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SPECIAL zu Maxim Leo »Haltet euer Herz bereit«

Eine lange Liebe und ein langer Streit

Buchempfehlung von Ulrike Künnecke

Gerhard war der Held der Familie. Als er Mitte der 1930er-Jahre mit seinen Eltern, einem jüdischen Anwalt und seiner Frau aus Rheinsberg ins französische Exil ging, war er noch ein Kind. Doch schon mit 17 Jahren arbeitete Gerhard als Spion für die französische Résistance, wurde von den Nazis gefangengenommen, gefoltert und während eines Gefangenentransports von französischen Partisanen befreit. Noch am selben Tag stellte Gerhard bei der von Kommunisten geleiteten Freischärlertruppe den Antrag auf Aufnahme in die Partei. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er schließlich zu einem jener Männer, die die DDR nicht nur mit aufbauten, sondern auch fest an die Ideale des neuen Staates glaubten.

Ein verstummter Held
Achtzehn Jahre nach dem Mauerfall liegt Gerhard im Krankenhaus: Er hat einen Schlaganfall erlitten. Er kann nicht mehr sprechen. Doch nicht nur die Sprachlosigkeit der gestrengen Familienautorität ist ungewohnt. Darüber hinaus kommt nun auch eine bei ihm bisher gänzlich unbekannte, gefühlvolle Seite zum Vorschein. Maxim, Gerhards Enkel und Redakteur bei der „Berliner Zeitung“, ist von einem Besuch bei seinem Großvater so berührt, dass er beginnt, die Geschichte seiner Familie ganz neu zu erforschen.

Trauma, Traum – und hässliche Jeans
Der 1970 in Ostberlin geborene Maxim Leo gehört einer Generation an, für die die DDR eine gänzlich andere Bedeutung hat, als dies noch für ihre Eltern und Großeltern galt. Für den jungen Maxim war die DDR ein Land voller Kleingeistigkeit, Hohlheit und hässlicher Jeans. Für seine Großväter Gerhard und Werner dagegen bedeutete die DDR die Verwirklichung eines Traums, an dem sie mit aller Kraft festhielten. Nach traumatischen Erlebnissen in den Zeiten von Nationalsozialismus und Krieg waren sie ganz von der Idee der Gründung eines antifaschistischen Staates beseelt. Dieser bedeutete für sie Zukunft, die Möglichkeit eines wirklichen Neuanfangs, ein neues Leben.

Die Phrasen der Väter
„Neuer Glaube gegen altes Leid, das war der Gründungsdeal der DDR. ... Und ihre Kinder? Die wurden hineingeworfen in das Traumland der Väter und mussten mitträumen, ob sie wollten oder nicht. Sie kannten den Gründungsdeal nicht. Und weil sie nichts zu bewältigen oder verstecken hatten, fiel ihnen auch der Glaube schwer. Sie sahen die Ärmlichkeit, die Lügen, die Enge, das Misstrauen. Und sie hörten die Phrasen der Väter, die von der Zukunft schwärmten. Ein großer Teil der Euphorie und Kraft ist schon da verloren gegangen. Und die Enkelkinder? Die waren froh, als es endlich vorbei war. Die hatten nicht mal mehr ein schlechtes Gewissen, diesem Staat einen Fußtritt zu verpassen.“

Eine lange Liebe, ein langer Streit

Anhand des Lebens von drei Generationen seiner Familie beschreibt Maxim Leo das Dilemma dieses Staates, der angetreten war, ganz anders zu sein. Gerhard arbeitet nach dem Krieg als Redakteur, als Agent für den Nachrichtendienst, später für die ostdeutsche Nachrichtenagentur ADN. Gerhards Tochter Anne wandelt auf den Spuren ihres Vaters und wird zu einer leidenschaftlichen Verfechterin der „Sache“. Bereits mit siebzehn Jahren ist sie Parteimitglied und Genossin. Mit zweiundzwanzig lernt Anne Wolf kennen, einen rebellischen junger Künstler. „Es ist der Anfang einer langen Liebe und eines langen Streits. Das hat bei meinen Eltern immer zusammengehört“, schreibt Maxim. Sein Vater Wolf findet sie schrecklich, diese DDR, und doch werden Anne und Wolf ein Paar, heiraten, bekommen zwei Söhne.

Hadern und Halt
Anne und Wolf hadern mit dem Staat und miteinander. Anne erlebt in ihrer Arbeit als Journalistin Zensur und massive Repressionen. Wolf arbeitet als Grafiker und Künstler, er zeichnet bunte Kindergeschichten fürs DDR-Fernsehen und druckt nebenbei für Freunde graue Postkarten mit düsteren Kommentaren zur Welt. Und doch bedeutet der Staat, in dem sie leben, für beide einen festen Bezugspunkt, ein Bezugspunkt, der eines Tages verschwindet.

Raum für Wahrheit
Maxim Leo erzählt mit der Geschichte seiner Familie nicht nur die Geschichte der DDR. Er macht vor allem auch ganz hautnah erfahrbar, welche psychischen Konstellationen, welche Träume und Traumata zum Aufstieg und Fall dieses Staates beitrugen. Das Buch liest sich wie ein spannendes Familienepos und bringt dem Leser dabei seine Protagonisten doch auf sehr sensible Weise nahe. Das liegt sicher auch daran, dass Leo seinen Angehörigen viel Raum gibt, Fragen lieber stehen lässt, als allzu einfache Antworten zu liefern. (Familien-)Geschichte wird hier respektvoll, ehrlich und intelligent aufgearbeitet – ein außergewöhnliches Buch.

Ulrike Künnecke
(Literaturtest)
Berlin, September 2009

Haltet euer Herz bereit

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