»Über Menschen« von Juli Zeh

Trauen wir uns, Mensch zu sein?

Dora ist mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen. Sie musste dringend raus aus der Stadt, auch wenn sie nicht genau weiß, wovor sie auf der Flucht ist. Großstadt, Lockdown, stressiger Job, ein übereifriger Freund, dazu Donald Trump, Brexit und Rechtspopulismus - wann ist die Welt eigentlich dermaßen durcheinander geraten? Dass Bracken, dieses kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht die ländliche Idylle ist, von der manche Städter träumen, war Dora klar. Alle haben sie vor der Provinz gewarnt. Jetzt sitzt sie trotzdem hier, in einem alten Haus auf einem verwilderten Grundstück, mit einem kahlrasierten Nachbarn hinter der Gartenmauer, der sämlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint. Doch dann passieren Dinge, die ihr Weltbild ins Wanken bringen. Sie trifft Menschen, die in kein Raster passen, und steht vor einer Herausforderung, die Antwort auf die große Frage verlangt, worauf es im Leben eigentlich ankommt.

Die ersten Seiten aus »Über Menschen«

1 Bracken

Weitermachen. Nicht nachdenken.
Dora rammt den Spaten in den Boden, zieht ihn wieder heraus, durchtrennt mit einem Hieb eine hartnäckige Wurzel und wendet das nächste Stück sandiger Erde. Dann wirft sie ihr Werkzeug beiseite und presst die Hände ins Kreuz. Rückenschmerzen. Mit – sie muss kurz rechnen – 36 Jahren. Seit dem fünfundzwanzigsten Geburtstag muss sie immer nachrechnen, wenn es um ihr Alter geht.
Nicht nachdenken. Weitermachen. Der schmale Streifen umgegrabener Erde taugt noch lange nicht zum Erfolgserlebnis. Wenn sie sich umsieht, wird das Gefühl existenzieller Chancenlosigkeit übermächtig. Das Grundstück ist viel zu groß. Es sieht nicht aus wie etwas, das »Garten« heißen könnte. Ein Garten ist ein Stück Rasen, auf dem ein Würfelhaus steht. Wie in dem Münsteraner Vorort, in dem Dora aufgewachsen ist. Oder vielleicht auch eine Miniaturblumenwiese auf einer Baumscheibe in Berlin-Kreuzberg, wo Dora zuletzt gewohnt hat.
Was sie jetzt umgibt, ist kein Garten. Es ist auch kein Park oder Feld. Am ehesten ist es ein »Flurstück«. So heißt es im Grundbuch. Aus dem Grundbuch weiß Dora, dass eine Fläche von 4.000 Quadratmetern zum Haus gehört. Ihr war nur nicht klar, was 4.000 Quadratmeter sind. Ein halbes Fußballfeld, darauf ein altes Haus. Eine verwilderte Brachfläche, platt gedrückt und ausgeblichen von einem Winter, der gar nicht stattgefunden hat. Eine botanische Katastrophe, die sich durch Doras Anstrengung in einen romantischen Landhausgarten verwandeln soll. Mit Gemüsebeet.
Das ist der Plan. Wenn Dora im Umkreis von 70 Kilometern schon niemanden kennt und keine Möbel besitzt, will sie wenigstens eigenes Gemüse. Weil Tomaten, Möhren und Kartoffeln täglich davon erzählen würden, dass sie alles richtig gemacht hat. Dass der plötzliche Kauf eines alten Gutsverwalterhauses, sanierungsbedürftig und fernab aller Speckgürtel, keine neurotische Kurzschlussreaktion war, sondern der nächste logische Schritt auf dem Wanderweg ihrer Biographie. Wenn sie einen Landhausgarten besitzt, werden Freunde aus Berlin am Wochenende zu Besuch kommen, auf alten Stühlen im hohen Gras sitzen und seufzen: »Mann, hast du es schön hier.« Falls ihr bis dahin einfällt, wer ihre Freunde sind. Und falls man sich jemals wieder gegenseitig besuchen darf.
Dass Dora vom Gärtnern nicht die geringste Ahnung hat, ist kein Hindernis. Wozu gibt es YouTube. Glücklicherweise gehört sie nicht zu den Menschen, die glauben, man müsse Maschinenbau studieren, bevor man den Heizungszähler ablesen kann. Wie Robert mit seiner Bedenkenträgerei und seinem Perfektionismus. Robert, der ihre Beziehung einfach weggeworfen und sich in die Apokalypse verliebt hat. Die Apokalypse ist eine Nebenbuhlerin, mit der es Dora nicht aufnehmen kann. Die Apokalypse verlangt Gefolgschaft, hinauf zu den Höhen kollektiver Schicksalsbewältigung. Dora ist nicht gut im Folgen. Warum sie fliehen musste und dass es nicht um den Lockdown ging, hat Robert nicht verstanden. Als sie ihre Sachen die Treppe hinuntertrug, sah er sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Nicht nachdenken. Weitermachen. Aus dem Internet weiß sie, dass die Pflanzzeit im April beginnt, dieses Jahr aufgrund des milden Winters sogar noch früher. Jetzt ist Mitte April, also muss sie sich mit dem Umgraben beeilen. Vor zwei Wochen, kurz nach ihrem Umzug, hat es plötzlich geschneit. Das erste und einzige Mal in diesem Jahr. Große Flocken schwebten vom Himmel und sahen aus wie etwas Künstliches, ein Special Effect der Natur. Das Flurstück verschwand unter einer dünnen weißen Decke. Endlich sauber, endlich still. Dora erlebte einen Moment tiefer Ruhe. Ohne Schnee erzählt das Flurstück unablässig von Verwüstung und Vernachlässigung. Ein ständiger Imperativ, alles in Ordnung zu bringen, und zwar schnell.
Dora ist kein typischer Großstadtflüchtling. Sie ist nicht hergekommen, um sich mithilfe von Biotomaten zu entschleunigen. Natürlich ist das Leben in der Stadt oft stressig. Überfüllte S-Bahnen und die ganzen Spinner auf den Straßen. Dazu Deadlines, Meetings, der hohe Zeit- und Konkurrenzdruck in der Agentur. Aber das kann man auch mögen, und der Stress in der Stadt ist wenigstens einigermaßen gut organisiert. Hier draußen auf dem Land herrscht eine Anarchie der Dinge. Dora ist umgeben von Sachen, die tun, was sie wollen. Gegenstände, die reparaturbedürftig, halb funktionstüchtig, verdreckt, verwahrlost, völlig zerstört oder gar nicht vorhanden sind, obwohl man sie dringend benötigt. In der Stadt sind die Dinge halbwegs unter Kontrolle. Städte sind Kontrollzentren für die dingliche Welt. Für jeden Gegenstand gibt es dort mindestens eine Person, die zuständig ist. Es gibt Orte, an denen man Sachen bekommt und an die man sie bringen kann, wenn man sie nicht mehr will. Auf dem Flurstück hingegen gibt es nur Dora als Zuständige sowie eine herrschsüchtige Natur, die alles überwuchert, was sie in die rankigen Finger kriegt.
Ein paar Amseln fliegen heran, um in der umgegrabenen Erde nach Regenwürmern zu suchen. Einer der schwarzen Vögel setzt sich auf den Spatenstiel, eine Impertinenz, die Doras kleine Hündin namens Jochen-der-Rochen den Kopf heben lässt. Eigentlich erholt sich Jochen-der-Rochen gerade in der Frühlingssonne von einer weiteren Nacht im kalten Landhaus. Aber jetzt muss sie aufstehen, mit der Würde eines Großstadttiers, das den gefiederten Landpomeranzen die Meinung sagt. Danach kehrt sie auf ihr sonnenwarmes Plätzchen zurück, lässt sich auf den Bauch sinken und spreizt die Hinterbeine, was ihrem Körper die dreieckige Rochenform verleiht, der Jochen ihren Namen verdankt.
Manchmal bleibt Doras Verstand an Sätzen hängen, die sie irgendwo gelesen hat, oder, besser gesagt, die Sätze bleiben an ihr haften, und ihr Geist betastet sie wie eine Kruste, die sich nicht entfernen lässt. So eine Kruste ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, dass Unordnung immer ihrem maximalen Wert zustrebt, wenn man nicht enorme Energie aufbringt, um wieder Ordnung zu schaffen. Entropie. Daran muss Dora denken, wenn sie sich umsieht, nicht nur auf ihrem Flurstück, sondern im ganzen Dorf, im ganzen Landkreis. Bröckelnde Straßen, halb eingestürzte Scheunen und Ställe, von Efeu überwucherte ehemalige Kneipen. Schrottberge auf den Brachflächen, aufgeplatzte Mülltüten im Wald. Die Gärten mit ihren neuen Zäunen und frisch gestrichenen Häusern sind Inseln, auf denen die Menschen gegen die Entropie kämpfen. Als reiche die Kraft jedes Einzelnen nur für ein paar Quadratmeter Welt. Dora hat noch keine Insel. Sie steht gewissermaßen auf einem Floß, bewaffnet mit rostigen Werkzeugen, die sie im Schuppen gefunden hat, und stemmt sich der Entropie entgegen.
Sie hat das Dorf gegoogelt, damals vor sechs Monaten, in einer anderen Epoche, in einer anderen Welt, als sie die Anzeige auf eBay Kleinanzeigen entdeckte. Laut Wikipedia ist »Bracken ein Wohnplatz der Gemeinde Geiwitz nahe der Stadt Plausitz im Landkreis Prignitz des Landes Brandenburg. Zugehörig ist der Siedlungsplatz Schütte, unbewohnt. Das Dorf wird erstmals in einer Urkunde des Bischofs Siegfried vom Jahre 1184 erwähnt. Aufgrund slawischer Funde in der Ortslage lässt sich davon ausgehen, dass Bracken aus einer slawischen Siedlung hervorgegangen ist«.
Ein typisches ostdeutsches Straßendorf. In der Mitte eine Kirche mit Dorfplatz. Bushaltestelle, Feuerwehr, Briefkasten. 284 Einwohner. Mit Dora 285, wobei sie noch nicht beim Meldeamt gewesen ist. Das hat wegen Corona geschlossen. Derzeit kein Publikumsverkehr. So steht es auf der Homepage
vom Amt Geiwitz.
Dora wusste gar nicht, dass sie zu einem Publikum gehört. Wer sind die Schauspieler? Nicht darüber nachdenken. Nicht hängen bleiben. Es gibt jetzt so viele seltsame neue Begriffe. Social Distancing. Exponentielles Wachstum. Übersterblichkeit und Spuckschutzscheibe. Dora kommt schon seit Wochen nicht mehr mit. Vielleicht auch schon seit Monaten oder Jahren, aber durch Corona ist das Nicht-mehr-Mitkommen manifest geworden. Die neuen Begriffe umschwirren ihren Kopf wie Fliegen, die sich nicht vertreiben lassen, egal, wie heftig man mit den Armen wedelt. Deshalb hat Dora beschlossen, dass alle diese Wörter sie nichts mehr angehen. Sie stammen aus einer fremden Sprache in einem fremden Land. Zum Ausgleich hat sie das Wort »Bracken« bekommen.

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Leserstimmen

Über Menschen von Juli Zeh: Können Nazis gute Menschen sein?

21.07.2021

Dora muss raus aus Berlin. Der Corona-Alltag, eine scheiternde Beziehung und das Hamsterrad des Kapitalismus haben sie fest im Griff und nehmen ihr die Luft zum Atmen. Ein renovierungsbedürftiges Haus in Bracken, einem kleinen Dorf in Brandenburg, soll ihr den nötigen Fluchtpunkt bieten. Selbst Gemüse anbauen, abschalten und in die ländliche Idylle horchen – halt einen klischeehaften Traum einer gestressten Großstädterin leben. Doch so einfach ist das nicht mit dem Abschalten, denn in Bracken will sich nichts so richtig zuordnen lassen. Ein Nazi kann hilfsbereit sein? Ein Schwuler wählt die AfD? Die Grenzen zwischen Gut und Böse scheinen nicht so leicht zu ziehen zu sein wie Dora einst dachte.

Lesenswert?

Juli Zeh ist hier ein weiterer kritischer und bewegender Gesellschaftsroman gelungen. Kaum eine Autorin hat einen derart scharfen Blick auf ihr Umfeld und benennt Schwächen in vermeintlich politisch korrekten Einstellungen so präzise. In Über Menschen porträtiert sie die deutsche Gesellschaft im Krisenmodus, den scheinbar einige fanatische Gutmenschen sich sehnlichst herbeiersehnt haben.

Insbesondere wird in diesem Roman deutlich, dass political correctness scheinbar ein Luxusgut ist. So ist es doch viel leichter, sich für Umweltschutz und Pandemiemaßnahmen und gegen Rassismus klar und deutlich auszusprechen, wenn man mit den Problemen, die diese Überzeugungen mit sich bringen, nicht konfrontiert wird. Natürlich sieht man nur die Vorteile in Biolebensmitteln und Leinenbeutel, wenn man selbst kein Landwirt ist, der daran fast bankrottgeht. Auch mit dem Fahrrad und den öffentlichen Verkehrsmitteln lässt es sich in einer Großstadt wunderbar vorankommen. Doch lebt man in Bracken, merkt man schnell, dass ohne eine taugliche Infrastruktur der Verzicht auf ein Auto undenkbar ist. Auch Corona-Maßnahmen sind absolut nachvollziehbar, wenn die eigene Existenz davon nicht abhängt.

Der Roman lässt sich wunderbar lesen und ist an vielen Stellen augenöffnend. Man erwischt sich selbst doch immer wieder dabei, ein bisschen Robert in sich zu tragen, dann aber auch den Brackener Dorfbewohner. Und auf den letzten Seiten bleibt man orientierungslos zurück und stellt fest, dass Dorfnazis komischerweise auch gute Menschen sein können und dass das Gute und Böse häufig so dicht beieinander liegen kann.

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Ostdeutsche Lebensweisheit trifft auf großstädtische Neurosen

Von: Ulrike Friese
16.07.2021

Wann ist es egal, welche politische Meinung ein Mensch hat? Darf ein kahlrasierter, hässlicher Nazi ein liebender Vater und Freund sein?
Die Antworten muss der Leser am Ende des Romans selbst liefern. Allerdings zeigt die westdeutsche Dora, die Protagonistin des Romans "Über Menschen" von Juli Zeh, die Ebenen der Reflexion auf. Dabei fängt Zeh treffsicher die Lebenswirklichkeiten der Menschen auf der anderen Seite der Elbe ein: Manchmal plakativ in der Zeichnung der Charaktere, aber glaubwürdig im Zusammenspiel der Romanfiguren. Diese müssen sich in all ihren Widersprüchen gegenseitig aushalten, denn sie leben im Niemandsland miteinander, sind aufeinander angewiesen und verarbeiten ihre sozialistischen Vergangenheiten, fast familiär. "Die Neuen" werden dabei an ihren Taten gemessen, weniger an den Worten. In diesem Sinne wird die Regionalbahn zur Schleuse zwischen den Welten, denn social distancing und Worthülsen als Erfolgsgarant gehören wie selbstverständlich zum Hamsterrad eines Werbetexters und zum Frauenbild der neurotischen Großstädter, wenn man Dora glauben darf.
Die abschließende Bewertung, die der Erzähler in der 3.Person fast entrückt vom Erzählgeschen trifft, empfinde ich als mutig und zeigt Doras eigene Widersprüchlichkeit nochmal auf, der sie sich im Verlauf des Romans durchgehend stellen muss, inklusive der eigenen belasteten Familiengeschichte, die letztlich in ihrer selbstgewählten Einsamkeit mündet. Der GUTMENSCH bleibt eben eine Fiktion der Ideologien von rechts und links. Dennoch gibt es in jedem Menschen das Gute so wie es eben auch das Böse, Hässliche gibt. Eine Erkenntnis, die man tatsächlich nur in der ostdeutschen Pampa, in Sibirien oder der Wüste findet. Nicht umsonst wird von Juli Zeh als Referenz Heidegger bemüht.
Ich bin sehr begeistert von der Sprache, der präsentierten emotionalen Intelligenz des Hauptcharakters, dem innewohnenden Humor, der wiederholt die politischen Realitäten aufs Korn nimmt und habe dabei fast wie nebenbei meine eigene Heimat wiedererkannt, inklusive der Angst vor den Nazis, der Einsamkeit und den teilweise schrullig liebenswerten Menschen.
Seit "Corpus Delicti" der beste Roman Juli Zehs, der den Menschen im Osten auf unnachahmliche Weise eine Stimme verleiht.

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Juli Zehs neuer Roman von unserer unmittelbarsten Gegenwart – in ungekürzter Lesung mit Anna Schudt erleben.

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Juli Zeh erzählt in ZDF aspekte über ihren Roman

Juli Zeh
© Peter von Felbert

Über die Autorin

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman "Unterleuten" (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Bundesverdienstkreuz (2018). 2018 wurde sie zur ehrenamtlichen Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt.

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