Fly into my Soul

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Lass uns tanzen!


Band 3

Für die Kooperation mit einer Sportmarke wird die erfolgreiche Tänzerin und Influencerin Mackenzie nach New York geschickt. Den Content für ihre Videos soll sie ausgerechnet im Move District einstudieren – ihrem ehemaligen Tanzstudio, das sie seit einem Eklat nicht mehr betreten hat. Auch ihre alte Clique ist wenig begeistert über das Wiedersehen und gibt Mackenzie keine Chance, ihre Sicht auf die damaligen Vorfälle zu schildern. Nur Brody, der ihr als Videograf für den Job zur Seite gestellt wird, weiß zum Glück von nichts. Denn Mackenzie mag den zurückhaltenden und kreativen Brody auf Anhieb. Allerdings gefällt Mackenzies Management gar nicht, dass die beiden miteinander anbandeln …

Die »Move District«-Reihe bei Blanvalet:
Band 1: Dance into my World
Band 2: Step into my Heart
Band 3: Fly into my Soul

Band 1: Dance into my World

Jade und Austin: Sie will die Vergangenheit hinter sich lassen, doch mit ihm kann sie den Neuanfang wagen und wieder vertrauen.

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Leseprobe zu "Dance into my World"

Kapitel 1

»Die abgelaufene Milch kannst du ruhig noch nehmen. Die Kunden merken das nicht – zumindest hat sich bisher noch niemand beschwert. Lass es dir nur nicht anmerken.«
Wow.
Mir blieb der Mund offen stehen. Sollte das ein Scherz sein? Gleich am ersten Arbeitstag wurde ich dazu angestiftet, Menschen zu vergiften? Okay, das war vielleicht etwas extrem ausgedrückt, in Ordnung ging es deswegen aber noch lange nicht.
Unfähig, eine sinnvolle Antwort herauszubringen, nahm ich schnell einen großen Schluck aus der türkisfarbenen Tasse. Glücklicherweise trank ich meinen Kaffee immer schwarz – anders hatte ich das Gefühl, dass das Koffein bei mir einfach nicht wirkte –, so bestand zumindest für mich keine Gefahr potenzieller Magenprobleme.
Larry klatschte in die Hände. »Gut. Wenn du keine Fragen mehr hast, kannst du dich direkt an die Arbeit machen.« Er wandte sich ab, blieb jedoch nach einem Schritt wieder stehen und sah mich mit gerunzelter Stirn an. »In welchem Restaurant sagtest du doch gleich, hast du gearbeitet?«
»In keinem«, erwiderte ich und fragte mich insgeheim, ob er mir in den vergangenen fünf Minuten – länger hatte unser Einführungsgespräch nämlich nicht gedauert – überhaupt zugehört hatte. Laut hätte ich das nie gesagt, dafür flößte mir Larry viel zu viel Respekt ein. Er wirkte nicht gerade zugänglich mit seinen hängenden Mundwinkeln, den schmierigen schwarzen Haaren und dieser Überheblichkeit im Blick. Außerdem war ich auf den Job angewiesen und konnte nicht riskieren, doch noch eine Absage zu bekommen. Als ich Larrys kritischen Blick sah, fügte ich hastig hinzu: »Aber ich habe in einem Brillengeschäft gejobbt und kann gut mit Kunden umgehen. Außerdem bin ich sehr lernfähig.« Hoffentlich überlegte er es sich nicht doch noch anders.
Als er mich aus zusammengekniffenen Augen ansah, bildeten sich tiefe Falten auf seiner Stirn. Die ausgeprägten Geheimratsecken und die paar grauen Strähnen, die im Licht der Spätsommersonne, das durch die Fensterfront brach, schimmerten, verrieten mir, dass er um die vierzig sein musste. Das dunkelgraue Hemd lag eng an seinem Oberkörper an und spannte ein wenig um seinen leichten Bauchansatz. »Also keinerlei Gastro-Erfahrung.« Kopfschüttelnd fuhr er sich mit einer Hand über das Gesicht. »Du wirst es nicht leicht haben. Ich brauche hier professionelles Personal und keine Anfänger, die erst angelernt werden müssen. Das hält nur den Betrieb auf. Stand in deiner Bewerbung nicht, dass du bereits in der Gastronomie gearbeitet hast?«
»Nein, eigentlich nicht«, entgegnete ich vorsichtig und sah zu Boden. »Aber wie ich schon sagte, ich lerne schnell.«
»Jaja, das sagen sie alle. Dein Glück, dass ich dringend eine weitere Servicekraft brauche.« Er schnaubte abfällig und linste auf seine protzige Armbanduhr. »Nun gut, Miles und Olivia sollen dir alles zeigen.« Er deutete auf meine beiden neuen Kollegen hinter der Theke. »Aber wenn du es vermasselst, bist du raus!« Mit diesen überaus motivierenden Worten drehte er sich um und lief mit schnellen Schritten durch die Tür hinten rechts im Café, die in sein Büro führte.
»Glück gehabt«, murmelte ich und wischte mir die verschwitzten Handflächen an meiner schwarzen Jeans ab. Bevor ich mich in Larry’s Brew beworben hatte, war ich bereits von drei anderen Cafés, einer Tierhandlung und zwei Boutiquen abgelehnt worden. Hätte es dieses Mal auch nicht geklappt, hätte ich ein echtes Problem gehabt – schließlich zahlte sich eine Wohnung nicht von selbst, erst recht nicht in New York.
Nachdem ich ungefähr tausend Stunden auf Craigslist verbracht und mich durch viele Angebote geklickt hatte, war ich vor ein paar Wochen endlich fündig geworden. Ich konnte mich unfassbar glücklich schätzen, eine Wohnung in Brooklyn ergattert zu haben – ganz für mich allein und dann auch noch um die Ecke des Prospect Park, der bestimmt in ein paar Wochen, wenn sich die Blätter anfangen würden zu verfärben, ein besonders schöner Ort war, um abschalten zu können. Um die Miete für das kleine Apartment in Brooklyn zu bezahlen, brauchte ich dringend einen Job. Meine Eltern hatten zwar netterweise zugestimmt, mir ein bisschen was beizusteuern, aber mir das teure Leben in New York komplett zu finanzieren sahen sie nicht ein – zumindest nicht, solange ich noch nicht studierte.
Mein Herz pochte etwas schneller, als ich mich umdrehte, tief Luft holte und an den dunklen Holztischen vorbei zum Tresen lief, hinter dem ein schlaksiger Typ mit braunen Locken und ein Mädchen mit blauen Haaren standen; beide mussten ungefähr in meinem Alter sein. Sie fachsimpelten gerade darüber, ob der Apfelkuchen nicht doch lieber neben dem New York Cheesecake stehen sollte statt neben den Brownies.
»Aber wenn die Leute den Apfelkuchen sehen und gleich daneben die Brownies liegen, dann entscheidet sich niemand für den Kuchen. Wer nimmt denn Apfelkuchen, wenn er genauso gut einen saftigen Schoko-Brownie haben kann?« Olivia rollte mit den Augen, bevor sie sich umdrehte, um einen weißen Porzellanbecher vom Regal zu nehmen und unter den Siebträger der gigantischen silbernen Bezzera zu stellen. Kurz darauf stieg mir der aromatische Duft von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase.
»Ich!«, erwiderte der Typ und verschränkte die Arme vor der Brust.
Sie schüttelte so heftig den Kopf, dass die Strähnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten und ihr Gesicht einrahmten, hin und her flogen. »Siehst du, Miles, und genau deshalb sind wir bloß Kollegen und keine Freunde.« Trotz ihres zierlichen Körperbaus und der Tatsache, dass der Typ sie um mindestens zwanzig Zentimeter überragte, wirkte Olivia kein bisschen eingeschüchtert. Ganz im Gegenteil, sie schien den Schlagabtausch sogar zu genießen. Eine Fähigkeit, die mir vor ein paar Monaten abhandengekommen war. Sobald ich das Gefühl hatte, es könnte sich ein Streit anbahnen, machte ich einen Rückzieher und ging der Unterhaltung lieber aus dem Weg.
Ich musste schmunzeln und schaute vorsichtig zwischen den beiden hin und her. Olivia war mir sofort sympathisch. Sie hatte eine kleine Stupsnase, und mit ihrer sehr hellen Haut und den blauen Haaren sah sie fast aus wie eine gut gelaunte Version der Eisprinzessin.
»Hey, du bist die Neue, oder? Larry meinte vorhin, wir sollen dich in die hohe Kunst der Kaffeemaschinenbedienung einführen«, wandte sich Miles an mich und lächelte schief. »Ich bin Miles, und das ist Olivia.« Er lehnte sich vor und senkte die Stimme, als würde er mir ein Geheimnis verraten wollen. »Sie ist manchmal ein bisschen zickig, aber an ihren guten Tagen kann sie auch ganz nett sein.«
»Ich zeige dir gleich, wie nett ich bin, Miles«, schaltete Olivia sich trocken ein und goss etwas Milchschaum in die Tasse. Dann wandte sie sich an mich. »Schön, dich kennenzulernen. Du bist…?« Sie sah mich fragend aus ihren großen braunen Augen an.
»Jade«, gab ich lächelnd zurück und strich mir eine hellblonde Strähne hinters Ohr. »Freut mich auch.«
»Super. Dann kriegst du hier schon mal dein Namensschild und deine Schürze. Du kannst damit anfangen, die Tische abzuräumen und sauber zu wischen. Danach zeigen wir dir alles andere.« Olivia kritzelte meinen Namen mit einem schwarzen Filzstift auf ein kleines Schild, auf dem das Logo von Larry’s Brew zu sehen war. Es bestand aus einer kleinen Tasse, auf der in verschnörkelter Schreibschrift der Name des Cafés zu lesen war.
»Danke«, entgegnete ich lächelnd, schnappte mir ein Tablett und einen Lappen und machte mich auf den Weg zu meinem ersten Tisch.
Abräumen und wischen sollte ich, ohne eingelernt zu werden, hinbekommen. Vorsichtshalber sandte ich trotzdem ein Stoßgebet zum Himmel, dass mir nichts herunterfiel. Das würde sonst ziemlich peinlich – aber leider typisch Jade – werden. Ich war vielleicht nicht so tollpatschig wie Donald Duck, aber das hielt mich nicht davon ab, alle naselang gedankenverloren gegen verschlossene Türen zu knallen und so ziemlich jedes gefüllte Glas, das vor mir stand, umzustoßen.
Glücklicherweise liebte ich Kaffee über alles, denn der gesamte Raum roch nach Cappuccino. Bestimmt hatte Larry in den Ecken ein paar Kaffee-Duftkerzen deponiert, um die Kunden noch süchtiger nach seinem »Brew« zu machen. Um neun Uhr morgens war noch nicht allzu viel los, sodass ich mich in Ruhe um die vollgekleckerten Tische kümmern konnte. Aus den Lautsprechern drang leise Musik – »Mirrors« von Justin Timberlake. Eines meiner absoluten Lieblingslieder, aber ich widerstand dem Drang, meinen Kopf mit dem Beat zu bewegen, sonst hätten mich die Kunden nur dumm angestarrt. Ich nahm ein paar benutzte Tassen vom Tisch und stapelte sie sorgsam auf meinem kleinen Tablett.
Das Café war genau mein Fall: Zwischen Greenwich Village und dem Flatiron District am Anfang einer Querstraße der Fifth Avenue gelegen, war es mit antiken Holztischen und modernen Stühlen im Industrial-Stil ausgestattet. Eine lange Holztheke vor der verglasten Fensterfront war mit dick gepolsterten Barhockern, die auf drei Füßen aus geschwärztem Eisen standen, bestückt und lud dazu ein, bei einem Latte Macchiato und einem Blaubeermuffin den Menschen zuzusehen, die hektisch vorbeieilten, dabei telefonierten oder sich zwischen den anderen Leuten hindurchdrängelten. Hier konnte man sich mit Freunden unterhalten oder an seinem Laptop arbeiten, ein Buch lesen oder einfach nur die anderen Gäste beobachten. Die Kundschaft schien hauptsächlich aus Studierenden zu bestehen, aber auch viele Geschäftsleute, die in der Gegend arbeiteten, hatten Larry’s Brew anscheinend zu ihrem Lieblingscafé auserkoren. Im hinteren Teil des Cafés standen in jeder Ecke Pflanzen, und an den Wänden waren Regale angebracht, die bis zur Decke reichten. Darauf standen antiquarische Bücher neben Schallplatten und jeder Menge Krimskrams, der keinen besonderen Zweck zu erfüllen schien, aber sehr nett anzuschauen war. Wohin man auch blickte, gab es etwas zu entdecken: eine goldene Elefantenfigur, kleine Bierkrüge, eine Kuckucksuhr. Eine Sammlung aus Fundstücken von überall auf der Welt, von denen jedes eine magische Geschichte erzählte. Zwischen den Regalen und Pflanzen warteten drei Samtsofas in unterschiedlichen Grüntönen darauf, dass es sich jemand mit einer Tasse heißer Schokolade darauf gemütlich machte, sich eines der Bücher schnappte und darin versank.
Nach ein paar Minuten hatte ich alle Tische abgeräumt und abgewischt und wandte mich wieder an Olivia, die entspannt am Tresen lehnte, Kaugummi kaute und zwischendurch an einer Tasse nippte, in der sich, dem Duft nach zu urteilen, Chai Latte befand. »Ich bin mit den Tischen fertig. Was kann ich jetzt tun?«
Sie nahm einen weiteren Schluck und stellte die Tasse anschließend auf die Arbeitsfläche hinter sich. Dann kam sie lächelnd auf mich zu. »Hast du schon mal in einem Café gearbeitet? Oder sonst irgendwo in der Gastronomie?«
Ich schüttelte den Kopf und legte den Lappen in die Spüle. »Leider nicht, aber ich kann das sicher schnell lernen.«
»Das solltest du auch, Larry ist ziemlich kritisch und regt sich leicht auf, wenn etwas nicht läuft. Er kann manchmal supernervig und penibel sein, vor allem am Anfang, wenn jemand neu hier ist. Na ja … um ehrlich zu sein, ist er das eigentlich immer.« Olivia kicherte und zuckte mit den Schultern. »Ich hab mich mittlerweile an seinen besonderen ›Charme‹ gewöhnt.«
»Ich denke, dass ich das schaffe«, entgegnete ich hoffnungsvoll und strich meine Schürze zurecht. Kaffee kochen und Kunden bedienen war ja schließlich keine Kernphysik, und irgendwann hatte doch jeder mal angefangen.
Olivia grinste mich aufmunternd an. »That’s the spirit! Und, bist du neu in New York? Wie alt bist du eigentlich?«
»Im Juni bin ich neunzehn geworden. Ich hab dieses Jahr meinen Highschoolabschluss gemacht; danach bin ich nach New York gezogen – um genau zu sein vor drei Wochen und in das mit Abstand kleinste Apartment der Welt.«
»Oh, glaub mir, das kenne ich. Die Mieten in New York sind scheißteuer.«
»Und wie! Deshalb bin ich umso dankbarer, dass ich die Stelle hier bekommen habe. Auch wenn meine Wohnung einem Schuhkarton gleicht – ich bin echt froh, hier in New York zu sein.«
»Oh, ja. Ich liebe diese Stadt. Wo wohnst du denn genau?« Sie legte den Kopf schief und blickte mich neugierig an.
»Brooklyn, in der Nähe des Prospect Park«, entgegnete ich. »Und du?«
»Ach, wie cool! Ich wohne auch in Brooklyn, allerdings ein wenig weiter oben Richtung Bushwick.«
Ich nickte, und ein leichtes Lächeln umspielte meine Mundwinkel, doch bevor ich etwas entgegnen konnte, fügte sie hinzu: »Und warum bist du hergekommen? Zum Studieren?«
Beim Gedanken an meine Heimat und den Grund, aus dem ich vollkommen überstürzt nach New York gekommen war, zog sich mein Magen zusammen. Ich blinzelte ein paarmal, bevor ich stammelte: »Ähm … ja … mehr oder weniger.«
Olivia hob fragend eine geschwungene, dunkle Augenbraue, aber ich kannte sie bei Weitem noch nicht gut genug, um ihr mehr über mich zu verraten. Klar, sie machte einen netten Eindruck, aber wie ich aus bitterer Erfahrung wusste, konnte der Schein in dieser Hinsicht trügen.
Sie schien zu merken, dass ich nicht noch mehr erzählen wollte, und nickte nur. Dann breitete sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht aus, und sie trat näher an mich heran, um mir eine Hand auf die Schulter zu legen.
Unwillkürlich spannte ich mich unter ihrer Berührung an. Ich hoffte, dass es ihr nicht auffiel.
»Ich glaube, ich mag dich, Jade. Und ein bisschen frischen Wind können wir hier immer gebrauchen. Miles ist manchmal eine echte Schlaftablette, und von Larry will ich gar nicht erst anfangen. Und ich mag deine Augenbrauen. Die sind so schön buschig.«
»Ähm. Danke?«, entgegnete ich unsicher grinsend und fuhr mir mit einem Finger über meine dunkelbraunen Brauen, auf die ich öfter angesprochen wurde. Vermutlich, weil sie in krassem Kontrast zu meinem hellblonden Haar standen. »Wie lange arbeitest du hier schon?«
»Fast zwei Jahre. Ist nicht der anspruchsvollste Job, aber die Bezahlung ist nicht schlecht, und manchmal macht es sogar Spaß.« Sie nahm die Hand von meiner Schulter und trat einen Schritt zurück, um sich wieder an die Theke zu lehnen. »Eigentlich bin ich professionelle Tänzerin, aber dabei springt momentan noch nicht genug Geld raus, als dass ich hier kündigen könnte.«
»Du tanzt? In Broadway Musicals?«
Sie lachte. »Nein, nein. Nachdem ich als Kind mit meinen Eltern und meinen zwei Geschwistern aus Pittsburgh hergezogen war, habe ich mich für Ballettstunden angemeldet. Das hat mir dann irgendwann nicht mehr gereicht, ich wollte auch andere Stilrichtungen ausprobieren. Darüber kam ich zum Hip-Hop, und das ist das, was ich bis heute am liebsten tanze. Na ja, und damit verdiene ich mittlerweile auch ein bisschen Geld … also mit dem Unterrichten oder wenn ich für irgendwelche Musikvideos, Workshops oder Auftritte gebucht werde. Mein großer Traum… mein Ziel ist es, für große Touren von Künstlern dauerhaft gebucht zu werden und nahezu jeden Abend auf einer Bühne zu stehen.«
Wow. Das klang total bewundernswert. Wenn ich alleine in meinem Zimmer war, tanzte ich auch gerne, aber ich war alles andere als gut, und ich hoffte inständig, dass mich bloß nie jemand dabei beobachten würde. Allein bei der Vorstellung hätte ich bereits im Erdboden versinken können.
»Hört sich cool an«, entgegnete ich, und sie grinste.
»Und woher kommst du ursprünglich?«
Meine Handflächen begannen zu schwitzen, und ich starrte sie an, ohne einen Ton von mir zu geben. Erst als sich die Stille zwischen uns in die Länge zog und sie mich verwirrt musterte, holte ich tief Luft und presste hervor:
»Ähm, aus so einem Kaff südlich die Ostküste runter. Kennst du bestimmt nicht.«
Anscheinend hatte sie verstanden, dass ich nicht weiter darüber reden wollte, also nickte sie nur aufmunternd und wechselte schnell das Thema. »Und jetzt die Frage aller Fragen, Jade, die darüber entscheidet, ob wir Freundinnen werden können oder nicht. Schaust du gerne Serien?« Sie hatte die Hände in die schmale Taille gestemmt und sah mich mit übertrieben erwartungsvoll aufgerissenen Augen an.
Ich biss mir nervös auf die Unterlippe. Olivia schien zwar nett zu sein, aber ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt auf der Suche nach neuen Freundschaften war. Ich zuckte mit den Schultern. »Wer schaut denn nicht gerne Serien?«
»Bing-Bing. Der Kandidat hat hundert Punkte«, lachte sie und klatschte vergnügt in die Hände. »Okay, dann zähl mir mal deine Top drei auf.«
Ohne lange zu überlegen, sagte ich: »This Is Us, Modern Family und The Bold Type. Aber es gibt noch viele mehr, die ich gerne mag.«
»Okay, okay.« Sie kniff die Augen zusammen und nickte anerkennend. »Das Mädel weiß, wie der Hase läuft. Und ja, ich sehe ein, dass die Frage echt fies war. Aber jetzt weiß ich zumindest, dass du Geschmack hast.«
Gerade als ich sie fragen wollte, welche Serien sie gerne mochte, sah sie sich im Raum um und signalisierte einem der Gäste, dass sie gleich zu ihm kommen würde. Dann schenkte sie mir noch ein warmes Lächeln und eilte zu ihm, um seine Bestellung aufzunehmen.
Ich atmete tief durch und schnappte mir ein Tablett, um die Tische abzuräumen, die inzwischen verlassen worden waren.
Den Rest meiner ersten Schicht erklärte mir Olivia, wie das Kassensystem funktionierte und wie man die Kaffeemaschine bediente und reinigte. Ich durfte sogar schon die ersten Kunden bedienen. Olivia war ein echter Wirbelwind, aber obwohl mich ihre offene Art ein wenig überforderte, war sie mir sympathisch. Vielleicht waren dieses Café und die Leute hier genau das, was ich brauchte, um all den Mist, der im letzten Jahr passiert war, endlich hinter mir zu lassen. Es war mein erster Tag im Larry’s Brew. Ich sollte wahrscheinlich keine allzu hohen Erwartungen haben, aber ich wünschte mir nichts mehr, als neu anfangen zu können und meinen Job gut zu machen. Denn abgesehen davon, dass ich damit Geld verdiente, hegte ich die leise Hoffnung, hier nach langer Zeit jemanden getroffen zu haben, der weder etwas Schlechtes von mir dachte, noch mein Leben ruinieren wollte.

Band 2: Step into my Heart

Olivia und Dax: Entgegen aller Widerstände wollen sie ihre Träume wahr werden lassen – doch manchmal kommen Gefühle dazwischen.

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Leseprobe zu "Step into my Heart"

KAPITEL 1

Das hier muss klappen, so viel steht fest.
Ich verlagerte mein Gewicht von einem Bein aufs andere und bewegte nur den Oberkörper in runden Bewegungen, dann sprintete ich auf der Stelle, bis feine Schweißperlen an meinen Schläfen hinabliefen. Abwechselnd kreiste ich die Schultern und sprang mit angespannten Bauchmuskeln hin und her, um meinen Puls in die Höhe zu treiben.
Ich sollte mich nicht so unter Druck setzen, sonst würde mein Kopf nur dichtmachen, und das durfte nicht passieren. Nicht heute.
Plötzlich rempelte mich jemand von der Seite an.
»Oh, sorry … echt eng hier«, sagte ein Mädchen mit roten Locken und hob entschuldigend die Hände.
»Kein Problem«, erwiderte ich freundlich und trat einen Schritt nach rechts, um mich weiter aufzuwärmen. »Bin echt gespannt, wie das gleich wird.«
Das Mädchen hob einen Fuß an und packte das Gelenk mit der Hand, um den Oberschenkel zu dehnen. »Es sind so viele Leute da … Ich hoffe, die nehmen nicht wirklich nur zehn Tänzer.«
Ich legte den Kopf auf die eine Schulter, dann auf die andere und blickte währenddessen in die riesige Spiegelfront, die sich ein paar Meter vor mir an der Wand erstreckte. »Ja, das hoffe ich auch …«
Hellblaue Haarsträhnen, die sich aus meinem hohen Zopf gelöst hatten, fielen mir ins Gesicht und kitzelten mich an der Nase. Meine enge schwarze Jogginghose, an deren Stoff ich meine Startnummer – die hundertsiebzehn – befestigt hatte, hatte ich in der Taille geschnürt, sodass ein kleiner Streifen Haut zwischen Hose und dem gelben Shirt zu sehen war. Der Sport-BH, den ich darunter trug, zwickte ein wenig, doch davon durfte ich mich jetzt nicht aus dem Konzept bringen lassen. Alles, was zählte, war diese Audition für die Tour von Lyla Sage.
Während wir uns aufwärmten, lief eines ihrer Lieder im Hintergrund. Eine temporeiche Nummer, die über die Köpfe der Tänzerinnen und Tänzer hinweghallte. Nahezu jeder in Amerika und Europa kannte Lyla Sage. Vor über einem Jahr war ihr erster Song herausgekommen, der direkt die Spitzen der Charts erobert hatte, ab da hatte sie sich zum aufstrebenden Star am RnB-Himmel entwickelt. Wenn ich diesen Job als Backgroundtänzerin für ihre US-Tour bekam, bedeutete das einen Riesen-schritt für meine Karriere. Es musste einfach klappen.
Ich legte einen Arm über die Brust und dehnte ihn zur Seite, während ich mich umsah. Auch wenn die Trainingshalle für das heutige Vortanzen mehrere Hundert Quadratmeter groß war, blieb jedem Tänzer kaum mehr Platz als in einer Baustellentoi-lette. Über zweihundert Menschen mussten sich in diesem Raum befinden, die alles dafür getan hätten, für Lyla gebucht zu werden. Gott sei Dank war ich unter den ersten in der Schlange gewesen, dadurch hatte ich mir einen Platz in der vordersten Reihe vor dem Spiegel sichern können. Von hier würde ich eine gute Sicht auf die Choreografin haben, und ich konnte mich selbst besser beobachten, um sicherzugehen, dass ich die gezeigten Schritte korrekt ausführte. Die Menschen um mich herum wärmten sich auf, dehnten sich oder tuschelten miteinander. Eine Mischung aus Panik und Unsicherheit lag in der Luft, daneben Selbstbewusstsein und Arroganz. Ein Mädchen mit Glitzertop und hellbraunen Haaren beobachtete mich prüfend im Spiegel und reckte das Kinn. Als sich unsere Blicke trafen, wandte sie ihren schnell ab und schaute zu einem Kerl, der Liegestütze machte.
Ich liebte Auditions. Dieses Auf und Ab der Gefühle. Die Spannung und das Herzklopfen. Das Adrenalin, das durch meine Adern schoss. Was ich daran allerdings furchtbar hasste, war der Konkurrenzgedanke. Den Druck, besser zu sein als alle anderen, und die Selbstzweifel, die damit einhergingen. Aber ich war nicht hier, um den Schwanz einzuziehen, nur weil mich ein paar Mädels kritisch musterten, sondern um zu zeigen, was ich konnte.
Der Geruch von Bodenreiniger vermischt mit Deodorant stieg mir in die Nase und weckte Erinnerungen an vergangene Vor-tanzen. Alles in mir kribbelte. Hin und wieder hatte ich mir schon ein paar coole Jobs ertanzt, doch so etwas Großes wie das hier war noch nie dabei gewesen. Es war die Chance, auf die ich die letzten Jahre gewartet hatte. Ich durfte sie nicht ver-masseln. Tief ein- und ausatmend ließ ich mit geschlossenen Augen den Kopf kreisen und versuchte, Ruhe zu bewahren, obwohl mir das Herz bis zum Hals schlug.
»Hast du eine Ahnung, wer die Show choreografiert?«, hörte ich links hinter mir einen Typen fragen.
»Nein, aber ich hoffe, es ist Nicki. Die hat mich schon ein paarmal gebucht«, erwiderte eine andere männliche Stimme. »Hey, Olivia, hast du eine Ahnung?«
Schnell schlug ich die Augen auf und drehte mich zu den beiden Tänzern um, die ich von einer anderen Audition kannte. »Ich wünschte, ich wüsste etwas, aber in der Mail standen so gut wie keine Infos. Nicki wäre ziemlich cool, aber ist sie nicht gerade in Los Angeles? Auf Instagram hat sie gestern noch was von dort in ihre Story gepostet.«
Die Jungs nickten. »Gut möglich.«
»Ich drück euch die Daumen – wehe, ihr macht das nicht auch für mich!«, sagte ich lachend und drehte mich beschwingt zu-rück nach vorne.
Eine Tür am anderen Ende des Studios fiel ins Schloss. Der Saal verstummte. Die einzigen Geräusche stammten von den Gummisohlen zweier Paar Turnschuhe, die auf dem Linoleumboden quietschten. Da so viele Menschen im Weg standen, konnte ich jedoch nicht erkennen, wer da gerade an der Seite des Raumes entlanglief.
Von irgendwoher kam ein leises »Fuck«, und ein paar Gesichter waren blass geworden.
So schlimm konnte es unmöglich sein. Immerhin befanden wir uns bei einer Audition und nicht mit einem Serienkiller in einem Fahrstuhl.
Die Schritte wurden lauter, und nach ein paar Sekunden tauchte links vorne ein Typ auf, mit dem ich als Allerletztes gerechnet hatte.
Ach. Du. Heilige. Scheiße.
Das musste ein schlechter Scherz sein. Mir klappte der Kiefer herunter, und ein Kribbeln durchfuhr meinen Körper.
Okay, reiß dich zusammen.
Schnell schloss ich den Mund wieder, nahm die Schultern zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Mit zusammen-gekniffenen Augen beobachtete ich den Kerl mit den kurz rasierten schwarzen Haaren, der gut und gerne der jüngere Bruder von Jackson aus Grey’s Anatomy hätte sein können. Er schritt an der Spiegelfront entlang und beäugte dabei ernst die Tänzerinnen und Tänzer. Hinter ihm lief ein Typ, der etwas kleiner und breiter war und verstrubbelte dunkelblonde Haare hatte. Es fühlte sich an, als ob der gesamte Raum plötzlich von einer arktischen Kälte geflutet worden wäre, die selbst den letzten Funken Zuversicht gefrieren ließ. An den schlanken Fingern des Typs mit den kurz rasierten Haaren blitzten silberne Ringe auf. Die schwarze Jogginghose umspielte locker seine Beine; dazu trug er weiße Sneaker und ein hellgraues T-Shirt. Sein athletischer Körperbau zeugte von hartem Training und Disziplin. Aber sein schönes Äußeres ließ nicht auf seinen Charakter schließen. Okay, er sah gut aus. Aber das war’s dann auch schon mit den positiven Eigenschaften.
Als er meine Höhe erreichte, trafen sich für einen Moment unsere Blicke.
Er zuckte leicht zusammen und blieb kurz stehen. In seiner Miene spiegelten sich abwechselnd Überraschung und Skepsis, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich sogar einen Anflug von Traurigkeit darin ausmachen zu können. Als ob er sich für einen kleinen Augenblick an früher erinnerte.
Ich starrte in seine dunkelbraunen Augen, Obsidian gleich, und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie es in mir bro-delte. Wenn es einen Choreografen im gesamten Land – nein, auf der ganzen Erde – gab, mit dem ich nicht zusammenarbeiten wollte, dann war das eindeutig Dax Thompson.
Und das Vergnügen beruhte offensichtlich auf Gegenseitigkeit. Dax’ Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran erkennen, dass ihn meine Anwesenheit ebenso wenig freute wie mich seine. Mit seinen eins neunzig überragte er mich deutlich und blickte mich von oben herab an, presste die Lippen aufeinander und fixierte mich.
Schon vor einigen Jahren hatte er den positiven Eindruck, den ich von ihm gehabt hatte, im Keim erstickt. Ich kannte ihn viel länger als die meisten in diesem Raum und wusste, dass er früher ein anderer Mensch gewesen war. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Und dieser Vollidiot war für die Show von Lyla Sage verantwortlich. Großartig. Als Choreograf wählte er am Ende die Leute aus, die für sie tanzen sollten, damit hatten sich meine Chancen in kürzester Zeit um einiges verschlechtert. Vermutlich wären meine Aussichten sogar besser gewesen, wenn ich meine Schwester an meiner Stelle zur Audition geschickt hätte, die ungefähr so viel Körperspannung besaß wie ein betrunkener Gummiwurm.
So ein verfluchter Mist. Ich brauchte diesen Job mehr denn je. Aber auch wenn ich alles gab, würde sich Dax mit Sicherheit gegen mich entscheiden. Einfach, weil er Dax war. In meiner Clique auch bekannt als Riesenarschloch. Trotzdem, ich durfte mich nicht entmutigen lassen. Ich würde ihm zeigen, was ich draufhatte. Seine Anwesenheit fachte meinen Kampfgeist noch zusätzlich an. Wenn ich schon unterging, dann mit einer Leistung, auf die ich stolz sein konnte.
Entschlossen reckte ich das Kinn und starrte ihm, ohne zu blinzeln, in die dunklen Augen. Auf keinen Fall würde ich die Erste sein, die wegsah.
Ein paar Sekunden später schüttelte er leicht den Kopf und lief weiter.
Leise atmete ich aus.
»Es freut mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid. Wer mich nicht kennt, ich bin Dax Thompson und choreografiere Lylas Show.« Er war in der Mitte vor der Spiegelfront stehen geblieben und stellte seinen schwarzen Rucksack ab. Der dun-kelblonde Typ, der ihm gefolgt war, lief ein Stück weiter zur Musikanlage, neben der sich zwei Stühle, ein Plastiktisch und ein paar Flaschen Wasser befanden. »Das hier ist mein Assistent Lee.« Dax nickte in Lees Richtung und knetete seine Hände. »Ich würde sagen, wir starten gleich mit der Choreo.«
Seine tiefe Stimme weckte Erinnerungen an vergangene Zeiten. Damals hatte ich sie sexy gefunden und einen kleinen Crush auf ihn gehabt, eine Tatsache, über die ich heute nur noch den Kopf schütteln konnte.
»Die Schritte sind nicht besonders schwer, also gehe ich davon aus, dass ihr sie schnell draufhabt. Später teile ich euch in zwei Gruppen, dann könnt ihr sie besser austanzen. In diesem Gedränge ist das ja unmöglich. Am Ende rufen wir immer ein paar Nummern der Reihe nach auf, und ihr tanzt zu fünft vor. Für die meisten von euch wahrscheinlich nichts Neues.« Als ein kollektives Raunen durch den Raum ging, sah sich Dax mit finsterer Miene um und spannte die Oberarme an. »Gibt’s ein Problem?« Er zog die Augenbrauen zusammen. Dann fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen und legte den Kopf schief.
Stille breitete sich aus. Keiner wagte es, auch nur einen Ton von sich zu geben. Es war allgemein bekannt, dass Dax zwar ein sehr talentierter, hart arbeitender Choreograf war, seine schlechte Laune aber gerne mal an anderen ausließ.
»Gut. Dann fangen wir direkt an.«
Alle Blicke lagen erwartungsvoll auf Dax, der vor dem Spiegel stand und mit seinem Nacken nach links und rechts knackte, den Blick starr und angespannt in den Spiegel gerichtet. Sein Assistent Lee stellte sich links von ihm auf, sodass auch die Leute dort am Rand die Schritte mitbekamen. Dann fing Dax an, die ersten Bewegungen auf die Beats in der Musik, den Text und die Counts zu erklären. Die vordere Hälfte des Raumes kniete sich auf den Boden, versuchte, die Schritte nur durch andeuten zu lernen, sodass der hintere Teil des Studios die Choreo auch mitbekam.
»Fünf, sechs, sieben, acht …«, zählte er ein paar Takte später ein und begann die Choreo von vorne zu tanzen. Die fließenden Bewegungen durchfluteten seinen gesamten Körper, und seine muskulösen Arme trafen an den richtigen Stellen die Beats und Sounds. Er fühlte die Musik in jeder Faser seines Körpers, das war nicht zu übersehen.
Beim Anblick der kontrollierten Schritte, Drehungen und Waves, die er entlang des Spiegels ausführte, musste ich un-willkürlich lächeln. Jede Bewegung war perfekt platziert, und dabei strahlte er eine Leichtigkeit aus, für die ihn alle bewun-derten. Das war es, was man sich als Tänzer wünschte, doch nur wenige umsetzen konnten. Die Kunst, es einfach aussehen zu lassen, obwohl die Schritte einen an die Grenzen brachten – und oft auch weit darüber hinaus.
Lylas Song verbreitete gute Laune. Es war ein typischer Sommerhit. Und auch wenn es gerade erst Anfang April war, bekam ich sofort Lust, mit einem Drink in der Hand am Strand dazu loszutanzen.
Als die letzten Takte des Songs verklangen, und Lee und Dax stehen blieben, begann der ganze Saal zu klatschen und zu pfeifen. Ich war anscheinend nicht die Einzige, die Dax’ Performance mitgerissen hatte.
Während Lee zur Anlage sprintete, um sie auszuschalten, bückte Dax sich nach seinem Rucksack und kramte darin herum, jedoch ohne etwas herausholen. Im Spiegel erhaschte ich einen Blick auf sein Gesicht, das er für einen kurzen Moment schmerzerfüllt verzog, während er unauffällig sein rechtes Bein ausstreckte und wieder anwinkelte. Seine Brust hob und senkte sich unter schweren Atemzügen. Dann richtete er sich schnell wieder auf und drehte sich mit ausdrucksloser Miene zu uns um, als ob nichts gewesen wäre.
»Ihr probiert das jetzt mal selbst. Lee tanzt mit, und ich schaue mir an, wie es aussieht.« Sein Blick glitt suchend über die Reihen, bis er schließlich an mir hängen blieb.
Mir stockte der Atem, während ich das Gefühl hatte, von tausend Blitzen gleichzeitig getroffen zu werden.
Ganz ruhig … Das liegt sicher nur am Adrenalin.
Ich versuchte, mich nicht von ihm beirren zu lassen, und konzentrierte mich auf die Schritte, schaute im Spiegel auf mich und niemand anderen. Trotzdem bemerkte ich aus dem Augenwinkel, dass Dax langsam zur Anlage lief. Sein ganzer Körper war angespannt, als müsste er sich zusammenreißen, nicht zu humpeln. Der Durchgang von gerade eben hatte sein Knie wohl doch etwas mehr herausgefordert, als er sich anmerken lassen wollte.

Band 3: Fly into my Soul

Mackenzie und Brody: Sie verkörpert alles, was er hasst, und dennoch kann er sich ihrem Feuer nicht entziehen.

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Leseprobe zu "Fly into my Soul"

KAPITEL 1
Vielleicht sollte ich einfach abhauen, in ein Taxi steigen und zurück auf die andere Seite des Landes fliegen. Jetzt gleich. Oder war es dafür schon zu spät?
In meinem Magen zog sich etwas zusammen. Alles in mir zog sich zusammen. Ich hatte zwar eine Weile Zeit gehabt, um mich auf diesen Moment vorzubereiten (genau genommen die letzten drei Jahre), aber da ich eine Meisterin im Verdrängen war, hatte ich den Gedanken immer wieder beiseitegeschoben und mich lieber mit anderen Dingen beschäftigt. Schöneren Dingen. Horrorfilmen mit Axtmördern beispielsweise.
Doch nun stand ich hier. In New York. Vor dem Move District. Meiner alten Tanzschule. Die karminrote Fassade mit den drei Stockwerken erinnerte an eine Art Lagerhaus. In den oberen Etagen waren Bleiglas-Sprossenfenster eingelassen; darunter, oberhalb der automatischen Glastür, prangte der Schriftzug. Das minimalistische Move und direkt darunter District in geschwungener Schreibschrift, beide Wörter in einem Kreis miteinander verbunden. Mittlerweile war auch noch der Zusatz New York City hinzugekommen, der etwas oberhalb des Tanzschulnamens zu finden war. In den hohen Fensterscheiben, durch die ich in die Lobby sehen und ein paar Tänzer auf den Sofas sitzen sehen konnte, reflektierten die warmen Sonnenstrahlen des Spätsommernachmittags und kitzelten mich in der Nase.
So gerne ich früher für die täglichen Trainings hergekommen war, um anschließend stundenlang mit Freunden abzuhängen, so sehr wünschte ich mir in diesem Augenblick, an einem anderen Ort zu sein. Egal wo. Ich wollte nur nicht dieses Gebäude betreten müssen, das ich zwar mit einigen der schönsten Momente meines Lebens, aber eben auch mit einigen ziemlich un-angenehmen Dingen verband, die mich bis heute nicht ganz losließen.
»Arghhh, das kann doch nicht so schwer sein«, brachte ich knurrend hervor und ballte die Hände zu Fäusten, während ich mein Gewicht von einem Bein aufs andere verlagerte.
Mein Herz trommelte gegen den Brustkorb, Hitze kroch mir den Hals hinauf. Ich versuchte, die sich anbahnende Übelkeit zurückzudrängen, und ließ den Blick die Straße hinabwandern, um mich abzulenken. Breite Gebäudefronten, Shops und Res-taurants, wohin das Auge reichte. Die Menschen hetzten an mir vorbei, beschäftigt mit ihren eigenen Problemen, auf dem Weg nach Hause oder zu ihrem nächsten Termin, während ich nach wie vor wie festgewachsen dastand.
Gestern hatte ich noch in meinem Apartment in Los Angeles Kaffee getrunken, und jetzt befand ich mich vor der Höhle der Löwen und wartete darauf, von den Raubtieren verschlungen zu werden. Okay, vielleicht nicht ganz so extrem. Aber mit ein bisschen Pech stimmte die Richtung. Die nächsten Wochen würden eine Herausforderung werden. Natürlich freute ich mich über die Chance, mit einer der erfolgreichsten Sportmarken überhaupt zusammenzuarbeiten und sogar das Gesicht für deren neue Kampagne zu sein, jedoch hatte mir niemand gesagt, dass ich dafür zurück an meine alte Tanzschule musste.
Warum habe ich nicht lauter protestiert?, dachte ich und schob mir eine goldbraune Strähne hinters Ohr. Hätte ich Gina doch nur nicht davon erzählt, dass ich hier früher trainiert habe … Hätte, hätte, Fahrradkette.
Auch wenn ich gesagt hatte, dass ich lieber in einer anderen Tanzschule trainieren wollte, hatte mich vor zwei Tagen ihre Nachricht erreicht, dass sie mir für die Zeit des Drehs genau hier Räumlichkeiten angemietet hatte. Gina arbeitete bei der Sportfirma, für deren Kampagne ich nach New York geflogen war, und kümmerte sich um organisatorische Dinge – unter anderem darum, ein Studio zu finden, in dem ich mich auf die Drehs vorbereiten und trainieren konnte. Die Choreos für die Kampagne standen bisher noch nicht, aber für das Choreografieren und das Training hatte ich glücklicherweise auch noch ein bisschen Zeit.
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie meine alten Freunde reagieren würden, wenn wir uns im Move District über den Weg liefen. Einerseits freute ich mich darauf, Olivia, Adaline, Austin, Dax und die anderen wiederzusehen, andererseits bekam ich allein bei dem Gedanken daran weiche Knie. Nach dem Eklat mit Austin und Dax war ich ohne ein Wort des Abschieds abgehauen, hatte nicht zurückgesehen, nur nach vorn, und mich so auch von den anderen distanziert. Inzwischen wünschte ich mir sehr, mich endlich mit ihnen auszusprechen, ihnen meine Seite der Geschichte zu erklären. Drei Jahre waren vergangen. Drei Jahre, in denen ich mich weiterentwickelt und eingesehen hatte, dass man manchmal Gras über etwas wachsen lassen musste, bevor man den ersten Schritt wagte. Ich vermisste meine alten Freunde. Die Zeit mit ihnen. Und ich hoffte, dass sie das in manchen Momenten möglicherweise auch taten.
Meine Mundwinkel hoben sich, als ich durch die Scheibe ein bekanntes Gesicht ausmachte, auf das ich mich ohne Sorge vor einer negativen Reaktion gefreut hatte. Adaline. Auch wir hatten uns seit meinem Umzug nach L.A. nicht mehr gesehen. Zwar hatten wir Kontakt gehalten, uns regelmäßig über Facetime auf den neusten Stand gebracht, aber das war nicht das Gleiche. Ihre karamellfarbenen Ringellocken reichten ihr mittlerweile bis zur Brust, eine voluminöse Löwenmähne, die ihr hübsches Gesicht einrahmte.
Auf ihren Zügen breitete sich ein strahlendes Lächeln aus, als sich unsere Blicke begegneten. Wie von der Tarantel gestochen, sprang sie von dem dunkelgrauen Sofa auf, auf dem sie gesessen hatte, und sprintete zur Tür.
Ich kam ihr entgegen und lächelte sie breit an. Gott, hatte ich sie vermisst!
»Es ist so schön, dich zu sehen!«, sagte sie, als sie mich mitten auf dem Bürgersteig in ihre Arme zog. Sofort stieg mir eine Wolke ihres typischen Vanille-Duftes in die Nase.
»Ich habe dich wahnsinnig vermisst.« Ich ließ sie los und grinste bis über beide Ohren.
»Endlich bist du wieder da. Glaub mir, in meinem Kopf habe ich schon eine lange Liste mit Dingen erstellt, die wir unternehmen müssen, solange du hier bist. Angefangen mit …«
»Einem Filmabend?«, vervollständigte ich ihren Satz, und als sie euphorisch nickte, musste ich kichern. »Jap. Geht mir auch so. Ich hoffe, mir bleibt neben den Drehs genug Zeit für alles andere, aber das kriegen wir schon hin. Ich freue mich unglaublich, wieder in New York zu sein.«
»Kein Wunder, ist ja auch die schönste Stadt der Welt! Mir hat dein hübsches Strahlen echt gefehlt.«
»Selber hübsch! Können wir bitte mal festhalten, dass du mit jedem unserer Videocalls – na ja, und jetzt unserem Treffen – immer toller aussiehst? Bald klopfen die Modelagenturen an.«
Zur Antwort schüttelte Adaline nur grinsend ihren Lockenkopf. »Du spinnst. Wie immer.«
»Sagt Beyoncés Doppelgängerin.« Ich lachte befreit; in ihrer Gegenwart fühlte ich mich gleich um einiges wohler.
»Wie sieht’s aus, wollen wir rein?«
Sofort kehrte das mulmige Gefühl zurück, und ich warf einen raschen Blick zur Tür und wieder zu Adaline. »Meinst du … Sind die anderen auch da?«
»Mackenzie, es sind drei Jahre vergangen. Mach dir keinen Kopf, in Ordnung?«
Ich nickte und fuhr mir durch die glatten goldbraunen Haare, die mir bis unter die Brust reichten. Alles in mir kribbelte. Dann atmete ich tief ein und aus. »Du hast recht. Die werden mich schon nicht teeren und federn.«
»Richtig! Und wenn doch, werfe ich mich wie ein Schutzschild vor dich. Außerdem habe ich Austin und Dax heute noch gar nicht gesehen. Keine Ahnung, wo die sich rumtreiben.«
Als ich Adaline die Namen der Jungs aussprechen hörte, zuckte ich kurz zusammen. Ja, es war viel Zeit vergangen. Und ja, Dax und ich hatten uns einvernehmlich getrennt. Trotzdem machte mich der Gedanke an unser erstes Aufeinandertreffen nervös. War Austin noch wütend auf mich, weil ich damals nach ihm mit seinem besten Freund zusammengekommen war? Würde er überhaupt mit mir sprechen? Von Adaline wusste ich, dass die beiden inzwischen glücklich mit ihren neuen Freundin-nen waren, vielleicht würden sie mich also einfach in die Arme schließen und mir versichern, dass ich hier immer willkommen war? Na ja, Letzteres war wohl eher eine Wunschvorstellung. Aber träumen durfte man ja noch …
Adaline wandte sich beschwingt um, wobei ihr schwarzes T-Shirt, das ihr mindestens drei Nummern zu groß war, hin und her flatterte. Dazu trug sie eine kurze schwarze Radlerhose und ein Paar schwarze Sneakers. »Wie war dein Flug?«
Mit klopfendem Herzen folgte ich ihr zum Eingang der Tanzschule. Nachdem ich gestern Abend das Apartment bezogen hatte, das mir für die Zeit in New York zur Verfügung gestellt wurde, hatte ich auf Instagram noch eine Story mit einem kleinen Update gepostet, dass ich gut angekommen sei. Im Anschluss war ich todmüde ins Bett gefallen und hatte bis zum späten Vormittag durchgeschlafen.
»Echt gut. Die haben mir sogar einen Platz in der Businessclass gebucht. Superverrückt.«
»Wow, megacool! Wie ein richtiger Star eben.«
»Immer den Ball flach halten, ein Star bin ich echt nicht«, entgegnete ich lachend.
Sie verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Ich will unbedingt dein Apartment sehen. In deiner Story gestern Abend dachte ich, ich fall vom Stuhl …«
Ich warf den Kopf in den Nacken und lachte. »Klar, du kannst vorbeikommen, wann immer du magst. Es ist echt … heftig. Di-rekt in Midtown, nahe des Bryant Park. Luxuriöser geht es kaum. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich gestern Abend geschaut habe, als ich angekommen bin.«
»Das schreit nach einer Pyjama-Party!«
»Unbedingt!«, entgegnete ich grinsend und schob mir meinen Rucksack ein Stück höher auf die Schulter, bevor ich hinter Ada-line durch die Glastür trat.
Mein altes Zuhause.
Im Alter von sieben Jahren hatte ich in dieser Tanzschule mit Ballett, Jazz und wenig später auch mit Hip-Hop angefangen. Nach der Schule war ich täglich hier gewesen und hatte mir den verdammten Arsch abtrainiert, um an den Punkt zu kommen, an dem ich mich heute befand. Es hatte mich viel Schweiß und mindestens genauso viele Tränen gekostet, aber es hatte sich gelohnt. Und nun stand ich hier im Eingangsbereich und fühlte mich, als ob ich nie weg gewesen wäre. Na ja, und zugleich auch total fehl am Platz.
Alles sah noch so aus wie früher. Hell, modern und doch heimelig. An der linken Seite befand sich der Check-in-Bereich, hinter dem heute ein Kerl mit Afro saß, den ich nicht kannte. Dahinter an der Wand hingen die Regale mit den vielen Pokalen und Trophäen, die wir bei Wettbewerben und Meisterschaften gewonnen hatten; in den vergangenen Jahren waren offensicht-lich noch einige hinzugekommen. Daneben Regale und Garderobenstangen mit den Merchandise-Produkten der Tanzschule: Shirts, Hoodies, Jogginghosen, Caps und sogar Socken und Rucksäcke. Früher hatte ich in diesen Klamotten gelebt und fast nichts anderes getragen. Mir fiel auf, dass sich die Schnitte und Prints verändert hatten; sie sahen total cool aus. Bevor ich zurück nach L.A. flog, musste ich mich auf jeden Fall mit der neuen Kollektion eindecken. Direkt neben dem Check-in befand sich eine Tür, die in den Teambereich führte. An den Wänden der lichtdurchfluteten Eingangshalle hingen Monitore, auf denen Tanzvideos ohne Ton liefen, während aus den Boxen, die in den Ecken unter der Decke angebracht waren, sanft Miguels »Adorn« scholl. Auf den dunkelgrauen Sofas und Sesseln saßen Tänzer und weitere an den kleinen Tischen, die in ihren Notizen herumkritzelten.
Ein Lächeln zupfte an meinen Mundwinkeln.
Genau wie damals.
Hinten rechts führte ein langer Flur zu den acht Trainingssälen, in denen ich, abgesehen von zu Hause, die meiste Zeit meines Lebens verbracht hatte.
»Mackenzie!« Ein Mädchen mit blondem Pferdeschwanz kam auf mich zugelaufen, wahrscheinlich um die fünfzehn Jahre jung. »Hey, kannst du … Können wir ein Foto machen?«
Selbst nach all der Zeit waren Situationen wie diese für mich immer noch total seltsam und zugleich eine Ehre. Gut, hier in der Tanzschule hingen einige Poster mit meinem Gesicht darauf, und durch meine Rolle in dem Tanzfilm und die Tatsache, dass ich mir in den letzten Jahren einen Namen in der Tanzszene gemacht hatte, musste ich irgendwie damit rechnen, dass ich erkannt wurde. Dennoch würde ich nie verstehen, warum fremde Leute ein Foto mit mir machen wollten. Ich war doch nur Mackenzie. Ein normaler Mensch, der mit einer Tüte Chips im Bett lag, Serien schaute, die heißen Kerle darin anhimmelte und sich danach darüber ärgerte, dass die ganze Matratze voller Krümel war.

Maren Vivien Haase
© Mariah Müller

Die Autorin Maren Vivien Haase

Maren Vivien Haase wurde 1992 in Freiburg im Breisgau geboren und absolvierte dort ihr Germanistikstudium. Schon als Kind stand für sie fest, dass sie all die Geschichten zu Papier bringen muss, die ihr im Kopf herumspuken. Das Hip-Hop-Tanzen mit ihrer Crew »Dope Skit« gehört seit über zwölf Jahren ebenso zu ihr wie YouTube und Instagram, wo sie regelmäßig über Serien, Bücher und Filme spricht.

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