Dolores Redondo: Todesspiel

Er schlägt zu, wenn die Natur tobt und die Menschen am schutzlosesten sind

Die Suche nach einem Serienmörder bringt die beste FBI-Kommissarin aus Spanien nach New Orleans. Die junge Amaia Salazar entdeckt an den Tatorten immer das Gleiche: mehrere Tote, die Leichen nach Norden ausgerichtet, daneben eine Geige drapiert. Der Mörder? Ein Mann, der raffiniert ist. Aber nicht unbezwingbar. Er wird »der Komponist« genannt.

Am Vorabend des schlimmsten Hurrikans von New Orleans befindet sich Amaia Salazar in der Stadt, um dem Komponisten auf die Spur zu kommen. Doch dann erreicht sie ein Anruf aus Spanien. Und die Geister ihrer Kindheit erwachen wieder zum Leben. Kommt die Ermittlerin dem gnadenlosen Mörder trotzdem noch auf die Spur?

Der neue große Thriller von Nr.-1-Bestsellerautorin Dolores Redondo.

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Prolog
Elizondo
Als Amaia Salazar zwölf Jahre alt war, hatte sie sich im Wald verlaufen und war sechzehn Stunden lang unauffindbar gewesen. Es war früh am Morgen, als sie dreißig Kilometer nördlich der Stelle, wo sie vom Weg abgekommen war, wieder auftauchte. Bewusstlos lag sie im heftigen Regen. Ihre Kleider waren schwarz versengt und verschmutzt. Ihre Haut jedoch war auffallend blass, makellos und bitterkalt, als wäre sie gerade aus Eis erstanden.
Amaia behauptete, dass sie sich kaum noch daran erinnern konnte, was geschehen war. Ihr war nur noch eine kurze Sequenz an Bildern im Gedächtnis geblieben, die sich ununterbrochen wiederholte. Manchmal fragte sie sich, ob sie wirklich so weit durch den Wald gegangen war oder ob sie möglicherweise einfach nur so lange auf denselben Baum gestarrt hatte, bis ihr Gehirn in eine Art Hypnosezustand gefallen war.
Es war ein ganz normaler Sonntagmorgen gewesen, an dem sie mit ihrem Hund Ipar gemeinsam mit einer Gruppe Wanderer aufgebrochen war. Sie wollte ihrer Tante Engrasi den Gefallen tun, die sie seit Monaten drängte, mehr an die frische Luft zu gehen. Beide wussten, dass das in Elizondo unmöglich war. Im letzten Jahr war sie immer seltener draußen gewesen, bis sie schließlich nur noch den Schulweg zurückgelegt und Tante Engrasi sonntags zur Messe begleitet hatte. Die restliche Zeit über war sie im Haus geblieben und hatte gelesen, ihre Hausaufgaben gemacht, der Tante beim Putzen geholfen oder mit ihr zusammen gekocht. Sie hatte jeden Vorwand genutzt, um nicht rauszugehen. Jede Ausrede war willkommen, um sich nicht dem stellen zu müssen, was im Ort passiert war.
Sie sagte immer wieder, dass sie sich nur noch daran erinnerte, den Baum angesehen zu haben, und ihr sonst nichts im Gedächtnis geblieben wäre, wobei das nicht ganz stimmte. Denn in ihrer Erinnerung sah sie zwar den Baum, aber auch das Gewitter … und das Haus mitten im Wald.
Als sie wieder zu sich gekommen war, hatte ihr Vater neben dem Krankenhausbett gesessen, in dem sie lag. Sein Gesicht war bleich gewesen, das nasse Haar klebte ihm an der Stirn, und die Augen waren vom Weinen gerötet. Beschützend hatte er sich zu ihr heruntergebeugt, mit besorgter Miene, in der sich aber allmählich Erleichterung zeigte. Ihr kamen fast die Tränen vor Rührung. Sie liebte ihren Vater über alles.
Doch in dem Moment, als sie ihm dies sagen wollte, spürte sie die leichte Berührung seiner warmen Lippen, während er ihr etwas ins Ohr flüsterte: »Amaia, erzähl niemandem davon. Tu es für mich. Erzähl es nicht.«
Die Worte, mit denen sie ihm hatte sagen wollen, wie sehr sie ihn liebte, erstarben in ihr. Unfähig, auch nur einen Laut herauszubringen, nickte sie. Sie versprach zu schweigen, dieses letzte Geheimnis für sich zu behalten. Es war der Grund dafür, dass sie aufhörte, ihn zu lieben.

Albert und Martin
Brooksville, Oklahoma
Albert
Albert war elf Jahre alt und eigentlich ein braver Junge, doch am Tag der Morde gehorchte er seinen Eltern nicht. Er tat dies nicht, weil er sich ihnen ständig widersetzte, sondern einfach nur, weil er dachte, dass am Ende doch nichts Schlimmes passieren würde. Der Wetterdienst warnte schon seit Stunden vor einem heftigen Gewittersturm. Kalte und warme Luftmassen prallten aufeinander und würden in Form von Tornados auf die Erde treffen. Allerdings befanden sie sich das ganze Frühjahr schon im ständigen Alarmzustand. Seine Mutter hatte den Fernseher in der Küche auf volle Lautstärke gestellt, obwohl die Nachrichten sich immerzu wiederholten, und wehe, man wagte es, den Ton leiser zu drehen oder auf ein anderes Programm umzuschalten. Seine Eltern nahmen die Sache mit den Tornados sehr ernst, und Albert verstand beim besten Willen nicht, warum. Schließlich war noch nie so ein Monstersturm über sie hinweggefegt.
Doch als er seinen Eltern am Morgen erklärte, er sei mit Tim, dem Sohn der Jones, zum Spielen verabredet, wollten sie ihn nicht gehen lassen. Die Scheune der Jones war vor drei Jahren von einem Tornado zerstört worden, und warum sollte sich das nicht wiederholen?
Sie würden alle zu Hause bleiben und, sobald die Sirene erklang, nach unten in den Schutzraum gehen.
Albert protestierte nicht. Er stellte nach dem Frühstück seine Schüssel in die Spüle und schlich sich durch die Hintertür davon. Als er etwa den halben Weg zur Farm der Jones zurückgelegt hatte, merkte er, dass etwas Seltsames passierte. Die Wolken, die den Himmel schon am frühen Morgen bedeckt hatten, zogen auf einmal rasend schnell über den Himmel; zwischen ihnen blitzte die Sonne hindurch und projizierte ein Spiel aus Licht und Schatten auf die Erde, auf der sich ansonsten nichts rührte. Eine gespenstische Stille lag über den Feldern, nirgends war eine Landmaschine zu sehen, und sogar die Vögel waren verstummt. Er horchte aufmerksam, doch das Einzige, was er hörte, war das Heulen eines Hundes in der Ferne. Oder war es vielleicht gar kein Hund?
Er erreichte die Farm der Jones mit den ersten Windböen. Erschreckt begann er zu rennen, lief die Treppe zur Haustür hinauf und trommelte mit aller Kraft dagegen. Keine Antwort. Er eilte um das Haus herum zur Hintertür, die immer offen war, nur nicht an diesem Tag. Er legte die Hände auf die Scheibe und blickte in die Küche. Niemand da.
Und dann hörte er es. Er trat zwei Schritte zurück und blickte um die Ecke zur Seite des Hauses. Der Tornado raste wie ein wütender Bote der Finsternis, eingehüllt in eine Wolke aus Staub, Nebel und Zerstörung, über die verlassene Wiese heran. Albert verharrte einen Moment in stummer Bewunderung, wie hypnotisiert von der heranstürzenden Macht und erstaunt von der magnetisierenden Gewalt. Der aufwirbelnde Staub trieb ihm die Tränen in die Augen. Panisch suchte er nach einem Ort, wo er sich in Sicherheit bringen konnte.
Die Jones hatten im vorderen Teil der Farm bestimmt einen Schutzraum, aber genau wusste er das nicht, und es war eh zu spät, um dorthin zu gelangen. Also rannte er zum Hühnerstall, wandte unterwegs kurz den Blick zurück auf das heranstürzende Monster und betete, dass die Tür des Stalls nicht abgeschlossen war. Er schob den sperrigen Riegel zurück, stolperte hinein und schloss die Tür von innen. Für einen Moment verharrte er keuchend in der Dunkelheit. Hier drinnen stank es nach Federn und Hühnerkot. Als seine Augen sich an das spärliche Licht, das durch die Ritzen im Holz hereinfiel, gewöhnt hatten, tastete er in seiner Hosentasche nach seinem Asthmaspray. Vor seinem geistigen Auge sah er es zu Hause auf dem Tisch neben dem Fernseher liegen. Während er die aufsteigenden Tränen zurückdrängte, lauschte er auf die draußen tobende Bestie. Hatte sie sich ein wenig beruhigt? Vielleicht entfernte sie sich bereits wieder?
Er legte sich auf den Boden und blickte durch die Luftlöcher zwischen den Holzbrettern nach draußen. Wenn der Tornado für einen Moment die Richtung geändert hatte, dann nur, um noch gewaltiger zurückzukehren. Wie ein lebendes Wesen, das aus all dem bestand, was es auf seinem Weg mit sich riss, kam er über die Wiese heran.
Albert blickte zurück in den Stall, und erst da fielen ihm die Hühner auf, die sich in einer Ecke versammelt hatten. Sie wussten, dass sie sterben würden, und in diesem Moment wusste er es auch. Am ganzen Körper zitternd, stürzte er in der letzten Sekunde, bevor der Tornado die Farm erreichte, auf die Vögel zu und rollte sich zwischen ihnen zusammen. Die zuvor still aufeinander hockenden Hühner stoben mit lautem vorwurfsvollem Gackern auf, das sich beinahe wie panisches menschliches Geschrei anhörte.
Auch Albert schrie. Er schrie voller Angst nach seiner Mutter. Als er sich einen Moment später selbst nicht mehr hören konnte, weil das Brüllen der Bestie draußen alles übertönte, wusste er, dass dies das Ende war. Das Letzte, was er spürte, bevor der Hühnerstall über ihm zusammenbrach, war die Wärme des Urins, der an der Innenseite seiner Schenkel hinunterlief.

Martin
Die Sonne strahlte an einem blauen Himmel, an dem sich nicht eine einzige Wolke zeigte. Martin hielt inne, als er in seinem kurzen, perfekt gekämmten Haar einen Schweißtropfen spürte. Nervös strich er mit der Hand darüber und stellte besorgt fest, dass der Kragen seines Hemdes bereits feucht war.
Mit der Spitze seines glänzenden Schuhs schob er Schutt und gesplittertes Holz zur Seite, um seinen Aktenkoffer abstellen zu können. Dann nahm er ein weißes Stofftaschentuch heraus und wischte sich damit über den Nacken. Während er es wieder zusammenfaltete und einsteckte, begutachtete er sein Äußeres. Die gebügelte Hose und die makellosen Schuhe. Das Jackett war dagegen ein Fehlgriff gewesen. Er hätte wissen können, dass auf einen Tornado stets Hitze folgte, und ein leichteres Kleidungsstück wählen sollen.
So weit das Auge reichte, war alles vollständig zerstört. Nur die kleine rote Scheune stand noch, gleich neben der Treppe, die hinunter in den Schutzraum führte; dorthin hatte sich die Familie Jones geflüchtet. Er griff wieder nach seinem Koffer und ging auf den offen stehenden Eingang des Schutzraums zu. Kurz blieb er noch einmal stehen und atmete den Geruch von dunkler Erde ein, der daraus aufstieg; es roch nach Pilzen, Torf und leicht nach Urin. Er spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Dort war niemand mehr. Also ging Martin auf die Farm zu, oder besser auf das, was von ihr übrig geblieben war.

Albert
Albert kam wieder zu sich. Noch bevor er die Augen öffnete, merkte er, dass er sich nicht bewegen konnte. Er spürte einen heftigen Druck auf der Brust. In der Ferne hörte er die Stimmen der Familie Jones, und er wollte nach ihnen rufen. Doch seine von dem Gewicht der Balken zusammengepresste Lunge erlaubte ihm nur drei Atemzüge, bevor er erneut das Bewusstsein verlor.
Grelles Licht blendete ihn, als er die Augen wieder aufschlug. Er wusste nicht, wie lange er bewusstlos gewesen war, und nahm sich vor, diesmal keine Panik zu bekommen, um nicht wieder ohnmächtig zu werden. Nach wie vor konnte er sich nicht bewegen. Ein Teil des Dachs lag auf ihm, aber er schätzte, dass darüber noch etwas anderes war, etwas sehr Schweres. Wahrscheinlich war einer der Stützbalken auf ihn gefallen. Keuchend atmete er durch den Mund. Seine Stirn brannte an der Stelle, wo das gesplitterte Holz seine Haut aufgeschürft hatte, und seine Nase war voller Blut und Rotz. Wahrscheinlich war auch sein linker Fuß gebrochen, denn er spürte darin einen stechenden Schmerz.
Neben seiner rechten Hand entdeckte er ein lebloses Huhn. Er begann zu weinen, aber er wusste, dass er sich zusammenreißen musste, um keinen Asthmaanfall zu bekommen. Mühevoll atmete er durch den Mund ein, wobei er so tief Luft holte, wie das Gewicht auf seiner Brust es zuließ. »Sehr gut, Albert, du machst das prima, Schatz«, hörte er die Stimme seiner Mutter, die ihm bei den Anfällen normalerweise beistand. Als er an sie dachte, stiegen ihm erneut Tränen in die Augen. Er kam sich wie ein kleiner dummer Junge vor.
Wütend auf sich selbst, spannte er den Körper an, der unfreiwillig erbebte. Der Schmerz jagte hinunter bis zu seinem verletzten Fuß. Keuchend verlor er die schwache Kontrolle, der er seinen Atem unterworfen hatte. Also konzentrierte er sich darauf, seine Atemzüge im Kopf mitzuzählen, bis er wieder ruhiger wurde. Anschließend drehte er den Kopf nach rechts und schürfte sich erneut die Stirn auf, als er versuchte, durch die Öffnung zwischen den eingestürzten Brettern zu schauen.
Er war ein Junge vom Land und konnte daher anhand des einfallenden Lichts feststellen, dass es kurz nach Mittag war. Der Tornado hatte sämtliche Wolken weggefegt. Er dachte auch, dass Mr. Jones zum Glück zwei Tage zuvor das Gras gemäht hatte, denn ansonsten hätte er nun den Mann nicht sehen können, der über die Wiese heranschritt. Er wusste sofort, dass es nicht Mr. Jones war. Der Mann hatte ein glänzendes Abzeichen auf der Brust und trug einen Aktenkoffer.
Albert holte tief Luft und versuchte zu schreien, aber es drang nur ein ersticktes, heiseres Krächzen aus seinem Mund. Der Mann wandte kurz den Blick in die Richtung des zerstörten Hühnerstalls. Albert war sich sicher, dass er zu ihm herüberkommen würde, doch in dem Moment kroch das Huhn, das er für tot gehalten hatte, zu der Öffnung zwischen den Brettern, schlüpfte nach draußen auf die Wiese, und der Mann wandte den Blick wieder ab und ging weiter auf die Farm zu.
Albert brach in Tränen aus. Es war ihm egal, ob er dabei erstickte oder nicht. Er war sich sicher, dass er in jedem Fall sterben würde.

Martin
Während er näher kam, drang ein leises verzweifeltes Klagen an sein Ohr. Er hatte es schon Dutzende Male gehört. Dabei kam es gar nicht darauf an, was sie sagten. Alle Menschen, die eine Tragödie überlebten, klangen gleich.
Ein etwa sechzehnjähriges Mädchen zog bunte Tücher aus dem Schutt und schwenkte sie in einer Staubwolke wie Gymnastikbänder durch die Luft, bevor sie sie sich um den Hals legte. Sie war die Erste, die ihn sah, und sie machte ihre Familie auf ihn aufmerksam, indem sie mit dem Finger auf ihn wies.
Die Wiese war von hölzernen Trümmern übersät, und er ging darüber hinweg weiter auf die Farm zu.
Da waren noch zwei weitere Kinder, ein Jugendlicher in etwa demselben Alter wie das Mädchen und ein Junge von vielleicht zwölf Jahren. Der ältere Junge trug ein Shirt mit dem Bild einer Rockgruppe, und der jüngere hatte für einen Jungen etwas zu langes Haar. Mr. Jones hingegen saß weinend auf den Stufen zu dem, was von der Veranda noch übrig war. Martin entdeckte neben ihm auf der Treppe eine Wasserflasche, zwei Schokoriegel und eine Pistole. Mr. Jones hielt sich den Kopf in einer Geste absoluter Hilflosigkeit, während seine alte Mutter, die neben ihm saß, ihn wie ein kleines Kind tröstend in den Armen wiegte.
Ein paar Schritte daneben stand eine Frau von etwa Mitte vierzig und sah Martin fragend entgegen, die jüngere Mrs. Jones, wie er annahm. Sie war eine zierliche, hübsche Frau, deren Haar in einem künstlichen Rotton gefärbt war, der ihr nicht stand, und sie hielt eines von diesen kleinen, dummen Schoßhündchen im Arm, die ununterbrochen winselten.
Martin überprüfte noch einmal, ob das Abzeichen auf seiner Brust gut sichtbar war. Die ganze Familie schien sich zu freuen, ihn zu sehen. Alle hielten in dem inne, was sie gerade taten, und gingen instinktiv auf die Stelle zu, an der sich die Haustür befunden hatte, obwohl der größte Teil der Wand auf dieser Seite nicht mehr vorhanden war.
Mrs. Jones war die Erste, die reagierte. Ohne den Hund abzusetzen, zog sie sich die Bluse zurecht und strich sich leicht durchs Haar, bevor sie die Treppe hinunterging, um Martin mit strahlendem Lächeln zu empfangen.
Auch er lächelte, obwohl er sie abgrundtief dafür hasste, so viel Böses angerichtet zu haben, für all die Korruption und die anderen schrecklichen Dinge, mit denen sie Gott selbst wütend gemacht hatte. Er streckte ihr die Hand entgegen, und noch bevor er die ihre schüttelte, hatte er beschlossen, dass, obwohl er sich eigentlich schon für die Alte entschieden hatte, diesmal sie die Erste sein sollte, die er töten würde.

Albert
Albert hörte die Schreie und die Schüsse. Er riss erschreckt die Augen auf. Womöglich war dies trotz allem ja doch sein Glückstag.

So haben die Leser*innen »TODESSPIEL« bewertet

Heinrich Hugendubel GmbH & Co. KG
Von: Gesine Schad
12.09.2022

Dieses Buch hat mir einige Nächte verkürzt!

Absolut unglaublich. Diese Mischung aus Mysterie und Thriller ist wirklich etwas Besonderes. Bei der Beschreibung der Situation nach Katrina in New Orleans standen mir die Haare zu Berge. Man ist buchstäblich dabei und kann sich nicht entziehen. Auch die Parallelität der Geistergeschichten ist grandios. Alles super stimmungsvoll.

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Eine außergewöhnliche Ermittlerin mit Talent und Intuition

Von: carola1475
23.08.2022

Ein Serienmörder tötet ganze Familien, indem er sich das nach Naturkatastrophen herrschende Chaos zunutze macht. Nur durch einen Zufall wird sein Morden entdeckt. Die spanische Polizistin Amaia Salazar, in den USA aufgewachsen und ausgebildet, besucht gerade ein FBI-Seminar und wird in die Ermittlungen eingebunden.
Das FBI will den Mörder in New Orleans erwarten, dort droht der nächste große Hurrikan.

Es gibt zwei gleichermaßen spannende, eindringlich und bildhaft erzählte Handlungs- und Zeitebenen. Neben den Ermittlungen zum Serienmörder wird auch Amaias furchtbare Kindheit beschrieben, die sie geprägt hat.

Amaia erkennt Verborgenes in Menschen und auch bei Vorgängen, sie ist eine äußerst talentierte Ermittlerin mit Intuition und großer Kombinationsfähigkeit. Sie ist selbstbewusst und kann arrogant erscheinen, dadurch eckt sie leicht an. Als Figur in der Geschichte hat sie mich am meisten fasziniert.
Auch die anderen Protagonisten sind glaubwürdig und selbst Nebenfiguren erscheinen mir als interessante, individuelle Charaktere, die mich berühren.

Die Geschichte ist sehr komplex aufgebaut und auch Voodoo und der Aberglaube der Cajun und des Baskenlandes spielen eine Rolle. Durch die Bedeutung, die allem damit zusammenhängende hier von den Cajun beigemessen wird und durch die Parallelen zur Mythologie ihrer Heimat beginnt Amaia in Louisiana, sich mit ihrem kindheitsbedingten Trauma auseinanderzusetzen.

Todesspiel ist ein Prequel der bereits veröffentlichten Bücher um Amaia Salazar und spielt 2005, zum großen Teil in New Orleans, als die Stadt vom Hurrikan Katrina getroffen wird. Atmosphärisch dicht und zweifellos realitätsnah wird die Naturkatastrophe mitsamt ihren Auswirkungen von Dolores Redondo beschrieben, auch die Stadt und das benachbarte Sumpfgebiet werden durch den anschaulichen und fesselnden Schreibstil für den Leser lebendig.

Das Cover zeigt wohl einen der Bäume im Bajou und ist düster und geheimnisvoll und der Gitter-Effekt, den die langgezogenen Buchstaben des Titels erzeugen, passt dazu, es gefällt mir.

Abgesehen von der spannenden Geschichte bin ich davon beeindruckt, wie Dolores Redondo ihre Recherchen zum Hurrikan Katrina und zum Stand der Verhaltensforschung des FBI in ihrem Buch verarbeitet hat.

Ich empfehle „Todesspiel – Die Nordseite des Herzens“ jedem Leser von Thrillern, der für ungewöhnliche, auch okkulte Aspekte offen ist.
Mich hat das Buch sehr gut unterhalten und ich vergebe 4,5 Sterne.

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Dolores Redondo
© Xavier Torres-Bacchetta

Dolores Redondo

Dolores Redondo begeistert mit ihren literarischen Spannungsromanen ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt. »Alles was ich dir geben will« stand monatelang auf der spanischen Bestsellerliste und wurde mit dem Premio Planeta, dem höchstdotierten Literaturpreis des Landes, ausgezeichnet. Redondo wurde außerdem für den CWA International Dagger Award nominiert und war Finalistin beim Grand Prix des Lectrices de ELLE. Sie wurde 1969 in San Sebastián geboren und lebt heute in der nordspanischen Region Navarra.

Aus dem Spanischen von Anja Rüdiger.