Der Krieg liegt Jahre zurück, der Wiederaufbau ist in vollem Gange, die Menschen in der geteilten Stadt sehnen sich nach Wohlstand, Vergessen und Sicherheit.

Die 19-jährige Kriegswaise Charlotte hingegen träumt von einem aufregenden Leben jenseits ihrer schlecht bezahlten Arbeit in der Großnäherei. Als sie sich in den Ruinen Berlins in einen amerikanischen GI verliebt, ändert sich ihr Schicksal auf unerwartete Weise: Major DeWindt – gutaussehend und um einiges älter als sie – vermittelt ihr eine Stelle im »Midnight«, dem traditionsreichsten Tanzlokal Berlins. Vera, die schillernde, skandalumwitterte Besitzerin, nimmt Charlotte unter ihre Fittiche, und gemeinsam verhelfen die beiden Frauen dem »Midnight« zu neuem Glanz. Doch bald schon legt sich ein Schatten über Charlottes Glück, denn Vera ist in dunkle Machenschaften verwickelt, die Charlottes Liebe zu DeWindt auf eine harte Probe stellen werden …

Stunden des Aufbruchs

Ein mitreißend geschriebenes Panorama der Wirtschaftswunderjahre und die Geschichte zweier ungleicher Freundinnen auf ihrem Weg zum Glück.

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Leseprobe zu "Stunden des Aufbruchs"

Prolog

Berlin 1951

Lackierte Fingernägel fahren Kerben entlang, schlanke Finger streichen über Narben im Holz. Whiskey hat die Rillen im Tresen getränkt. Der letzte Rest schimmert noch braungold im spärlichen Morgenlicht, das zur Nebentür hereinfällt.
Die Finger gleiten über die Schrammen, als liebkosten sie die Haut eines Geliebten.
Rillen und Macken in der Bar, grübelt Vera, sind wie Falten in würdevoll gealterten Gesichtern.
Und dieser Club ist wahrlich in Würde gealtert.
Hier, auf den Stühlen, die von der Putzfrau beiseitegeschoben werden, um dem Besen Platz zu machen, amüsieren sich seit über achtzig Jahren die Gäste. Der Saal mit den Samttapeten und den Kronleuchtern mit ihren gesprungenen Glasschalen hat das Kaiserreich gesehen, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik. Und vor Kurzem den zweiten Weltenbrand wie auf wundersame Weise beinahe unbeschadet überstanden. Nur das schwere Eichenparkett hat Schrunden von den Munitionskisten der Deutschen, später von denen der Amerikaner davongetragen.
Und nun ist das alles deins, denkt Vera lächelnd und verreibt den Whiskey auf ihren Fingerkuppen.
Eine Katze schleicht, das Fell von der kühlen Nacht noch gesträubt, herein, tritt aus dem Morgenlicht und springt zur Bühne. Maunzend tapst sie zum Klavier, hopst auf die Tasten und läuft – federleicht, ohne einen Ton zu spielen – zum schnarchenden Pianisten. Erst als sie sich an seine Wange schmiegt, die ruhig auf den Tasten liegt, wird er wach und scheucht sie fort.
Vera trinkt ihren Whiskey aus und beobachtet die Katze einen Moment, dann steckt sie sich eine Papirossa an und sieht dem tanzenden Zigarettenrauch im Morgenlicht zu.
Ein paar Züge gönnt sie sich noch, dann nimmt sie die Katze auf und trägt sie zur Hoftür. Nachdem sie sie hinausgelassen hat, wendet sie sich erneut dem Saal zu. Kühle Morgenluft weht herein und vertreibt endgültig die Nacht. Vera fröstelt, sie bekommt eine Gänsehaut.
Der Pianist verabschiedet sich, die Putzfrau fegt, der Barmann versucht, die Falten aus dem Gesicht der Bar zu wischen.
Veras aufgeklebte Wimpern hat die Nacht verrutschen lassen, sie zupft sie ab und geht zufrieden durch ihren Club.
Zeit für ein paar Stunden Schlaf.
Damit das Midnight am Abend wieder in voller Pracht erwachen kann.

1

Ende Januar 1951

Zwischen Frauenbeinen schwebten bunte Fusseln und Fäden über die abgetretenen Holzdielen der Werkhalle. Wie exotische Federn wirbelten sie eine Handbreit über dem Boden, glitten von hier nach da und tanzten einen enthemmten Reigen, wenn eine der Frauen die Tür zum zweiten Innenhof öffnete und die Winterluft hereinließ.
Draußen, hinter den mit Eisblumen besetzten Fenstern, lag Berlin im ersten Frost wie erstarrt da, doch im Innern der Halle herrschte ein Treiben wie in einem Bienenstock. Das Hämmern von hundert Nähmaschinen vereinte sich zu einem einzigen stampfenden Marsch.
Die Arbeitsplätze bei den Fenstern waren modernisiert worden. Fünf Tage lang hatten im Sommer Arbeiter neue elektrische Nähtische aufgestellt. Der Rest jedoch befand sich noch immer auf Vorkriegsstand. Hier saßen die erfahrenen Frauen, die ihre Nähmaschinen mit dem Fußpedal antrieben, als wäre das Jahrhundert bloß wenige Wochen alt.
Unweit der Treppe zum ersten Stock, in dem die Büroräume der Verwaltung lagen, balgte sich eine Schar Spatzen um ein paar Brotkrumen.
Unverhoffterweise hatte die Firmenleitung einen Auftrag der US Army ergattern können. Seit Wochen nähten die Frauen im Schichtbetrieb.
Charlotte schnappte sich die zugeschnittenen Lederstücke aus ihrer Ablage und ließ die Nadel für den nächsten Herrenhandschuh lostanzen. Der Schnitt der ungefütterten braunen Handschuhe war simpel und das Leder dünn. Keine wirklich gute Ausstattung für den Berliner Winter, dachte sie. Aber das ging sie nichts an.
Als ein eisiger Hauch ihren Nacken traf, sah sie sich unauffällig zum Eingang um. Es war beinahe Monatsende, und das hieß, der Versorgungsoffizier würde die Textilfabrik besuchen. Der GI war ein stattlicher, muskulöser Kerl Mitte zwanzig, der stets erhaben wie ein Prinz zwischen den Frauen entlangschritt, um dann zwei Stufen auf einmal die Treppe zu nehmen und in den ersten Stock hinaufzueilen. Dort kontrollierte er den Stand der Produktion und führte eine Qualitätskontrolle durch.
»Der kommt heute nich’. Brauchste ja nich’ so kieken.« Charlottes Kollegin, mit der sie Tisch an Tisch saß, biss in ihre Käsestulle und brachte es fertig, beim Kauen zu grinsen. »Hab jehört, der ist mit eener aus’m Schnitt in die Kiste.«
»Ach.«
»Dit hat janz schön jerumst, sag ick dir. Da sind die Stofffetzen jeflogen!«
»Margot!«, echauffierte sich Charlotte gespielt, errötete aber dennoch.
»Ne, mal im Ernst. Dit wird wohl nüscht mit dein Prinzchen, Charlottchen.«
»Prinz…« Verlegen winkte Charlotte ab. »Nu’ hör aber endlich auf.«
»Tu ma nich’ so! Is’ ja nüscht bei. Mädchen im besten Alter, da kannste auch mal ’n Kerl auf’n Pöter kieken, wa? Kriegst ja immer Stielaugen wie ’n Hummer, wenn dat Prinzchen kommt.«
»Quatsch.«
»Hab ick janz jenau perzipiziert. Janz jenau.«
Lachend schleuderte Charlotte einen der Hand-schuhe nach Margot. Da hörte sie den Ruf der Vorarbeiterin über das Rattern hinweg. »Hannelore Schüler!«
Sie warf einen Blick auf die Uhr, auch dieser Arbeitstag war wieder wie im Fluge vergangen.
»Na, dann schnapp dir ’n Zaster und verdufte. Zaubahaftes Wochenende, Charlottchen.«
»Danke. Wie lang musst du noch?«
Margot biss von der Stulle ab. »Dit Leben lang, wa? Dit Leben lang.«
Charlotte beendete die letzte Naht, stand auf und rieb sich die müden Augen. Sie wollte schon zum Kabuff der Vorarbeiterin hinübergehen, als ihr Blick noch einmal auf ihren Arbeitsplatz fiel.
Leere Garnrollen, bergeweise fertig genähte Handschuhe, Fadenreste, Scheren und Nadeln lagen herum. Unter Margots wohlwollenden Blicken räumte Charlotte pflichtbewusst das meiste auf, schnappte sich ihr viel zu dünnes Jäckchen und sprang dann im Laufschritt durch die Reihen zum Verschlag am Ende der Halle.
»Sparst du auf was Bestimmtes?« Gelangweilt steckte sich die Vorarbeiterin das blonde Haar zurecht, zupfte ihren Kittel glatt und schob Charlotte in einem Umschlag den Lohn der letzten vier Wochen über den Tisch.
»Ich? Wieso?«
»Ein Fahrrad? Eins mit Motor? Oder willst du eine Reise machen. Italien?« Ihre Vorgesetzte nickte zum Kuvert. »So viele Schichten, wie du für deine Tante schiebst, Mäuschen. Wann schläfst du eigentlich?«
»Also … Ähm, na ja. Meistens in der Tram.« Wie so oft in den letzten Wochen war sie für ihre Tante Hannelore eingesprungen. Immerhin galt Charlotte mit ihren neunzehn Jahre als eine der flinkesten Näherinnen, und wem die Besitzer der Näherei die Lohntüte in die Hand drückten, war denen schnurzpiepe.
»Tritt mal ein bisschen kürzer, Mäuschen. Und nicht zu viel Jungssachen am Wochenende.«
»Da haben Sie mal keine Sorge. Danke sehr.« Charlotte deutete einen Knicks an und steckte den Umschlag in ihre Jacke. Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie die Tür auf und tauchte abermals in das Rattern der Nähmaschinen ein. »Ihnen ein schönes Wochenende.«
Flink ging sie die Reihen ab, winkte Margot zu und steuerte wie jedes Mal, nachdem sie den Lohn bekommen hatte, die ramponierte Toilette an.
Kaum drinnen, verriegelte sie die Tür und nahm sich den Umschlag vor. Sie zählte einhundertsiebenundvierzig Mark und zog einen der Zehn-Mark-Scheine heraus. Flink steckte sie ihn in ihren ausgetretenen Halbschuh. Für einen Lidschlag war sie ver-sucht, einen zweiten herauszufischen, doch das würde ihrer Tante sicherlich auffallen.
Charlotte wartete einen Augenblick, spülte, als wäre sie tatsächlich auf die Toilette gegangen, und verließ erst dann die Werkshalle.

Die trockene, kalte Winterluft tat gut. Die Mittagssonne hatte die meisten Wolken vertrieben und ließ die winzigen Eiszapfen der letzten Frosttage schmelzen.
Charlotte atmete tief ein und eilte durch die Hinterhöfe. Kaum aus dem Backsteinbau auf die Straße getreten, wärmte die Sonne ihre Wangen, und der Geruch von verbranntem Koks wehte ihr entgegen. Der untrügliche Geruch des Winters. Ohne zu zögern, hetzte sie die Putlitzstraße hinunter, immer auf überfrorene Pfützen achtend, und steuerte die nächste Tramhaltestelle an.
Bereits auf halbem Weg sah sie die hagere Gestalt mit der kurzen Pelzjacke an der Laterne warten. Wie immer, wenn sie in die Öffentlichkeit ging, hatte sich Charlottes Tante Hannelore hübsch gemacht. Ihre Haare waren ordentlich hochgesteckt. Sie trug ihren Lieblingshut, den unauffälligen schwarzen, den sie keck schräg aufgesetzt hatte, weil er ihr sonst zu dezent gewesen wäre. Zufrieden registrierte Charlotte, dass Hannelore den seitlich gerafften Rock angezogen hatte, jenes Ungetüm aus gebrauchtem Stoff, den sie ihr letztes Weihnachten im Stil des New Look genäht hatte. Eine mächtige Sonnenbrille verbarg Hannelores Augen. Weil sie millimeterdick Schminke aufgetragen hatte, war kaum etwas zu erahnen, aber sicher hatte Onkel Theo wieder einmal ordentlich zugelangt.
Charlotte winkte ihr zu, erhielt aber keine Reaktion, obwohl Hannelore sie gesehen haben musste.
Wahrscheinlich hatte sich ihre Tante den ganzen Tag bei ihrem Liebhaber herumgetrieben. Charlotte hatte oft genug sein Aftershave gerochen, und da Theo keines nahm, musste es wohl von einem anderen Mann stammen. Ihre Tante hatte hin und wieder versucht, den Geruch mit ihrem Parfüm zu überdecken, doch Charlotte war gut darin, genau solchen Feinheiten nachzuspüren. Und es machte ihr einen Heidenspaß, die einfachsten Dinge in ihrer Fantasie zu wilden Geschichten aufzuplustern. Vielleicht war Hannelores Liebhaber ja ein GI, ein ebenso strahlender Prinz wie der unbekannte Soldat aus der Näherei. Oder ein frisch rasierter Draufgänger, der mit seinem polierten Cabrio um die Ecken flitzte und ihre Tante an die Ostsee entführte, während sie wieder einmal eine ihrer Schichten übernehmen musste.
Charlotte blieb bei Hannelore stehen und blinzelte in die Sonne.
»Wie viel?«, fragte ihre Tante kühl und sah sich nach anderen Fahrgästen um. Eine greise Witwe in schwarzen Kleidern und einem Netz mit Holzscheiten über der Schulter wartete geduldig am Straßenrand, ansonsten war die Ecke menschenleer.
»Hab’s noch nicht gezählt.« Reichlich verdrossen zog Charlotte den Umschlag aus ihrem abgewetzten Jäckchen und lieferte das Geld ab. Am liebsten hätte sie Hannelore gesagt, dass es eigentlich ihr gehörte, doch den Mut fand sie nicht. »Das waren viele Schichten diesen Monat«, sagte sie stattdessen. »Aber die haben ein paar Pausen abgezogen.«
Während Hannelore die Scheine und Münzen durch ihre Finger gleiten ließ, nickte sie abwesend. »Du wohnst bei uns. Da kannst du auch mal was für tun.« Der Lack ihrer Fingernägel blitzte frischrot und neckisch.
Charlotte überlegte, ob sie es wagen konnte, endlich einmal Widerworte zu geben.
»Ich meine …«, rang sie sich durch, doch ihre Tante schnitt ihr das Wort ab.
»Hier hast du dein Taschengeld für letzten Monat«, meinte sie und drückte Charlotte zwei Mark in die Hand.
Ohne ein Wort steckte Charlotte die Münzen ein.
»Man sagt Danke, Charlotte.«
Sie biss die Zähne zusammen. Es dauerte, bis sie das Danke herausgequetscht hatte.
Kurz darauf saß sie stumm neben ihrer Tante in der Tram. Langsam spürte sie die Müdigkeit. Sie blickte nach draußen, auf drei Waschweiber und eine Traube Männer in schlecht sitzenden Anzügen. Ausgebesserte Straßen und teils eingestürzte Hausecken glitten vorbei. Auf einigen Hundert Metern waren Holzstämme für die Stromversorgung notdürftig in die Erde gerammt worden.
Kriegsversehrte spielten an einer Häuserecke im Schatten Schach und ließen eine Zigarre kreisen. Jeder durfte einmal am Stumpen ziehen. Sie sahen genauso mitgenommen aus wie die Stadt mit ihren Schutthaufen.
Hannelore und Charlotte stiegen um.
In der Yorckstraße pulsierte das Stadtleben. Einige Händler hatten schon kurz nach Kriegsende ihre Läden wiedereröffnet, obwohl die Häuser kaum als solche zu erkennen waren. Wie faule Zähne reihten sich die einst imposanten Altbauten in den Straßen. Nur ab und an stand noch ein von Schüssen pockiges, aber ansonsten unbeschädigtes Haus.
Notdürftig hatten die Bäcker, Schneider und Fleischer ihre Auslagen in den Trümmerhäusern errichtet. Hauptsache, das Erdgeschoss ließ sich betreten. Gemüse, Tabak, Zeitungen … Auf der einen Straßenhälfte frische Farbe und neue Läden in hergerichteten Häusern – auf der gegenüberliegenden die zerbombten Gebäude des Krieges. Ein wohlbehaltenes Berlin ohne Schuttberge und Ruinen hatte Charlotte nie kennengelernt.
Sie blickte auf eine Stadt, die wie Berliner Weiße schmeckte. Auf der einen Seite sauer – auf der anderen herrlich süß.

Die Autorin

Nina Konstantin verlor schon in frühen Jahren unrettbar ihr Herz an Berlin. Nachdem sie als Jugendliche Kurzgeschichten veröffentlichte, die ihren Blick auf die pulsierende Metropole schärften, schrieb sie in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Drehbücher. Es entstanden Liebesfilme und Krimis für das deutsche Fernsehen. Doch die Faszination für Berlin und für die 50er-Jahre – für eine Zeit der Zuversicht und des Aufbruchs, eine Zeit voller Enge und Zwänge – ließen Nina Konstantin nicht los. Angeregt durch die Erzählungen ihrer Mutter, entschloss sie sich, ihrem geliebten Berlin eine ganz besondere Saga zu schenken.

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