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Rezension zu
Fürchte die Schatten

Ausführliche Vorgeschichte einer neuen Serie oder doch ganz anders ..?

Von: WolfgangB
13.02.2021

Michael Robotham dürfte mit seiner erfolgreichen Reihe um Joe O'Loughlin und Vincent Ruiz inzwischen abgeschlossen haben (oder den beiden Hauptfiguren zumindest eine längere Pause gönnen). Ein Indiz dafür ist die angedeutete Übergabe der Verantwortung von Joe O'Loughlin an Cyrus Haven am Ende des 2019 erschienenen "Schweige Still". Cyrus ist der Protagonist einer neuen, vielversprechenden Serie. Er gleicht seinem Vorgänger in manchem, unterscheidet sich jedoch in vielem. Fassen wir noch einmal kurz zusammen: Cyrus Haven ist forensischer Psychologe, der bedarfsweise von der Polizei konsultiert wird. Seine Eltern und seine Zwillingsschwestern wurden von seinem älteren Bruder brutal ermordet, Cyrus war zum Zeitpunkt des Massakers außer Haus. Inzwischen ist er 31 Jahre alt und teilt mit O'Loughlin sowohl den Beruf, als auch die mit seinem Fachwissen erworbene Selbstsicherheit. Im Gegensatz zu dem an Parkinson erkrankten O'Loughlin ist Haven ein passionierter Läufer und hat im Keller seines geerbten Hauses einen privaten Fitnessraum eingerichtet. Anstelle einer Psychotherapie lässt er seinen Körper tätowieren: "Die Nadel ist mein Ausweg und meine Rettung. Die Nadel verwandelt Kunst in Leiden und Leiden in Kunst und spricht zu niemandem außer mir." (S. 82) Evie Cormack ist mittlerweile knapp volljährig. Mit acht Jahren wurde sie verstört in einem versteckten Raum eines alten Hauses aufgefunden, wo sie die brutale Folter eines Mannes unbemerkt miterlebt hat. Sie ist ein "Truth Wizard", das heißt, sie besitzt die besondere Fähigkeit, sofort zu erkennen, wann ihr Gegenüber lügt. Wohl aufgrund der geteilten Erfahrung eines Kindheitstraumas ist Cyrus der einzige Erwachsene, zu dem sie Vertrauen fasst, alle anderen stößt sie rüde von sich. Nachdem also Cyrus und Evie einander im ersten Teil begegnet sind und gemeinsam einen Mordfall aufgeklärt haben, erwarten wir uns Ähnliches auch für den zweiten Teil. Wir erwarten, dass die beiden sich noch besser aufeinander einspielen, um als Team aus Psychologe und menschlichem Lügendetektor ihre Gegner zu überlisten. Doch der Autor macht uns schnell klar, dass die Vorgeschichte noch lange nicht verarbeitet ist. Zu wenig wissen wir noch über die wahren Umstände der Ermordung von Cyrus' Familie. Zu wenig erschütternd ist Evies Vergangenheit, um sie unerzählt zu lassen. Der Mord an einem pensionierten Polizisten, der sich in einen ungelösten Fall verbissen hat, bringt den Stein ins Rollen. Weil dieser Fall lose mit Evie verbunden ist, tauchen plötzlich dubiose Gestalten auf, die hartnäckig nach ihr suchen. Evies Wunden brechen auf, die Erinnerungen vermischen sich mit der Gegenwart. So erfahren wir von einem Mann, den sie nur "Onkel" nennen durfte, der Kinder wie sie an zahlungskräftige Kunden vermittelte, von einem Chauffeur, der für sie zum Ersatzvater wurde und sich für sie opferte. Und schließlich erfahren wir sogar Evies ursprünglichen Namen. "Als ich aufgewachsen bin, kannte ich jeden in dieser Straße, und jeder kannte mich. Die Robinsons wohnten in Nummer achtundzwanzig, die Brennans in Nummer achtzehn, die Flicks gegenüber. Sie waren eine verrückte Familie, etwas verwahrlost, mit insgesamt elf Kindern, die ständig Ärger hatten, weil sie Fensterscheiben zerbrochen, in Läden geklaut, die Schule geschwänzt oder Fahrräder gestohlen hatten." (S. 227) Michael Robothams Erzählkraft gründet in dem Reichtum an Details, mit denen er seine Figuren ausgestaltet, der Vielzahl an Anekdoten, aus denen er ihre Biographie zusammensetzt. Wenn Cyrus sich an seine Jugend in einem Stadtteil von Nottingham erinnert, blickt der Autor aus dem Buch heraus, fixiert den Leser mit einem Blick als würde er fragen: "Und, wie war es bei dir?" Die Erzählung der Mutter eines Pädophilen, die gegen ihr Drogensucht und für das Sorgerecht kämpft, lässt beim Lesen innehalten. Der gebrochene alte Mann, dessen Enkel entführt und dessen Sohn sich aus Verzweiflung darüber das Leben genommen hat, verursacht Gänsehaut. Robotham erzählt von Menschen, die es tatsächlich geben könnte. Es sind Schicksale, die ein aufmerksamer Zuhörer aufliest, nicht in den Londoner Geschäftsvierteln, sondern auf weniger belebten Straßen, die von verfallenden Häusern gesäumt sind. Obwohl die neue Serie des Autors nach Cyrus Haven benannt ist, schiebt sich Evie als zweite Hauptfigur unauffällig in den Vordergrund. Die einzelnen Kapitel sind abwechselnd aus seiner und ihrer Perspektive in der ersten Person und im Präsens erzählt. Beide sind dem Leser gleich nahe, beide sind stilistisch gleichgestellt. Auch für die Handlung sind beide jeweils auf ihre eigene Weise unbedingt erforderlich, ein vom Duo O'Loughlin/Ruiz ungewohntes Gleichgewicht. Während Evie die Geschichte vorgibt, ist es Cyrus, der diese konsequent vorantreibt. Zwei Hauptfiguren, die unterschiedlich wahrnehmen und bewerten, geben dem Autor die Gelegenheit, einzelne Situationen besonders gründlich zu erkunden. Robotham dosiert dieses Mittel behutsam, etwa in einem intimen Moment, als Evie sich im Dachboden von Cyrus' Haus versteckt, während dieser ein Stockwerk darunter die Nacht nicht alleine verbringt. Persönliches Fazit "Fürchte die Schatten" ist noch nicht der Thriller um ein einander ergänzendes Duo, der er sein könnte. Vielleicht soll die Serie diesen (ausgetretenen) Pfad auch gar nicht einschlagen. "Fürchte die Schatten" erzählt, was noch erzählt werden muss, feinfühlig und zugleich fesselnd.

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