Die Fantasy-Sensation des Jahres: Nach »Die Farben des Blutes« der Auftakt der neuen Saga von Platz 1-SPIEGEL-Bestsellerautorin Victoria Aveyard!


Realm Breaker 1

Das Reich der Asche

In Coraynes Adern fließt das Blut eines Helden. Doch sie verabscheut ihre Herkunft und will nichts mit dem Vater zu tun haben, für den Heldentaten stets wichtiger waren als seine Tochter. Nun ist Coraynes Vater tot, gefallen durch die Hand seines eigenen machthungrigen Bruders. Um den Untergang ihrer Heimat zu verhindern, ist sie gezwungen, das Schwert ihres Vaters zu ergreifen. Zusammen mit nur sechs Gefährten, die ebenfalls keine strahlenden Helden sind, bricht Corayne auf, um eine Armee aus Aschekriegern zu bekämpfen. Doch wie soll sie eine Dunkelheit besiegen, gegen die sogar wahre Helden machtlos waren?

Jetzt bestellen

Hardcover
eBook
€ 20,00 [D] inkl. MwSt. | € 20,60 [A] | CHF 28,90* (* empf. VK-Preis)
€ 15,99 [D] inkl. MwSt. | € 15,99 [A] | CHF 19,00* (* empf. VK-Preis)

Leseprobe

Das Reich der Asche

Prolog
Das ungesungene Lied


Kein lebender Sterblicher hatte je eine Spindel gesehen.
Nur ein schwacher Nachhall war von ihnen geblieben und haftete erinnerten oder vergessenen Orten an, lebte in von Magie berührten Menschen fort und in Geschöpfen, die aus anderen Welten stammten. Seit einer Ewigkeit hatte keine Spindel mehr gebrannt, die letzte war schon seit tausend Jahren Geschichte. Die Übergänge waren verschlossen, die Pforten versperrt. Das Zeitalter der Übertritte gehörte der Vergangenheit an.
Die Welt von Allwacht war ganz für sich allein.
Und so muss es bleiben, dachte Andry Trelland. Zu unserer aller Wohl.
Während der Knappe die Rüstung seines Herrn richtete und die Gurte und Schnallen über Sir Grandel Tyrs breitem Rumpf stramm zog, ließ er sich von den ersten Regentropfen nicht beirren. Seine braunen Finger flogen über das vertraute Leder und den goldenen Stahl. Die Rüstung des Ritters glänzte frisch poliert, ihre Schulter- und Brustplatten nach dem Vorbild des brüllenden Löwen des Königreichs von Galland gestaltet.
Matt zog die Morgendämmerung herauf, kämpfte sich durch die dicht geballten Frühlingsregenwolken über den Vorbergen und dem dahinter aufragenden Gebirge. Die tief hängenden Wolken gaben einem das Gefühl, in einem Raum mit niedriger Decke zu stehen. Andry atmete ein und schmeckte feuchte Luft. Er spürte den Druck, der auf der Welt um ihn herum lastete.
In der Nähe schnauften ihre Pferde. Dreizehn waren ne-beneinander angebunden und drängten sich zusammen, um sich zu wärmen. Andry wünschte, er könne sich zu ihnen gesellen.
Die Gefährten des Reichs warteten auf der Lichtung am Fuße des Hügels. Einige von ihnen bewachten den Pilgerweg, der in die Bäume hineinführte, warteten auf ihren Feind. Einige patrouillierten am efeuüberwucherten Tempel, dessen weiße Säulen schimmerten wie die Knochen eines lange vergessenen Skeletts. Die darauf eingemeißelten Schriftzeichen vertraut, von Ältesten eingegraben – die gleichen Buchstaben, wie sie Andry im mythischen Iona gesehen hatte. Der Bau war uralt, älter als das alte Reich von Cor, erbaut für eine längst nicht mehr existierende Spindel. Sein Glockenturm stand stumm und schweigend. Wo die Spindel im Inneren einst hingeführt hatte, wusste Andry nicht. Niemand hatte je darüber berichtet, und er hatte nie den Mut aufgebracht, danach zu fragen. Trotzdem, er spürte sie wie einen fast verflogenen Duft, das Kräuseln einer verloren gegangenen Kraft.
Sir Grandel verzog die Lippen. Der hellhäutige Ritter schaute mit einem finsteren Stirnrunzeln erst in den Himmel, dann zum Tempel hinüber und zu den Kriegern unter ihnen.
»Unfassbar, dass ich zu dieser spindelverdammten Stunde wach bin«, zischte er, ohne sich die Mühe zu machen, leise zu sprechen.
Andry überging die Beschwerde seines Mentors.
»Alles fertig, Herr«, sagte er und trat einen Schritt zurück. Er begutachtete den Ritter, hielt Ausschau nach Mängeln oder Unvollkommenheiten, irgendetwas, das Sir Grandel in der bevorstehenden Schlacht beeinträchtigen könnte.
Der Ritter blähte die Brust. Andry war jetzt seit drei Jahren Sir Grandels Knappe. Sir Grandel war ein hochmütiger Mann, aber Andry kannte keinen Schwertkämpfer von gleichem Talent, der nicht ebenfalls zur Überheblichkeit neigte. Das war zu erwarten. Und es war alles in bester Ordnung, von den Zehenspitzen von Sir Grandels stählernen Stiefeln bis hin zu den Knöcheln seiner Panzerhandschuhe. Der schlachterprobte Ritter war ein Muster an Kraft und Tapferkeit, der fleischgewordene Inbegriff der Löwengarde der Königin. Ein wahrlich furchterregender und bewegender Anblick.
Wie immer stellte Andry sich selbst in ebendieser Rüstung vor, den Löwen auf der Brust, den grünen Umhang über den Schultern, den Schild seines Vaters am Arm – und nicht im Salon seiner Mutter an die Wand gehängt. Seit Jahren unbenutzt, staubbedeckt, halb zerbrochen.
Der Knappe senkte den Kopf, scheuchte den Gedanken fort. »Ihr seid nun bereit.«
»Das auf jeden Fall«, antwortete der Ritter und legte die Finger in seinen Handschuhen um das Heft seines Schwertes. »Nachdem ich meine alternden Knochen zu viele Tage lang über die Wacht geschleppt habe. Wie lange sind wir jetzt unterwegs, Trelland?«
Andry antwortete, ohne nachzudenken. »Zwei Monate, Herr. Fast auf den Tag genau zwei Monate.«
Er kannte die Zahl so gut, wie er seine Finger kannte. Jeder Tag unterwegs war ein Abenteuer, ein Weg durch die Wildnis, durch Täler und Berge, in Königreiche, die je zu sehen er sich nie hätte träumen lassen. An der Seite ruhmvoller Krieger mit unglaublichen Fähigkeiten, allesamt Helden. Ihr Ritterzug näherte sich nun dem Ende, die nahe Schlacht warf ihre drohenden Schatten voraus. Andry fürchtete nicht den Kampf, sondern das, was danach kommen würde.
Die leichte, schnelle Reise heimwärts. Der Exerzierplatz, der Palast, die Mutter krank und der Vater tot. Nichts, auf das ich mich freuen könnte. Nur nochmals vier Jahre, um Sir Grandel auf dem Weg vom Thronsaal zum Weinkeller zu begleiten.
Der Ritter bemerkte das Unbehagen seines Knappen nicht und plapperte weiter. »Aufgerissene Spindeln und die Rückkehr verlorener Reiche. Alles nur Gewäsch. Die Jagd nach einem Kindermärchen«, brummte der Ritter, während er seine Handschuhe überprüfte. »Die Jagd nach Geistern um der Geister willen.«
Angesichts seiner kampfbereiten Gefährten schüttelte er den Kopf. Deren Tracht und Farbe waren so vielfältig wie die Juwelen in einer Krone. Für eine Weile ließ er den Blick seiner wässrig blauen Augen auf dem einen oder anderen ruhen.
Wie sein Ritter sah Andry die in unbeweglicher Anspannung dastehenden Gestalten in fremdartigen Rüstungen und mit noch fremdartigeren Gepflogenheiten. Auch wenn sie nun einen Monat lang mit den Gefährten des Reiches unterwegs gewesen waren, erschienen ihm einige von ihnen immer noch alles andere als vertraut. Undurchdringlich wie das Rätsel eines Zauberers, fern und unglaubwürdig wie ein Mythos. Und doch stehen sie direkt vor mir.
»Es sind keine Geister«, murmelte Andry, während er zusah, wie einer von ihnen den Umfang des Tempels abschritt. Sein Haar war blond und geflochten, seine Gestalt breit und von monströser Größe. Eigentlich bräuchte es zwei Männer, um das Großschwert an seiner Hüfte zu schwingen. Dom, dachte Andry, obwohl sein eigentlicher Name viel länger und schwieriger auszusprechen war. Ein Prinz von Iona. »Die Ältesten sind genauso Fleisch und Blut wie wir.«
Sie waren leicht von den anderen Kriegern zu unterscheiden. Die Ältesten waren Wesen für sich, sechs insgesamt, ein jeder wie eine prächtige Statue, unterschiedlich im Aussehen, aber trotzdem irgendwie alle gleich. So sehr von den sterblichen Wesen verschieden wie Vögel von Fischen. Kinder anderer Sterne, sagten die Legenden. Wesen eines anderen Reichs, erzählten die wenigen geschichtlichen Überlieferungen.
Unsterbliche, das wusste Andry.
Alterslos, schön, fern, unvergänglich – und verloren. Selbst nach einem Monat konnte er den Blick nicht von ihnen wenden.
Sie nannten sich selbst die Vedera, aber für den Rest der Wacht, für die Sterblichen, die sie nur aus uralten Überlieferungen und halbvergessenen Geschichten kannten, waren sie die Ältesten. Es gab nur wenige von ihnen, aber in Andry Trellands Augen waren sie nach wie vor mächtig.
Der Ältestenprinz schaute auf, als er von hinten wieder um den Tempel herumkam, und begegnete dem Blick des Knappen mit durchdringenden smaragdfarbenen Augen. Andry senkte schnell den Kopf, im Wissen, dass der Unsterbliche ihr Gespräch mithören konnte. Seine Wangen verfärbten sich rot.
Sir Grandel zuckte mit keiner Wimper, die Augen unter seinem Helm hart wie Stein. »Bluten Unsterbliche denn, Knappe?«
»Das weiß ich nicht, Herr«, antwortete Andry. Der Ritter nahm nun auch die anderen in den Blick. Die Ältesten kamen aus jedem Winkel der Wacht, tauchten aus halb vergessenen Enklaven auf. Andry hatte sie sich auf die gleiche Weise eingeprägt, wie er sich sonst die Höflinge im Palast einprägte –, nicht nur, damit sich Sir Grandel in ihrer Gesellschaft nicht blamierte, sondern auch, um seine eigene Neugier zu befriedigen.
Die beiden weiblichen Ältesten boten einen ganz besonderen Anblick. Sie waren genauso Krieger wie alle Übrigen. Das war für die Sterblichen unter ihnen ein Schock gewesen, vor allem für die Ritter aus Galland. Andry fand die beiden Frauen immer noch faszinierend, wenn nicht gar ehrfurchtgebietend. Rowanna und Marigon kamen aus Sirandel tief im Burgwald, genau wie Arberin. Andry nahm an, dass alle drei enge Verwandte waren mit ihrem roten Haar, ihren bleichen, fuchsartigen Gesichtern und den purpurnen Kettenpanzern, die wie Schlangenhaut schillerten. Sie sahen aus wie ein Wald im Herbst, wenn Sonne und Schatten beständig miteinander wechseln.
Die Nour kamen aus Hizir, der Wüstenenklave im Großen Sand von Ibal. In Andrys Augen schienen sie sowohl Mann wie auch Frau zu sein. Sie trugen keinerlei Rüstung, sondern hatten sich mit meterweise gebundener Dämmerrosenseide eng umwickelt, mit einem Vermögen an kostbaren Steinen besetzt. Ihre Haut war golden, ihre Augen bronzefarben, mit schwarzem Kohlstift und blitzendem Purpur geschminkt, während ihr schwarzes Haar zu kunstvoll verschlungenen Zöpfen geflochten war.
Surim war der am weitesten Gereiste von allen Gefährten, Sterblichen wie Unsterblichen. Bronzehäutig und mit tief liegenden Augen, schien die Reise von Tarima bis hierher noch immer auf ihm zu lasten wie ein schwerer Mantel. Sein robustes Pony hatte ihn durch die gewaltige Temurijonsteppe getragen.
Dom war mehr Eichbaum und Geweih als sonst irgendetwas. Er trug Lederkleidung unter einem graugrünen Mantel, in den der große Hirsch seiner Enklave und seines Königs eingeprägt war. An den Händen hatte er weder Leder- noch Panzerhandschuhe. An einem Finger glitzerte ein Ring aus gehämmertem Silber. Sein Zuhause war Iona, versteckt in den schwer zugänglichen Gebirgstälern von Calidon, wo sich die Gefährten zuerst versammelt hatten. Andry erinnerte sich noch klar und deutlich an Iona: eine unsterbliche Stadt aus Nebel und Stein, von einer unsterblichen Herrin in einem langen grauen Gewand regiert.
Sir Grandels Stimme riss ihn aus seinen Erinnerungen.
»Und was ist mit den Corblutprinzen, den Abkömmlingen des alten Reiches?«, zischte er, seine Worte plötzlich rasiermesserscharf. »Spindelverweste womöglich, aber sterblich wie der Rest von uns.«
Andry Trelland war in einem Palast aufgewachsen. Den Tonfall des Neides kannte er bestens.
Cortael vom alten Cor stand allein da, die Stiefel in den geborstenen Stein der Pilgerstraße gestemmt. Er starrte unverwandt in die dunklen Schatten des Waldes, auf der Lauer wie ein Wolf. Auch er trug einen Mantel aus Iona, und von seiner stählernen Brustplatte hoben sich die Formen von Geweihen ab. Dunkelrotes Haar fiel ihm über die Schultern wie Blut in der Abenddämmerung. Er diente keinem der Reiche der Sterblichen, und das Alter hatte bereits schwache Falten über sein Gesicht gezogen. Man sah sie etwa auf seiner strengen Stirn oder in den Winkeln seiner schmalen Lippen. Andry schätzte ihn auf nicht ganz fünfunddreißig. Wie bei den Ältesten floss Spindelblut in seinen Adern – er war ein Sohn des Übertritts, dessen sterbliche Vorfahren unter den Sternen einer anderen Welt geboren waren.
Das Gleiche galt für sein Schwert. Eine Spindelklinge. Die blanke Waffe spiegelte den Himmel über ihnen, erfüllt von grauem Licht, mit Gravuren versehen, die kein lebendes Wesen zu lesen vermochte. Seine Gegenwart war wie das Summen von Blitzen.
»Das weiß ich genauso wenig«, murmelte Andry und riss den Blick von dem Schwert los.
Sir Grandel klopfte dem Knappen auf die Schulter. »Vielleicht finden wir es ja bald heraus«, sagte er und stapfte den Hügel hinunter. Seine schwere Rüstung klirrte bei jedem Schritt.
Was ich wahrlich nicht hoffe, dachte Andry, als sein Herr nun zu den anderen sterblichen Gefährten aufschloss und sich zu den Vettern Nord gesellte: zwei weitere Ritter Gallands. Edgar und Raymon Nord hatten die Ritterfahrt genauso satt wie Sir Grandel, und ihre müden Gesichter waren ein Abbild seines eigenen.
Bress der Bullenreiter schob sich dazwischen, ein übertrieben breites Lächeln unter seinem gehörnten Helm. Der Söldner nervte die Ritter, wann immer er konnte, sehr zu ihrem Verdruss und zu Andrys Entzücken.
»Auch wenn du selbst das Schwert nicht ziehen wirst, solltest du trotzdem vor der Schlacht zu den Göttern beten«, ertönte hinter ihm eine tiefe Stimme, durchdringend wie Donnerschläge.
Andry drehte sich um und sah einen weiteren Ritter zwischen den Bäumen hervortreten. Okran aus Kasa, dem strahlenden Königreich des Südens, neigte im Näherkommen grüßend den Kopf, unter einem Arm den Helm, den Speer in der anderen Hand. Über seiner perlweißen Rüstung ließ mit ausgebreiteten Flügeln und vorgestreckten, todbringenden Krallen der Adler von Kasa seinen Schrei ertönen. Okrans Lächeln war eine Sternschnuppe, ein kurzer Blitz vor dem Hintergrund seiner pechschwarzen Haut.
»Herr«, antwortete Andry und verbeugte sich. »Ich bezweifle, dass die Götter den Worten eines Knappen Gehör schenken.«
Okran zog eine Braue hoch. »Bringt dir Sir Grandel dergleichen bei?«
»Ich muss mich für ihn entschuldigen. Nach einer so langen Reise, nach mörderischen Wochen, in denen er die Hälfte des Reichs durchquert hat, ist er nun erschöpft.« Es gehörte zu den Pflichten eines Knappen, die Hinterlassenschaften seines Herrn wegzuräumen, ob das nun handgreifliche Dinge oder geäußerte Worte waren. »Er möchte weder Euch noch sonst irgendwen beleidigen.«
»Mach dir deshalb keine Gedanken, Knappe Trelland. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich von Fliegengesumm stören lassen«, antwortete der Ritter aus dem Süden und winkte mit flinkfingriger Hand. »Zumindest nicht heute.«
Andry unterdrückte den unhöflichen Drang zu grinsen. »Nennt Ihr Sir Grandel eine Fliege?«
»Würdest du es ihm verraten, wenn ich es täte?«
Der Knappe antwortete nicht, und das war Antwort genug.
»Braver Junge«, kicherte der Kasaner, zog sich seinen Helm über den Kopf und richtete den Nasenschutz aus Amethyst. Ein Ritter des Adlers nahm Gestalt an, wie ein aus einem Traum tretender Held.
»Fürchtet Ihr Euch?« Die Worte waren aus Andry herausgesprudelt, ehe er sich hatte bremsen können. Okrans Gesichtszüge wurden weich, ein Ansporn für Andrys Entschlossenheit. »Fürchtet Ihr den Dieb und seinen Zauberer?«
Der Kasaner schwieg lange, seine Haltung träge und nachdenklich. Er warf einen Blick hinüber zum Tempel und zur Lichtung, mit Cortael am Waldrand. Regentropfen tanzten auf den Nadeln der Bäume, und die Schatten wechselten von schwarz zu grau. Alles schien ruhig, unaufdringlich.
»Die Gefahr ist die Spindel, nicht die Männer, die nach ihr suchen«, betonte er mit sanfter Stimme.
Sosehr er sich auch bemühte, Andry stellte fest, dass er sich die beiden einfach nicht vorstellen konnte. Der Schwertdieb, der abtrünnige Zauberer. Zwei Männer gegen die Gefährten: ein Dutzend Krieger, die Hälfte von ihnen Älteste. Es wird ein leichter Sieg, wir schlachten sie einfach ab, schärfte er sich ein und zwang sich zu einem Nicken.
Der Kasaner reckte das Kinn. »Die Ältesten haben sich an die gekrönten Häupter der Sterblichen gewandt, und als Antwort auf ihren Ruf wurde ich ausgesandt, genau wie auch deine Ritter. Ich weiß kaum etwas über Corblut oder Spindelmagie, und das wenigste davon glaube ich. Ein gestohlenes Schwert, ein zerrissener Durchgang? Das alles scheint mir mehr eine Streitigkeit zwischen zwei Brüdern zu sein und kein Anlass zur Sorge für die großen Königreiche der Wacht.« Er lachte verächtlich und schüttelte den Kopf. »Aber ich stelle nicht infrage, was die Herrscherin der Ältesten gesagt oder wovor Cortael gewarnt hat. Meine Aufgabe ist es, mich dem entgegenstellen, was uns drohen könnte. Sich nicht um diese Sache zu kümmern wäre ein zu großes Risiko. Wenn niemand dem Ruf folgt, ist das das Schlechteste, was passieren kann.« Da war ein unentschlossenes Flackern in seinen warmen, dunklen Augen. »Im besten Fall retten wir die Welt, bevor sie auch nur erfährt, dass sie in Gefahr gewesen ist.«
»Kore-garay-sida.« Die Sprache des Volkes seiner Mutter fiel ihm leicht, sie war Andry als Kind gründlich beigebracht worden. Die Wörter waren Balsam auf seinen Lippen. Die Götter wollen es so.
Okran blinzelte überrascht. Dann legte sich ein Lächeln über seine Züge – breit und strahlend, überwältigend. »Am-bara-garay«, beendete er das Gebet mit einem Neigen seines Helms. Vertraue in die Götter. »Du hast mir gar nicht gesagt, dass du Kasani sprichst, Knappe.«
»Meine Mutter hat es mir beigebracht, Herr«, antwortete Andry und richtete sich auf. Er war fast einen Meter achtzig groß, doch fühlte er sich in Okrans hagerem Schatten trotzdem klein. In Ascal aufgewachsen, war es Andry gewohnt, mit seiner dunkleren Haut aufzufallen, und er war stolz auf das Erbe, für das diese Haut stand. »Sie ist in Nkonabo geboren, eine Tochter von Kin Kiane.« Die Familie seiner Mutter, ein altes Geschlecht, war sogar im Norden bekannt.
»Eine ehrwürdige Abstammung«, meinte Okran, immer noch grinsend. »Du solltest mich einmal in Benai besuchen, wenn alles erledigt ist und wir in unser Leben zurückgekehrt sind.«
Benai. Eine Stadt aus gehämmertem Gold und Amethyst, an die grünen Ufer des Nkon geschmiegt.
Die Heimat, die er nie gesehen hatte, nahm vor seinem geistigen Auge Gestalt an, die Geschichten seiner Mutter, ein Lied in seinem Kopf. Aber es durfte nicht von Dauer sein. Der Regen war kalt, die Realität ließ sich unmöglich ausblenden. Die Ritterschaft war noch drei oder vier Jahre weit weg. Ein ganzes Leben, das wusste Andry. Und es gibt noch so viel anderes zu bedenken. Meine Stellung in Ascal, meine Zukunft, meine Ehre. Ihm wurde schwer ums Herz. Rittern steht es nicht frei, nach Gutdünken umherzuschweifen. Sie müssen die Schwachen beschützen und den Hilflosen helfen, und vor allem müssen sie ihrem Land und ihrer Königin dienen. Und nicht durch die Welt reisen, um sich schöne Städte anzusehen.
Und außerdem muss ich an Mutter denken, so schwach und gebrechlich wie sie geworden ist.
Andry zwang sich zu einem Lächeln. »Wenn alles erledigt ist«, echote er und winkte Okran nach, der sich bereits hügelabwärts in Bewegung gesetzt hatte und leichtfüßig durch das jetzt feuchte Gras schritt.
Vertraue den Göttern.
Hier, in den Ausläufern der großen Berge von Allwacht, von Helden und Unsterblichen umgeben, spürte Andry die Gegenwart der Götter ganz ohne Frage. Wer sonst hätte einen Knappen auf eine solche Reise schicken können, den Sohn einer fremdländischen Adligen und eines niederen Ritters? Erbe keiner Burg, von keines Königs Geblüt.
Morgen werde ich nicht mehr der Junge von heute sein. Wenn alles erledigt ist.
Am Rand der Lichtung gesellte sich der unsterbliche Prinz von Iona zu Cortael. Seine Ältestensinne waren konzentriert auf den Wald gerichtet. Selbst oben vom Hügel aus erkannte Andry den verbissenen Zug um die Kieferpartie des Unsterblichen.
»Ich kann sie hören«, sagte er, die Worte wie ein Peitschenknall. »Eine halbe Meile entfernt. Nur zwei, wie erwartet.«
»Wir sollten entsprechende Vorsichtsmaßnahmen treffen, wenn wir es mit einem Zauberer zu tun haben«, rief Bress. Vor dem Hintergrund des grauen Himmels blitzte die Axt über seiner Schulter wie ein Lächeln.
Die Sirandels fuhren herum und starrten ihn an, als hätten sie es mit einem Kind zu tun.
»Wir sind die Vorsichtsmaßnahme, Bullenreiter«, sagte Arberin leise, seine Stimme vom Akzent seiner unergründlichen Sprache gefärbt.
Der Söldner schob missmutig die Lippen vor.
»Der Rote ist ein Gauner, der sich überall einmischt, nicht mehr«, rief Cortael, ohne sich umzudrehen. »Umringt den Tempel, bleibt in Formation.« Der Corblut war ein geborener Anführer, der das Befehlen bestens gewohnt war. »Taristan wird versuchen, durch unsere Reihen zu schlüpfen und gewaltsam einen Übergang zu öffnen, ehe wir ihn aufhalten können.«
»Er wird scheitern«, dröhnte Dom und zog sein Großschwert aus der Scheide.
Zum Zeichen der Zustimmung schlug Okran mit dem Knauf seines Speers auf den Boden, und die Vettern Nord ließen ihre Schilde klappern. Sir Grandel richtete sich auf, seine Kiefer angespannt, die Schultern gestrafft. Die Unsterblichen schlossen sich ihnen an, ihre Bögen und Klingen in der Hand. Die Gefährten waren bereit.

Das sagen unsere Leser*innen

Komplex und detailhaft, leider zu wenig Spannung

19.09.2021

Das Buch hörte sich nach einer tollen Fantasy-Geschichte an. Die Beschreibung sowie das Cover trafen genau meinem Geschmack. Ich wollte so gerne mal wieder in ein Fantasy-Abenteuer eintauchen, welches mich mitreißt. Gleich vorweg kann ich sagen, dass es leider nicht meinen Erwartungen entsprochen hat.

Bereits der Prolog gestaltete sich für mich schwierig. Es waren zu viele Namen und zu viele Informationen. Schon da habe ich gemerkt, dass es ein aufmerksamen Lesen erfordert, was an sich nicht schlimm ist. Bei manchen Fantasy-Büchern muss man erst einmal in die Geschichte finden und die Welt kennenlernen, so wie hier auch.
So gestaltet sich der Prolog sehr ereignisreich. Denn hier passiert etwas, was die ganze Welt zerstören könnte bzw. nimmt es hier bereits den Anfang.

Im Buchinneren befindet sich eine Karte, die die erschaffene Welt Allwacht aufzeigt. Sie ist wirklich sehr detailreich gestaltet und hat mir auch des öfteren sehr gut geholfen. Bei Fantasybüchern mit einem komplexen Weltenentwurf finde ich das immer sehr nützlich.

Im weiteren Verlauf wird man so langsam auf die Rettung der Welt vorbereitet. Dabei trifft man auf Coraynes, die sich aber gar nicht als Heldin fühlt. Durch den Tod ihres Vaters soll sie nun das Zepter in die Hand nehmen. Gemeinsam mit anderen Gefährten, die sich im Verlauf der Geschichte mit in die Handlungen integrieren, macht sie sich auf eine abenteuerliche Reise. Die Charaktere sind daher unterschiedlich und auf ihre Art einzigartig. Dabei wirkt der Trupp erstmals gar nicht so heldenhaft.

Die Geschichte wird daher auch aus den verschiedenen Perspektiven erzählt, was mir an sich gut gefallen hat. So erfährt man noch einiges mehr zu ihnen und aus ihrer Sicht. Aber durch den detaillierten und ausschweifenden Schreibstil wirkten manche Passagen auch etwas überflüssig.

Ich konnte zwar gut nachvollziehen, dass die Autorin auf ihren zusammengewürfelten Trupp hinarbeiten und sie somit einzigartig gestalten wollte. Das sind sie mitunter auch. So konnte man auch einige ins Herz schließen, wie taffe Sorasa oder Knappe Andry. Dennoch wurde dies alles so detailliert beschrieben, dass man einen ziemlich langen Atem haben muss. Man begibt sich auf eine lange Reise, die teilweise abenteuerlich ist, aber auch teilweise schleppende Szenen hat und somit einfach langatmig wirkte.

Mit einem Aspekt konnte ich mich die Autorin im Verlaufe der Geschichte schon überraschen. Auch die Idee mit den Spindeln, eine Armee aus Aschekriegern und der weitere Fantasyanteil hat mir gut gefallen. Hier hatte für mich die Geschichte sehr viel Potenzial. Daher wäre es schön gewesen, wenn auf diese Aspekte mehr eingegangen worden wäre.

Für mich war das Buch eher wie eine Vorgeschichte, die die Charaktere langsam zusammenführt, um dann wirklich heldenhaft zu werden. Im Großen und Ganzen passiert auf 600 Seiten nicht sehr viel Spannendes. Ich habe mich teilweise eher durch die Kapitel gequält. Dennoch wollte ich nicht aufgeben, da ich immer gehofft habe, dass sich doch noch einiges mehr ereignet und es am Ende zu einem großen Showdown kommt. Zum Ende wird es auch noch mal etwas spannender.

Mich würde es schon interessieren, wie die Geschichte weiterverläuft und ob die Charaktere es schaffen können, die Welt zu retten. Anderseits habe ich aber Bedenken, dass die Geschichte wieder so aufschweifend wird und man nicht viel mehr erfährt. Daher weiß ich noch nicht, ob ich die Reihe weiterverfolgen werde.

Fazit:
Die Autorin hat eine komplexe Fantasywelt erschaffen, die mich leider nicht mitreißen konnte. Sie verliert sich zu sehr ins Detail. Mir kam es wie eine Vorgeschichte vor, wo auf die Rettung der Welt hingearbeitet wird und sich die Charaktere erst einmal finden müssen, was auch der Fall war. Die Welt mit den Spindeln und der weitere Fantasyanteil hatte für mich sehr viel Potenzial, der aber nicht ausgeschöpft wurde. Zwischendurch gab es mal eine unerwartete Wendung und zum Ende wurde es etwas spannungsvoller, jedoch auf über 600 Seiten ist dies leider zu wenig.

Bewertung: 3- / 5

Vielen Dank an Lovelybooks und den Penhaligon-Verlag für den Buchgewinn.

Lesen Sie weiter

Das Reich der Asche

19.09.2021

Die Welt steht kurz vor ihrem Untergang und nur eine Person kann diesen aufhalten und zwar niemand anderes als Corayne, die eigentlich nichts mit ihrer Herkunft zu tun haben möchte und recht wenig mit einer Heldin gemeinsam hat. Trotzdem begiebt sie sich auf die Reise mit einem Haufen Gefährten die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Darf ich zuest einmal erwähnen wie grandios schön dieses Buch ist? Der Einband ist ja schon ein Hingucker aber wenn man diesen abnimmt erwartet uns direkt noch eine Überraschung. Ich liebe es!

Ich finde wirklich alle Charaktere mega interessant und spannend. Ob wir da Dom, Sarn, Andry oder all die anderen haben. Jeder für sich ist etwas besonderes und einzigartiges.

Die Geschichte an sich ist super spannend, mit Wendungen die man so nicht erwartet hätte. Vor allem was die "böse Seite" der Geschichte anbelangt. Langweilige Szenen gab es eigentlich nicht, aber ich muss sagen das man sich beim lesen wirklich konzentrieren muss. Alleine die Namen sind manchmal eine Herausforderung.

Alles in allem ein wirklich gelungenes Buch das ich jedem Fantasy Fan der gerne komplexere Geschichten liest empfehlen kann. Von mir gibts 4/5 Sterne.

Lesen Sie weiter
Alle anzeigen Rezension schreiben
Victoria Aveyard
© Lucas Passmore

Wer ist Victoria Aveyard?

Die Schriftstellerin und studierte Drehbuchautorin Victoria Aveyard, geboren in Massachusetts, wuchs mit Der Herr der Ringe, Star Wars, Indiana Jones, Harry Potter und LOST auf. Ihre erste eigene Fantasywelt schuf Aveyard mit ihrer Romanserie »Die Farben des Blutes«, deren Bände alle auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste standen, in 41 Sprachen übersetzt wurden und auch im deutschsprachigen Raum ein Bestsellerphänomen waren. Aveyards neue High-Fantasy-Saga »Das Reich der Asche« ist düsterer, tiefgründiger und erwachsener. Sie lebt in Los Angeles.

Aveyard_CharakterBanner

Lerne die Charaktere von "Das Reich der Asche" kennen!

Von links nach rechts siehst du: Sigil, Charlon, Valtik, Andry, Corayne, Sorasa, Dom


Siegel
Die beste Kopfgeldjägerin der Welt Sie wird auch „die temurische Wölfin“ genannt.

Charlon
Ein begabter Handwerker und Fälscher, genannt „Tintenkönig“. Er ist auf Siegel spezialisiert.

Valtik
Eine magisch begabte alte Frau, die Talismane verkauft und in Versen spricht.

Andry
Ein Knappe, der sich im Dienst eines Ritters befindet, und Vertrauter von Königin Erida ist.

Corayne
Die Tochter einer berühmten Schmugglerin, die väterlicherseits von Blut des alten Cor abstammt.

Sorasa
Eine begabte Meuchelmörderin, die sich mächtige Feinde geschaffen hat.

Domacridhan
Ein Prinz von Iona, der zu den mysteriösen „Ältesten“ gehört, den Nachfahren eines verlorenen Reichs.

Victoria Aveyard

Das Reich der Asche - Realm Breaker 1

»Das nächste süchtig machende Fantasy-Mustread!«

Entertainment Weekly (22. Dezember 2020)

Jetzt bestellen

Hardcover
eBook
€ 20,00 [D] inkl. MwSt. | € 20,60 [A] | CHF 28,90* (* empf. VK-Preis)
€ 15,99 [D] inkl. MwSt. | € 15,99 [A] | CHF 19,00* (* empf. VK-Preis)

Unser Service-Angebot für Sie:

Jetzt ein Buch Buy local Für das Wort und die Freiheit #FreeWordsTurkey