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Rezensionen zu
Das verlorene Paradies

Abdulrazak Gurnah

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Yusuf ist zwölf Jahre, als er am Bahnhof nicht nur die wenigen Züge bestaunt, sondern selbst einsteigt und zum Meer fährt. Onkel Aziz, ein edler Kaufmann, nimmt ihn mit in seine Stadt am Meer, in sein Haus mit großem Garten, großen, Schatten spendenden Bäumen, Orangen und Granatäpfeln, einem großen Teich mit Springbrunnen und kleinen Kanälen. Yusuf ist zwölf, als er sein Paradies verliert, als sein Vater eine Schuld begleicht bei Onkel Aziz, der nie sein Onkel war, nun aber sein Seyyid wird. Die Jahre vergehen schnell fernab der Familie und Yusuf wächst heran zu einem bildhübschen Mann. Die abergläubischen Bewohner:innen der Gegend sprechen ihm heilige Kräfte zu. Um ihn zu schützen, nimmt der Seyyid Yusuf mit auf seine Karawane ins Landesinnere, lässt ihn Lektionen lernen und später bei einem Handelspartner in den Bergen zurück. Auch dort lernt er viel über das Leben, die Menschen, die Natur, Gott und über sich. Yusuf wird zum Talisman der reisenden Karawane und ein Glücksbringer, der von seinem Glück gar nichts weiß. Wovon er weiß, sind die vielen Fragen und die Worte der Männer, die meinen, die Askaris, die Deutschen kommen und nehmen, ohne zu geben. Auf seiner Reise erlebt der Protagonist das Ende des traditionellen Lebens in Ostafrika, das Bersten tribaler Strukturen und des althergebrachten Handels mit Waren und Sklaven. Die europäischen Mächte kolonialisieren den schwarzen Kontinent und zwingen ihm ihr Leben auf. Abdulrazak Gurnah schreibt auf 321 Seiten zuzüglich Glossar von dieser Zeit geradezu mystisch. Seine literarische Welt aus Glauben und Aberglauben, Gottvertrauen und Lästerung wird schattiert von Afrikas Wildnis, Weite, Brutalität, die zwischen den Menschen, so ungleich sie auch sein mögen, vertraute, manchmal sogar liebevolle Züge annimmt. Gleichwohl sind Armut und Unfreiheit Stützen einer sterbenden Kultur und Säulen des bereits 1994 erschienenen Romans ‚Das verlorene Paradies‘. Mit Gurnahs Durchbruchsroman ist hingegen keine Zeit verloren – ganz im Gegenteil. Gurnah hat ein modernes Märchen aus alten Zeiten zu Papier gebracht, das zwar durch seine Fülle an Namen und arabischen Begriffen den Lesefluss stört, nichtsdestotrotz mitnimmt in die multiethnische Welt Ostafrikas vor 120 Jahren. ‚Das verlorene Paradies‘ ist ein Roman, der nicht schont, der erbarmungslos ist wie die Steppe. Der verzaubert und mitreißt und moralisch wenig kommentiert, was einerseits verstört und andererseits ganz wohltuend ist und für tiefe innere Ruhe spricht. Mein Fazit: Anderthalb Daumen hoch.

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Abdulrazak Gurnah bekam letztes Jahr den Literaturnobelpreis und ganz Feuilleton-Deutschland hatte eine Reaktion: Wer?! Es ist wirklich eine Schande, dass Abdulrazak Gurnah erst jetzt im deutschsprachigen Raum wahrgenommen wird, gab es doch sogar 1996, zwei Jahre nach Erscheinen, eine deutsche Übersetzung seines Werkes "Das verlorene Paradies". Aber wenigstens wird der Roman nun endlich auch hier verstärkt gelesen. Dass dieses Buch vor fast 30 Jahren geschrieben wurde, merkt man, meines Erachtens nach, beim Lesen kaum. Es fühlt sich leider nicht an, als würde Gurnah über Vergangenes schreiben - nein, er schreibt über Kolonialismus, Wirtschaft, Habgier, Menschenhandel in einem zeitlosen Ton, der das unangenehme Gefühl herauskitzelt, dass es immer Menschen gibt, denen es besser als anderen geht und die diesen Vorteil zu ihren Gunsten ausnutzen. Und dass vor allem weiße Menschen sich immer gerne nehmen, was sie wollen, ohne Rücksicht auf Verluste. "Das verlorene Paradies" handelt von Yusuf, einem Jungen, der seiner Familie entrissen wird, weil sein Vater einem reichen Händler Geld schuldet. Yusuf arbeitet ab diesem Moment für den Händler, reist mit ihm durch das ostafrikanische Land, lernt neue Menschen und Sitten kennen und wird langsam erwachsen. Dabei schnappt er im Laufe der Jahre immer wieder Gespräche auf, die von Europäern handeln, welche das Land versuchen einzunehmen. Vor allem die Deutschen seien sehr gefährlich. Mehr möchte ich nicht von der Story vorwegnehmen - aber ist es nicht ironisch & traurig zugleich, dass dieses Buch in Deutschland bis vor kurzem keine Relevanz hatte? 🤔

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Die reichen, gefühlvollen Details von "Das verlorene Paradies" täuschen über die Brutalität des Söldnerkapitalismus im Afrika des frühen 20. Jahrhunderts hinweg. Während der Roman vordergründig als Coming-of-Age-Geschichte für Yusuf dient - ein 12-Jähriger, der bei seinem Entführer Onkel Aziz lernt - erkundet er auch den Zeitgeist eines Kontinents, der am Rande von Krieg und Kolonialismus steht. Abdularaz Gurnah setzt starke Charaktere ein, um den bevorstehenden Zusammenprall der Kulturen in Szene zu setzen. Der Autor verwendet die Symbolik von Zügen und Karawanen, um die unaufhaltsame Kraft der modernen Technologie und der Kriegsführung zu verdeutlichen, die dem afrikanischen Volk ihren Willen aufzwingt, und verleiht dem Werk einen unbestreitbaren Ton von Melancholie, Wehmut und Unausweichlichkeit. Während Yusufs Schicksal - und das von Khalil, seinem gleichaltrigen Mentor, Amina, seiner verbotenen Liebe, und Aziz - am Ende des Buches unklar ist, scheint er sich damit abgefunden zu haben, dass er keine Wahl hat und nicht in der Lage ist, ein gewisses Maß an Kontrolle über seine Zukunft oder die seines Landes zu erlangen. Hervorragend vorgetragen mit der angenehmen sonoren Stimme von Pierre Sanoussi-Bliss. Klare Hörempfehlung!

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Im letzten Jahr hat der afrikanische Autor Abdulrazak Gurnah, der 1948 auf Sansibar geboren wurde, den Literaturnobelpreis gewonnen. Und ich war sicherlich nicht allein mit der Frage: Was für Bücher hat dieser Autor bisher geschrieben? Prompt hat Random House den vierten Roman von Gurnah von 1994 im Dezember neu aufgelegt: Das verlorene Paradies. Und so hab ich mir dieses Buch gleich einmal vorgenommen, um mehr über diesen neuen Literaturpreisträger zu erfahren. In „Das verlorene Paradies“ nimmt Gurnah uns Leser mit in eine spannende Welt voller Karavanen durch eine Gegend die wir heute Tansania nennen und was früher ein Meltingpot für Händler aus Arabien, Afrika und Indien war. Auch die deutsche Kolonialherrschaft wird bereits angeteasert. Wir erfahren keine Jahreszahl. Aber es schwelen Unruhen im Untergrund der Gesellschaft und es gibt Anzeichen, dass bald ein Krieg heraufzieht. Es wird einen Umbruch geben und die traditionellen Wege stehen kurz vor einem Ende. Reise ins Herz von Afrika Genau in dieser Zeit wächst der junge Yusuf auf. Als Kind lebt er bei seinen Eltern in einfachen Verhältnissen auf dem Land. Doch sein reicher Onkel nimmt ihn als Pfand und Sklave mit in die Großstadt, da sein Vater dem Onkel Geld schuldet. Auf einmal arbeitet Yusuf zunächst als Gärtner und dann in einem kleinen Laden in der fiktiven Hafenstadt Kawa. Er arbeitet sich hoch. Gewinnt das Vertrauen des Onkels, der ihn nicht nur aufgrund seine harten Arbeit, sondern vor allem auch wegen seiner Schönheit anziehend findet. So gelang Yusuf ins Gefolge des Onkels das auf eine Handelsreise geht. Mit Reichtümern, Stoffen und Lebensmitteln bepackt zieht die Karawane aus ins Landesinnere, um dort Waren einzutauschen. Dabei treffen die islamischen Händler auf Ureinwohner Afrikas, mit denen es nicht nur oft sprachliche Probleme gibt. Yusuf ist dabei oft stiller Beobachter. Es passiert oft mehr um ihn herum und „mit“ ihm, als dass er selbst Handlungen auslöst. So trifft er auf die verschiedensten Personen, die ihm von ihrer Lebensgeschichte erzählen, ihre Kultur mit ihm teilen, ihn aber auch beeinflussen, austricksen oder ihm ihre Traditionen aufbürden wollen. Aber diese Reise ins Herz Afrika lässt den Jungen nicht nur langsam erwachsen werden. Vielmehr nimmt er danach sein Schicksal auch selbst in die Hand. Abdulrazak Gurnah erzählt mit „Das verlorene Paradies“ eine wundervolle Geschichte über das frühere Tanganyika (jetzt Tanzania) und von den vielfältigen Einflüssen, unter denen dieses Land sich entwickelt hat. Biblische Einflüsse in der Geschichte von Abdulrazak Gurnah Bereits der Titel deutet ganz offensichtlich auch eine biblische Konnotation an. Und auch Yusufs Name – wie Josef im Koran genannt wird – macht dies noch einmal deutlich. Der Protagonist wandelt sich vom stillen, naiven Jungen zum Erwachsenen, verliert aber auch gleichzeitig seine Heimat, die ein Paradies für ihn war. Wenn man genau hinsieht, kann man auch Parallelen zum biblischen Josef erkennen, der ebenfalls versklavt wurde, mit der Karavane durch die Wüste zieht und als Traumerzähler auftritt (Yusuf redet immer wieder im Schlaf) und den Pharao dadurch bekehrt oder als Gärtner arbeitet. Das Ende dieser Coming-of-Age-Geschichte kommt etwas abrupt (ohne zu viel verraten zu wollen). Aber nachdem Abdulrazak Gurnah so viele Seiten für den Weg des Erwachsenwerdens von seinem Helden verwendet hat, will man natürlich auch wissen, wie es ihm weiter ergeht. Doch hier muss der Leser sich das Ende etwas selbst zusammenreimen. Auf jeden Fall macht dieses Buch Lust auf mehr! Und deshalb wird es hoffentlich nicht die letzte Erzählung von Abdulrazak Gurnah gewesen sein, die nun neu aufgelegt wird. Damit wir in den Genuss weiter spannender Literatur von diesem Nobelpreisträger kommen können.

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Wenig emotional

Von: buchina

06.01.2022

Auf den Autor bin ich erst wegen des Nobelpreises aufmerksam geworden. Da ich sehr gerne Literatur afrikanischer Autor:innen lese, freue ich mich auf das Hörbuch. Die Covergestaltung ist gelungen. Kein kitschiges Afrikabild, sondern abstrakt, wenig aussagekräftig in schönen deckenden Farben. Der Roman spielt Ende des 19. Jh. Hauptsächlich im heutigen Tansania. Eine Zeit in dem die Deutschen die Kolonialmacht in diesem Teil Ostafrikas. Protagonist ist Yusuf, ein Junge, der wegen den Schulden seines Vaters an „Onkel“ Aziz verkauft wird. Aus seinem Dorf herausgerissen, lernt das Leben einer Stadt als Arbeiter eines bekannten Kaufmannes kennen. Nachdem er ist im Geschäft mitgeholfen hat, geht er später mit zu den monatelangen Karawanen ins Landesinnere. Er wird erwachsen, aber während zu Beginn der Kolonialismus weniger direkt zu spüren war, wird dann auch Yusuf mit den Deutschen konfrontiert. Das Paradies ist vorbei, wenn es es jemals gab. Das Buch beginnt sehr langsam. Beschreibungen folgen auf Beschreibungen. Die Spannung blieb bei mir aus und setzte erst sehr spät ein. Die Langatmigkeit des Romans kam vor allem auch durch die wenigen Emotionen, die das Geschehen in mir hervorrufen. Selbst Yusuf blieb mir fremd und ich konnte wenig mit ihm mitfiebern. Der auktoriale Erzähler schaute für mich auf das Geschehene hinab und hielt immer Abstand. Gelungen fand ich die Beschreibungen des täglichen Lebens, ohne Kitsch. Die Sprache unter den Männern war zum Teil vulgär und abstoßend, dafür realistisch. Auch die Natur, Arbeits- und Kolonialbeschreibungen waren für mich realitätsnah beschrieben. Ich habe einen guten Einblick ins koloniale Ostafrika erhalten, aber gut unterhalten hat mich der Roman leider nicht. Selbst der Sprecher des Hörbuches konnte mich nicht überzeugen. Auch ihm fehlte Ausdruckskraft, seine Tonlage war sehr gleichbleibend, was natürlich zum Roman passt. Insgesamt bin ich etwas enttäuscht von dem Roman und würde ihn nicht unbedingt weiterempfehlen.

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„Das Verlorene Paradies“ ist der vierte Roman des Literaturnobelpreisträgers 2021, Abdulrazak Gurnah. Ursprünglich erschienen 1994, wurde es im Dezember 2021 neu aufgelegt. Protagonist ist Yusuf, der Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen Eltern in einer nicht näher beschriebenen kleinen Ortschaft in Ostafrika lebt. Als Heranwachsender wird er von seinen Eltern mit dem Kaufmann Aziz schickt, den er bisher als seinen Onkel kennt. Schnell erfährt er jedoch, dass Aziz nicht sein Onkel ist, sondern Yusuf ein Pfand für die Schulden seiner Eltern bei Aziz. Der Roman begleitet Yusuf beim Heranwachsen, auf den Reisen des Kaufmanns durch die sich zunehmend verändernde Generation. Den historischen Kontext bilden die Verbreitung des Islam in der Region, der Niedergang der arabischen Vorherrschaft in Ostafrika und die beginnende deutsche Kolonialherrschaft. Gurnah zeigt anschaulich, wie regionale Glaubenspraktiken die Interpretation des Islam beeinflussen, wie Überzeugungen der eigenen religiösen Überlegenheit verbunden mit der Kolonialherrschaft gesellschaftliche Spaltung befördern. Die Verbreitung des Islam führt zur Abwertung traditionalen Glaubens, obwohl der Großteil der Bevölkerung Arabisch gar nicht versteht. Die muslimischen Händler bilden zunehmend brüchige Allianzen mit den deutschen Kolonialherren, die die Handelstätigkeiten zulassen und den Händlern gegebenenfalls gegen die alte Elite des Landes, gegen skeptische Dorfhäuptlinge (unzuverlässige) Unterstützung bieten – was wiederum die vorhandenen innergesellschaftlichen Spaltungen vorantreibt. Auch die Pluralität der Gesellschaft wird deutlich, wenn muslimische Bevölkerungsteile auf die indische Diaspora stoßen, die durch die britische Kolonialherrschaft nach Afrika gelangt ist, oder wenn Stammestraditionen und muslimische Vorstellungen miteinander konkurrieren, wobei beide Seiten davon ausgehen, die legitimere Position zu vertreten. Frauen spielen sich am Rand ab, sind Besitztum und Versorgerinnen der Männer, im Sinne dessen, was von Yusuf gesellschaftlich erwartet wird einschüchternd für den Heranwachsenden, werden von der Öffentlichkeit und von Männern ferngehalten und treten, wenn sie in die Öffentlichkeit treten, als Mutter oder verrückte Alte auf. Man könnte diese traditionellen und stark religiös geprägten Geschlechtervorstellungen im Roman kritisieren, doch werden sie nicht verteidigt, sondern entsprechend des zeitlichen Kontexts realistisch dargestellt. Ebenso verhält es sich mit Homosexualität, die auf Yusuf ebenso einschüchternd wirkt wie Heterosexualität und Sexualität an sich, die aber nicht per se negativ dargestellt, sondern mehr oder weniger offen gelebt wird. Wer postkoloniale Literatur liest, ist angesichts aktueller Neuerscheinungen vermutlich zunehmend weibliche Perspektiven gewöhnt, erwartet vielleicht eine sexismus- und rassismussensible Sprache. Gerade die älteren postkolonialen Autor*innen wie Farah oder Gurnah folgen dem jedoch nicht immer, sondern nutzen oft bewusst auch pejorative Sprache, um die Deutlichkeit von Herrschaftsverhältnissen und Diskriminierung aufzuzeigen. Viele der meist männlichen Figuren bedienen sich sexistischer und rassistischer Formulierungen. Das kann irritieren, auch wenn es sehr gut passt, durch eine editorische Notiz eingeordnet wird und zur Authentizität beiträgt. Ich mochte den Roman sehr, weil der Autor mit scharfem Blick die gesellschaftlichen Spannungen einzufangen weiß, dabei den Heranwachsenden Yusuf empathisch porträtiert und nichts beschönigt oder die Komplexität der Situation durch monokausale Interpretationen vereinfacht. Stellenweise wird selbst die deutsche Kolonialherrschaft als ambivalent dargestellt, da sie eben für die Kaufmannseliten durchaus Vorteile bietet – auch wenn der Preis dafür vielleicht den Verlust des Paradieses bietet. Auch hier schwebt aber die unbeantwortete Frage im Raum, was die verschiedenen Akteur*innen unter Paradies verstehen mögen. Positiv ist auch die Übersetzung von Inge Leipold, die die Atmosphäre des Buchs sehr gut einfängt. Allerdings setzt Gurnah sehr viel Vorwissen voraus, das ich selbst nur studiumsbedingt habe und das nicht unbedingt bei allen potentiellen Leser*innen vorausgesetzt werden kann. Das erschwert den Zugang und eine generelle Empfehlung ohne vorhandenes Hintergrundwissen, auch wenn ich das Buch sehr gern weiterempfehlen möchte, weil ich es wirklich gut finde. Möglicherweise eignen sich aber andere seiner Bücher noch eher als Einstieg.

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Vom verlorenen Paradies, Geheimnissen und Gefahren… Ostafrika, Ende des 19. Jahrhunderts: Der zwölfjährige Yusuf führt mit seiner Familie ein einfaches Leben auf dem Land. Als der Vater sich mit seinem kleinen Hotel verschuldet, wird Yusuf in die Hände von Onkel Aziz gegeben und landet im lebhaften Treiben der Stadt, zwischen afrikanischen Muslimen, christlichen Missionaren und indischen Geldverleihern. Die Gemeinschaft dieser Menschen ist alles andere als selbstverständlich und von subtilen Hierarchien bestimmt. Yusuf hilft in Aziz‘ Laden und bei der Pflege seines paradiesisch anmutenden Gartens. Doch als der Kaufmann ihn auf eine Karawanenreise ins Landesinnere mitnimmt, endet Yusufs Jugend abrupt. Die gefährliche Unternehmung bringt Krankheit und Tod und zeigt allen Teilnehmern schmerzhaft, dass die traditionelle Art des Handels keine Zukunft mehr hat. Was Yusuf erlebt, lässt ihn erwachsen werden. So verliebt sich der junge Mann nach seiner Heimkehr kopfüber, aber er und alle um ihn herum werden brutal mit der neuen Realität der deutschen Kolonialherrschaft konfrontiert. (Quelle: Auszug aus dem Klappentext – Penguin Verlag) „Das verlorene Paradies“ von Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah erschien im Original erstmals im Jahr 1994 und ist nun seit Dezember 2021 wieder in deutscher Übersetzung verfügbar. Hauptfigur hier ist der 12-jährige Yusuf, der in einfachen Verhältnissen aufwächst. Sein Leben ändert sich plötzlich, als sein Onkel Aziz ihn bei einem seiner Besuche mit zu sich in die Stadt nimmt – fortan soll er für ihn arbeiten. Neben Tätigkeiten im Kaufmannsladen seines Onkels zieht es ihn immer wieder in den beeindruckenden Garten hinter dem Haus, wo er dem Gärtner ab und an hilft. Einige Jahre später nimmt Aziz Yusuf schließlich mit auf eine Karawanenreise - die Reise wird zu einem gefährlichen Abenteuer und verlangt sowohl Yusuf als auch den anderen Teilnehmern alles ab… „Als er mitten in der Nacht die Augen aufmachte, ließ der Anblick des nur zur Hälfte besetzten, in düsteres Licht getauchten Waggons den Wunsch in ihm aufkommen, laut zu schreien. Die Dunkelheit draußen war eine unermessliche Leere, und er hatte Angst, der Zug sei schon zu weit in sie eingedrungen, um sicher zurückkehren zu können.“ - Seite 26, eBook Der Roman lässt sich von Beginn an gut lesen und man bekommt schnell einen detaillierten Einblick in Yusufs Leben. Schnell wird auch klar, warum der Junge fortan bei seinem Onkel leben wird und dort nicht als seinen Neffen, sondern als Mitarbeiter behandelt wird. Interessant und etwas geheimnisvoll sind die Abschnitte, die Yusuf in dem wundervollen Garten verbringt, der hinter hohen Mauern verborgen liegt. Zudem umgeben Aziz einige dunkle Geheimnisse – sowohl dessen Handelsgeschäfte, als auch die Bewohner seines Hauses. Yusufs Weg wird noch dramatisch und auf der Karawanenreise auch lebensgefährlich… Beeindruckend sind hier die Beschreibungen der Schauplätze. Bildgewaltig hält der Autor hier Momentaufnahmen der Landschaft fest. "Yusuf ging ein Stück weit am Ufer entlang und trat dabei auf die riesigen steine, die am Bach verstreut lagen. (…) Bald kam er zu einem Wasserfall und blieb stehen, um ihn zu betrachten. Etwas von einem Geheimnis, von einem Zauber, der jedoch Güte und Versöhnlichkeit atmete, lag über dem Ort.“ – Seite 75, eBook Zwischendurch wird es mal etwas mystisch und unheimlich, dann auch wieder dramatisch und auch irgendwie bedrückend. Yusuf wird auf der Reise mit schrecklichen Ereignissen konfrontiert: „Nicht bloßes Entsetzen war es, sagte er, durchaus nicht, sondern das Entsetzen, das allem Form verlieh. Und er hatte Dinge gesehen, auf die er gänzlich unvorbereitet gewesen war.“ – Seite 163, eBook Auch wenn das Buch gut geschrieben ist, fehlte mir doch etwas. Einzelne Szenen wirkten etwas abgehackt, Yusuf als Hauptfigur wird zwar zunächst gut beschrieben, aber er selbst geht oft zwischen den anderen Charakteren unter, was ich etwas schade fand. Mein Fazit: Ein außergewöhnlicher Roman mit Stärken und Schwächen. Beeindruckend sind die Schilderungen der Schauplätze – es wird geheimnisvoll und mal etwas mystisch, aber auch dramatisch und bedrückend. Jedoch waren einige Abschnitte etwas zu abgehackt und die Hauptfigur geht zwischen den anderen Charakteren etwas unter. Leider hat mir etwas bei diesem Roman gefehlt - ich hoffe aber, dass das Buch noch begeisterte Leser*innen finden wird.

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