Till Raether: Treue Seelen

Frühsommer 1986: Achim und Barbara, um die 30, sind nach West-Berlin gezogen. In die Großstadt, weg aus der Provinz. Weil es dort eine Stelle gibt für ihn im Labor der Bundesanstalt für Materialprüfung. Weil man ein anderer Mensch sein könnte, da, wo Bowie mal gewohnt hat. Doch statt eines neuen Lebens finden die beiden Stillstand, spießige Enge und Tschernobyl-Angst.

Während Barbara an Trennung denkt, verliebt Achim sich in die zehn Jahre ältere Nachbarin Marion, die enttäuscht von ihrem Bundesgrenzschutz-Ehemann Volker ist. Marion stammt aus Ost-Berlin, sie ist als Teenager kurz vor dem Mauerbau in den Westen abgehauen. Mit ihr fährt Achim heimlich in den Osten, wo sie Marions Schwester Sybille wiedersehen. Mit den besten Absichten mischt Achim sich in die dramatische Lebensgeschichte der beiden Schwestern. Und bringt alle in Gefahr – als er die Idee hat, für Sybille einen Gegenstand über die Grenze zu schmuggeln, der ihr Leben verändern soll.

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Leseprobe

Mittags brachte er Barbara zum Flughafen Tegel, Pan-Am nach Köln-Bonn, von da mit dem Intercity drei Stationen nach Remagen, zu ihrer Familie. Mit dem Vater war was, da musste Barbara wohl mal nach dem Rechten sehen. Schade, weil sie dadurch das Fest im Hof verpasste, sagte Achim erleichtert. Oh ja, sehr schade, sagte Barbara leicht resigniert. Er wusste, dass sie nichts wusste. Oder dass sie nichts wissen wollte.
»Ich kann hier schlecht halten«, sagte er am Flugsteig in Tegel.
»Ja, um Gottes willen, ich husch da einfach schnell rein«, sagte Barbara. Sie trug ihre braune Kunstlederreisetasche über die leere Parkzone direkt neben dem Passat, bevor sie in der gelben Drehtür verschwand, das Nachgefühl ihres Abschiedskusses hart und schräg auf Achims Mund. Er rieb sich die Lippen und gab zu wenig Gas, sodass der Passat anfing zu stottern. Hinter ihm hupte höhnisch ein Taxi. Er musste das Bonner Kennzeichen loswerden. Auf der Stadtautobahn kurbelte er das Fenster runter und hielt die linke Hand in den Fahrtwind, die Luft roch nach Ab gasen, Lindenblüte und Zuckerwatte vom Deutsch-Amerikanischen-Freundschaftsfest, wobei, das Letzte bildete er sich ein. Wie Marion sich hinter der riesigen weißen Wattewolke am Stiel versteckt hatte, als die Nachbarn auf der Höhe der Autoscooter an ihnen vorbeigelaufen waren. Sie mussten vorsichtig sein, Marion und er. Den Rest des Ausflugs hielt sie sich die Zuckerwatte weiter vors Gesicht, und wenn er sie küssen wollte, musste er zuerst die Zunge ausstrecken, damit der fein gesponnene Zucker zwischen ihnen wegschmolz. Es war, nüchtern betrachtet, eine klebrige Angelegenheit. Aber Achim fand, dass er die Dinge lange genug nüchtern betrachtet hatte.

Auf der Avus holte er alles raus aus dem Passat, hundertdreißig, hundertvierzig, fast hätte er die Ausfahrt Hüttenweg verpasst, das Autoradio so laut, dass er seinen Blinker nicht hörte. In der Wohnung in Zehlendorf machte er die Fenster zu und legte Peter Gabriel auf, laut, bis Frau Selchow an die Decke klopfte, gar nicht mal unfreundlich. Die Leute hier sahen die Dinge nicht so eng, die hatten auch mehr erlebt: Blockade, Mauerbau, die ganzen Krawalle wegen der besetzten Häuser, Anschläge auf Diskotheken, die hatten Wichtigeres im Kopf, die zerrissen sich nicht so das Maul darüber, was die anderen machten, also er. Und Marion. Achim fand, dass er hier freier atmete als früher in Bad Godesberg. Und heute besonders. Weil Barbara nicht da war.

Der Nachmittag rann ihm durch die Finger, aber gar nicht unangenehm, eher wie warmer Sand, wenn man am Meer lag. Er lief durch die Wohnung, hörte Musik und trank Batida Kirsch mit Eiswürfeln aus der kleinen, frostigen Aluminium-Schale mit Hebel, unter dem man sich die Finger klemmte. Er hatte genau die richtige Jeans, er hatte genau das richtige Hemd, dunkelblau mit weißen Punkten, und nach drei, vier Touren zum Kühlschrank hing es ihm genau richtig über die helle Hose, lässig, pluderig. Als er sah, dass der Lothar von gegenüber und der Lothar aus dem Aufgang links schon dabei waren, die Bierbänke und die Tische aufzubauen, konnte er es kaum erwarten, die Treppe hinunterzukommen, ach, da ist ja unser Feuerteufel! Ob er dann gleich mal den Grill übernehmen könnte, so als Fachmann fürs Zündeln. Sie lachten, Achim auch. Ob er denn an die Überraschung gedacht hätte. Achim zeigte auf den braunen Karton, den er schon unter den Buffettisch geschoben hatte. Klar hatte er daran gedacht.
»Na ja, wenn die Dinger losgehen, kriegt unser Oberbulle die Krise«, sagte Lothar Kries, und Achim wusste, wen er meinte: Marions Mann Volker. Er sah kurz vom Grill auf und hoch zu ihrer Wohnung, als stünde Volker da am Fenster. An Volker dachte er nicht so gern. Die Luft vor Marions Wohnung vibrierte in Schlieren, und Achim merkte, dass der Grill heiß wurde. Die Mücken kamen, das war ja alles Sumpf hier, niedriges Grundwasser, die Seen, der Teltow-Kanal, und immer drückte ihm einer eine Schultheiß-Knolle in die Hand, die ausgetretene Wiese zwischen den Birken füllte sich mit Nachbarinnen in Leinenkleidern und Puffärmeln und Nachbarn in ihren Lieblingshemden, alle glänzten ein bisschen mehr als sonst, die Lippen, das Haargel, die Stirnpartien – warm war es geworden. Und wenn er schon mal am Grill stand, ob er dann nicht gleich – hier, nimm mal die Steaks, alles sauber, aus Argentinien, und die Würste sind aus dem Tiefkühler, Vor-GAU-Ware, und nimmst du noch ein Schultheiß, Achim? Das Hoffest lag in drei Farbschichten vor seinen Augen wie ein aufwendiger Cocktail: unten die Kinder in gelb-blond, dreckig, zerzaust und zufrieden, weil sie zum ersten Mal wieder länger rausdurften; darüber die nackten Oberarme, die insgesamt creme-orange-roten Kleider und Hemden der Erwachsenen, der Qualm vom Grill, durch den die rötlichen Glühbirnenketten schienen, die Familie Fiorini von Birke zu Birke gespannt hatte, und immer fiel ein Kind über die Kabeltrommel; und darüber als dritte Farbschicht der unwirklich dunkel blaue Himmel, dieses Atemholen der Nacht kurz vorm Sonnenuntergang. Die seltsamste Welt war die eigene Wohnung, wenn man während des Hoffestes kurz reinhuschte, um was zu holen, ein anderes Klima, eine andere Zeitzone, die Möbel schauten stumm zur Wand. Die Kinder beschwerten sich über Achims schwarzbraune Würste, er machte ihnen mehr Ketchup darauf. Die Kinder sagten, affengeil, heute Abend war das noch im Rahmen. Wann war Marion eigentlich aufgetaucht, und warum hatte er sie nicht gleich erkannt, die dunklen Haare ein bisschen zurückgelegt, das lachsfarbene Kleid mit weißen großen Knöpfen hinten und vorne, ihre jetzt schon frühsommerbraune Haut matt und glatt mit vielen, wie hingesprenkelten Muttermalen, die es ihm unmöglich machten, rechtzeitig wieder wegzugucken. Er würde den Anblick nie wieder vergessen.

Frau Selchow hatte sich ans Buffet gestellt, nahm ein Gürkchen und zeigte mit dem durchsichtigen Plastikspieß auf den Grillrost: »Vernachlässjen Sie ma Ihre Pflichten nicht, Herr Tschuly.« Achim nickte und wendete das Fleisch. Frau Selchow sah sich auf dem Buffet um, das ein Campingtisch mit weißer Papiertischdecke und acht oder neun großen Tupperschalen war. »Was haben Sie eigentlich mitgebracht?«, fragte sie, aber nett, so, als würde sie gern mal probieren. Ihr Dackel hieß Afra und schaute hoffnungsvoll.
»Nichts fürs Buffet«, sagte Achim, legte das Fleisch an den Rand und neue, hellgrüne Steaks auf den Rost, mariniert, dass es zischte. »Aber eine Überraschung für später. Wenn’s dunkel ist.« Frau Selchow bückte sich nach dem Karton, auf den er gezeigt hatte. Sie klappte die Deckellaschen auf und guckte rein, als würde sie eine Ware prüfen.
»Wo haben Sie die denn hier?«, fragte sie.
Aus meinem Labor in der Bundesanstalt für Materialprüfung natürlich, wollte Achim sagen, aber für einen Moment vergaß er, worüber sie gesprochen hatten. Er starrte zu Marion, weil ihr Mann Volker sich über sie beugte, von hinten, und ohne aufzusehen, reckte sie die Arme nach oben und drehte Volker den Kopf zu und küsste ihn, zerstreut, gewohnt, da bist du ja, die Hand in seinem Haar, nur kurz, aber tief, Volkers Haare waren hinten länger als vorne.
»Sie müssen ’n bisschen aufpassen«, sagte Frau Selchow zu ihm, leiser als eben. Achim atmete aus. »Die Raketen sind alle geprüft«, sagte er.
»Ja, nee«, sagte Frau Selchow und nahm noch ein Gürkchen, weil ihr offenbar nichts behagte aus den Tupperschüsseln. »Das meine ich auch nicht.«

Till Raether über "Treue Seelen"

Till Raether, geboren 1969 in Koblenz, aufgewachsen in Berlin, arbeitet als Autor und freier Journalist in Hamburg, unter anderem für »Brigitte Woman«, »Merian« und das »SZ-Magazin«. Er studierte Amerikanistik und Geschichte in Berlin und New Orleans und war stellvertretender Chefredakteur von »Brigitte«. Seine Kriminalromane über den hochsensiblen Kommissar Adam Danowski wurden von der Kritik gefeiert und mehrfach für Preise nominiert. Till Raether ist verheiratet und hat zwei Kinder.

1. Lieber Herr Raether, wie ist Ihnen die Idee zu dem Roman gekommen? Worum geht es in wenigen Worten?
Ich bin in Berlin-Zehlendorf aufgewachsen, und als meine Mutter vor einigen Jahren von dort nach Hamburg gezogen ist, wollte ich mich von diesem Ort meiner Kindheit mit einem Roman verabschieden. Aber nicht aus der Sicht des Jugendlichen, der ich in den 80er Jahren war, sondern aus der Sicht der Erwachsenen, die ich damals nur von außen betrachtet und nicht verstanden habe. Darum erzählt das Buch von einem jungen Ingenieur aus Bonn, der nach West-Berlin zieht, um an der Bundesanstalt für Materialprüfung Feuerwerkskörper zu testen. In Zehlendorf verliebt er sich in eine ältere Nachbarin, und um sie zu beeindrucken, lässt er sich vor dem Hintergrund der Tschernobyl Katastrophe auf ein Wagnis ein, bei dem er sich und andere in Gefahr bringt.

2. Was fasziniert Sie an den 1980er Jahren? Warum gerade diese Zeit?
Ich glaube, dass die Welt, in der wir heute leben, aus den 80er Jahren stammt. Nicht nur, was die Ästhetik und unsere Sehnsüchte angeht, sondern auch viele Themen, über die wir heute streiten: Feminismus, Umweltschutz, Machtverhältnisse in der Gesellschaft.

3. Der Roman beschäftigt sich mit der deutsch-deutschen Geschichte und der Annäherung von Ost und West in Gestalt der Hauptfiguren. Wie relevant ist das heute noch, wo stehen wir heute, über dreißig Jahre nach dem Mauerfall?
Im Roman geht es beim Thema Ost und West vor allem um die Fragen: Wem gehört eigentlich welche Geschichte? Wie kann man, wie darf man die Geschichten von anderen erzählen? Wer hört wem zu und wer hört weshalb nicht zu? Ich glaube, das sind Ost-West-Fragen, die heute so aktuell sind wie unmittelbar nach dem Mauerfall.

4. Gibt es autobiografisch gefärbte Züge im Roman?
Ich habe als Siebzehnjähriger im Frühjahr 1986 die Welt als ganz neu, als ganz frisch wahrgenommen, der schlimme Teil der Pubertät war vorbei, das Gefühl, nun ginge es los, war überwältigend und beglückend, es war, als sähe ich alles zum ersten Mal. Es hat mir Freude gemacht, diese Aufbruchsstimmung und dieses Weltentdeckungsgefühl im Roman den beiden Verliebten mitzugeben.

5. Wo waren Sie, als Sie vom Atomunfall von Tschernobyl erfahren haben?
Ich habe eine Zeitungsschlagzeile an einem Kiosk an der Fischerhüttenstraße Ecke Argentinische Allee gelesen, während meine Freundin uns zwei Capri gekauft hat, weil wir mit den Fahrrädern auf dem Weg an den Schlachtensee waren. Wir fühlten uns unverwundbar.

6. Was macht den Roman für Leser*innen lesenswert, die die 1980er nicht selbst erlebt haben? Was können heutige Leser*innen daraus mitnehmen?
Für mich ist „Treue Seelen“ ein Roman über Selbst- und Fremdbestimmtheit und über die Erwartungen, die wir an andere Menschen und an uns selbst haben. Das wird so lange aktuell sein, wie Menschen versuchen, miteinander und mit sich selbst zu leben. Und wie wir mit, trotz und in Katastrophen weiterleben, ist heute ganz ähnlich wie zur Zeit von Tschernobyl.

© btb Verlag /Penguin Random House Verlagsgruppe (Abdruck nur nach Rücksprache mit dem Verlag)

Schauplätze aus dem Buch und Recherchematerial

(c) Till Raether

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