In der »Wolllust« kommt es zu tödlichen Verstrickungen – der Madlfinger Handarbeits- und Krimiclub ermittelt in seinem ersten Mordfall!

Der Tod hält auf wollenen Socken Einzug ins bayerische Idyll. Ariadne Schäfer, Besitzerin des Handarbeitsladens »Wolllust« in Madlfing bei Murnau, ist entsetzt, als ihre Verkäuferin tot im Laden aufgefunden wird – erdrosselt mit einem selbst gestrickten Lace-Schal. War der Täter vielleicht gar einer ihrer Kunden? Zusammen mit dem MKHC, dem Madlfinger Krimi- und Handarbeitsclub, will sie der Frage auf den Grund gehen. Die umtriebigen Damen kommen dabei Kommissar Tim Wallenstein in die Quere. Frisch in die bayerische Provinz versetzt, muss der Kommissar erkennen, dass das Landleben weder friedlich noch Handarbeit ungefährlich ist. Beides kann zu unlösbaren Verstrickungen führen und tödlich enden.

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Leseprobe

Sowohl bei der Verbrechensaufklärung
als auch beim Stricken geht es um Muster.



Ariadne lag genauso da, wie sie in der Nacht umgefallen war. Arme und Beine weit auseinandergestreckt. So als wäre sie in Seenot und würde auf dem Wasser treibend Toter Mann spielen. Blöd war dabei nur, dass sie auf dem Bauch lag und im Meer schon längst eine tote Frau wäre.Das dumpfe Signalhorn eines Frachters drang an ihr Ohr. Viel zu laut und viel zu nah.Mit einem Stöhnen drückte sich Ariadne ein Kissen auf den Kopf. Ihr Schädel brummte. Aus Erfahrung wusste sie, dass es in diesem Zustand besser war, die Augen geschlossen zu halten und unnötige Bewegungen zu vermeiden. »Ich schlafe«, informierte sie die Matratze und die immer noch wankende Welt.
Das Schiffsignal verklang in der Weite des Ozeans. Endlich war es wieder still, und Ariadne glitt in den Schlaf zurück. Sie träumte vom Eismeer, wo Robben sich im Wasser tummelten. Ein Vorhang silbriger Luftbläschen stieg glitzernd auf und kündigte das Auftauchen eines Wales an. Erik hatte ihr gestern erzählt, dass ihr Wal in der Bucht von Husavik gesichtet worden war. Ihr alter isländischer Schulfreund hatte ihr sogar Fotos von der unverkennbaren Fluke gezeigt.
»Du verkaufst in diesem Kaff wirklich nur Wolle?«, hatte er sie mit sorgenvoll gerunzelter Stirn gefragt, und Ariadne hatte mal wieder bekräftigt, dass sie ihr früheres Leben komplett hinter sich gelassen habe und sich nur noch um Strickmuster kümmere. Bevor der Wal in ihrem Traum auftauchen konnte, tutete es erneut. Dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz.
Leichtsinnig hatte sie dem siebenjährigen Bjarni gestern nach dem Abendessen erlaubt, mit ihrem Handy zu spielen. Er hatte ihr angeboten, einen besonders lustigen Klingelton einzustellen, und jetzt morste das Telefon in voller Lautstärke SOS. »Ruhe. Ich bin selbst ein Notfall«, schimpfte Ariadne. Aber der Anrufer kannte keine Gnade. Das Kissen immer noch auf dem Kopf, tastete Ariadne blind nach dem Telefon. Aber leider lag es außerhalb ihrer Reichweite. Warum versagt ein Akku nie, wenn man es am dringendsten brauchte? Vorsichtig blinzelte sie gegen das Licht. Als sie ihren Kopf über die Bettkante hängen ließ, zuckte ein heftiger Schmerz hinter ihrer Stirn. »Ich bin zu alt, mir die Nacht um die Ohren zu schlagen oder bei Trinkspielen mitzumachen«, teilte sie dem Bettpfosten mit.
Unter dem Bett gab es eine Menge Staub, aber von ihrem Handy fehlte jede Spur. Mühsam setzte sie sich auf.
Wenigstens drehte sich die Welt nicht mehr so schnell wie gestern, sondern war wieder zu ihrer normalen Geschwindigkeit zurückgekehrt. Genau in diesem Moment verstummte das Telefon und machte eine Ortung unmöglich. Endlich. Mit einem tiefen Seufzer ließ sich Ariadne auf die durchgelegene Matratze zurückfallen. Was sollte an einem Dienstagmorgen so wichtig sein, dass man sie aus dem Schlaf riss? Nichts. Da sie wusste, wie Treffen mit Erik endeten, hatte sie vorsichtshalber alle Termine für heute abgesagt.
Nicole war wie immer flexibel und hielt in der Wolllust die Stellung. Wer was von ihr wollte, sollte eine Mail schreiben. Das war ihr lieber als Anrufe. Mit der Herausgabe ihrer Telefonnummer geizte Ariadne nicht nur gegenüber ihren Geschäftspartnern. Es ging ihr auf die Nerven, Dinge in der Öffentlichkeit zu besprechen. Neben dem Privathandy besaß sie immer noch einen Festnetzanschluss und aus alter Gewohnheit sogar noch ein Zweithandy und ein paar
ausländische Prepaidkarten. Seit sie in Madlfing lebte, hatte sie es jedoch nicht mehr benutzt. Ariadne lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und versuchte, sich zu entspannen. Aber die Frage blieb. Wer wollte sie unbedingt erreichen? Wahrscheinlich war es nur Bjarni, der wissen wollte, wie ihr der Klingelton gefiel. Aber musste der nicht zur Schule? Eine unterschwellige Unruhe breitete sich aus, und Ariadne begann erneut, nach ihrem Telefon zu suchen. Auf allen vieren krabbelte sie über den Teppichboden und durchsuchte ihre verstreut abgelegten Kleidungsstücke. Nichts. Erst das erneute Klingeln brachte sie auf die richtige Fährte. Das Telefon steckte in einem ihrer Sneakers, die sie ordentlich nebeneinander abgestellt hatte. Vor der Zimmertür. Wahrscheinlich hatte Bjarnis Klingelton das halbe Hotel aufgeweckt.
6:55 Uhr – Irmingard, zeigte das Display. Was wollte die Madlfinger Mesnerin um diese Uhrzeit von ihr? Sie rief zurück. Schon beim ersten Klingeln nahm Irmingard ab. »Brennt die Kirche, oder ist der Papst gestorben?«, fragte Ariadne. Die Anruferin ging auf den Spaß nicht ein. Stattdessen atmete Irmingard tief durch und kündigte damit Unheil an. Ariadne setzte sich aufs Bett und presste eine Hand gegen ihre pochende Schläfe. Ihr Gehirn war zu groß für den Schädelknochen und würde diesen jeden Moment sprengen, wenn Irmi nicht endlich mit der Sprache rausrückte. »Jetzt sag schon.« Irmingard räusperte sich. »Nicole ist tot.« Ariadne stöhnte. »Ein Verkehrsunfall?« Ihre Verkäuferin war eine rasante und rücksichtslose Autofahrerin. Sie jagte ihren Jaguar selbst auf der Landstraße in jede Kurve und überholte ausnahmslos alles, was ihr vor die Motorhaube kam. »Nein. Hier im Geschäft.« Ariadnes Puls beschleunigte sich. War Nicole mit ihren hochhackigen Schuhen auf der steilen Treppe gestürzt? Sie hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass sie sich dort irgendwann das Genick brechen würde. »Die Treppe«, stellte Ariadne fest und verfluchte ihre Entscheidung, die Stufen als Lagerfläche zu nutzen. »Es war kein Unfall. Sie wurde getötet und ausgeraubt. Du musst kommen. Sofort.« Irmingard hatte aufgelegt. Ariadne starrte ihr Telefon an, als würde es sich um außerirdische Technologie handeln. Dann wanderte ihr Blick zu den vergilbten Gardinen. Draußen blinkte eine Neonreklame und machte auf den 24-Stunden-Betrieb des Hotels aufmerksam. Weil sie gestern den letzten Zug wegen einer U-Bahnstörung verpasst hatte und der nächste erst in fünf Stunden gefahren wäre, war das Hotelzimmer im Münchner Bahnhofsviertel eine Notlösung gewesen. Natürlich hätte sie jederzeit bei Bjarnis Mutter Lilja auf der Couch schlafen können. Aber sie hatte die kleine Familie nach Mitternacht nicht mehr aufwecken wollen.
Ariadne versuchte, Irmingards Satz ›Sie wurde getötet und ausgeraubt‹ zu verstehen. Madlfing war der sicherste und ruhigste Ort der Welt. Das war einer der Gründe, warum sie sich aus der Großstadt dorthin zurückgezogen hatte.
In Zeitlupe ging Ariadne zum Fenster und kämpfte gegen ein vages Angstgefühl an. Sie brauchte dringend frische Luft. Ihr Hals war wie zugeschnürt. Leider ließ sich das Fenster nicht öffnen, dafür winkte ihr vom gegenüberliegenden Haus ein Mann zu und machte eine obszöne Geste. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie splitterfasernackt war. Schnell zog sie die Gardine zu und sich selbst an.
Sie checkte die Uhrzeit. Wenn sie sich beeilte, könnte sie den nächsten Zug um 7:32 Uhr nach Murnau erreichen. Dort musste sie umsteigen und wäre um halb zehn in der Wolllust. Wie ferngesteuert packte sie ihre Sachen und lief zum Bahnhof. Auf dem Gehweg pickten Tauben in weggeworfenem Essen. Es stank nach Abgasen und altem Frittierfett.
Kurz vor der Abfahrt stieg Ariadne in den hintersten Waggon. Auf der Zugtoilette spritzte sie sich ein paar Tropfen Wasser ins Gesicht und betrachtete kurz die Schatten unter ihren Augen. Alles unter acht Stunden Schlaf war ihrem Körper und ihrem Gehirn einfach zu wenig. Sie schaffte es kaum, einen klaren Gedanken zu fassen. Ariadne setzte sich ans Fenster, legte die Fahrkarte neben sich und stellte am Handy die Weckfunktion ein. Sonst würde sie erst am Endhalt in Seefeld in Tirol wieder aufwachen. Dann schloss sie die Augen und lehnte ihren Kopf gegen die kühle, vibrierende Glasscheibe. Bestimmt war die Polizei schon da, und das war das Letzte, was sie in ihrem Haus wollte. Vielleicht sollte sie doch sitzen bleiben und untertauchen. Diesmal richtig.

Leonie Kramer
© Katrin Bernhard

Leonie Kramer wuchs am Fuß des Wettersteingebirges auf. Alles Wichtige – wie das Stricken oder das Geschichtenerzählen – brachte ihr die Großmutter bei. Sie studierte Volkskunde, arbeitet als Hutmacherin und ist heute Restauratorin und Expertin für ausgefallene Handarbeitstechniken. Mit ihrer Familie wohnt sie in München und träumt von einem Leben im blauen Land mit einem Schreibtisch mit Bergblick. Leonie Kramer ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin.