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Rezension zu
Dieses entsetzliche Glück

Scherben des Glücks

Von: Ruth Leukam aus 76534 Baden-Baden
09.09.2020

Schauplatz des neuen Romans von Annette Mingels ist die fiktive Kleinstadt Hollyhock im ländlichen Virginia. In insgesamt 15 Geschichten lässt die Autorin ein großes Figurenensemble auftreten. Dabei greift sie einzelne Episoden aus deren Leben heraus, stellt sie in Beziehung zu deren Biographie und wechselt dann im nächsten Kapitel zu einer weiteren Figur. Mit der Zeit stellen sich Verbindungen her; manche stehen in enger Beziehung zueinander, andere Lebenswege kreuzen sich nur kurz. Dabei sind es oft nur kleine Sequenzen, die Bezug nehmen auf frühere Szenen. Dadurch erfährt der Leser, wie es weitergeht bzw. sieht das Ganze aus einer anderen Perspektive. Eine zentrale Rolle spielt Kenji, ein junger Mann, der erste Versuche als Schriftsteller macht. Zuerst lernen wir ihn kennen als Bruder von Aiko und Sohn des Ärzte- Ehepaars Saul und Nomi. Die treten wiederum in eigenen Kapiteln auf. Nomi entschließt sich, nachdem die beiden Kinder aus dem Haus sind, ihren Mann zu verlassenen und in ihre frühere Heimat zurückzukehren. Sie fühlt sich abgetrennt von ihrer ursprünglichen Kultur und bedauert, jemals überhaupt Japan verlassen zu haben. In einer späteren Geschichte erleben wir, wie Saul versucht, sich allein zurechtzufinden und müssen lesen, dass er damals lieber in Japan geblieben wäre, aber Nomi ihn zu einem Umzug in die USA gedrängt hat. So zeigt Annette Mingels immer wieder, wie unterschiedlich Menschen ihre Situation bewerten, welche Wahrheiten sie sich im Laufe ihres Lebens zurechtlegen. Kenji ist aus Hollykock weggegangen, tief verletzt, weil seine frühere Freundin Lucy sich von ihm getrennt hat und nun mit seinem ehemaligen Freund Basil zusammenlebt. Welche Gründe zur Trennung führten, erfahren wir beim Weiterlesen und auch welches Geheimnis Basil mit sich herumträgt. Es geht oft um die weniger schönen Erfahrungen im Leben, um Trennungen, Verluste und Kränkungen und hinter allem steht die Sehnsucht eines jeden nach dem „ entsetzlichen Glück“, jener Mischung aus Glück und dem Wissen um dessen Vergänglichkeit. Oft ist es wenig spektakulär, was die Protagonisten erleben, aber trotzdem ist es von Bedeutung für sie. Alle Geschichten handeln von Beziehungen jeglicher Art - zwischen Paaren, zwischen Eltern und Kinder, zwischen Geschwistern, zwischen Freunden - und die unterschiedlichen Wahrnehmungen davon. Nicht alle Geschichten finden ein Ende, manche Fäden bleiben lose, manche Fragen unbeantwortet ( wie im richtigen Leben). Was diesen Roman so lesenswert macht, ist neben der genauen Beobachtungsgabe und der feinfühligen Zeichnung der Figuren, vor allem die Sprache der Autorin. Obwohl der Roman mit seinem umfangreichen Personal einige Konzentration erforderte, so war er für mich doch ein wunderbares Leseerlebnis. Ich war gern bei diesen Bewohnern von Hollyhock, habe teilgenommen an ihrem alltäglichen Leben und einige der Figuren sind mir sehr nahe gekommen. Was sich anfangs als Band mit Erzählungen gelesen hat, war am Ende für mich ein stimmiger Roman.

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