Zwischen Welten

Der neue große Roman von Bestsellerautorin Juli Zeh und Simon Urban

Zwanzig Jahre sind vergangen: Als sich Stefan und Theresa zufällig in Hamburg über den Weg laufen, endet ihr erstes Wiedersehen in einem Desaster. Zu Studienzeiten waren sie wie eine Familie füreinander, heute sind kaum noch Gemeinsamkeiten übrig.

Stefan hat Karriere bei Deutschlands größter Wochenzeitung BOTE gemacht, Theresa den Bauernhof ihres Vaters in Brandenburg übernommen. Aus den unterschiedlichen Lebensentwürfen sind gegensätzliche Haltungen geworden. Stefan versucht bei seiner Zeitung, durch engagierte journalistische Projekte den Klimawandel zu bekämpfen. Theresa steht mit ihrem Bio-Milchhof vor Herausforderungen, die sie an den Rand ihrer Kraft bringen.

Die beiden beschließen, noch einmal von vorne anzufangen. In einem offenen und sehr emotionalen Austausch per E-Mail und WhatsApp wollen sie einander ganz neu kennenlernen und sich gegenseitig aus ihren Welten erzählen – aus dem Leben im Elfenbeinturm der Hamburger Kultur-Elite und aus der erdverbundenen brandenburgischen Agrar-Existenz. Steckt hinter der alten Freundschaft vielleicht sogar eine verhinderte Liebe? Doch während Stefan und Theresa einander näher kommen, geraten sie immer wieder in einen hitzigen Schlagabtausch um polarisierte Fragen wie Klimapolitik, Gendersprache und Rassismusvorwürfe. So sehr sie sich bemühen, die Politik aus ihrer Freundschaft herauszuhalten – es ist, als liefen die Gräben einer gespaltenen Nation mitten durch ihre Beziehung. Ist heute wirklich jeder und jede gezwungen, eine Seite zu wählen? Gibt es noch Gemeinsamkeiten zwischen den Welten? Können Freundschaft und Liebe die Kluft überbrücken, oder sind es gerade enttäuschte Gefühle, die die Konflikte so unüberwindbar machen?

Als sich am Ende Theresas und Stefans Wege auf völlig unerwartete Weise kreuzen, müssen beide erkennen, dass sie im Begriff stehen, etwas Entscheidendes zu verlieren: die Freiheit, selbst zu bestimmen, wer man ist.

»Wie nah unsere Leben einander mal waren, und wie Lichtjahre weit entfernt sie nun voneinander sind.«

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Teil I
5. Januar bis 18. Mai


Mittwoch, 5. Januar
09:31 Uhr, Stefan per WhatsApp: Die heftigsten Kopfschmerzen meines Lebens … Nicht mal nach Silvester war es so schlimm. Und gleich ist Redaktionskonferenz. Sprichst du noch mit mir?

09:45 Uhr, Stefan per WhatsApp:
Theresa? Lebst du noch? Hast du dein Telefon vor Wut in die Außenalster geworfen, und ich schreibe gerade an einen Schwan?

09:55 Uhr, Stefan per WhatsApp: Muss jetzt in die Konferenz, den nächsten Kulturteil durchplanen. Kann aber unterm Tisch aufs Handy gucken. Bitte schreib mir. Wenigstens kurz! Ob alles in Ordnung ist.

17:22 Uhr, Stefan per E-Mail:

Hallo Theresa!
Trotz meines WhatsApp-Terrors von heute Morgen keine Nachricht von dir. Das kann man konsequent nennen. Oder sadistisch. Diese Seite an dir ist neu. Aber ich habe ja gestern Abend viel Neues entdeckt. An dir und an mir. Ich verstehe, dass du mich mit deinem Schweigen quälen willst. Nichts anderes habe ich verdient. Aber das, was gestern passiert ist, ging nicht nur von mir aus. Du warst genauso daran beteiligt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das anders siehst.
Den ganzen Tag habe ich aufs Handy gestarrt wie ein Teenager, der darauf wartet, dass die erste große Liebe ihm endlich auf sein Herzchen-Emoji antwortet. Dazu diese grausamen Kopfschmerzen. Drei Novalgin, keine Wirkung.
Außerdem ist gestern ein wichtiges Projekt gescheitert, für das ich mich in der Redaktion ziemlich starkgemacht hatte.
Vermutlich war ich auch deshalb so aggressiv. Wäre unser Abend anders verlaufen, hätte ich dir wahrscheinlich stundenlang davon erzählt.
Antwortest du mir in diesem Leben überhaupt noch mal? Sei gnädig, Sadistin. Ich warte.
Dein hundemüder Stefan

18:11 Uhr, Theresa per E-Mail:

Mann, Stefan, du klingst wie der Waschlappen, als den ich dich gestern beschimpft habe. Falls ich das wirklich getan habe. Ehrlich gesagt, ich erinnere mich schlecht. Haben wir früher auch so viel gesoffen? In Münster? Am Bodensee?
Jedenfalls haben wir uns früher nicht so angeschrien. Ich schreie überhaupt selten. Was du mir jetzt wahrscheinlich nicht glauben wirst.
Ein paar Stunden keine Antwort auf WhatsApp, und du glaubst an Sadismus. Wenn es vier Wochen nicht regnet, hältst du das vermutlich für eine Strafe der Götter, für dich ganz persönlich. Wahrscheinlich bist du auch sonst der Dreh- und Angelpunkt des Universums. Wobei es euch Städtern eher egal ist, ob es regnet oder nicht. Ihr merkt das gar nicht.
Ich glaube, ich fange schon wieder an, dich zu beleidigen. Eigentlich wollte ich dich fragen, ob wir noch einmal von vorn anfangen wollen. Ich hatte mich so gefreut, dich wiederzutreffen. Nach fast zwanzig Jahren! Wie ein unverhofftes Neujahrsgeschenk. Und dann dieser unfassbare Zufall! Es kommt höchstens zwei oder drei Mal im Jahr vor, dass ich in den Westen fahre, um irgendeinen alten Herrn oder eine Dame zu besuchen, die bei uns in der Gegend noch Land besitzen und vielleicht verpachten oder verkaufen wollen. Zufällig war das dieses Mal in Hamburg. Zufällig wollte Herr Kröcher sich gleich Anfang des Jahres treffen – und da stehst du plötzlich in der U-Bahn vor mir und breitest die Arme aus. Wenn das kein Schicksal war. Danach ist das Ganze allerdings ziemlich aus dem Ruder gelaufen.
Herrn Kröcher muss ich dann wohl ein andermal besuchen. Wie du vielleicht weißt, geht der erste Zug von Hamburg nach Berlin um halb fünf. Ich bin also seit vier Uhr auf den Beinen, nachdem ich zwei Stunden in der Lobby des Ibis-Hotels vor mich hin gedöst hatte. Der Nachtportier hatte mich reingelassen, andernfalls wäre ich wahrscheinlich erfroren.
In Berlin musste ich dann noch eine Stunde auf den Regionalbahnanschluss warten, dann weiter mit dem Auto von Plausitz nach Schütte. Seit neun bin ich auf der Arbeit, das Ganze bei Minusgraden. Deine Kopfschmerzen in allen Ehren, aber du kannst ja mal versuchen, dir vorzustellen, wie es mir geht.
Wenigstens ist mir jetzt wieder warm. Es ist wesentlich angenehmer, am Rechner zu sitzen und dir zu schreiben, als dir auf der hartgefrorenen Wiese an der Außenalster gegenüberzustehen, während du irgendwelche absurden Dinge behauptest. Wir sind ja gestern vor lauter Streiten nicht einmal dazu gekommen, uns in groben Zügen zu erzählen, was wir so tun und wie es uns so geht. Wie zum Teufel sind wir auf die fürchterliche Idee verfallen, uns bei diesen Temperaturen im Freien zu betrinken? Ein Wunder, wenn keiner von uns eine Lungenentzündung bekommt.
Lass es uns besser machen, per E-Mail. Wenn ich zwischendurch etwas Zeit finde, schreibe ich dir gern, was bei mir passiert. Und ich würde mich freuen, wenn du auch ein bisschen aus deinem Leben berichtest. Von außen betrachtet sind wir zwei ein ziemlicher Komödienstoff: du der Topjournalist aus Hamburg, ich die Milchbäuerin aus der brandenburgischen Provinz. Könnte eine ganz lustige Story werden.
Theresa

19:33 Uhr, Stefan per WhatsApp: Von vorn anfangen finde ich super. Ich lege einfach mal los. Name – Stefan Jordan. Alter – 46 Jahre. Beruf – Kulturchef bei der Hamburger Wochenzeitung Bote. Beziehungsstatus – ledig und Single. Kinder – keine, von denen ich weiß. Tiere – heute einen Kater.
Ist das ein Match?

19:43 Uhr, Theresa per WhatsApp: Keine Ahnung, frag den Algorithmus. Ich mach mal weiter. Name: Theresa Kallis. Alter: 43. Beruf: Vorstand der Kuh & Co. Schütte e. G. Glücklich verheiratet, zwei tolle Kinder, Jonas und Phil, acht und zehn.

19:52 Uhr, Stefan per WhatsApp: Du bist »Vorstand« von Beruf? Nicht vielleicht eher Vorständin? Oder Vorstandsvorsitzende? Angehörige des Vorstands?

20:01 Uhr, Theresa per WhatsApp: Nein, Stevie, du hast schon richtig gelesen, ich bin der Vorstand. Le Vorstand, c’est moi. Bei eingetragenen Genossenschaften mit weniger als zwanzig Mitgliedern genügt eine einzelne Person. Und ich hoffe sehr, dass du mir jetzt nicht wieder mit deinem Gender-Thema kommst, sonst können wir auch gleich zurück an die Außenalster und uns anschreien.

20:20 Uhr, Stefan per WhatsApp: Ruhig Blut, war nur eine Verständnisfrage. Mein Bedarf an Geschrei ist bis Mitte des Jahrhunderts gedeckt.

20:22 Uhr, Theresa per WhatsApp:
Du schuldest mir übrigens Geld.

20:29 Uhr, Stefan per WhatsApp:
Dann ist mein Filmriss deutlich schlimmer, als ich dachte. Hab ich dir das Portemonnaie geklaut? Oder dich angeschnorrt? Oder war dein ganzes Gezeter gestern Abend in Wahrheit eine Stand-up-Performance und ich muss dafür nachträglich Eintritt zahlen? Das kannst du vergessen.

20:31 Uhr, Theresa per WhatsApp:
Du hast mit einer Idee von mir Karriere gemacht, und ich verlange eine Dividende von zehn Prozent auf alle deine Gehälter seit dem Jahr 2005. Da ist Heftig zum ersten Mal erschienen, wenn ich nicht irre.

20:40 Uhr, Stefan per WhatsApp
: Du irrst keineswegs, und dein Selbstbewusstsein hat unter dem Landleben offenbar nicht gelitten. Das war nicht deine Idee, meine Schöne, sondern bestenfalls unsere Idee, oder, noch besser gesagt: Du hattest die Ehre, dabei zu sein, als mich der göttliche Funke traf.

20:44 Uhr, Theresa per WhatsApp:
Mal im Ernst: Ich finde es großartig, dass du die Idee wahr gemacht hast. Ich glaube, wir haben damals am WG-Küchentisch jede Woche eine Man-müsste-mal-Idee produziert. Man müsste mal einen Duschkopf mit integrierter Shampoo-Düse erfinden. Oder ein Kondom mit Füllstandsanzeige. Oder man müsste mal ein Magazin rausbringen, das mit dem Zeitgeist Schritt hält. Echte Jugendkultur. Intellektuelles Trendsetting für unsere Generation. Und du gehst hin und machst das tatsächlich. Das ist echt Heftig. War der Name nicht auch von mir?

20:48 Uhr, Stefan per WhatsApp:
Hm, ja, könnte sein. Und du hast Recht: Das Heftig-Magazin ist wirklich zum Sprungbrett für meine Karriere geworden. Die Reputation hält sich, obwohl der Bote das Ding vor ein paar Jahren eingestellt hat. Trotzdem wäre ich ohne Heftig bestimmt nicht Kulturchef geworden. Nur das ganze Geld habe ich verprasst, fürchte ich.

21:01 Uhr, Theresa per WhatsApp:
Keine Sorge. Wenn mir Geld wichtig wäre, hätte ich keinen Bauernhof.

21:13 Uhr, Stefan per WhatsApp:
Das leuchtet ein.

21:20 Uhr, Theresa per WhatsApp: Ich muss Schluss machen. Basti ist schon genervt, weil ich die ganze Zeit auf dem Handy tippe. Vielleicht hören wir uns morgen.

Donnerstag, 6. Januar
18:33 Uhr, Stefan per E-Mail:
Hey Theresa,
ich finde es wirklich schön, dass wir uns schreiben. Eigentlich ist es ein Skandal, dass wir uns für so lange Zeit aus den Augen verloren haben. Dein Verschwinden hat mich damals ziemlich getroffen. Natürlich wusste ich von deinen Eltern, und dass du plötzlich einen Bauernhof führen musstest oder wolltest, aber verstanden habe ich das nicht. Und du hast nie versucht, es mir zu erklären. Vielleicht holst du das bei Gelegenheit einmal nach.
Nach unserem kleinen WhatsApp-Austausch habe ich lange am Fenster gesessen, über die Dächer des Schanzenviertels geschaut und an früher gedacht. Wir beide in Münster. Wie wir uns im Erzähltheorie-Seminar von Dr. Renate »Reni« Werner kennengelernt haben. Du kamst rein mit deinen sensationellen blonden Locken, die du an dem Tag offen getragen hast (das war wirklich umwerfend), und ich hatte den Eindruck, dass dich alle anstarrten.
Wenn mir in diesem Moment jemand gesagt hätte, dass du ein paar Wochen später bei mir einziehst (okay, du brauchtest dringend ein Zimmer, und ich hatte eins übrig) wäre ich vermutlich umgefallen. Ich konnte mein Glück kaum fassen – die hübscheste Erstsemester-Studentin der gesamten WWU saß plötzlich bei mir am Küchentisch, ohne dass ich mehr vorweisen musste als einen Mietvertrag über Zwei-Zimmer-Küche-Bad. Auch wenn dann tatsächlich eine WG und kein Liebespaar aus uns geworden ist, habe ich es immer als Geschenk betrachtet, mit dir zusammenwohnen zu dürfen. Überhaupt, diese absurde Wohnung! Teppich auf dem Klo. Der andauernd betrunkene Hausmeister Haverkamp. Jahrelang das Gerüst vor einem Fenster, mit Bauarbeitern darauf, die mir beim Martin-Walser-Lesen zuschauten. Irgendwann später habe ich auf einer Party von unserer WG erzählt … Wie wir zusammengelebt haben, platonisch, auf engstem Raum. Dass mein Zimmer hinter dem Bad lag, so dass ich nicht rein oder rauskonnte, wenn du unter der Dusche warst. Man hat mir das nicht geglaubt.
Wir haben so viel geredet damals – über Politik und Kunst, Gott und die Welt, Sex und Tod. Wir waren so radikal ehrlich und voll von unerschütterlichem Vertrauen. In uns, in unsere Zukunft. Manchmal denke ich, die gemeinsame Zeit mit dir war die Keimzelle für alles, was ich später beruflich gemacht habe.
Wobei ich mich für manches schäme. Zum Beispiel für Heftig. Das Magazin war so erfolgreich und hat meiner Karriere so gutgetan – aber diese unfassbar naive Konsumfreude, der hemmungslose Hedonismus, das ist aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar. In Heftig haben wir allen Ernstes Reportagen über die schönsten Urlaubsziele in der Karibik geschrieben, während der Klimawandel immer schneller voranschritt. Wir haben überhaupt nichts gemerkt! Das war wie ein kollektives Koma, ein Totalversagen, nicht nur politisch, sondern auch journalistisch. Ich habe definitiv etwas wiedergutzumachen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich zurzeit an einer neuen Idee arbeite.
Es soll wieder ein Magazin im DIN-A4-Format werden, das dem Boten beigelegt wird. Erst mal nur mit einer Pilotausgabe, aber meine Hoffnung ist natürlich, dass die Sache gut ankommt und wir in Serie gehen. Auch dieses Mal gibt es übrigens eine Frau, die mich inspiriert hat. Sie heißt Carla al-Saed, eine junge Kollegin aus unserer Berliner Online-Redaktion. Carla und ich haben den Verlag vor ein paar Wochen bei einem nervtötenden Branchen-Event in München vertreten und sind in der Veranstaltungspause ins Gespräch gekommen. Sie hat sicher auch so etwas wie »Man müsste mal …« gesagt, jedenfalls fing sie plötzlich an, von einer monothematischen Klima-Beilage zu sprechen, einem Heft zum wichtigsten Thema unserer Zeit. Zunächst als einmalige Aktion. Ich hörte ihr zu und hatte plötzlich eine spontane Idee, die, wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf, ein ziemlicher Clou ist:
Die Klima-Beilage soll nicht nur von Redakteur*innen aus den Umwelt- und Wissenschaftsressorts geschrieben werden, sondern auch von ausgewählten Aktivist*innen der Klimabewegung. Carla und ich haben uns gleich in Rage geredet und die zweite Hälfte des Symposiums einfach geschwänzt.
Vermutlich war ich dem Münsteraner Küchentisch an diesem Nachmittag so nahe wie seit Jahren nicht.
Ein paar Tage später habe ich das Konzept unserem Chefredakteur Flori Sota vorgestellt (du kennst ihn bestimmt aus den Talkshows), nicht hochoffiziell in einer Konferenz, sondern bei einem unserer vielen Gespräche in seinem Büro.
Ich schätze den Mann. Er ist gewissermaßen mein Förderer und wohl auch eine Art väterlicher Freund. Wir reden Klartext miteinander und sind manchmal nicht gerade zimperlich, aber immer absolut fair. Flori fragte als Erstes, ob wir dann demnächst auch ein Themenheft Tierwelt gemeinsam mit Seegurken, Flughörnchen und Wombats verfassen würden – da haben wir noch beide gelacht. Als er merkte, dass ich die Sache absolut ernst meinte, wurde die Unterhaltung deutlich unharmonischer. Am Ende ein richtiger Streit.
Flori warnt schon seit geraumer Zeit vor einer »hochriskanten« Vermischung von Journalismus und Aktivismus.
Ich sehe darin eher eine Notwendigkeit und vor allem eine Chance. Letztlich geht es um die Frage, ob Journalismus sich eine Haltung erlauben darf oder sogar muss, was ich angesichts der Klimakrise und des wachsenden Rechtspopulismus ziemlich alternativlos finde.
Als sich abzeichnete, dass Flori meine Idee mit der Klima-Beilage tatsächlich rundheraus ablehnte, habe ich das »undemokratisch« genannt, woraufhin er sein berühmtes ironisches Lächeln zeigte und sagte: »Dann lass uns doch mehr Demokratie wagen.« Er hat einen Vorschlag zur Güte gemacht: dass wir ein »Stimmungsbild im Haus« abfragen.
Redaktionelle Mitbestimmung besitzt bei uns eine lange Tradition, das ist nichts Ungewöhnliches, und ich muss sagen, ich hatte ein gutes Gefühl. Der Print-Markt ist nach wie vor in der Krise. Alle suchen nach Möglichkeiten zur Erneuerung. Warum sollten die Kolleg*innen etwas dagegen haben, mit einer solchen Idee nach vorn zu gehen?
Dieses Stimmungsbild-Meeting fand jedenfalls gestern Nachmittag bei uns im großen Konferenzsaal statt, drei Stunden, bevor ich dich dann plötzlich in der U2 getroffen habe. Es waren auch Mitglieder (m/w/d) der Online-Redaktion aus Berlin zugeschaltet, unter anderem natürlich Carla al-Saed. Sie hat dann auch gleich zu Beginn ein starkes Statement pro Klima-Beilage abgegeben, Tenor: Wir sind der Aufklärung verpflichtet, der Wissenschaft, der Bildung.
Wir müssen ein Zeichen setzen und den anderen Zeitungen mit gutem Beispiel vorangehen. Carlas Wortbeitrag hatte etwas von einem Manifest. Die jüngeren Mitarbeiter*innen haben spontan applaudiert. Aber es gibt eben auch die Fraktion der »Alten«, die bei einem ehrwürdigen Blatt wie dem Boten noch immer in der Überzahl sind – jedenfalls in der Redaktionskonferenz. Sota kann zählen, er kennt seine Schäfchen, und er hatte mit Sicherheit im Vorfeld sondiert.
Nachdem die offene Diskussion kein eindeutiges Ergebnis brachte, rief er eine Kampfabstimmung aus – 37 Leute für die Klima-Beilage, 44 dagegen. Sota hatte von Anfang an gewusst, wie das ausgehen würde. Auf diese Weise ist er mich und meine Idee ganz demokratisch losgeworden.
Bei allem Respekt für Flori – ich war mächtig angekotzt. Bin ich noch immer. Du siehst, unser Zufallstreffen stand unter keinem guten Stern.
So, lang genug Interna ausgeplaudert. Aber immerhin konnte ich mir mal den Frust von der Seele schreiben. Was machst du gerade? Lass mich raten. Du stapfst nach der Feldarbeit über eine verschneite Wiese nach Hause zu deinem Fachwerkhof, feuerst den offenen Kamin an und ziehst die Stiefel aus. Liest du dann einen Krimi zur Entspannung? Oder immer noch Martin Walser?
Dein Stefan

19:24 Uhr, Theresa per E-Mail:
Ist das nicht die Kernidee von Demokratie? Wenn die Mehrheit dagegen ist, wird die Sache abgeblasen?

19:33 Uhr, Stefan per E-Mail:

So einfach ist das nicht, und man kann ja auch nicht alles demokratisch entscheiden … Das würde jetzt zu weit führen.

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Gegensätzliche Lebensentwürfe, unterschiedliche Stimmen – jetzt als Hörbuch in der Lesung mit Max Urlacher, Julia Nachtmann und Rosario Bona erleben.

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Juli Zeh
© Peter v.Felbert

Juli Zeh

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman "Unterleuten" (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Bundesverdienstkreuz (2018). 2018 wurde sie zur ehrenamtlichen Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt.

Simon Urban
© Peter v.Felbert

Simon Urban

Simon Urban, geboren 1975 in Hagen, Studium der Germanistik, Komparatistik und Philosophie in Münster. Sein Roman „Plan D“ (2011), in dem die DDR heute noch existiert, wurde in elf Sprachen übersetzt. 2014 erschien der Roman „Gondwana“. Ausgezeichnet mit zahlreichen Literaturpreisen und Kreativawards wie Cannes-Löwen und dem Clio-Grand Prix. Für die Agentur Jung von Matt schrieb er den Edeka-Film #heimkommen, der weltweit für Aufsehen sorgte und zu den erfolgreichsten deutschen Virals gehört. Für die ARD verfasste er die Erzählvorlage zum Spielfilm „Exit“. 2021 erschien der mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnete Roman „Wie alles begann und wer dabei umkam“ über einen Juristen, der zum Rächer wird.