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Rezension zu
Der Biss

Schwarz, weiß und alles dazwischen

Von: Nadine
09.10.2022

Mit “Der Biss” legt der Autor Florian Scheibe einen spannenden Roman vor, dessen retardierend wirkenden Bilder interessante Perspektiven zu vielen politischen Themen aufwerfen. Artwork, Klappentext und Titel verkaufen den Inhalt weit unter Wert und bleibt zu hoffen, dass dieses Buch sich schnell verbreitet. Eigentlich erzählt Scheibe erstmal nur eine Geschichte über Arm und Reich, dazu beschreibt er zwei Familien mit gleicher Zusammensetzung, deren Leben aber nicht gegensätzlicher verlaufen könnten. Die deutsche Familie unterwirft sich eigens auferlegten Ansprüchen, möchte am liebsten die Welt retten und eigentlich alles richtig machen. Die rumänische Familie wurde unter falschem Vorwand nach Deutschland geglückt, mit dem Versprechen sich hier ihre Träume verwirklichen zu können. Erübrigt sich zu erläutern, welche Familie welchen Status hat. Schwarz, weiß und alles dazwischen Zur ersten Begegnung der beiden Familien kommt es in “Der Biss” von Florian Scheibe auf einem Spielplatz in Berlin. Der kleine Nelu beißt den kleinen Jonas und nimmt ihm seine Sandförmchen weg. Das wiederum bringt dessen Vater in übertriebene Rage, er verfolgt den Jungen und behandelt ihn viel zu grob, bis dessen Vater eintrifft und seinen Sohn auf seine Art und Weise verteidigt. Diese Situation erleben wir gleich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven und bis dahin erwartet man noch ein plakatives Gegenüberstellen von zwei Parteien. Doch Florian Scheibe dringt immer tiefer in die Psyche der unterschiedlichen Beteiligten ein, verlässt sich nicht auf Schwarz und Weiß. Häufig hinterfragt man seine eigene Position, bemerkt, dass sich nichts eindeutig festlegen lässt und jede Medaille nicht nur zwei Seiten, sondern auch noch einen Rand hat. Des Einen Anspruch ist des Anderen Leid “Der Biss” schaukelt sich langsam aber stetig auf. Je intensiver sich die Hauptpersonen damit beschäftigen, was sie sein möchten, was sie sein könnten und was sie tatsächlich sind, umso mehr verstärkt sich der Druck. Man kann den Roman beinahe auf einen Rutsch durchlesen. Florian Scheibe hat ein sehr gutes Gespür für Bilder und einen leicht verständlichen Ausdruck. Selbst wenn er von einer eingezäunten und bewachten Öko-Wohnsiedlung schreibt, in deren angrenzenden Park Obdachlose und Geflüchtete hausen, ist das niemals plakativ. Es sind sogar eher die Zwischentöne, die die entscheidenden Stiche setzen. Denn viel zu oft und viel zu schnell schlägt man sich auf eine Seite und merkt aber rasch, dass weniges so ist, wie es scheint. Harter Stoff Einige Szenen sind wirklich schwer zu ertragen, da man sich einerseits auf beiden Seiten in Ansätzen erkennen kann, aber eben doch genau weiß, dass man als Wohlstandsdeutsche einen Großteil des Leides nicht nur niemals sieht, sondern eben nicht im Geringsten nachfühlen kann. Der Ausgang des Romans scheint eindeutig zu sein, allerdings hat man im Verlauf der Lektüre gelernt, dass auch dies wieder Probleme aufwerfen kann und wird. Es hat mit Dir zu tun! Der Stoff bietet sich zur Verfilmung an und es bleibt nur zu hoffen, dass dann der durchaus vorkommende Sex nicht als vorrangiges Verkaufsargument dient. Florian Scheibe gibt in seinem Roman “Der Biss” keine Antworten zu entscheidenden Fragen zu Themen wie soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz, Empathie, Liebe, Flüchtlingspolitik oder neuen Rollenmodellen. Er hinterlässt nur an jeder Ecke ein doppelt unterstrichenes, berechtigtes Fragezeichen und die sichere Gewissheit, dass nichts so einfach ist, wie man es gerne hätte. “Der Biss” ist kein Märchen, noch nicht mal eine Dystopie, sondern pure Realität.

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