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Rezensionen zu
Der Enkeltrick

Franz Hohler

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Was soll man über den Schweizer Schriftsteller noch erzählen? Es wäre sicherlich des Guten zu viel, doch ein paar Worte zum "Enkeltrick" dürfen es dann schon sein. Nicht dass er von seiner Linie, dem Bild der Normalität mit ein paar wenigen Pinselstrichen eine absurde Note zu verleihen, abweichen würde. Ganz im Gegenteil, denn das, was wir sehen, ist nicht wirklich alles. Es mag Geheimnisse geben, die wir niemals finden werden, aber dennoch existieren sie. Wie auch immer das zu beweisen wäre, bleibt ungelöst, und das ist auch gut so. Denn allein diesen ungelösten Rätseln verdanken wir jene Geschichten, die im wahrsten Sinne des Wortes merkwürdig sind. Wir "merken" genau, dass hier etwas nicht stimmt, können es fühlen, aber niemals erklären. Das führt natürlich dazu, dass ein eindeutiges Ende, mit allen Auflösungen, Begründungen, Erklärungen oder Beweggründen nicht immer zu erwarten ist. Genau deshalb versucht es Franz Hohler auch gar nicht. Das wiederum stellt Leserinnen und Leser vor gewisse Herausforderungen, wenn das eine oder andere Fragezeichen am Ende bleiben sollte. So wie in "Maskenzwang" beispielsweise. Oliver B. ist mit dem ICE von Basel nach Hamburg unterwegs. In Freiburg steigt eine Frau zu, die auf dem Sitz gegenüber Platz nimmt. Ein Dialog entsteht nicht, aber das unauffällige Beobachten kann ja auch ganz reizvoll sein. "Seit das Tragen von Masken in Zügen, Bussen und Straßenbahnen obligatorisch war, hatten die Frauen für ihn an Reiz gewonnen ..." Man hätte sehr gerne etwas mehr über jene Tanya Tagaqs "Eisfuchs" lesende Frau erfahren, oder über den vermeintlichen Verursacher der beunruhigenden Phänomene in jenem Hotel in den Bergen, welches von einem besonderen "Regen" heimgesucht wird. Ob wohl der Herr Pfarrer mit seiner Vermutung recht hat, etwas an diesem Haus sei "nicht gottgefällig"? Ganz anders konzipiert der Autor Erzählungen wie "Der Geburtstagskalender" oder "Die Nachtigall". Die heiteren Momente des manchmal gar nicht so grauen Alltags werden hier auf die Spitze getrieben. Die Geschichten um eine bezaubernde Vogelstimme und einen frischgebackenen Pensionär, der sich der Wichtigkeit gewisser Termine plötzlich bewusst wird, explodieren hier in jeweils filmreifen Pointen. Sie sind in sich abgeschlossen, in ihrer Nachhaltigkeit aber wiederum nicht. "Man hatte sich eigentlich immer nur bei den Beerdigungen und Trauerfeiern gesehen ..." Die Kunst Hohlers liegt also nicht nur in der vordergründigen Leichtigkeit seiner Sprache und der ebensolchen Präzision, sondern auch und besonders in deren Wirkung. Wie sie auch immer gestrickt sein mögen, diese Geschichten hören nie wirklich auf, so wie es im wirklichen Leben auch immer irgendwie weitergeht. Vielfach erweiterte Sichtweisen sind die Folge und das, was man täglich erlebt und sieht, erscheint in ganz anderen Farben. Neu entstandene Schatten und bisher unbeachtete stille Ecken sind, je nach persönlichem Empfinden, eine leicht beunruhigende bis wohlige Nebenerscheinung.

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Die elf Erzählungen des Schweizer Autors sind wie die Alpen, die in seinen Werken häufig eine Rolle spielen. Von starker Substanz und solider Schönheit, strömt das Zufällige oder eben nicht Zufällige, das alltäglich Wahnsinnige und Unerklärliche ganz luzide-leicht durch Schluchten und Klämme in den Plot hinein. Stets streift der Autor gekonnt das Phantastische, bleibt dabei aber im Bereich des Möglichen. So wohnt jeder Erzählung ein ganz besonderes Überraschungsmoment inne. Mal erwischt uns der Autor eiskalt, mal spielt er mit unseren Erwartungen, um sie in denkbar gegenteiliger Art aufzulösen. Scheinbar Harmloses entpuppt als doppelbödig, während offenbar Wundersames als Fälschung entlarvt wird. So oder so: Franz Hohlers Geschichten sind ein literarisches Happening. Aber nach 160 Seiten leider viel zu schnell vorbei. Allein schon die titelgebende Einstiegsgeschichte hat es in sich. Sie beginnt, wie vermutet, mit einer dementen Dame, die von einer Trickbetrügerin hereingelegt werden will. Doch die Geschichte nimmt eine völlig unerwartete Wendung. Denn es ist gerade die Demenz und gar das vereitelte Verbrechen, welches Amalie zu einem Abenteuer verhilft. Zu einem Traum, den sie sich klaren Verstandes nie hatte verwirklichen können. Dieser Plot-Twist kommt so federleicht daher, so natürlich, dass wir dem Autor ganz selbstverständlich durch die Geschichte folgen. Berge, Natur und Wandern nehmen einen großen Teil in den Erzählungen ein. Meist dienen sie als sprichwörtliche Höhe- und Wendepunkte im Leben seiner schon etwas betagten Protagonisten. Denn Alter schützt bekanntlich nicht vor Torheit. Oder später Einsicht. Mal fühlt sich ein Rentner nach dem Vortrag eines Gedichtes dazu berufen, das Walliser Weißhorn zu besteigen, ungeachtet seiner Kondition und aller Warnungen. Mal bringt ein elektrischer Weidezaun einen Abergläubischen zu Fall. In einer anderen Geschichte wirft ein mysteriöser Steinregen in einem abgelegenen Alpenhotel ein seltsames Licht auf einen Gast, während ein ständig reservierter – aber nie besetzter – Tisch in einem Ausflugslokal Rätsel aufgibt. Auch Tiere agieren in Hohlers Plots auf einem Sublevel. Wie in der Erzählung „Die Katze“. Nach der Bitte einer Mutter an ihre Tochter, auf ihre geliebte „Mizzi“ aufzupassen, wird ein lang gehütetes Familiengeheimnis aufgedeckt. In „Die Nachtigall“ führt der Gesang des Vogels eine junge Lehrerin und einen chinesischen Migranten zusammen. Selbst leblose Dinge entwickeln in Hohlers Erzählungen ein mysteriöses Eigenleben. Ob Geburtstagskalender, Smartphones oder in Zeiten von Corona unvermeidlich: ein Mundschutz! Es sind Sätze wie diese aus der Nacherzählung „Das verlorene Lachen“, welche Hohlers Prosa so besonders machen: „Kinder, so lautet eine oft gehörte Schätzung, lachen etwa 400 Mal am Tag, Erwachsene etwa 15 Mal. Den Gang zur Freudlosigkeit, der dazwischen liegt, nennen wir Erziehung.“ (S. 93) Der 1943 in der Schweiz geborene Franz Hohler beherrscht sein Metier perfekt. Ganz unmittelbar finden wir uns bereits nach ein bis zwei Sätzen im jeweiligen Setting wieder. Seine Erzählungen sprühen vor subtilem Witz, seinen Figuren begegnet er mit Empathie und Respekt. Es ist zu köstlich, wie der über siebzigjährige Frank, ehemaliger Gymnasiallehrer, an den Tücken seines Smartphones scheitert und eine ganz besondere Art von „Handysucht“ entwickelt. Denn für manche Ratschläge braucht man keine personalisierte App. Die kommen ganz ungefragt. Franz Hohlers Erzählungen sind ein wahres Meisterstück. Sie weiten den Horizont des Alltäglichen, um eine Ebene des Phantastischen. Seite um Seite bereiten sie pures Vergnügen. Aber Achtung: Sie werden sich weniger trittsicher durch den Alltag bewegen. Und Ihre Antennen dafür auf vollen Empfang stellen. Expect the unexpected! Das Unerwartete lauert überall, gleich einer Lawine, um verkrustete Ansichten und festgetretene Wege mit einem Schlag unter unseren Füßen wegzureißen.

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