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Rezensionen zu
HERKUNFT

Saša Stanišić

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“Herkunft” behandelt die persönliche Familiengeschichte von Saša Stanišić. Er verlässt notgedrungen seine Heimat Bosnien und kommt mit der Familie als Teenager nach Heidelberg. Besonders seine Großmutter ist für den heranwachsenden eine Schlüsselfigur. Jeder der sich mit seiner eigenen Herkunft beschäftigt oder einer annähernde Idee von Heimat bekommen möchte, ist gut beraten mit diesem Buch. Sicher ist, dass es alle bisherigen Vorstellungen im Kopf aufbrechen und hinterfragen wird.

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Die Frage nach der Herkunft scheint für viele von uns leicht zu beantworten zu sein. Ist doch klar, man ist in einem Land geboren und somit Deutscher, Inder, Australier oder irgendeiner anderen Nation zugehörig. Doch woher kommt man eigentlich, wenn sich das Herkunftsland in Einzelstaaten zersplittert? Saša Stanišić beschreibt in dem Roman „Herkunft“ sein Leben als jugoslawischer Geflüchteter in Deutschland und die damit verbundene Komplexität des Begriffs „Herkunft“. Das Verschwinden seiner Heimat und sein Neuanfang in Deutschland stellen ihn vor zahlreiche Fragen: Aus was setze ich mich zusammen? Welchen Einfluss habe ich auf meine eigene Identität? Bin ich vielleicht nur ein Produkt des Zufalls? Ein Besuch bei der Ausländerbehörde Die Geschichte beginnt mit dem Ausfüllen eines Antrags auf die deutsche Staatsbürgerschaft. Geburtsort- und datum sind schnell eingetragen, aber wie soll man ein Leben, das so viele Stationen durchquert hat und von unterschiedlichsten Menschen beeinflusst worden ist, auf die engen Lücken eines tabellarischen Lebenslaufs herunterbrechen? Für Stanišić beginnt eine Reise in die Vergangenheit, ein Eintauchen in die Erinnerung, die ihn zwischen seiner Heimatstadt Višegrad, Oskoruša und Heidelberg hin und her springen lässt. Flucht nach Deutschland Die ersten vierzehn Jahre seines Lebens verbrachte Stanišić in Jugoslawien. Er wuchs dort behütet als Sohn eines Betriebswirts und einer Politikprofessorin auf. Das Glück nahm mit der Besetzung von Višegrad durch bosnisch-serbische Truppen eine abrupte Wendung und zwang die kleine Familie zur Flucht nach Deutschland. Stanišić hatte Glück: Eine Clique, die ihm Halt bot und Lehrer, die inspirierten, ihn träumen ließen und ihn unterstützen, bestimmten seinen Alltag. Auch wenn ihm das Erlernen der deutschen Sprache einiges abverlangte, merkte er schnell, dass Sprache ihn faszinierte und er mit ihr umgehen konnte. Er begann, Gedichte zu schreiben – zunächst auf seiner Muttersprache dann auf Deutsch. Seine Eltern hatten mehr zu kämpfen. In Jobs, die deutlich unter ihrer Qualifikation lagen, schufteten sie bis zur Erschöpfung, so dass kaum Zeit blieb, um Freundschaften zu knüpfen, die Sprache zu lernen oder einfach nur anzukommen. Großmutter Kristina Immer wieder erscheint die demente Großmutter Kristina in Stanišićs Erinnerungen. Sie lebt in der Vergangenheit, verwischt die Grenzen zwischen dem Hier und Jetzt und dem, was eigentlich schon passiert ist. Sprunghaft durchlebt sie Szenen aus der Vergangenheit, die Stanišić dabei helfen, das Fundament seines Lebens zu rekonstruieren. Schweren Herzens muss sie in einem Pflegeheim untergebracht werden, nachdem sie ihren Arm beim Hinaufklettern auf einen Ofen brach. Die unter Demenz leidende Großmutter macht deutlich: Erinnerungen sind nicht chronologisch und vollständig. Sie sind vielmehr Assoziationen, die mit Orten, Gegenständen oder Menschen verknüpft sind und unkontrolliert auftauchen, wenn man es zulässt. Auch im letzten Kapitel des Romans spielt die Großmutter eine wichtige Rolle. Ausgangspunkt eines Verwirrspiels ist ein Besuch bei Kristina im Altenheim, um ihr eine gute Nacht zu wünschen. Wie es danach weitergehen soll, entscheidet der Lesende. Stanišić lässt nach jeder gelesenen Seite den Lesenden wieder neu wählen, was passieren soll und schickt ihn, je nach Wahl, auf die passenden Seiten. Etwas mehr als 50 Seiten treibt er dieses Spiel und macht uns deutlich, dass alles möglich ist, aber nichts notwendig. Besonderheiten des Erzählstils Nicht ohne Grund hat Saša Stanišić den deutschen Buchpreis für seinen Roman „Herkunft“ verliehen bekommen. Ein Jurymitglied hätte den Schreibstil, der sein Werk so besonders macht, nicht besser beschreiben können: „Unter jedem Satz dieses Romans wartet die unverfügbare Herkunft, die gleichzeitig der Antrieb des Erzählens ist. Verfügbar wird sie nur als Fragment, als Fiktion und als Spiel mit den Möglichkeiten der Geschichte.“ Das sprunghafte Wiedergeben von Erinnerungsfetzen geben dem Lesenden stets das Gefühl, mit Stanišić auf einem alten Dachboden zu kramen und in jeder Ecke ein weiteres Puzzleteil seiner Herkunft und Identität zu finden. Die Ich-Perspektive verstärkt das Gefühl, diese Erinnerungsketten nachempfinden zu können und sich in ihnen zu verlieren. Eins wird besonders deutlich durch diese durchweg anachronistische Aneinanderreihung von Erzählungen aus der Vergangenheit, die, gefärbt von der Fabulierlust des Erzählers, sich stets zwischen Fiktion und Biografie bewegen: Herkunft ist Zufall. Ebenso die Erinnerung. Sieht man doch an Oma Kristina, bei der die Erinnerungen unberechenbar auftauchen. Die Zufälligkeit unserer Herkunft „Herkunft sind die süß-bitteren Zufälle, die uns hierhin, dorthin getragen haben. Sie ist Zugehörigkeit, zu der man nichts beigesteuert hat.“ (S.67 in „Herkunft“) – Warum auf das eigene Herkunftsland stolz sein, wenn man doch nichts dazu beigetragen hat, dass genau an diesem Fleck die eigene Geburt stattgefunden hat? Sind es nicht nur die Zufälle, die unsere Wohnorte bestimmen? Stanišić hat wenig Verständnis für übertriebenen Patriotismus, für das Aufopfern für das Vaterland. Ebenso ist die eigene Familie ein reines Produkt des Zufalls. Wer kann schon mitbestimmen, wer seine Eltern werden? Die meisten von uns sind der Macht des Schicksals unterlegen und müssen sich mit der Umgebung und den Umständen abfinden, in die sie hineingeboren werden. Selbst entscheiden zu können, wo man leben möchte, ist ein Privileg, was man nur durch jede Menge Glück erlangen kann: „Jedes Zuhause ist ein zufälliges: Dort wirst du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann.“ (S.123 in „Herkunft“) Will Stanišić uns damit sagen, dass wir unsere Identität nicht beeinflussen können? Ist alles nur eine Art Glücksspiel und man gehört entweder zu den Begünstigten, die in das richtige Land und Familie hineingeboren wurden oder zu denen, die weniger Glück hatten? Ja, das meint er wahrscheinlich. Aber wie er in seinem letzten Kapitel, in dem wir mitbestimmen können, wie die Geschichte weitergeht, so wunderbar verdeutlicht, stehen wir unser ganzes Leben vor zahlreichen Entscheidungen, die wir selbst treffen können. Auch wenn die Herkunft dem Zufall unterlegen ist, ist unsere Identität auch das, was wir selbst daraus machen. Unsere Entscheidungen formen letztendlich unseren Lebensweg, die sicherlich immer gefärbt sein werden von dem Einfluss der Familie und der Kultur, in die man hineingeboren wurde, aber für die wir dennoch selbst verantwortlich sind. Warum lesenswert? „Herkunft“ ist ein besonderes Buch. Biografie trifft hier auf Fiktion, Philosophie auf das Fabulieren. Stanišić ist es gelungen, die Architektur der Herkunft zu erforschen, die sich aus einigen wenigen Fakten, jeder Menge Erinnerungen und viel Fantasie zusammensetzt. Denn was bleibt, wenn man den Streifzug durch die Vergangenheit, das Fundament unserer Herkunft, abgeschlossen hat? Ein Mosaik aus dir selbst, was in seiner Vollständigkeit nie ganz greifbar sein wird.

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Um was gehts? In dem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Buch geht es um das Thema „Herkunft“. Haha, bei dem Titel kann man sich das schon denken 😀 Saša erzählt darin von seinem Aufwachsen in Višegrad, der Flucht nach Heidelberg und von seiner über die Welt verstreuten Familie. Wie hat es mir gefallen? Stanišić‘ Sätze „Ich werde einige Male ansetzen und einige Enden finden, ich kenne mich doch. Ohne Abschweifung wären meine Geschichten überhaupt nicht meine. Die Abschweifung ist Modus meines Schreibens.“ beschreiben mein Leseempfinden ziemlich gut. Es hat mir schon einiges an Konzentration abverlangt, damit ich den Faden nicht verliere und verstehe, in welcher Zeitebene, welchem Land, welcher familiären Situation ich mich gerade befinde. 🤓 Außerdem ist mir aufgefallen, wie wenig ich über die Geschichte von Jugoslawien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien etc. weiß. Das Wissen hätte mir das Lesen sicherlich erleichtert und ich weiß jetzt, was ich mir unbedingt nochmal genauer anschauen muss. 😉 Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen, da er trotz der eher traurigen und bedrückenden Thematik mit Humor gespickt ist. Gerade die Geschichte rund um die demente Oma hat mich zum Nachdenken gebracht. Wie wichtig ist Herkunft? Was ist Heimat? Ist Herkunft familiärer Zusammenhalt? Oder andersherum? Gibt es nur eine Herkunft? Und wie gehen andere mit unserer Herkunft um? All diese Fragen geistern nun in meinem Kopf und ich versuche sie für mich zu beantworten. Ich kann verstehen, warum dieses Buch den deutschen Buchpreis gewonnen hat, da es so wichtige Themen behandelt, mit denen sich jeder auseinandersetzen sollte!🤓

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Der Drachenhort

Von: Hans Neumann aus Hamburg

21.02.2021

Wie alle anderen Leser auf diesen Seiten bin ich begeistert von dem Buch. Nur mit dem Schlusskapitel „Der Drachenhort“ (S.289) hatte ich - wie die meisten älteren Leser, die keine Erfahrung mit interaktiven Computerspielen haben, -meine Schwierigkeiten. Erst als ich mir die Mühe machte, das Kapitel noch einmal zu lesen, dabei allen Filiationen brav zu folgen und sie schriftlich festzuhalten, glaubte ich den tieferen Sinn dieser Erzählstruktur zu verstehen. Es geht ja im Großen und Ganzen um zwei Handlungsstränge: In dem einen bleibt man näher am realen Leben der dementen Großmutter, man macht kleine Wanderungen durchs Heim. imaginiert gemeinsam Autofahrten, erlebt oder erinnert vergangene, auch mysteriöse Erlebnisse, kommt aber immer wieder vergleichsweise schnell an das „Ende“, das Sterben der Großmutter im Heim! Der andere Erzählstrang holt weiter aus: Großmutter und Enkel begeben sich auf eine abenteuerliche Reise, sie suchen Bekannte von früher auf, reiten auf den Vijirac, überstehen Gefahren und Versuchungen, begegnen dem mythischen Drachenhort, erreichen ihr eigentliches Ziel, das Totenreich des Großvaters, erbitten und erhalten seine Rückkehr für 48 Stunden und verbringen noch einige glückliche Stunden im Heim. Es besteht kein Zweifel, dass hier Fiktives vorgetragen wird, dass Enkel und Großmutter sich auf eine Fantasiereise einlassen, dass überlegt wird, ob man nicht doch abbrechen und ins Heim zurückkehren solle (S.331). Der Autor aber hört nicht auf zu erzählen, auch nach dem realen Tod der Großmutter nicht, er gönnt ihr post mortem noch die Wiederbegegnung mit ihrem Pero und das Glück, mit Mann und Enkel gemeinsam Kindheitserinnerungen von Sascha auszutauschen. Der tiefere Sinn der interaktiven Erzählstruktur wird klar, wenn man sich erinnert, dass an mehreren Stellen, z.B. gleich zu Anfang auf S. 293 der Leser sich an Saschas Stelle entscheiden soll, ob er lügen oder die Wahrheit sagen willl. Wenn man weiß, dass demente Menschen oft sehr empfindlich reagieren auf nicht authentisches Verhalten,auf leichtfertiges Beschönigen oder Lügen, ist man überrascht, dass man als Enkel mit der Wahrheit den desillusionierenden Rückweg ins Heim antritt, mit der Lüge dagegen, man sei der längst verstorbene Pero, die Tür öffnet zu den mysteriösen Wunschträumen Kristinas und den literarisch ausgearbeiteten Fantasieerzählungen Saschas. Mehr Klarheit in der Frage nach den Mischungen von Realität und Fiktion, von Wahrheit und Lüge, von Erinnerungen und Fantasie brauche ich nicht. Meiner Ansicht nach hebt sich allerdings - spätestens! - durch dieses Schlusskapitel des Romans „Herkunft“ aus der fast unüberschaubaren Reihe autobiografischer Romane heraus als modernes literarisches Meisterwerk. HN 21.2.2021

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"Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will." (S. 123) 💕 . Herkunft von Saša Stanišić ist eine Mischung aus Roman und Autobiographie und erzählt von den Wurzeln des Autors, die im ehemaligen Jugoslawien liegen, von der Entwurzelung sowie dem Ankommen und Zurechtfinden in einer völlig fremden Welt und der Frage, was eigentlich Heimat ausmacht. . Saša Stanišić schreibt über sein Dorf in Jugoslawien, seine Großmutter, die Demenz hat ("Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre) und über Erinnerungen im Zurechtfinden im neuen Zuhause. Dies alles in kurzen Kapiteln, gemischt, ohne chronologische Reihenfolge. Vielmehr gerade so, wie die Erinnerungen eben auftauchen. Die ersten 50 Seiten waren für den Einstieg daher zunächst verwirrend, doch danach war ich gefesselt. Von der Geschichte, dem Schreibstil, den prägnanten, scharfsinnigen Sätzen, die so treffsicher sind und die man erstmal sacken lassen muss. Ein Buch, das jeder gelesen haben sollte, das aufzeigt, wie privilegiert so viele sind, einfach frei wählen zu dürfen, wo sie sein wollen und wo nicht. . Das Ende dieses Buches ist unbedingt hervorzuheben, denn das darf man sich selbst gestalten, indem man verschiedene Optionen zur Verfügung bekommt und jeweils auf die Seite weitergeleitet wird, für deren Fortsetzung man sich entscheidet. Großartig! 😊

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„Literaturwerkstatt- kreativ / Blog“ stellt vor: „Herkunft“ von Saša Stanišić „HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt.“ „HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache und Scham, Ankommen und Zurechtkommen, Glück und Tod.“ „HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre.“ Fazit: Saša Stanišić erhielt 2019 den Deutschen Buchpreis für seinen Roman „Herkunft“ und bedankte sich bei seiner Rede mit scharfer Kritik an Nobelpreisträger Peter Handke, da dieser sich in seinen Texten wiederholt auf die Seite der Serben gestellt habe. „Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt“. Stanišić wurde in Visegard (Jugoslawien) am 7. März 1978 geboren. Nach der Besetzung durch bosnisch-serbische Truppen flüchteten seine Eltern mit ihm im Jahre 1992 zu einem Onkel nach Heidelberg, der dort als Gastarbeiter tätig war. Der Autor hat erst mit 14 Jahren angefangen Deutsch zu lernen, schreibt all seine Bücher in Deutsch und nicht etwa in seiner Muttersprache; das finde ich schon sehr bemerkenswert. Aber auch, warum er überhaupt Schriftsteller geworden ist, kann man doch eher dem Glück oder dem Zufall zuordnen. Er verpflichtete sich seinerzeit ein Buch zu schreiben, andernfalls wäre seine Aufenthaltsgenehmigung erloschen. Und so erschien 2006 sein Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“. „Herkunft“ ist mittlerweile sein vierter Roman und der Autor verwebt hier seine Lebensgeschichte, die seiner Familie, vor allem seiner Großmutter mit Erzählungen und Mythen aus seiner bosnischen Heimat. „HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem die Bundesregierung die Grenzen nicht schloss und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh.“ Stanišić erzählt eine sehr interessante Geschichte, -nein, eher viele Geschichten. Geschichten des Lebens, von Migration und Erinnerungen, von seiner Großmutter, aber auch Streifzüge von Fantasien, und Erwartungen. Geschichten, die mich oft zum Lachen brachten, ebenso aber auch zum Nachdenken. Nachdenken über meine eigene `Herkunft`. Hinzu kommt, dass er einen äußerst ungewöhnlichen Erzählstil hat. Ein paar Seiten habe ich erst einmal gebraucht um reinzukommen. Denn er erzählt einfach drauflos, springt von einem Thema zum nächsten, liefert kurze stakkatoartige Sätze, sodass mir beim Lesen fast die Luft wegblieb. Ein Hang zum Fabulieren kann man ihm durchaus attestieren. Oft hatte ich das Gefühl, er verliert komplett den Überblick, aber am Ende fügte sich dann doch alles gut und folgerichtig zusammen. Exakt diesen ganz anderen Erzählstil fand ich sehr interessant, erfrischend, ja faszinierend; diese Empathie ohne Bitterkeit, schon sehr erstaunlich. Ein Roman der sich dadurch deutlich von vielen anderen Roman abhebt und den Deutschen Buchpreis im letzten Jahr auf jeden Fall verdient hat. Ich kann nur sagen: „Herkunft,“ ist ein absolut lesenswertes Buch, dass ohne dieses unsägliche falsche Heimat-Pathos auskommt, das man bei diesem Titel durchaus vermuten konnte. Im September wird es als Taschenbuch erscheinen.

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Was war ich neugierig auf Herkunft von Saša Stanišić, der Roman, der 2019 mit den Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Die fiktionale Autobiografie, die den Anfang für dieses Buch als handschriftlicher Lebenslauf für die Ausländerbehörde nahm, erzählt von Saša Stanišić Flucht vom Balkankrieg in Jugoslawien nach Deutschland. Der erst 14-jährige Junge flieht mit seiner Mutter, eine bosnisch-muslimische Politologin, nach Heidelberg, wo sie zuerst bei einem Onkel unterkommen. Der Vater, ein serbischer Betriebswirt, kam später nach. Als Flüchtlinge bekommen seine Eltern Jobs, die weit unter ihrem Niveau sind. Die Mutter arbeitete als Wäscherin, der Vater fuhr in die ehemalige DDR um auf einer Großbaustelle Rohre zu verlegen. Die Angst abgeschoben zu werden, bereitet den Eltern permanent Kopfzerbrechen. Saša trifft sich währendessen mit anderen ausländischen Jungs an einer Tankstelle, die zum Jugendtreffpunkt wird. Der Wille, die deutsche Sprache perfekt zu erlernen, hilft dem Jungen nach dem Abitur eine Zulassung an die Uni zu erhalten. Ein verständiger Sacharbeiter bei der Ausländerbehörde erteilt ihm das Bleiberecht und in späterer Folge die deutsche Staatsbürgerschaft, während seinen Eltern diese später verwehrt wird und sie nach Bosnien zurückkehren müssen. Višegrad in Bosnien-Herzegowina, nur acht Kilometer von der serbischen Grenze entfernt, ist der Geburtstort des Autors und bleibt neben Heidelberg und Hamburg, wo es Saša Stanišić später hinführt, als Hauptsetting bestehen. Denn ein Besuch in seiner ehemalige Heimatstadt lässt den Autor wiederholt in Gedanken zurückkehren an den Ort an der Drina. Dabei gibt es immer wieder große Zeitsprünge. Manchmal weiß man nicht, in welcher Zeit man sich gerade befindet, was aber nur ganz kurz andauert. Es sind Momentaufnahmen. Stanišić vermischt dabei reale Begebenheiten mit fiktiven Visionen. Gedankensprünge aus dem Hier und Jetzt in die Vergangenheit und wieder zurück begleiten den Leser die ganzen 368 Seiten über. Darauf muss man sich einlassen können. Die innige Beziehung zu seiner Großmutter Kristina, die an Demenz leidet und auf die Rückkehr ihres bereits vor zwanzig Jahren verstorbenen Mannes wartet, half Saša Stanišić noch vor der Erkrankung bei der Erforschung seiner familiären Herkunft. Je mehr sie ihre Erinnerungen verliert, desto mehr muss er sie sammeln. Saša Stanišić fabuliert mit einer Liebe zur deutschen Sprache über seine Herkunft zu einem Land, das es nicht mehr gibt. Dabei spielt auch das Märchenhafte immer wieder eine Rolle. Kritisieren muss ich jedoch die oftmals fehlende Spannung. Der Start war für mich etwas zäh, aber sobald man in der Geschichte drinnen ist, möchte man gerne weiterlesen und mehr erfahren. Ich hatte allerdings nie den Drang unbedingt sofort weiterlesen zu müssen. Obwohl das Thema eher schwer ist, baut der Autor viele humorvolle Metapher ein. Unwillkürlich vergleicht man beim Lesen die Erzählungen und die Flüchtlingsproblematik von damals und heute und entdeckt leider nicht wirklich viel Unterschied. Die essentielle Frage "Nach welchen Kriterien lässt sich die Herkunft bestimmen?" ist dem Autor wichtig. “Jedes Zuhause ist ein zufälliges: Dort wirst du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will.” Doch Heimat ist nicht immer Herkunft. Für die letzten Kapitel bzw. den letzten Abschnitt, den er "Der Drachenhort" nennt, hat sich der Autor noch etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Er lässt den Leser zwischen verschiedenen fantastischen Erzählungen wählen, wie die Geschichte ausgehen soll. Diese Variation kenne ich nur aus einem Kinderbuch (Mats und die Wundersteine), bei dem sich die Kinder ihr eigenes Ende aussuchen dürfen. Ich bin nicht wirklich ein Freund davon und mochte diese Varianten schon beim Vorlesen der Kindergeschichte nicht....aber jeder wie er möchte. Schreibstil: Der Schreibstil ist sowohl poetisch und fließend, als auch stakkatomäßig. Der Autor baut viele humrvolle Methapher ein, einiges erscheint märchenhaft. Die Kapitel sind kurz gehalten. Fazit: Ein Roman, der viel Autobigraphisches enthält. Eine Ansammlung von Gedanken und Rückblienden, sowie der Frage nach Herkunft und Identität. Interessant und unterhaltsam, nachdenklich und leider auch mit einigen kleinen Längen versehen. Trotzdem bin ich froh das Buch gelesen zu haben

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Saša Stanišić hat mit seinem Buch "Herkunft" versucht, eine Antwort auf die Frage "Wo kommst du her?" zu finden. Dass diese Antwort darauf nicht immer einfach ist, hat er damit gezeigt, dass er darüber ein ganzes Buch schreiben konnte. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er in Bosnien, der Jugoslawienkrieg Anfang der 90er Jahre veranlasste die Familie nach Deutschland zu flüchten. Ab da wurde die Frage für ihn kompliziert. Das Buch ist Aufarbeitung der Vergangenheit, Familiengeschichte und (in kleinen Teilen) Biografie zugleich. Vor einer Woche wurde es im Rahmen der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. In kurzen Anekdoten erzählt Stanišić von seinem Leben. Dies macht er stellenweise mit sehr viel Humor, bleibt aber dadurch auch sehr an der Oberfläche und es wirkt sehr sprunghaft. Die einzelnen Geschichten - manche echt, manche Fiktion - verbinden sich mit der Zeit, auch wenn auf mehreren Ebenen erzählt wird. Vor allem der Anfang ist geprägt von einem ständigen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart und das fand ich sehr verwirrend und auch nervig, vor allem als Einstieg. Da war für mich keine Ordnung drin und ich wusste nicht immer worum es ging. Irgendwann wurde das aber um einiges besser und ich konnte seinem Lebenslauf einfacher folgen. Im Buch geht es ganz viel um Erinnerungen, um Großeltern, um eine demente Großmutter, um das Erlernen einer neuen Sprache, um das Finden einer Heimat in einem anderen Land. Das Ganze hat der Autor literarisch verpackt. Er schreibt stellenweise sehr poetisch, aber mit einfacher Sprache, manchmal emotionslos, aber mit einer Wichtigkeit in den Sätzen, die einzufangen versuchen, was es heißt, einen Krieg zu erleben und vor ihm zu flüchten. Dann wird es auch mal sehr ausschweifend und hin und wieder auch langweilig. Trotz allem hat mir "Herkunft" sehr gut gefallen. Es ist eine Annäherung an den Begriff "Heimat" und was damit zusammenhängt. Dass es eigentlich eine Summe aus den Geschichten ist, die man selbst erlebt und überhaupt nicht leicht zu definieren ist. Das Buch endet mit einer Entscheidungsgeschichte, also man kann während des Lesens immer wieder selbst entscheiden, wie es weitergehen soll, was ich sehr spannend fand und so noch nicht wirklich selbst gelesen hatte. Fazit Herkunft ist kein klassischer Roman, auch keine klassische Biografie mAn. Es sind viele kurze Geschichten, die sich irgendwann verbinden und so versuchen, eine Antwort auf die Frage "Wo kommst du her?" zu geben. Denn Stanišić' Herkunft ist viel: Familie, Kultur, Land, Beziehungen, Erinnerungen.

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