Schach unter dem Vulkan

Schach unter dem Vulkan

Die Leser des erfolgreichen Autors Franz J. Lunde sind sich sicher: Wer einen Mord so schildert, muss ihn selbst begangen haben. Lunde, der an einem Manuskript mit dem Titel »Letzte Tage und Tod eines Schriftstellers« arbeitet, fühlt sich von seinem Publikum bedroht. Nach einer Lesung in Kymlinge ist er plötzlich spurlos verschwunden. Kurze Zeit später wird die bekannte Lyrikerin Maria Green vermisst. Auch sie hinterlässt ein rätselhaftes Schriftfragment. Die Polizei tappt im Dunklen, bis ein halbes Jahr später der Autor und Literaturkritiker Jack Walde unauffindbar ist. Was verband diese drei Schriftsteller? Was ist ihnen zugestoßen? Kommissar Barbarotti fördert trotz erschwerter Bedingungen Erstaunliches zu Tage.

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I. Oktober – November 2019

Die Wirklichkeit
Um Viertel nach zehn an einem Abend Ende Oktober liegt der recht erfolgreiche Schriftsteller Franz J. Lunde bekleidet und rücklings auf einem Hotelbett in einer mittelschwedischen Stadt.
Das heißt, nicht in einem Mantel, einem Jackett und mit Schal; diese Kleidungsstücke hängen an Haken an der Tür. Die Schuhe liegen abgestreift auf dem Fußboden. Seit zehn Minuten betrachtet er einen unregelmäßigen Stockfleck an der Decke – der vage an die zu der Inselgruppe der Kapverden gehörende Insel Santiago erinnert, die er Ende der Neunzigerjahre besucht hat –, während er intensiv nachdenkt. Intensiv und nicht ohne Sorge, das hat seine Gründe. Dann atmet er so tief durch, dass es beinahe einem Seufzer gleichkommt, streckt einen Arm aus, ohne den Kopf vom Kissen zu heben, und zieht Stift und Notizbuch aus der dünnen Aktentasche, die an das Bett gelehnt steht. Das Notizbuch ist noch unbenutzt und erinnert an zahlreiche andere Notizbücher auf der Welt. Es ist schwarz und hat einen festen Einband. Im A4-Format. Er setzt eine Hornbrille auf und beginnt zu schreiben.
Das einzige wirksame Mittel gegen die Angst, zumindest in seinem Fall.

Die Dichtung: Letzte Tage und Tod eines Schriftstellers
John Leander Franzén war nicht nur Schriftsteller. Er war außerdem Narzisst, auf der Schwelle zum Psychopathen.
Ersteres, die Schriftstellerei, war der Bücher lesenden Öffentlichkeit wohlbekannt, Letzteres war ein einigermaßen gut gehütetes Geheimnis. Wie man so sagte. Das Geheime war zumindest eine Hoffnung, die er selbst hegte, auch wenn sich aus gutem Grund annehmen ließ, dass seine frühere Ehefrau genau wie ein, zwei frühere Freunde der bitteren Wahrheit wohl auf die Spur gekommen waren. Wie man auch sagte. Psychopath war im Übrigen ein Modewort, das so häufig missbraucht wurde, dass es auf dem besten Weg war, noch den letzten Rest an Bedeutung zu verlieren.
Aber egal. Inzwischen, seit er zur Gemeinschaft der über Fünfzigjährigen gehörte, hatte JLF – wie er oft angesprochen und genannt wurde, im kleinen Kreis, aber auch in größeren Kreisen – sowohl seine Frau als auch die meisten Freunde hinter sich gelassen. Er lebte in angenehmer Abgeschiedenheit in einer mittelgroßen, mit Bücherregalen bestückten Wohnung in einem Haus aus der Jahrhundertwende in Södermalm in Stockholm, der Stadt und dem Stadtteil, wo er einst aufgewachsen und wohin er zurückgekehrt war, als sein literarisches Werk eine solche Dignität erreicht hatte, dass er sich von seiner Stelle als Lehrer am Gymnasium in Norrköping verabschieden konnte, an dem er knapp zwei Jahrzehnte gearbeitet hatte. Natürlich war ein Narzisst/Psychopath besser für die einsame Rolle des Schriftstellers als für den Platz am Lehrerpult geeignet, das dürfte wohl jedem klar sein.
An diesem speziellen Abend dachte er allerdings weder über seinen Beruf noch über seinen Charakter nach. Es war Viertel nach zehn, er lag rücklings auf einem Hotelbett in einer mittelschwedischen Stadt, während er einen Stockfleck an der Decke betrachtete – der vage an eine Insel im Atlantik erinnerte, die er möglicherweise vor etlichen Jahren besucht hatte – und sich zu erinnern versuchte, wie diese Frau ausgesehen hatte. Sie, die ihm kurz vor Ende der Veranstaltung diese Frage gestellt und ihn dazu gebracht hatte, die Fassung zu verlieren.
Klein und dunkelhaarig? Das glaubte er, war sich aber nicht sicher. Um die fünfzig? Vielleicht, aber sie hätte ebenso gut vierzig oder sechzig sein können. Ihre Stimme war eher im Altbereich angesiedelt, hätte fast die eines Mannes sein können und klang auf falsche Weise angenehm. Sie passte schlecht zu dem, was sie tatsächlich sagte, sehr schlecht.
JLF verlor eigentlich nie die Fassung, zumindest nicht bei seinen Auftritten als Schriftsteller. Er konnte auf mehr als fünfzehn Jahre Erfahrung zurückblicken und war vor sicherlich mehr als hundert verschiedenen Versammlungen aufgetreten. Große wie kleine – Tage des Buchs, literarische Salons und simple Lesungen in Bibliotheken an Orten, von denen er vorher nicht gewusst hatte, in welcher Landschaft oder Himmelsrichtung sie zu finden waren. Wie an diesem Abend: der Freundeskreis der städtischen Bibliothek in Ravmossen.
Wer zum Teufel hatte jemals von Ravmossen gehört? Ein so kleines Kaff, dass man ihn zu einer nahe gelegenen Stadt gefahren hatte, um ihn in einem anständigen Hotelzimmer unterbringen zu können. Anständig, aber auch nicht mehr. Er wandte den Blick von dem Fleck an der Decke ab, richtete sich halb auf, nahm einen gehörigen Schluck von dem mittelmäßigen spanischen Rotwein, den die Veranstalter ihm zum Dank überreicht hatten, und begann sich auszuziehen.
Blieb jedoch in dieser schrägen Haltung sitzen. Versuchte, sich mit einem leicht feuchten Strumpf in jeder Hand die genaue Formulierung ins Gedächtnis zu rufen.
»Herr Franzén, ich habe gerade ein Buch von Ihnen gelesen, in dem Sie einen perfekten Mord beschreiben. Und wissen Sie was, ich hatte fast das Gefühl, dass Sie ihn begangen haben. Trifft diese Annahme zu?«

Die Wirklichkeit
Franz J. Lunde legt seinen Stift auf den Nachttisch und liest sich sorgsam die zwei Seiten durch, die er geschrieben hat. Herausreißen und in den Papierkorb werfen oder weitermachen? Das ist hier die Frage.
Fünf Jahre zuvor, oder vielleicht auch nur drei, hätte er ohne größeres Zögern den Papierkorb gewählt, aber im Moment ist die Situation eine andere. Seit mehr als zwei Jahren hat er keine tragfähige Idee mehr gehabt und seinem Verlag bis Weihnachten ein Manuskript versprochen. Sechzig, siebzig Seiten, keinesfalls mehr als hundert, es geht um ein kleineres Werk, das im April in Druck gehen soll, wenn der Verlag eine Art Jubiläum feiert. Eine Novelle folglich, eine ungewöhnlich lange Novelle oder ein ungewöhnlich kurzer Roman.
So ist es abgesprochen worden. Er hat völlig freie Hand; seine Lektorin Rachel Werner hat ihm ihr berühmtes sphinxartiges Lächeln geschenkt und ihm versichert, das wäre ja noch schöner, einem Schriftsteller vom Kaliber Lundes lege man nicht so ohne Weiteres Ketten an. Ketten und Rahmen seien für Anfänger und Dilettanten, nicht für etablierte und gefeierte Autoren mit großem Publikum und Übersetzungen da und dort.
Die Hälfte des Vorschusses ist bereits ausbezahlt worden, den Rest erhält er bei Abgabe eines satzreifen Manuskripts. Erst vor einer Woche hat Franz J. mit Rachel in der Opernbar zu Mittag gegessen und ihr bei der Gelegenheit versichert, er sei auf einem guten Weg. Kein Problem, nicht das geringste. Dass er im Moment mehr oder weniger abgebrannt ist, bildet zwar ein Problem, aber von anderer Art. Nichts, worüber man sich mit seiner Lektorin unterhält, ganz sicher nicht. Jedenfalls nicht mit einer Lektorin wie Rachel Werner.
Er schließt die Augen und beschwört ihr Gesicht vor seinem inneren Auge herauf. Versucht auch heraufzubeschwören, wie sie ohne einen Fetzen am Leib aussehen müsste, was ihm jedoch nicht recht gelingen will. Stattdessen liest er sich die beiden Seiten noch einmal durch. Vielleicht doch nicht so dumm? Aber die Sorge nagt an ihm, will sich nicht legen. Er steht auf und holt die zweite Weinflasche aus der Minibar, schraubt sie auf und schenkt sich ein Glas ein. Wenn er die untere Grenze anpeilt, sechzig Seiten, fehlen ihm nur noch achtundfünfzig. Bis Heiligabend sind es noch ungefähr zwei Monate. Eine Seite am Tag, wie schwer kann das sein? Wenn er beim Schreiben der Geschichte in Schwung kommt, kann es sogar sein, dass er siebzig oder achtzig zusammenbekommt. So läuft es doch immer, jedes Mal ist es diese anfängliche Trägheit, die überwunden werden muss, nicht? Man kennt doch seine Pappenheimer, sowohl Böll als auch Borges ging es mit Sicherheit genauso.
Er trinkt einen Schluck und greift erneut zum Stift. Was die nächsten Seiten betrifft, ist es im Übrigen nicht sonderlich schwer; er braucht sich nur an das zu halten, was vor… er sieht auf seine Armbanduhr… vor gerade einmal zwei Stunden tatsächlich passiert ist. Sogar Ravmossen ist ja die reine Wahrheit.

Letzte Tage und Tod eines Schriftstellers
»Verzeihung? Könnten Sie das bitte wiederholen?«
Das konnte sie.
»In dem Buch, das ich gelesen habe und das Sie geschrieben haben, wird ein perfekter Mord verübt… jedenfalls wird er so genannt. Ich hatte das Gefühl, dass Sie das tatsächlich erlebt haben. Stimmt das?«
Ein etwas anderer Wortlaut als beim ersten Mal, aber das spielte natürlich keine Rolle. Die Botschaft war glasklar. JLF erinnerte sich, dass er sich umständlich geräuspert und versucht hatte, die Frau zu mustern, bevor er antwortete. Das Räuspern lief gut, das Mustern weniger gut, weil sie offenbar ganz hinten im Raum saß und er seine Brille nicht anhatte. Damit zollte er nicht etwa seiner Eitelkeit Tribut, er mochte es nur einfach nicht, seine Leser allzu deutlich zu sehen. Es hatte sich mit den Jahren so ergeben.
»Hrrm. Natürlich nicht. Was deuten Sie da eigentlich an?« »Ich deute gar nichts an. Es ist eine ganz einfache Frage, nicht? Haben Sie tatsächlich…?«
Dann hatte der Moderator eingegriffen. Ein Herr um die siebzig mit schütterem Haar. Axelryd oder so ähnlich. Ein alter gelblicher Anzug aus Cord, außer einer einleitenden einminütigen Präsentation hatte er nicht viel beigetragen. Wie üblich hatte JLF die Zügel in der Hand gehalten und den Abend allein bestritten. Annähernd eine Stunde lang, auch das wie üblich und wie abgesprochen.
»Liebe Freundinnen und Freunde, danke, dass ihr heute gekommen seid… und ganz besonders danken wir natürlich unserem verehrten Gast, John Leander Franzén, der uns einen interessanten Einblick in die seltsame… Welt des Schreibens gewährt hat. Ich denke, wir bedanken uns mit einem tosenden Applaus!«
Von tosend konnte man eher nicht sprechen, dachte JLF und betrachtete seine Strümpfe. Aber das wäre auch gar nicht möglich gewesen; der Raum war eng und die Luft schlecht gewesen, zwar war er bis auf den letzten Platz gefüllt, aber mehr als siebzig Zuhörer dürften kaum Platz gefunden haben. Die meisten waren Frauen jenseits der Wechseljahre gewesen, wie immer. Sicherlich aus dem Bildungsbürgertum, aber viel zu anämisch, um etwas zustande zu bekommen, was tosend genannt werden konnte.
Zweiundzwanzig verkaufte und signierte Bücher. Vielleicht war die Fragestellerin eine derjenigen gewesen, die ihr Buch signieren lassen wollten, aber das stand in den Sternen. Und zweiundzwanzig war eine gute Quote, wenn man bedachte, dass es nichts Neues aus seiner Feder gab. Die Buchhändlerin, eine große, dunkelhaarige Frau mit einem leichten Akzent, vermutlich einem slawischen, war zufrieden gewesen. Hatte ein Selfie gemacht und ihn umarmt. Ein wenig inniger, als die Situation es erforderte, fand er.
Ja, bestimmt ein slawischer.
Er leerte das Weinglas und machte sich bettbereit. Warf Unterhose und Socken in den Papierkorb. Schlüpfte unter die Decke, löschte das Licht, stellte fest, dass er Sodbrennen vom Wein hatte und die Frage ihm einfach keine Ruhe lassen wollte.
Auf der Autofahrt von Ravmossen zurück zum Hotel war die Sache nämlich noch einmal zur Sprache gekommen.
»Eine komische Frage hat sie da am Ende gestellt. Die eine Dame da.«
Der Mann, der ihn fuhr, war klein und krumm. Er hatte etwas Mausartiges und hätte an Humphrey Bogart erinnern können, wenn er nicht mit småländischem Dialekt gesprochen hätte. Anfangs hatte JLF geglaubt, er würde sich verstellen, dass sein breiter Dialekt ein Witz sein sollte, aber so war es nicht.
»Kennen Sie sie?«
»Nee. Die kommt nicht aus Ravmossen.«
Er hatte sich damit begnügt zu nicken. Bereute, dass er sich nicht auf die Rückbank gesetzt und darum gebeten hatte, dass man ihn in Ruhe ließ. Aber es war, wie es war, von Psychopathen wurde erwartet, dass sie nett waren, wenn sich ihnen die Gelegenheit dazu bot. Eine unausgesprochene Anforderung vielleicht, aber trotzdem. Meine Persona, dachte er und fragte sich, warum ihm ausgerechnet dieses Wort in den Sinn kam.
»Irgendwie impertinent.«
»Was?«
Das war ein unerwartetes Wort, und der Fahrer sah sich veranlasst, seine Bedeutung zu erklären. »Frech, könnte man sagen.«
»Sicher, die Bedeutung ist mir bekannt…«
»Als ob Sie…« Er hatte den Satz nicht beendet, und JLF hatte es vorgezogen zu schweigen. Hatte sein Handy herausgeholt und eine Weile das Lesen wichtiger Mails simuliert. Er hatte während des ganzen Abends nur eine einzige erhalten. Sie kam von einem Gebirgshotel, das ihn aufforderte, Weihnachten dort zu feiern. Umgeben von Weihnachtswichteln und Trollen, glitzerndem Schnee, dem Teufel und seiner Großmutter. Aber er achtete darauf, das Smartphone so zu halten, dass Humphrey Bogart keinen Blick auf das Display werfen konnte. Nach fünf Minuten stiller Fahrt begann es zu regnen. Die Scheibenwischer des Autos ließen einiges zu wünschen übrig, und JLF überlegte, ob es nun enden würde. Ob dies seine allerletzte Autofahrt und seine letzten Minuten im Leben sein würden. Es war ein Gedanke, der gelegentlich auftauchte, und eines Tages würde er sicher vollkommen adäquat sein.
Diesmal jedoch nicht. Sie erreichten wie vorgesehen das Hotel.
»Danke für einen interessanten Abend«, sagte Humphrey und hielt die Tür auf. »Um die Rechnung brauchen Sie sich nicht zu kümmern, die ist bezahlt. Aber die Minibar müssen Sie selbst bezahlen.«
Geiziges Småland, dachte John Leander Franzén und eilte unter das Vordach. Obwohl, befand er sich dafür nicht zu weit nördlich? Auf der Höhe von Askersund oder so.
Er seufzte. Drehte sich halb im Bett und begriff, dass der Schlaf auf sich warten lassen würde. Eine Rockerkarre fuhr mit einem alten Chuck-Berry-Song in voller Lautstärke unten auf der Straße vorbei, und im Nachbarzimmer zog jemand in der Toilette ab.

Håkan Nesser
© Andreas Ortner / Trunk Archive

»Kaum einer blickt so tief in die Seele der eigenen Figuren wie er.« Stern Crime

Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der beliebtesten Schriftsteller Schwedens. Für seine Kriminalromane erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in über zwanzig Sprachen übersetzt und mehrmals erfolgreich verfilmt worden. Håkan Nesser lebt in Stockholm und auf Gotland.

Die Gunnar Barbarotti Reihe

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