nicht verändert haben. Und natürlich ist sie berühmt für ihre Listen – sie führte Listen über bezaubernde Dinge, ärgerliche Dinge, elegante Dinge, Dinge, die das Herz höher schlagen lassen.
Ich war auch fasziniert von der Hofkultur der Heian-Zeit im Allgemeinen. Sie hat sich ganz der Schönheit und Poesie gewidmet, und es ist bemerkenswert, dass die berühmtesten Schreibenden dieser Zeit alle Frauen waren. Das bedeutet, dass die größten Klassiker der japanischen Literatur von Frauen geschrieben wurden, was weltweit einzigartig ist. Die Werke der Hofdamen wie Sei Shōnagon und Murasaki Shikibu liefern einen sehr seltenen Zugang zu der Gedankenwelt der Frauen vor 1000 Jahren, und das finde ich extrem inspirierend.
Und Japan: Für mich ist die japanische Kultur eine unerschöpfliche Quelle der Faszination, zu der ich immer wieder zurückkehre und mehr darüber wissen möchte. Ich liebe die japanische Ästhetik und all ihre Formen der traditionellen Kultur – Ikebana, Kabuki und Nō Theater, die Temple und Gärten, die Holzarchitektur – und auch der frappierende Widerspruch zwischen ultramodern und traditionell, den man in den großen Städten findet. Selbstverständlich liebe ich auch das Essen sehr, es ist ein Vergnügen für alle Sinne.

Was ist das wichtigste, was du von Sei gelernt hast?

Ich glaube, es ist ihre generelle Haltung zum Leben, die ich so schätze: ihr sprühender Witz und ihre Freude, ihr Humor, die Art und Weise, in der sie mühelos Tiefgründiges und Leichtes in ihrem Schreiben vereint. Und am wichtigsten: ihre Fähigkeit, Bedeutung und Schönheit in den kleinsten Dingen zu sehen.
Auf einer praktischen Ebene habe ich von ihr auch viel über das Schreiben an sich gelernt. Das »Kopfkissenbuch« besteht aus vielen verschiedenen Elementen – Listen, Essays, tagebuch-ähnlichen Auszügen – und all diese Elemente habe ich auch in mein Buch aufgenommen.

Ist Sei noch immer deine Wegbegleiterin?

Ja, ist sie. Es ist nicht so, dass ich jeden Tag an sie denke – Ich habe nach diesem Buch noch ein weiteres veröffentlicht und schreibe gerade an meinem dritten, also muss ich auch an ein paar andere Dinge denken, aber ich bin ihr jeden Tag dafür dankbar, dass sie mich dahin gebracht hat, wo ich heute bin. Sie war mein Ticket zu einem neuen Leben. Ohne sie wäre ich nie dazu in der Lage gewesen, ein Buch zu schreiben, hätte mich nie getraut, mein Leben zu ändern und in den Nebel zu treten. Ich habe das Gefühl, sie treibt mich immer noch voran – wer weiß, wohin noch.

Inwiefern hat die Reise nach Japan dein Leben verändert?

Es hat mein Leben von Grund auf verändert. Ich bin nicht mehr in meinen alten Verlagsjob zurückgekehrt, ich habe meine Wohnung verkauft, um mich voll und ganz dem Schreiben zu widmen und weiter zu reisen und inspirierende Frauen der Geschichte zu recherchieren. Es hat drei Jahre gedauert, dieses Buch zu schreiben, dann habe ich gleich mit dem nächsten begonnen, The Women I Think About At Night (erscheint auch bei btb), was mich nach Tansania, Kenia, Italien und Japan geführt hat, auf den Spuren von historischen Entdeckerinnen und Künstlerinnen. Japan und vor allem Kyōto bleiben die große Liebe meines Lebens, und ich habe seitdem viel Zeit dort verbracht mit Schreiben und Recherchieren. Ich bin allerdings keine richtige Nomadin, denn nach ein paar Jahren Leben aus dem Koffer, habe ich jetzt wieder eine Wohnung in Helsinki.

Was ist deine persönliche Liste der 5 Dinge, die dein Herz höher schlagen lassen?

Reisen. Nach Kyōto, Tokio, Rom, Berlin, die ostafrikanische Savanne und auf die kleine Insel meiner Familie im Seeendistrikt von Finnland.
Für ein Buch recherchieren und unerwartete, aufregende Dinge entdecken.
Grüner Tee von hoher Qualität und andere Geheimnisse der japanischen Kultur.
Freunde, Familie, meine Nichten.
Kunst und Bücher.

Und hast du zum Schluss noch eine Botschaft für deine deutschen Leser*innen?

Ich bin so glücklich und fühle mich geehrt, das der btb Verlag mein Buch veröffentlicht. Deutschland hat einen besonderen Platz in meinem Herzen – ich habe von 1980-1990 die Deutsche Schule in Helsinki besucht und bin seit meiner Kindheit mehrere Male in Deutschland gewesen: drei Monate in München als ich zwei Jahre alt war (wegen des Sprachkurses meines Vaters), als Austauschschülerin in Kiel als ich 11 Jahre alt war (99 Luftballons und BRAVO waren damals groß), auf Klassenfahrt in Berlin und München als ich 17 war (das war im Mai 1989, die Mauer war noch da). Später bin ich noch oft in Berlin gewesen, und vor ein paar Jahren habe ich vier Monate als Stipendiatin im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf verbracht. Leider ist mein Deutsch ziemlich eingerostet, aber ich verstehe es gut. Hoffentlich kann ich es in den nächsten Jahren auffrischen!

Das Lied der Kämpferin

In einer nicht allzu fernen Zukunft ist die Erde ein düsterer Ort, heimgesucht von mörderischen Kriegen, zerstört von den Menschen selbst und gewaltigen Naturkatastrophen. Einigen wenigen ist es gelungen, sich auf eine Raumstation zu retten, um von hier aus die letzten Reserven der Erde zu Plündern. Herrscher dieser neuen, trostlosen Welt ist ein ebenso tyrannischer wie blutrünstiger Sektenführer. Doch eine Gruppe junger Rebellen lehnt sich auf gegen das eiserne Regime, angespornt von der charismatischen Mädchen-Kriegerin Joan, die über ganz eigene Kräfte verfügt und deren Geschichte das Schicksal zukünftiger Generationen bestimmen wird.

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99 Nächte in Logar

Logar, Afghanistan, im Jahr 2005: Der 12-jährige Marwand kehrt mit seiner Familie für einen Sommer aus den USA in seine Heimat zurück. Doch wie "Heimat" fühlt sich das Dorf ohne McDonald's, dafür mit merkwürdigen Bräuchen und noch merkwürdigerer Sprache, überhaupt nicht an. Und dann beißt ihm gleich am ersten Tag Budabasch, der dreibeinige Wachhund des Dorfes, eine Fingerspitze ab und verschwindet in den Weiten des Hindukuschs. Für Marwand und seine Freunde beginnt eine abenteuerliche Jagd durch ein kriegsversehrtes Land. Eine wilde und märchenhafte Suche in 99 Nächten nach dem eigenen Platz zwischen den Kulturen.

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Elmet - Eine schmerzhaft schöne Familiengeschichte

John Smythe ist mit seinen Kindern Cathy und Daniel aufs Land gezogen, nach Yorkshire, in die Wälder von Elmet. Dort hegen die drei den Traum von einem anderen, friedvollen Leben. Sie wohnen in einem Häuschen, das sie eigenhändig erbaut haben, mitten in der Natur, nicht weit von der Eisenbahnlinie Edinburgh-London entfernt. Nur manchmal muss der Vater fort zu illegalen Faustkämpfen. In diesen Zeiten, in denen es immer weniger Arbeit gibt im Norden Englands, der einzige Weg, um die Familie über Wasser zu halten. Doch dann steht eines Tages ein Mann vor der Tür, der behauptet, dass alles ihm gehört - der Wald, der Grund und Boden, das Häuschen, in dem sie leben. Ihn kümmert der Wald eigentlich nicht, er bewirtschaftet ihn nicht. Aber er pocht auf sein Recht.

Erscheint am 9. November 2020

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Untertauchen - Die literarische Sensation aus England!

Sechzehn Jahre ist es her, dass sie ihre Mutter zuletzt gesehen hat. Die Hälfte ihres Lebens hat sie versucht, ihre Kindheit zu vergessen - die Zeit auf dem Fluss, auf einem Hausboot, frei und ungebunden. Die Jahre danach, als ihre Mutter plötzlich weg war und sie bei Pflegeeltern unterkam. Gretel hat nicht aufgegeben, bei Kliniken, Leichenhäusern und Polizeistationen nachgefragt. Dann bringt ein Anruf die beiden wieder zusammen. Doch die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Während das Erinnerungsvermögen der Mutter zusehends schwindet, will die Tochter endlich verstehen. Warum wurde sie im Stich gelassen? Was ist damals geschehen, in jenem letzten Winter auf dem Fluss?

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