Rezensionen zu
Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Olive Schreiner

Manesse Bibliothek (21)

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Im Mittelpunkt des 1883 unter männlichem Pseudonym erschienen Romans stehen 3 junge Leute: Em, Lyndall und Waldo. Sie alle leben auf einer Farm in Südafrika, die von Tant‘ Sannie, einer Burenfrau, geführt wird. Sie ist die Witwe eines Engländers, dem die Farm gehörte und Em, die Tochter des Verstorbenen ist die Erbin der Farm. Lyndall ist ihre Cousine und Waldo der Sohn des tief gläubigen, gütigen, wenn auch etwas einfältigen deutschen Verwalters Otto. Während Em eines Tages die Farm erben wird, ist ihre Cousine mittellos und weiß schon als 12jährige, daß „in dieser Welt nur seinen Weg macht… wer sehr klug ist und alles weiß – wer gescheit ist.“ Waldo wiederum ist geplagt von religiösen Fantasien und Glaubensfragen. Wir begleiten die drei jungen Leute auf ihrem Weg. Lyndall die von elfenhafter Schönheit ist, geht ins Internat und wird zu einer unabhängigen jungen Frau, die nach der Liebe sucht, sich jedoch allen Konventionen verweigert. Em, die sanftmütige junge Erbin verliebt sich in den englischen Farmer Gregory, der jedoch sein Herz an Lyndall verliert. Und Waldo verlässt die Farm, um in der Fremde neue Erfahrungen zu machen. Meine Meinung Ich habe mich nicht ganz leicht getan mit dieserm Buch, obwohl es sich gut liest und mich seine sehr schönen, stimmungsvollen Natur- und Landschaftsbeschreibungen sehr angesprochen haben. Immer wieder jedoch kommen längere Passagen inbrünstiger, fast ekstatischer religiöser Gedankenströme, die mir vollkommen fremd blieben. Im Nachwort von Doris Lessing zur Neuausgabe des Romans 1968 ist zu lesen, daß Olive Schreiner, die als Tochter eines Missionarsehepaars aufwuchs, schon als Kind von Glaubenszweifeln geplagt wurde, was sicherlich diese Teile des Romans erklärt. Die schöne Lyndall ist die zentrale Figur des Romans und sie entwickelt sich zu einer selbstbewussten Frau, die mit allen Konverntionen bricht. „Könnte ich doch nur in der Zukunft noch einmal auf die Welt kommen! Dann ist man vielleicht nicht mehr von Geburt an gebrandmarkt.“ sagt sie nach ihrer Rückkehr aus dem Internat einmal zu Waldo. Eine Frau mit scharfem Verstand ist in ihrer Zeit nicht gewünscht. Sie will Unabhängigkeit um jeden Preis, weigert sich, ihren Geliebten zu heiraten, selbst als sie schwanger von ihm ist und bezahlt ihren unbedingten Willen zur Freiheit letztendlich mit dem Leben. Em hingegen ist das Gegenteil, sanftmütig und gütig, sie ist glücklich, als Gregory sie um ihre Hand bittet, ahnt aber schnell, daß Lyndall die Frau sein wird, die er eigentlich lieben wird. Als sie merkt, daß es tatsächlich soweit ist, löst sie von sich aus die Verlobung, während Lyndall von ihm nichts wissen will, denn er ist ihr kein ebenbürtiger Partner. Diese Passagen des Romans fand ich wirklich spannend, die Ansichten von Lyndall hochmodern und immer noch aktuell. Ich fürchte, auch im 21. Jahrhundert würde sie sich noch schwer tun, selbst wenn sich die Situation der Frauen von heute nicht mehr mit ihrer Lage vergleichen lässt. Ich vermute, daß sich in ihr manches aus der Persönlichkeit der Autorin wiederfindet. Neben den 3 jungen Menschen gibt es aber auch noch andere Figuren, die sich einprägen: Die dicke, lebensfreudige Tant‘ Sannie, die immer wieder einen Mann findet, der sie heiratet, den Hochstapler Bonaparte Blenkins oder den herzensguten, naiven Otto. Gewöhnungbedürftig waren viele Ausdrücke wie nigger, kaffir oder hottentot, die wir heute nicht mehr verwenden, weil sie als abwertend gelten. Im Nachwort geht der Verlag ausführlich auf die Frage ein, wie man in postkolonialen Zeiten zu einer adäquaten Übersetzung kolonialen Sprechens kommen kann. Ich habe mir diese Editorische Notiz vor der Lektüre durchgelesen ebenso wie das Nachwort von Doris Lessing – beides hat mir den Zugang zum Roman erleichtert. Was ich jedoch vermisst habe, ist ein kompakter Überblick über das Leben dieser hochinteressanten Autorin, die in Südafrika hohes Ansehen genießt: Seit 1964 wird dort der Olive Schreiner Prize an junge, talentierte Autor*innen verliehen. Sie war eine Frauenrechtlerin, die sich für das Frauenwahlrecht, auch für das der schwarzen Frauen, einsetzte. Vieles lässt sich im Nachwort von Doris Lessing nachlesen, allerdings ist dieses Nachwort inzwischen bereits über 50 Jahre alt. Wenn sich ein Verlag dankenswerter Weise schon die Mühe macht, ein so wichtiges Buch neu zu übersetzen, wäre, ohne Doris Lessing zu nahe treten zu wollen, ein aktuelles Nachwort schön gewesen. Fazit: Eine wirklich interessante Lektüre, bei der sich mir nicht alles erschlossen hat, die mich aber dennoch gefesselt und bereichert hat und teilweise auch erstaunt. Außerdem ist es, wie immer bei den Ausgaben des Manesse Verlages, ein schön gestaltetes Buch!

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Olive Schreiber „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ Manesse Verlag *) Olive Schreiner (* 24. März 1855 in Wittebergen, heute Südafrika; † 11. Dezember 1920 in Wynberg, Südafrika) war eine südafrikanische Schriftstellerin und eine frühe Feministin. Lange Betrachtungen über die Situation von Frauen gehören zu diesem Roman, der in dieser Ausgabe auch ein Nachwort von Doris Lessing enthält. „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ erschien 1883. Das Buch, seinerzeit ein Welterfolg, erscheint anlässlich des 100. Todestags der Autorin am 11.12.2020 in einer Neuübersetzung von Viola Siegemund im Manesse Verlag. Es ist ein sehr schön verarbeitetes, kleines Buch, das gut in der Hand liegt. Der Titel des Buchs hat mich angezogen, ich wollte gerne mehr über eine afrikanische Farm erfahren. Tatsächlich bleibt die afrikanische Farm der eher verschwommene Hintergrund der Geschichte. Es kommen „Kaffern“ und „Hottentotten“ vor, von denen die Leserin annimmt, dass sie auf dieser Farm arbeiten, aber wie ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen aussehen, bleibt völlig im Hintergrund. Das Kolonialthema kommt auch nur in kleinen nebensächlichen Szenen vor. Man erfährt auch kaum etwas über die Produkte und die Art der Produktion auf dieser Farm. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen drei Hauptfiguren: Waldo, der Sohn eines verstorbenen Aufsehers, Em, die Tochter des ebenfalls verstorbenen Besitzers der Farm und Lyndall, deren Cousine. Die Schicksale dieser drei Menschen werden erzählt, gut erzählt, aber öfter hat man den Eindruck sich in einem Thesenroman zu befinden, denn es wird – meist in Form von Monologen – etwas langatmig über Religion und Frauenrechte doziert. Vom Standpunkt des 21. Jahrhunderts aus, müsste man die Erzählung etwas straffen und die Beschreibung der äußeren Umstände etwas erweitern. Die Geschichte selbst fand ich interessant, schon als Blick in völlig andere Zeiten. Wenn sie auch Unglaubwürdiges enthält: wie sich etwa ein verschmähter Verehrer einer Hauptperson als Frau verkleidet und sich als Pflegerin der kranken Geliebten bewährt. Mir kam dies wie eine seltsam unpassende Slapstick-Einlage vor. Ein interessantes Buch für das man sich aber Zeit nehmen muss. *) Der Manesse Verlag ist ein deutscher Verlag für klassische Literatur, der 1944 in Zürich gegründet wurde und heute zur Penguin Random House Verlagsgruppe gehört.

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„Das Unrecht besteht nicht darin, was man uns antut, sondern darin, was man aus uns macht.“ Ich habe dieses Jahr eine neue, klassische Autorin und ihr Werk kennengelernt – eine wahre Entdeckung und Inspiration, die ich euch heute am #Klassikersamstag gerne näher bringen möchte. Es geht um Olive Emilie Albertina Schreiner und ihren Roman „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“, veröffentlicht 1883. Anlässlich des 100. Todestags der Autorin, Feministin und Menschenrechtlerin am 11.12.2020, erschien dieses Buch bei Manesse in einer wunderbaren Neuübersetzung. Inhalt: Es geht um die eigenwillige, unverheiratete, kluge Heldin Lyndall. Sie will Bildung, keine Ehe, die gleichen Rechte und Pflichten wie die Männer und sie misstraut der Liebe. Sie erlebt schon als junges Mädchen, die Bigotterie und Ignoranz der Menschen kennen und erfährt, wie beschränkt die Lebensperspektiven für „ihresgleichen“ leider sind. Doch dank einer großen inneren Stärke verteidigt sie in der Farmerswelt der südafrikanischen Karoo ihre Unabhängigkeit und verliert dabei das Ziel nie aus den Augen: weibliche Selbstbestimmung bis zuletzt. Meinung: Was für ein Klassiker! Und einer, der hier gar nicht so bekannt ist. Ich hoffe, das etwas ändern zu können, denn der Bildungsroman ist ein literarisches Kleinod. Darin geht es um Themen wie Feminismus, Sexualität, Ehe, der Macht von der Kirche gegenüber Frauen, Emanzipation, voreheliche Schwangerschaft Selbstbestimmung und vieles mehr. Die Geschichte strotzt nur so vor intelligenten, fortschriftlichen einprägsamen Passagen. Wahnsinn, dass sie dieses Buch 1883 geschrieben hat und das in Afrika! Ihre Erzählkunst ist poetisch, klug, einnehmend, witzig, sprachgewaltig und berührend. Besonders gut gefällt mir, dass die Übersetzung sehr sensibel mit kritischen Wörtern um gegangen ist und je kontextabhängig, deutsche Entsprechungen gefunden hat. Die Protagonistin ist wahnsinnig gut gelungen und eine Sympathieträgerin – man leidet und hofft mit ihr mit und möchte am liebsten die Kämpfe mit ihr austragen und schreien wegen der Ungerechtigkeit der Zeit. Fazit: Ein wundervolles Buch, das ich jedem ans Herz legen möchte, der literarisch reisen will, sich für Klassiker, Feminismus, Afrika und starke Frauen-Figuren interessiert.

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Olive Schreiner war eine südafrikanische Schriftstellerin, die sich für Unterdrückte einsetzte und als eine frühe Vertreterin der Frauenbewegung und als Pazifistin gilt. Sie wurde 1855 geboren und starb 1920. Mit 28 Jahren erschien ihr erster, autobiographisch geprägter Roman, den sie allerdings unter dem männlichen Pseudonym Ralph Iron veröffentlichte. Schon kurz darauf erschien auch die erste deutsche Übersetzung und dieses Jahr wurde er vom Manesse Verlag neu aufgelegt. „Eine afrikanische Farm“ ist ein Roman, der die Themen Sexualität und Schwangerschaft vor der Ehe, Macht von Kirche und Religion gegenüber Frauen und weibliche Emanzipation, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung behandelt. Auf der Handlungsebene geht es um die junge, unverheiratete, kluge, schöne und widerspenstige Lyndall, die zusammen mit ihrer gutmütigen, friedfertigen und bodenständigen Cousine Em, der Tochter der Farmerin Tant’ Sannie und mit Waldo, dem religions- bzw. gotteskritischen Sohn des bibeltreuen Farmverwalters Otto, auf Sannies Farm aufwächst. Es geht um das gemeinsames Aufwachsen von Lyndall, Em und Waldo und um deren Leben vor dem Hintergrund eines kolonialen Farmlebens inmitten der Karoo-Wüste, einer endlosen afrikanischen Steppenlandschaft. Während die unbescholtene, angepasste und treuherzige Em auf der Farm bleibt, geht die wissensdurstige Lyn auf ein Mädchenpensionat und kehrt auch der ruhige und introvertierte Waldo der Farm den Rücken. Lyndall sträubt sich dagegen, konservative Rollenklischees zu übernehmen und will auch als sie schwanger wird nicht heiraten. Sie schwört auf Bildung, Gleichberechtigung und Freiheit. Eine solch‘ willensstarke, rebellische und unangepasste Heldin wie Lyndall, die nicht wenige Konventionen und Normen hinterfragt und über den Haufen wirft, wird heute bewundert. Beim Erscheinen des Romans 1883 löste sie Erstaunen, Aufsehen und wahrscheinlich auch Unmut aus. Noch ein zweiter Punkt zog große Aufmerksamkeit auf sich: es ist dies die Beschreibung und die subtile Kritik an den heuchlerischen Weißen, die einerseits Glauben und Frömmigkeit predigen und andererseits vor Gewalt und Unterdrückung nicht Halt machen. Skandalträchtige Inhalte am Ende des 19. Jahrhunderts! Ich empfehle diesen poetischen, anspruchsvollen und interessanten Roman sehr gerne weiter. Er hat mich gut unterhalten und meinen Horizont erweitert. Genauso, wie es meiner Meinung nach sein soll.

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