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Rezensionen zu
Der gefrorene Himmel

Richard Wagamese

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Fantastischer Roman über Vergangenheitsbewältigung

Von: Stefan Michaelis

18.04.2021

In einem mitnehmenden Schreibstil, welcher nie abflacht oder langweilig wird, nimmt der Autor den Leser mit in das Kanada der 60er und 70er Jahre. Erzählt wird die Geschichte von Saul Indian Horse, einem Indianerjungen. Im ersten Teil wird seine indigenen Herkunft geschildert, bis er nach unglücklichen Umständen in eine „kirchliche“ Schule kommt. Der Alltag dort ist geprägt von Gewalt, Erniedrigung und sexuellem Missbrauch. Erleichterung findet Saul im Eishockey. Schnell steigt er zum Star auf, muss aber immer wieder den Alltagsrassismus gegenüber den Ureinwohnern erleben. Nach Jahren geprägt von Alkoholmissbrauch kommt Saul nach einem Entzug und der beginnenden Verarbeitung seiner Vergangenheit zurück zum einzigen Ort, an welchem er je zufrieden war. Im Anhang zu Buch gibt es noch sehr viel Hintergrundwissen zum Autor und den kanadischen Ureinwohnern, zum perversen Umgang mit den indigenen Kindern in den Schulen, welche von der Kirche betreut wurden und zur indigenen Autorenszene. Für mich ein absoluter Lesetipp!

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Ein Meisterwerk

Von: RuLeka

14.04.2021

Richard Wagamese zählt zu den bedeutendsten indigenen Stimmen Kanadas. Er hat bis zu seinem Tod im Jahr 2017 insgesamt sieben Bücher veröffentlicht. „ Der gefrorene Himmel“ ist 2012 im Original erschienen und nach „ Das weite Herz des Landes“ der zweite auf Deutsch erschienene Roman. Hierin hat der Autor sehr viel aus seiner eigenen Biographie einfließen lassen. Hauptfigur und Ich- Erzähler Saul Indian Horse lebt zu Beginn des Romans in einem Zentrum für Suchtkranke und soll als Therapie Richard Wagamese zählt zu den bedeutendsten indigenen Stimmen Kanadas. Er hat bis zu seinem Tod im Jahr 2017 insgesamt sieben Bücher veröffentlicht. „ Der gefrorene Himmel“ ist 2012 im Original erschienen und nach „ Das weite Herz des Landes“ der zweite auf Deutsch erschienene Roman. Hierin hat der Autor sehr viel aus seiner eigenen Biographie einfließen lassen. Hauptfigur und Ich- Erzähler Saul Indian Horse lebt zu Beginn des Romans in einem Zentrum für Suchtkranke und soll als Therapie sein Leben aufschreiben. „ Sie sagten, ich könne nicht verstehen, wo ich hingehe, wenn ich nicht verstehe, wo ich gewesen bin. Ihrer Meinung nach liegen die Antworten in mir selbst.“ Saul entstammt dem Volk der Ojibwe. Seine Familie hat sich in die Wälder zurückgezogen, dahin, wo schon ihre Vorfahren lebten. Die Großmutter unterweist den Jungen in den alten Ritualen und Lehren seiner Kultur. Doch als diese stirbt - die Eltern hat er schon früh an den Alkohol verloren- wird Saul aufgegriffen und wie viele indigene Kinder in eine sog. „ Residential School“ gebracht. Diese, meist von Nonnen und Patres geführten Schulen, dienten dazu, den Mädchen und Jungen ihre Sprache, ihre Religion und ihre Kultur auszutreiben und sie zum Christentum zu bekehren. Mit den christlichen Werten von Nächstenliebe und Barmherzigkeit hatten diese Heime allerdings wenig zu tun. Die Kinder litten Hunger, wurden regelmäßig gezüchtigt, gedemütigt, bedroht und oftmals noch sexuell missbraucht. Viele überlebten diese Torturen nicht; manche entzogen sich dem Ganzen durch Suizid. Richtiger Schulunterricht fand kaum statt, stattdessen mussten die Kinder hart arbeiten. „ Es gab keine Noten oder Prüfungen. Das Einzige, was geprüft wurde, war unsere Leidensfähigkeit.“ Das bisschen Schulbildung qualifizierte die Kinder später nur zu Hilfsarbeiterjobs. Wenn die Jugendlichen die Heime verließen, waren sie meist traumatisierte und gebrochene Menschen. Auch Saul kommt in eine solche Schule. „ St. Jerome‘s nahm alles Licht aus meinem Leben.“ Der sensible Junge zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Bis eines Tages ein junger Pater in dem Heim eine Eishockeymannschaft aufbaut. Das Spiel beginnt Saul zu faszinieren und bald wird sein außergewöhnliches Talent entdeckt. Er findet Anschluss in der Mannschaft und Anerkennung von anderen. Saul ist so begabt, dass er schnell aufsteigt in ranghöhere Teams. Und er schafft den Absprung aus dem Heim und kommt in eine verständnisvolle Pflegefamilie. Doch Hockey, der Nationalsport der Kanadier, gilt als ein Sport der Weißen. Solange die „Indianer“ gegeneinander spielen, gibt es keine Probleme. Doch sobald sie gegen weiße Teams antreten, werden sie auf dem Spielfeld nicht nur verbal angegriffen. Wut und Aggression schlagen ihnen entgegen. Saul verliert die Freude am Spiel. „ Aber sie ließen mich nicht bloß Hockeyspieler sein. Ich musste immer Indianer bleiben.“ Er beginnt sich zu verändern, wird brutaler und härter ( „Wenn sie wollten, dass ich ein Wilder war, dann würde ich ihnen den Wilden geben.“ ) und schließlich wird der Alkohol sein Begleiter. Saul muss sich, um am Ende geheilt zu werden, seinen verdrängten Verletzungen stellen und sich auf die Kraft seiner Kultur besinnen. Richard Wagamese hat mit „ Der gefrorene Himmel“ ein unvergessliches literarisches Werk geschaffen. Manches, was er hier schildert, lässt sich zwar nur schwer ertragen. Doch über all die Grausamkeiten hinweg trägt die Sprache: bilderreich und poetisch. Hier ist die große Erzähltradition seines Volkes spürbar. Sensibel beschreibt er die Gefühlslage seines Protagonisten, die Schönheit der kanadischen Landschaft und der Natur lässt er in unzähligen Bildern vor den Augen des Lesers erscheinen. Gleichzeitig vermittelt er einen tiefen Einblick in die Kultur und in die Lebenswelt der Stammesgesellschaft. „ Der gefrorene Himmel“ ist ein eindringlicher Roman über ein dunkles Kapitel in Kanadas Geschichte . Wer sich für die Historie dieses Landes und v.a. die der indigenen Bevölkerung interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Aber auch wer einfach große Literatur lesen möchte, findet daran seinen Gefallen. Es ist zu wünschen, dass der Verlag die anderen Romane dieses Autors ins Deutsche übersetzen lässt. Hervorzuheben ist auch noch das äußerst lesenswerte Nachwort von Katja Sarkowsky, einer Professorin für Amerikanistik, mit dem Schwerpunkt Indigene Literatur, das den Autor, das Buch und seine historische Einbettung genauer beleuchtet.

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Auf dem Spielfeld des Lebens

Von: Dagmar

13.04.2021

… bewegen wir uns auf den unterschiedlichsten Positionen; manchmal stehen wir auch nur als Zuschauer am Spielfeldrand. Doch gibt es einen höheren Plan? Saul Indian Horse, der Ich-Erzähler und Protagonist der Geschichte, sucht als Eishockeyspieler nach diesem Plan, nach der Schönheit des perfekten Spiels. Und als Angehöriger der First Nations in Kanada kämpft er um seinen Platz in einem Land, das die Weißen als ihr Spielfeld reklamieren. Der Anfang ist eine Selbstvergewisserung: „Ich heiße … Ich bin… Mein Großvater hieß … Wir haben uns angesiedelt, wo …“ Eine erzwungene Selbstvergewisserung: „Diese Leute hier wollen, dass ich meine Geschichte erzähle. Sie sagen, ich könne nicht verstehen, wo ich hingehe, wenn ich nicht verstehe, wo ich gewesen bin.“ Der Protagonist redet nicht, aber er schreibt seine Geschichte auf. So können auch wir, die Zuschauer, sie miterleben. „Erzähl-Fluss“ - ein besseres Wort finde ich nicht, um die Handlung nachzuzeichnen. Die Erzählung wirbelt und steigt und fällt wie die Wellen des Winnipeg River in Kanada, an dem sie ihren Anfang nimmt. Ein Auf und Ab von Schönheit und Schrecken. Es gibt Untiefen und ruhige Stellen, Stromschnellen, Inseln, um anzulegen und Luft zu schöpfen. Immer wieder musste ich ans Ufer paddeln und längere Pausen einlegen, um die Wucht der Erzählung auszuhalten. Und immer wieder die bange Frage: Was wartet hinter der nächsten Flussbiegung, im nächsten Kapitel auf mich? (Vorsicht: Spoiler) Wir begleiten Saul Indian Horse von seiner Kindheit in einem Indianerreservat über seine schreckliche Jugendzeit in einem staatlichen Heim und Jahre des scheinbaren Erfolges als Eishockeyspieler bis in die Entzugsanstalt für hartnäckige Säufer, in der er schließlich landet. Und werden von bloßen Zuschauern zu Teamplayern. Es ist eine Geschichte, die heute aktueller ist denn je. Und nicht nur, weil sie das Unrecht an der indigenen Bevölkerung klar benennt. Eine Geschichte von großer Verletzung, von Berufung, Befreiung und Vergebung. Das Eishockeyspielen ermöglicht das Überleben. Für den Heilungsprozess braucht es die Besinnung auf die ethnischen und spirituellen Wurzeln. Und den Mut, sich helfen zu lassen und den Weg zurück zu gehen. Ein Buch vom oft chaotischen Spiel des Lebens, das auf eine magische Weise schön ist. „Wie wollen wir das spielen?“ „Zusammen.“ „Der gefrorene Himmel“ war der erste Roman von Richard Wagamese, den ich gelesen habe, er ist sicher nicht der letzte. Diese wichtige Stimme der First Nations ist nun leider für immer verstummt, doch in seinen Büchern klingt sie weiter, über die Sprach- und Ländergrenzen hinweg. Und stellt uns die Frage nach unseren eigenen Wurzeln und unserer eigenen Geschichte: „Wenn wir im Frieden mit uns selbst leben wollen, müssen wir unsere Geschichten erzählen.“ Ein unverzichtbares Buch für alle, die sich für das Schicksal der indigenen Bevölkerung Nordamerikas im 20. Jahrhundert interessieren. Und für alle, die den Glauben an die positiven Kräfte des Lebens und der Gemeinschaft noch nicht verloren haben.

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Tragisch und mitreißend

Von: Hans G.

12.04.2021

Die deutsche Übersetzung des Titels ist der einzige Kritikpunkt, den ich an diesem Roman habe. Im Original heißt er "Indian Horse" und das hätte man m.E. auch in der deutschen Version so übernehmen sollen, denn es ist Saul "Indian Horse", den wir in dieser Geschichte von klein auf begleiten. Er steht im Mittelpunkt und das hätte der Titel so auch ausdrücken können. Aber genug zu meinem einzigen Kritikpunkt und weiter zum Roman selbst. Wie schon gesagt, wird die Geschichte aus Sicht von Saul, einem Ojibwe Indianer, erzählt. Wem die Geschichte der Ureinwohner Nordamerikas nicht ganz fremd ist, wird wissen, dass diese nach der Kolonisation schwere Zeiten durchmachen mussten. Ihnen wurde ihr Freiheitsrecht quasi abgesprochen, die "Zivilisierten" versuchten ihnen ihre Sitten aufzuzwingen und tausende Ureinwohner zerbrachen im Laufe der Jahrzehnte. Ihnen wurde ihre Geschichte geraubt, ihre Identität gestohlen und etwas Einmaliges ging dadurch wohl für immer verloren. Richard Wagamese schafft es in diesem Roman die Tragik eines ganzen Volkes in der Geschichte von Saul Indian Horse auszudrücken. Als Leser ist man zunächst fasziniert von den Erzählungen aus seiner Kindheit, die "Magie" der naturverbundenen Älteren der Familie fasziniert und doch wird man sofort von der Realität eingeholt, die so aussah: Auch wenn die Älteren versuchten, Traditionen aufrechtzuerhalten, waren sie nicht stark genug sich der unausweichlichen Übermacht der Weißen entgegenzusetzen. Wir begleiten Saul weiter durch den Lauf seines Lebens und Hoffnung quillt in uns auf, als wir ihn aufblühen sehen beim (Eis-)Hockeyspiel. Ungeahntes Talent verbirgt sich in ihm und die Seiten des Romans, auf denen es um das Hockeyspiel geht, sind voller Hoffnung geschrieben, wir fiebern mit Saul mit und sind guter Dinge. Doch werden wir bald auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, eine dunkle Wahrheit - wenn auch geahnt, so doch verstörend - holt uns ein und als Leser spürt man direkt die Traurigkeit ob des Verlustes einer ganzen Kultur. Mächtig und verstörend, mitreißend und niederschmetternd...Ein starker Roman, und ein Mahnmal, dass solch ein Verbrechen an einem Volk nicht wieder geschehen darf.

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Der gefrorene Himmel

Von: Susanne

11.04.2021

"Der gefrorene Himmel" ist das erste Buch von Richard Wagamese welches ich gelesen habe, aber definitiv nicht das Letzte. Es hat mich lange beschäftigt und beschäftigt mich noch immer. Die Geschichte der Indianer war mir bisher fremd. Leider sind Diskriminierung und Rassismus noch immer aktuell. Um die Kultur und Tradition der Indianer besser zu verstehen, werden ich seine anderen Bücher jetzt auch lesen. Das Buch war teilweise schwere Kost, wenn man weiß, daß es sich nicht um Fiktion handelt. Die Hauptperson, Saul vom Stamm der Ojibwe Indianer, wächst zunächst bei seiner Großmutter auf, die ihm alte Traditionen und Bräuche lehrt. Als sie stirbt kommt er ins Heim (Residential Schools). Dort wird ihm die Tradition und Kultur ausgetrieben. Gewalt, Missbrauch und Tod sind an der Tagesordnung und spielen eine größere Rolle als Schule. Sein Lichtblick ist das Eishockeyspiel, was er dort kennen und lieben lernt. Erst ist das Spiel ein Zufluchtsort für Saul, dort ist er sicher und frei, doch später gibt es auch dort Diskriminierung und Hass als es zum aufeinandertreffen mit Weißenteams kommt .... Ein tolles Buch was sehr nachdenklich macht!

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Aufarbeitung der Geschichte

Von: Doreen Klaus

11.04.2021

Saul Indian Horse ist alkoholabhängig. Ein wichtiger Bestandteil der Therapie ist es, seine Vergangenheit aufzuarbeiten, die eigene Geschichte zu erzählen, die Antworten in sich selbst zu suchen. Um so schnell wie möglich aus der Anstalt raus zu kommen erzählt Saul also seine Geschichte, vielmehr schreibt er sie auf, denn das Sprechen im Redekreis fällt ihm schwer. Der Leser erfährt von dem kleinen Saul und seiner Familie, Angehörige der Ojibwe Indianer aus der Gegend des Winnipeg River Mitte der fünfziger Jahre. Die Kinder der Familie leben in ständiger Angst, Angst vor Fremden, vor Weißen, die kommen um die Kinder ihren Müttern zu entreißen um sie in die "Schule" zu bringen. Schulen, die diesen Namen nicht im Entferntesten verdienen, sind sie doch Orte an denen Entbehrung, Missbrauch, Gewalt und Tod den Alltag der Kinder bestimmen. Richard Wagamese, der Autor, hat selbst indigene Wurzeln. Ihm blieb das Schicksal der Umerziehung an einer solchen Schule zwar erspart, aber auch er wurde aus seiner Familie herausgerissen und wuchs in Heimen und Pflegefamilien auf, ohne Zugang zu seiner Kultur. Seine Hauptfigur Saul zeigt starke autobiografische Züge, geht aber noch weit darüber hinaus und gestattet so einen verstörenden Blick auf den Umgang Kanadas mit seiner indigenen Bevölkerung. Zu Beginn des Buches hatte ich kurz Probleme richtig in die Geschichte hineinzufinden. Ich fand die Sätze etwas holprig und wusste nicht, ob der Autor das absichtlich so angelegt hat. Im Weiteren zeigt sich dann aber das erzählerische Talent des Autors, er lässt wundervolle Landschaften vorbeiziehen und Legenden der Ojibwe auferstehen. Ganz virtuos beschreibt er Sauls Talent beim Eishockey, seine Beinarbeit, seine Spielzüge. Mein Gehirn konnte gar nicht so schnell Bilder zu den rasanten Beschreibungen formen. Meisterhaft. Mit genau der gleichen Präsenz beschreibt der Autor aber auch die dunkle Seite der Geschichte, die Gewalt, den Missbrauch, Hass, Diskriminierung, Rassismus. Er legt die unglaubliche Arroganz offen, mit der die Weißen, den in ihren Augen minderwertigen Ureinwohnern begegnen. All dies nicht irgendwann im 18. Jahrhundert, sondern in nicht allzu weit zurückliegender Vergangenheit, noch in der Generation meiner Eltern. Unvorstellbar. Für mich ist das Buch eine Offenlegung historischen Unrechts in einem Land, das ich mit solchen Geschehnissen bisher gar nicht in Verbindung gebracht habe. Irgendwie kommt einem ja eher die USA bei diesem dunklen Kapitel der Geschichte in den Sinn. Das diese Form des Rassismus, dieser Umgang mit der indigenen Bevölkerung kein rein amerikanisches Problem ist konnte man ja leider auch in der Vergangenheit Australiens sehen, um so hoffnungsvoller ist das Umdenken und Aufarbeiten der Vergangenheit zu sehen. Richard Wagamese hat ein sehr politisches Buch verfasst, eine Gesellschaftskritik eingebettet in die fiktive Lebensgeschichte seines Helden, stellvertretend für ganze Generationen. Er tut dies schonungslos, emotional und mit großer erzählerischer Dichte. Bei mir hat das Buch noch lange nachgehallt, der Autor hat erreicht, dass ich mich im Nachgang noch weiter mit dem Thema auseinander gesetzt habe. Von den fünfzehn Büchern des verstorbenen Autors sind leider bisher nur dieses und "Das weite Herz des Landes" ins Deutsche übersetzt, ich werde es auf jeden Fall lesen. Kanada wäre in diesem Jahr Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse, dieser Autor zählt definitiv zu seinen bedeutendsten Schriftstellern.

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Bewegend

Von: BrigitteL

11.04.2021

Dieses Buch hat mich sofort von Anfang an sehr berührt. Es handelt von Saul Indian Horse. Er und seine Familie leben in Kanada und sind vom Stamm der Ojibwe. Seine Schwester hat er gar nicht kennen gelernt. Sie wurde aus der Familie gerissen und kam ins Heim. Auch seinem Bruder passierte dies. Als seine Eltern gingen und seine Großmutter starb, wurde er aufgegriffen und auch ins Heim gebracht. Dort gab es nur Grausamkeit und Missbrauch. Er brachte sich alleine das Eishockeyspielen bei und kam nach einigen Jahren zu einer Pflegefamilie, die auch im Heim gelebt hatte. Aber die Erlebnisse im Heim verfolgen ihn. Eine erfolgreiche Eishockeylaufbahn lässt er sausen und fängt an zu trinken. Er realisiert, dass er sich seinen Erlebnissen im Heim stellen muss, um weiterleben zu können. Es ist erschütternd, dass diese Dinge tatsächlich in dieser Art so geschehen sind. Kinder wurden aus ihren Familien gerissen und durften ihre Traditionen und Sprachen und Namen nicht behalten bzw. ausüben. Das kennt man zum Beispiel auch aus Australien mit den Aborigines. Trotz der traurigen Geschichte kann man dieses Buch sehr gut lesen. Besonders die Beschreibungen der Natur finde ich wunderschön. Leider ist der Autor schon gestorben. Ich bin gespannt, welche Bücher von ihm in Zukunft noch in Deutschland veröffentlicht werden.

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Eine echte Entdeckung

Von: @_exlibris

11.04.2021

Als Therapie in einer Suchtklinik erzählt der Ojibwe Saul Indian Horse von seiner Kindheit und Jugend im Kanada der 1960er und 70er Jahre. Von seiner engen Bindung an die Großmutter, der früh erlebten Ausgrenzung und Diskriminierung durch die eurokanadische weiße Bevölkerung bis zu seiner zwangsweisen Unterbringung in einer der berüchtigten "Residential Schools". Ein prekäres Leben mit einer gebrochenen Persönlichkeit ohne echte Perspektive scheint vorbestimmt, doch sein überragendes Talent für (Eis)Hockey scheint ihm einen Ausweg zu bieten. Normalerweise ist dies kein Buch, zu dem ich aus freien Stücken gegriffen hätte: ich habe absolut keine Ahnung von Eishockey, ich weiß wenig über die indigene Bevölkerung Nordamerikas und Kanada hat bislang keinen besonderen Reiz auf mich ausgeübt - und, obwohl ich vielfältig interessiert und aufgeschlossen bin, hatte ich auch keine Absicht dies zu ändern. Doch - wie oft im Leben - findet man die schönsten Schätze ganz unerwartet. Der Erzählfluss, die ruhige, lakonische, aber doch poetische Sprache hat mich unmittelbar in einen sanften Sog gezogen (was im Übrigen auch sehr für die deutsche Übersetzung spricht). Obwohl die Geschichte nichts wirklich neues enthüllt, hat sich mich an mehreren Stellen sehr ergriffen und mir die dramatischen, oft sogar generationenübergreifenden Folgen von Rassismus, Missbrauch und Ausgrenzung sichtbar und fühlbar gemacht. Das nachgestellte Essay von Katja Sarkowsky fand ich mangels meiner oben erwähnten Kenntnisse sehr hilfreich, um das Gelesene in den zeitlichen, gesellschaftlichen und geographischen Zusammenhang einordnen zu können. Der Roman ist eine echte Empfehlung und ausdrückliche Ermutigung, sich auch mal auf was gänzlich Neues einzulassen. Für mich war dies sicherlich nicht das letzte Buch von Richard Wagamese.

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