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Rezensionen zu
Schwarzer Leopard, roter Wolf

Marlon James

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Wir steigen in die Geschichte mit dem Satz „Das Kind ist tot. Weiter gibt es nichts zu wissen.“ ein und damit beginnt die 830 Seiten lange Reise auf welche uns Sucher, der Rote Wolf – unser Erzähler– mitnimmt. Unser Erzähler sitzt im Gefängnis und wird wegen des Mordes an diesem Kind verhört. Wir sind Zeuge seines einseitigen Gesprächs mit dem Inquisitor. Von hier aus entfaltet sich die Erzählung in verschiedenen Formen: Der Inquisitor lässt Sucher eine Abschrift ihres Austauschs zur Bestätigung lesen, wodurch wir Zugang zu externen Stimmen erhalten und später bringt der Inquisitor einen Griot – einen singenden Geschichtenerzähler – mit, um Zeugnis über einen Teil von Suchers Leben zu geben, welchen er sich weigert zu erzählen. Auf den ersten Blick scheint es, als wäre die Handlung über Sucher, welcher uns zuerst seine Lebensgeschichte und dann die Geschichte nach der Suche des Kindes nicht nur einmal, sondern zweimal erzählt. Aber in Wirklichkeit ist die Stimme Suchers wie eine Art Magnetfeld um den Kompass der Handlung, das sich verschiebt und verzerrt und seine Nadel durch ineinandergreifende Geschichten dreht, die von einem Leoparden, Hexen und Antihexen, Dämonen, Sklavenhändlern, einem Präfekten, und einer Königin erzählt werden. Dieses Buch kann man definitiv nicht mal eben so nebenbei lesen und es bracht meiner Meinung nach viel Anstrengung um den Faden nicht zu verlieren und nicht aufzugeben. Das liegt zum einen an der Brutalität, welche teilweise sehr detailreich beschrieben wird, aber einfach auch am Stil des Buches und den sehr lange Dialogphasen. Auch wenn die Geschichte selbst sehr einfallsreich und ordinär ist, lassen die langen Phasen des einseitigen Erzählens das Buch sehr langatmig wirken und man kommt erst über mehrere Ecken zum eigentlichen Punkt. Marlon James hat es mit Worten geschafft ein wundervolles Fantasy-Afrika zu schaffen, illustriert wird dies durch Karten, welche die jeweiligen Buchabschnitte von einander trennen. Irgendwann hört Sucher auf mit dem Inquisitor zu sprechen und beginnt damit, die Geschichte noch einmal seiner Willen zu erzählen, zu durchleben auch wenn er den Leser dabei gefühlt immer auf einen Arm Abstand hält, vermutlich um ihn zu schützen. Der Roman ist ein Spektakel, mit wilden Dingen aller Art, die sich durch mehrere Handlungsstränge schlängelt, aber im Mittelpunkt stehen die Abenteuer von Leopard und Wolf. Letzterer, unser Erzähler, wird wegen des verschwundenen Jungen verhört und seine Antworten enthüllen eine interessante, teilweise gruslige Geschichte. Sucher, der wegen seines guten Geruchssinns so genannt wird, wirkt menschlich, obwohl ein Auge das eines Wolfs ist. Leopard, der tatsächlich die Form eines Leoparden annehmen kann, ist sein Freund von Kindheit an und auch wenn sich beide manchmal bis aufs Blut zoffen, schließen sie sich einer Gruppe aus anderen Freak an um den Jungen zu finden. Diese übernatürliche Suche entwickelt sich mit der Zeit in einen fantastischen Machtkampf, in dem der vermisste Junge entweder ein Prinz oder ein Thronräuber sein kann. Der Leser kann inmitten des Kampfes gegen Oger und Hexen aber reale Handlungen finden. Es gibt einen geschäftigen Sklavenhandel, aber der Verkehr bewegt sich nicht nach Westen in Richtung der Schiffe von Spanien oder England, viel mehr sind die Käufer „Menschen, die dem östlichen Licht folgen“ oder nur einen Gott anbeten. Ein Sultan wird erwähnt, aber niemals ein Papst und die Abwesenheit scheint für den Autor von zentraler Bedeutung zu sein. Seine Orks und Elfen sind alle farbig und unter ihnen ist der Grad der Dunkelheit von Bedeutung. Generell gibt es in dem Buch keine weißen Menschen. Insgesamt verzichtet die Geschichte auf Weiße und schließt die Mächte, die diese einflussreiche Region letztendlich in ein Puzzle von Nationen zerhackt haben, vollständig aus Letztendlich ist es Suchers Sensibilität, seine Gefühlstiefe, die das Buch über andere Fantasygeschichten hebt. Der Autor zeigt endlose Raffinesse, egal ob seine Charaktere sich lieben oder töten. Am wichtigsten ist jedoch, wie ein so bizarrer Erzähler wie der Sucher ein Trauma aufdeckt, das jeder Psychoanalytiker erkennen würde: die Narben einer vertriebenen Kindheit und der daraus resultierende Schmerz für ein Zuhause. Besser noch, er findet eine solche Verbindung nur, indem er die Konventionen seiner Gesellschaft verletzt. Der einsame Wolf muss sich verletzlich machen und sein Herz für einen hellhäutigen „Anhänger des östlichen Lichts“ öffnen. Diese interne Transformation ist wichtiger als jede sichtbare Veränderung. Es gibt der Geschichte die nötige Vollständigkeit, auch wenn am Ende noch einige Geheimnisse bleiben. Obwohl die Schrecken dieses Romans den niedrigsten Gott empören würden, weiß er dennoch, wie man den Ort findet, an dem die Liebe lebte. Das Buch ist mit über 800 Seiten wirklich massiv und die Story sehr komplex. Ich hatte vorher schon gelesen, dass die Story wohl teilweise auch sehr verwirrend ist und ich muss ehrlich sagen, dass ich das so auch bestätigen kann. Die Story macht dies aber keineswegs schlecht aber durchaus langatmig, vor allem die ersten 100 – 150 Seiten. Aufgrund dessen habe ich dann teilweise das englische Hörbuch zur Hilfe genommen. Mir hat es aber im Großen und Ganzen gut gefallen und ich werden den zweiten Teil sicherlich lesen.

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Der Wortschatz der deutschen Alltagssprache wird auf etwa 500.000 Wörter geschätzt, und doch fehlen mir die Worte, die dieses Buch in angemessener Weise beschreiben könnten. skurril, eigen, abgefahren, brutal, absurd, zusammenhangslos, verwirrend, wahnwitzig, exzentrisch, anstrengend(!), verstörend, unkonventionell, genial(?!) „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ wurde als Afrikanisches Game of Thrones verkauft, aber wie so oft kann ich über ein derart missverständliches Buchmarketing nur den Kopf schütteln. Bis zu einem gewissen Grad mag der Vergleich standhalten. Schwarzer Leopard, roter Wolf ist eine üppige epische Geschichte in einem verzauberten und mythischen Afrika, gefüllt mit Quests, magischen Bestien und bösartigen Schlachten bis zum Tod. Aber es ist auch ein viel seltsameres, verwirrenderes Buch, als die Game of Thrones Vergleiche erahnen lassen. Das meiner Meinung nach größte Alleinstellungsmerkmal: Dieses Buch ist nicht von der Geschichte getrieben. Augenscheinlich fehlt der rote Faden stellenweise komplett. Schwarzer Leopard, roter Wolf widersetzt sich aktiv (!) allen Versuchen des Lesers, in die Welt des Buchs einzutauchen und sich darin zu verlieren. Ein Gefühl, das wir als Fantasy-Leser eigentlich besonders schätzen, würde ich mal behaupten. Die Geschichte ist absichtlich undurchsichtig, sowohl auf sprachlicher als auch auf inhaltlicher Ebene. Inhaltlich ist die Suche nach einem vermissten Jungen, die angeblich die Handlung des Buches antreibt, so verwirrend und hat so wenig mit den Motivationen der Hauptfigur zu tun, dass sich der Rest der Figuren ständig darüber beschwert. „Dieses Kind hat keine Bedeutung für dich“ – Sätze wie diese fallen andauernd und lassen den Leser ernsthaft daran zweifeln, worin eigentlich der Zweck dieser Geschichte besteht. Zumal das Buch mit dem Satz beginnt: „Das Kind ist tot. Weiter gibt es nichts zu wissen.“ Mit anderen Worten: Wir wissen bereits von Anfang an, dass die im Klappentext angepriesene Suche vergeblich sein wird. Davon einmal abgesehen lässt sich die Handlung wie folgt zusammenfassen: Es gibt einen Jungen, der verschwunden ist, und eine mysteriöse Figur heuert mehrere Leute an, die den Jungen finden und zurückbringen sollen, weil dies eine ungeklärte wichtige Bedeutung für das gesamte Königreich haben würde. Die angeheuerte Truppe besteht aus einem Riesen, der kein Riese ist, einem gestaltwandelnden Leoparden, einer Hexe, einem Büffel, einer Wassergöttin und unserem Protagonisten „Sucher“, den alle mit den Worten begrüßen: Man sagt, du hättest eine Nase. Ebendiese Nase kann ihn zu jeder vermissten Person führen, sodass er seinen Lebensunterhalt als eine Art magischer Privatdetektiv bestreiten, der treulose Ehemänner aufspürt. Sprachlich und stilistisch zeigt sich, dass Genie und Wahnsinn oft nah beieinander liegen. Marlon James weiß, was tut, hat dafür in der Vergangenheit den Man Booker Prize gewonnen, und ist zweifelsohne ein fähiger Schriftsteller. Sein Schreibstil in diesem Buch ist extrem eigen, schwer zugänglich und teilweise so herausfordernd, dass es an Zumutung grenzt. Die Sprache ist roh, schmutzig, unverblümt und manchmal richtig „auf die Fresse“. Beim Lesen war ich mir oft nicht sicher: Ist das Kunst, oder kann das weg? Mir persönlich ist das Buch auf den über 800 Seiten irgendwie ans Herz gewachsen. Auch wenn ich ehrlich zugeben muss, dass ich es sicherlich abgebrochen hätte, hätte ich es nicht im Rahmen eines Buddyreads in Angriff genommen! Es war ein wilder, verstörender Ritt, den ich rückblickend aber zu schätzen weiß. Die Geschichte ist kurios, scheint über weite Strecken nur aus reinem Selbstzweck zu existieren, überrascht dann im nächsten Moment aber wieder mit wichtigen Themen wie Selbstfindung, Familie, Liebe und Trauerverarbeitung. Ob ich das Buch weiterempfehlen kann? Schwer zu sagen! Als Tandemlektüre mit einem guten Lesepartner ist Schwarzer Leopard, roter Wolf ein zweifelsohne horizonterweiterndes Erlebnis!

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Sucher, der Jäger mit dem besonderen Sinn, wird vor seine schwierigste Aufgabe gestellt. Er muss einen Jungen aufspüren, der vor drei Jahren spurlos verschwand. Seine Fährte führt ihn durch Wälder und Städte, zu Gestaltwandlern, Ausgestoßenen und Hexen. Aber kann er den Jungen retten und die Welten wieder in Einklang bringen?... (Klappentext) Triggerwarnung: Sexuelle und körperliche Gewalt, Missbrauch, Zirkumzision (Beschneidung) ❋❋❋❋❋ ">>Dies wird keine einfache Reise. Es sind Mächte im Spiel, Sucher. Es sind Mächte im Spiel, Leopard. Sie kommen morgens mit dem Wind oder manchmal auch in der höchsten Sonne, der Stunde des blendenden Lichts der Hexen. So wie ich wünsche, dass er gefunden wird, gibt es gewiss solche, die wollen, dass er verborgen bleibt...<<" (S. 181) Er hat keinen Namen und wird von allen nur "Der Sucher" oder "Roter Wolf" genannt. Dieser sitzt einem Inquisitor gegenüber - angeklagt für den Tod eines Jungen. Diesem Inquisitor erzählt er seine Geschichte - wie er zu dem wurde was er ist, wie es zu dem kam was passierte und weshalb es so enden musste wie es endete. Als LeserIn sitzt man mit dem Inquisitor am Tisch und lauscht dieser Geschichte. Eine Geschichte, die einem jungen Mann begleitet, welcher eine besondere Gabe besitzt, nämlich wie ein Wolf Gerüche aufzunehmen und diesen zu folgen, bis er den Besitzer dieses Geruchs gefunden hat. Diese Gabe führt dazu, dass er mit anderen angeheuert wird einen Jungen zu finden, welcher einst entführt wurde und nun schon seit drei Jahren vermisst wird. Ein Junge, welcher von großer Bedeutung zu sein scheint und den nicht nur er und seine Gefährten suchen. Während seine Truppe den Auftrag hat den Jungen lebend zurückzubringen, scheinen die Anderen nur seinen Tod zu wollen ... und die Zeit läuft. Hier betritt man eine völlig neue Welt des Fantasy, wobei das Worldbuilding selbst eher in den Hintergrund rückt, während die Atmosphäre afrikanischen Flair versprüht, jedoch dunkel und düster. Es ist als würde man in eine ferne Welt eintauchen, sich dabei durch das tiefste Afrika bewegen und dabei einer noch älteren Sage lauschen. Einer Sage über uralten Glauben, Riten und Legenden, in der einem Schattenteufel, Hexen, Gestaltenwandler und noch viele anderen Kreaturen begegnen. Man wandert durch Traumlande, Sümpfe und Steppen, Geisterwälder und Orte, die fast schon eine psychedelische Atmosphäre versprühen und man das Gefühl hat auf einem unheimlichen und bedrückenden Trip zu sein. "Ich wusste, dass ich die Nase hatte, wie Kava sagte, aber ich hatte nicht gewusst, dass ich einem Geruch folgen konnte. Selbst wenn der Leopard weit entfernt war, hatte ich ihn noch immer unmittelbar vor der Nase. Und Kava und seine Gerüche und die kleine Frau und die Rose, die sie in die Falten ihres Fleisches rieb, und den Mann und den Nektar, den er trank, und die Käfer, die er aß, zu viel Bitteres, wo er doch die Süße brauchte, und die Wasserschläuche und das Wasser darin, dass noch nach Büffel roch, und den Bach. Und mehr, mehr noch als das, und immer mehr, genug, um mich in eine Art Irrsinn zu treiben." (S. 70) Die Geschichte ist in sechs Hauptkapitel unterteilt: 1. Teil: Wie alles begann - Hier lernt man den Protagonisten kennen und so manch andere relevante Figur, wie z.B. den Leoparden. Man erhält ebenso Einblick in das Worldbuilding. 2. Teil: Die Suche beginnt - Der Auftrag wird angenommen, die Reisegefährten treffen auf aufeinander und die Reise zu dem Ort, an dem der Junge entführt wurde, beginnt. 3. Teil: Kongor - Die Stadt wo alles begann und endete. Reisegefährten verschwinden und ein neuer Gefährte betritt die Bühne, Geheimnisse werden gelüftet und doch bleibt so manches weiterhin im Dunkeln. 4. Teil: Vom Regen in die Traufe - Die Suche geht weiter, es kommt zu neuen Erkenntnissen aber auch zu neuerlichem Verrat und somit wieder zu überraschenden Wendungen. Man trifft auf alte Bekannte, während so manche Figur das Zeitliche segnet. Der Autor macht auch vor liebgewonnenen Figuren nicht Halt. Und schließlich endet die Suche. 5. Teil: Ein Lied eines Griot (vergleichbar mit Minnesängern aus dem Mittelalter), erzählt wie eine Geschichte, welche von der Rückkehr des Suchers in ein altes Dorf handelt. 6. Teil: Die Suche beginnt erneut - Fünf Jahr sind inzwischen vergangen und der Junge muss ein weiteres Mal gesucht werden. Diesmal jedoch aus einem anderen Grund und der Sucher hat sich dafür Hilfe von jemand völlig unerwarteten geholt. Dabei erhält man Einblick in die Vergangenheit und so manche Lücke wird geschlossen. "Nur einige hundert Schritte von uns entfernt erhoben sich aus einem Nebel, der so schwer war, dass er auf dem Boden ruhte, mit Bäumen so hoch wie Berge und langen Ästen, gespreizt wie gebrochene Finger. Sie kauerten zusammen, tauschten Geheimnisse aus. Ein Grün, so dunkel, dass es blau war. Die Dunkellande." (S. 309) In dieser Story ist der Protagonist umgeben von Intrigen, Geheimnissen und wilden Geschichten rund um den Jungen. Während er durch das Königreich reist wird er in blutige Kämpfe verwickelt, muss Gefahren bestehen und verliert so manchen Vertrauten. Zwischendurch wird geflucht, gevögelt und es werden viele Schädel gespalten. Der Protagonist selbst ist nicht unbedingt ein Sympathieträger, zumindest war er es für mich nicht. Er ist ein sturer Klugscheißer, der immer nörgelt und sich in Selbstmitleid suhlt. Gleichzeitig erkennt man daran jedoch seine innere Zerrissenheit und das er nicht nur auf der Suche nach dem Jungen, sondern auch nach sich selbst ist und nach einer Konstante in seinem Leben sucht. "Doch ich verbringe die meisten meiner Tage alleine und die Nächte mit Leuten, die ich am Morgen nicht sehen will. Ich gestehe, wenigstens meiner dunkelsten Seele gegenüber, dass es nichts Schlimmeres gab, als unter vielen Seelen zu sein, selbst Seelen, die man vielleicht kennt, und dennoch einsam zu sein. Ich habe zuvor schon darüber gesprochen. Männer und auch Frauen habe ich getroffen, die umgeben sind von dem, was sie für Liebe halten, und doch sind sie die einsamsten Menschen in allen zehn und drei Welten." (S. 281) Die Story beinhaltet jedoch nicht nur die Thematik der Selbstfindung, sondern auch Homosexualität, die Frau im Manne, das Ritual der Beschneidung und der Glaube dahinter, allgemein das Erwachsenwerden und die Entdeckung der Sexualität (vor allem im 1. Teil des Buches) und der Kampf zwischen Matriarchat und Patriarchat. Was mich jedoch völlig begeistern konnte war der Schreibstil des Autors, denn dieser ist für mich unvergleichbar. Der Stil ist nahezu poetisch und kommt gleichzeitig derb daher. Eine Sprachgewalt, deren Direktheit mich abstieß und zugleich einen Sog auf mich ausübte, welcher mich bis zum Ende hin nicht mehr losließ. Als hätten sich Lew Tolstoi und Irvine Welsh zusammengetan und aus einer Feder geschreiben. Atmosphärisch, bildhaft und auch detailverliebt wie Tolstoi und derb und unverblümt wie Welsh. Doch genau dieser Schreibstil spaltet die Leserschaft. Zu derb, zu brutal und ekelhaft, um nur einige Bezeichnungen wiederzugeben. Ja, es wird viel geflucht und das F-Wort benutzt. Ja, es fließt Blut und das in rauen Mengen, Ja, es wird manchmal gevögelt und vor allem Gaysex ist hier vorhanden. Doch die Szenen werden nie explizit beschrieben, manchmal sogar nur angedeutet und manchmal nahezu poetisch. Da finde ich so manchen "Erotik"-Roman wesentlich schlimmer und abwertender, was die Beschreibung von sexuellen Handlungen betrifft. "Ich durchwühlte ihre fünf Gewänder, fand ihre Koo, teilte ihre Lippen nach West und Ost und ließ meine Zunge über die kleine Seele tief in der Frau zucken, die die Ku für einen verborgenen Jungen halten, der herausgeschnitten werden muss, obgleich sie in Wahrheit jenseits von Junge und Mädchen ist." (S. 146) Alle schreien sie nach Diversity, doch sobald diese etwas derber daherkommt und nicht so weichgespült wie in so mancher Romantacy, ist die Empörung groß. Ja, es ist definitiv Geschmackssache und natürlich sind Geschmäcker verschieden, was auch aus den meisten Rezensionen durchaus hervorgeht. Das ist auch gut so! Doch gerade deshalb verstehe ich es nicht, wenn dann LeserInnen ein Buch schlecht machen, es für "abartig" halten und man sich anhören muss, dass man nicht normal ist, wenn man auf derbe Ausdrucksweise, Blut und Gemetzel in Büchern steht. Wo bleibt da die Toleranz und Liebe zur Vielfalt in der Literatur und auch untereinander, wenn man schon befürchten muss von anderen LeserInnen als "abartig und krank" betitelt zu werden, wenn man blutigen Thrillern, derben Dialogen und härteren Szenen etwas abgewinnen kann? Des Weiteren sollte einem klar sein, wenn man ein Buch aus einem Verlag wie Heyne Hardcore liest, dass hier kein Kuschelkurs gefahren wird. So manche LeserInnen hatten beim Kauf wohl nur das wunderschöne und bunte Cover vor Augen, ohne auf Verlag zu achten und/oder sich eine Leseprobe zu gönnen. Dies wird dann vor allem klar, wenn man deren bevorzugtes Genre betrachtet, welches meist im YA- oder Romantacy-Bereich angesiedelt ist. Ich muss jedoch auch zugeben, dass der Klappentext und die nähere Inhaltsangabe eine etwas weichere Fantasystory suggerieren und dies von manchen Lesern und Leserinnen falsch interpretiert werden kann. Wer also klassische Fantasy und Romantacy bevorzug, sollte die Hände von diesem Buch lassen und gönnt Euch vor Kauf unbedingt eine Leseprobe. Fazit: Mich persönlich konnte das Buch begeistern und mit sich reißen. Jedoch nicht aufgrund des Plots, sondern vor allem durch den für mich völlig neue Schreibstil, welcher eine Sprachgewalt besitzt, die mich die Luft anhalten ließ. Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gelesen. Die Atmosphäre, welche beim Lesen allgegenwärtig ist, ist dicht gewebt und entführte mich in eine afrikanische Fantasywelt und in eine Story mit tiefgründiger Thematik die ebenso mit Action und Wendungen punkten kann. Das Einzige was ich zu beanstanden habe ist, dass sich der Autor manchmal von seiner Detailverliebtheit allzu sehr mitreißen lässt und auch die Kampfszenen waren für mich langatmig, obwohl diese nicht mehrere Seiten füllen, wie bei manch anderen Büchern in diesem Genre. Dies ist übrigens der 1. Band einer Trilogie und ich freue mich jetzt schon auf die nächsten Bände. Bis dahin werde ich mir noch weitere Bücher des Autors gönnen, denn dieser hat es mit diesem Buch ganz nach oben meiner Favoriten-Liste geschafft. © Pink Anemone (inkl. Leseprobe und Autoren-Info)

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>>Komplett anders als gewohnt<< Obwohl jeder seine Vorlieben hat, ist man als Leser ja meist doch auf der Suche nach etwas Neuem, etwas, das alles vorherige in den Schatten stellt. Wenn mich jemand in dieser Hinsicht mehr als nur überraschen konnte, dann ist es Marlon James mit Schwarzer Leopard, roter Wolf. Der Stil ist von der ersten Seite an gewagt, laut und absolut überwältigend. Alles wirkte lange Zeit irgendwie verworren auf mich, aber nicht so, als wenn der Autor den roten Faden verloren hätte, sondern als wenn ich einfach noch nicht bereit wäre, die Geschichte richtig verstehen, mich darauf einlassen zu können. Es ist immer schwer Werke zu vergleichen, auch wenn ich es manchmal ganz gerne mag zu wissen, in welche Richtung eine Geschichte geht. Marlon James wird mit Größen wie George R. R. Martin und Tolkien in einem Atemzug genannt und das zu recht. Schwarzer Leopard, roter Wolf wird irgendwo zwischen Black Panther und Das Lied von Eis und Feuer eingeordnet, was der Story aber in meinen Augen nicht gerecht wird und ein falsches Bild verspricht – aber Geschmäcker sind natürlich unterschiedlich. Marlon James bewegt sich hier Meilen außerhalb der gewohnten Komfortzonen, brüllt Tabuthemen heraus und hat dadurch eine Geschichte geschaffen, die man zeitgleich lieben und hassen kann. >>Hardcore<< Dass dieses Buch unter Heyne Hardcore erschienen ist, sollte einen als Leser schon vorwarnen – wie bereits erwähnt nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund, doch das beschreibt es noch nicht annähernd. Gesellschaftskritische Themen werden in jeder Seite mit eingebunden und eine Triggerwarnung kann die Gewalt in der Geschichte nicht annähernd wiedergeben. Teilweise kann es einem willkürlich vorkommen, was mir aber nicht so erging. Es wird viel mit Sexualität, aber vor allem sexueller Gewalt gearbeitet, um auf die Macht, die dadurch ausgeübt werden kann, hinzudeuten. Der Fokus liegt hier natürlich auf der Mentalität Afrikas – was hier aber teils als Märchenhaft angekündigt wurde, schlägt manchmal in Sekundenschnelle in einen wahren Albtraum um. Marlon James schafft eine komplett neue Welt, Fantasyelemente, die ich bisher noch nicht gekannt habe und eine Welt, von der ich immer noch nicht weiß, ob ich sie annähernd erfassen kann. Durch den einzigartigen Stil, vielen verworrenen Elementen und all der Gewalt kann ich absolut nachvollziehen, dass viele Leser nichts mit dem Werk anfangen können. Wer aber merkt, dass auch nur ein Funke Interesse aufkeimt, sollte sich aber auf jeden Fall an dieser Geschichte versuchen und wer weiß, vielleicht entdeckt ein weiterer Leser eine Welt, die er sich niemals hätte erträumen können. FAZIT Marlon James hat mich mit seinem Werk Schwarzer Leopard, roter Wolf mehr als nur überrollt. Die Story hat mich geschockt, tief erschüttert, mitgerissen und wird mir so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen. An Brutalität und Gewalt kaum zu übertreffen und dennoch konnte die Geschichte ihren ganz eigenen Zauber auf mich wirken – wahrlich einzigartig!

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Inhalt: Keine Aufgabe kann so schwer sein, dass man am Ende gefrustet die weiße Fahne schwingt …. Oder doch? Genau mit dieser Einstellung geht Sucher als Jäger an seine Aufträge heran und doch muss er feststellen, dass sein neuer Auftrag alle von ihm fordert und das was er geben kann vielleicht nicht genug sein könnte. Auf der Spuren eines Dreijahre alten Vermisstenfall, begibt sich Sucher auf die Fährte eines Jungen in eine Welt, die unwirklicher, gefährlicher und magischer nicht sein könnte. Wird es ihm gelingen den Jungen zu finden und die Welten so zu retten? Meinung: Vorgewarnt von den anderen Rezessionen und Meinungen der Leser dieses Fantasy-Epos, war ich einfach sehr neugierig und wollte mir daher selbst eine Meinung zu diesem Buch bilden. Es filterte sich nach einigen Kapiteln und etlichen Ereignissen schnell heraus, dass es sich um Fantasy der „besonderen Art“ handelt und auch weshalb sich die Gemüter so streuen. Brutaler, magischer und gänsehauterzeugender Fantasie erwartete mich und auch wenn ich eher mit einer gewissen Abneigung einiger der Ereignisse betrachtete, so war ich nicht so sehr angewidert, dass ich nicht weiterlesen wollte. Mehrfach geschluckt und den Ekel verdrängt, hatte auch diese Geschichte ihr Vorzüge und überzeugte mit Fantasie und Spannung. Bei diesem Buch kann ich definitiv verstehen, weshalb sich die Meinungen in sämtliche Richtungen verstreuen, und auch wieso Entsetzen und Begeisterung so weit voneinander entfernt sind und nicht zueinander finden. ( zum Glück ) Klar viel es auch mir nicht leicht über manche Dinge und sehr strange Themen einfach so hinwegzusehen und es blieb so auch nicht aus, dass ich mich und meine Meinung/Einstellung zu dem Buch hinterfragte. Doch muss ich sagen, dass ich von einem Buch aus dem Heyne Hardcore Verlag nichts anderes erwartet habe und ich denke, dass der Verlag in diesem Reihenauftakt etwas verborgenes gesehen hat, was unser eins vielleicht verborgen bleibt, wenn man nicht hinter die düsteren Schatten blickt, die dieses Buch absolut vereinnahmen. Absolut gelungen ist der Mix aus Spannung, Fantasie und dem afrikanischen Flair, der bei der Handlung mitschwingt. Mythen und Geschichten werden zu einem realistisch - fiktiven Gemisch und haben mich sehr mitgerissen. Dennoch muss ich gestehen, dass dieses Buch mich nicht ganz losgelassen und somit auch nachdenklich gestimmt hat. Viel schwere Kost und Themen, die eigentlich in die Tabu-Schublade gehören, werden hier aufgegriffen, und wenn solche Themen einen nicht mitnehmen, dann weiß ich auch nicht. Fazit: Für meinen Teil kann ich nur sagen, dass ich sehr froh bin, dass ich mich nicht von den kritischen Stimmen habe abschrecken lassen und auch die Mut gefasst habe trotz umstrittener Themen mich der Geschichte anzunehmen, denn wenn man sich von der düster-magischen Stimmung mitreisen lässt und mehr als ein Auge zudrückt, erlebt man einen Fantasy-Epos der extrem besonderen Art.

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„Man sagt, du habest eine Nase.“ Sucher ist ein Verlorener. Von zuhause ausgestoßen gibt es kaum einen Ort, an den er gehen kann, denn als Angehöriger des Flussstammes ist er bei den benachbarten Gangatom nicht gern gesehen. Als er durch Zufall in einem kleinen Dorf auf seinen Onkel trifft und sich mit einem Jäger auf den Weg in den Dschungel macht, trifft er auf eine Sangoma – eine Hexe, die in ihm mehr sieht, als nur einen jähzornigen jungen Mann. Geschützt durch ihren Zauber können ihm Schwerter, Dolche und Äxte nichts anhaben und so macht sich Sucher, nach einem schweren Schicksalsschlag, dazu auf, seine Nase in die Dienste reicher Leute zu stellen. Als ein Sklavenhalter von ihm erfährt, zögert er nicht, Sucher und einige weitere Söldner auszuschicken, um nach einem Jungen zu suchen, der ihm gestohlen wurde. Doch bereits nach kurzer Zeit ist nicht nur Sucher klar, dass der Junge mehr ist als nur ein Kind … Meine Rezension enthält teilweise Spoiler – weniger zur Geschichte selbst, als vielmehr der Welt und den Wesen, die diese bevölkern. Doch ich denke, dass gerade bei diesem Roman, der eindeutig nicht jeden erreichen kann, eine gewisse Vorkenntnis von Nöten ist. „Meine Mutter darf das ganze Buch bis auf zwei Seiten lesen“, sagt Marlon James in seinem Nachwort. Da stellte sich mir doch kurz die Frage, ob seine Mutter nicht zwei Seiten des kompletten Werkes lesen darf, denn Marlon James nimmt – um es freundlich auszudrücken – kein Blatt vor den Mund. Es wird nicht nur fast im Vorbeigehen gemordet, sondern auch Vergewaltigt und gefoltert. Die Welt, in die wir eintauchen – und bei mehr als 800 Seiten ist es eine sehr große Welt – ist nicht nur grausam: sie ist dramatisch brutal. Sucher befindet sich nicht auf der normalen Seite des Lebens, in seinem Geschäft sind Misshandlungen normal, weshalb wir auch in keiner Seite etwas über die wirtschaftlichen Verhältnisse in Ngiki (wie die Welt, so denke ich, heißt) oder den Nordlanden (in denen Sucher lebt). Auch über die politischen Verhältnisse werden wir lange im Dunkeln gelassen und erfahren erst sehr spät, wer und weshalb König ist und wer mit wem im Krieg liegt (wobei man beizeiten denken möchte: jeder mit jedem!). Auch das Magiesystem dieser Welt ist grausam: Hexen und Hexer erhalten ihre Macht durch das Töten und Verstümmeln von Säuglingen (was nicht als tatsächliche Handlung geschieht, aber deutlich erklärt wird) und Vampire saugen nicht nur Blut, sondern vergewaltigen ihre Opfer und zerstören deren Seele und Verstand. In jeder Ecke herrscht Verzweiflung, Hass, Verrat … Und doch? Schwer zu erklären. Denn die ersten einhundertfünfzig Seiten waren beinah eine Qual. Die Brutalität der Welt und der innere Hass, mit dem Sucher zu kämpfen hat (und denkt nicht, das würde sich geben, nein, Sucher wird zu keinem sympathischen Charakter – nicht davor und nicht danach), haben mir schwer zu schaffen gemacht. Doch dann … entfaltet sich die Welt. Der Handlungsort weitet sich, die Nordlande erscheinen vor dem inneren Auge, die Städte – Malakal, eingeschlossen von mehreren Kreisen aus Schutzmauern, nach oben gebaut, um Platz zu sparen oder Dolingo, in den Bäumen schwebend und von unsichtbaren Mechanismen am Laufen gehalten – und die magischen Wesen – Omoluzu, die durch Blut gerufen werden und an der Decke gehen, als wäre es ihr Boden oder die Bunshi, die ihren Brustkorb aufbrechen und ein Kind darin verbergen kann – sind absolut einzigartig. Wir kennen alle die klassischen Fantasiewesen: Oger und Orks, Elfen und Feen, Zwerge und Halblinge – doch wer von euch kennt die Geschwister Asabonsan und Sasabonsan, zwei Wesen, von denen eines von Blut und das andere vom Fleisch ihrer Opfer leben? Das einweben dieser eindeutig afrikanischen Mythologie (wobei ich nicht weiß, in wie weit sich Marlon James von „tatsächlichen“ Sagen und Legenden hat beeinflussen lassen und wie viel seiner eigenen Vorstellung entspringt) ist so frisch und neuartig, dass es mich – ja, das kann ich so sagen – absolut begeistert hat. Dass die Geschichte dann nach dem ersten Viertel richtig an Fahrt auf nimmt, tat natürlich ihr übriges. Kommen wir nun zum Schreibstil. Welcher schonungslos ist. Wie weiter oben erwähnt frage ich mich, ob Marlon James wirklich seiner Mutter so viele vulgäre Ausdrücke zumuten würde – oder ob sie ihm nicht bereits nach Seite fünf den Mund mit Seife ausgewaschen hätte. Marlon James ist kein Clive Barker, der die große Brutalität seiner Romane in eine wunderbare Sprache verpackt und kein Colson Whitehead, der mit wenigen Worten große Geschichten umreißt: James will eindeutig polarisieren. Und das ist mein größter Kritikpunkt. Denn ich denke, dass der Autor absichtlich so vulgär schreibt, um den Leser zu schockieren – und das ist etwas, das mir nie zusagt. Denn liegt nicht viel größeres Können darin, den Leser mit sanften Worten das absolute Grauen näher zu bringen? Ein weiteres Problem für potentielle Leser könnte die James‘ Art sein, bestimmte Handlungsstränge nur anzuschneiden. Oftmals bleiben Dinge unausgesprochen und dem Leser – egal, wie aufmerksam er der Geschichte folgt und glaubt mir, nebenbei lesen bei diesem Roman ist nicht – somit ein großer Interpretationsspielraum. Nicht nur einmal stellte ich mir die Frage: was genau ist hier passiert?, nur um kurz darauf noch einmal zehn Seiten zurück zu blättern und erneut zu lesen. Das kann manchmal gut sein – ich liebe es, wenn Autoren mir nicht alles vorkauen – manchmal aber auch anstrengend. Zum Schluss seien wir ehrlich, oder? Dieses Buch ist grausam und wunderbar, vulgär und phantasievoll, überladen und spannend und noch so viel mehr – und ich bin absolut froh, es gelesen zu haben. Doch du, lieber potentieller Leser, sei dir bewusst, worauf du dich einlässt. Es wird wehtun, es wird dich anwidern, aber vielleicht wird es dich auch – so wie mich – ein bisschen verzaubern und deinen Horizont für all die Fantasy-Autoren öffnen, die nicht den ausgetretenen Wegen folgen.

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Einige Rezensenten haben schon bemängelt: Das sei keine richtige Fantasy. Auf die Idee könnte man kommen. Vom ersten Satz an entwickelt Schwarzer Leopard, roter Wolf einen erzählerischen Sog, der eher an Romane Ngugis, Marquez‘ oder Ben Okris erinnert. Kein Wunder, Autor Marlon James ist zuvor mit dem hervorragenden A Brief History of seven Killings in Erscheinung getreten. Schwarzer Leopard, roter Wolf kennt keine Exposition, kein World-Building im tolkienesquen Sinne, stattdessen eine Stimme, die Geschichte auf Geschichte türmt, und aus der sich erst langsam die Geschichte des „Suchers“ schält, des bisexuellen Ich-Erzählers, der nach dem Glauben seines Dorfes weibliche und männliche Merkmale in sich trägt, weil er die Mannbarkeitsrituale verpasst hat und nicht beschnitten wurde. Fantasy und Klassifizierungswut Nur durch die Augen dieser Figur, als deren große Fähigkeit sich bald eine besonders feine Nase herausstellt, und die nach diversen kleineren Aufträgen schließlich gedrängt wird, einen Jungen aufzupüren, der vor drei Jahren spurlos verschwand, lernen wir die lose auf verschiedenen Mythen und geographischen Örtlichkeiten des östlichen Afrikas basierende Welt kennen, die mit allerlei magischen Wesen, viel Gewalt, explizitem Sex und vor allem einem erzählerischen Bilderreichtum aufwartet, der sich vor den besten Momenten Rushdies nicht verstecken muss. Eigentlich ist alles da. Magische Parallelwelt, Heldengeschichte, ungewöhnliche Städte, Reisen durch Wildnis. Warum spricht mancher Schwarzer Leopard, roter Wolf dennoch ab, „Fantasy“ zu sein? Ich kann es durchaus nachvollziehen. Besonders die High Fantasy hat uns daran gewöhnt, das Fantastische ganz im Sinne der verwalteten Welt zu denken. Es gibt Rassen und Klassen, und eine wohldefinierte Magie, die gewissen Regeln folgt, kurz, dass Fantastische ist von Tolkien über diverse RPGs bis Martin stärker durchsystematisiert als ein typischer Tag in einer deutschen Kleinstadt. Und auch wenn Fans an dieser Stelle gern widersprechen: Sogenannte Low Fantasy und Urban Fantasy weichen da stellenweise zwar von ab, gehen aber höchst selten wirklich einen ganz anderen Weg. Chaos als Prinzip Schwarzer Leopard, roter Wolf aber geht diesen Weg. Seine Welt funktioniert eher wie die des magischen Realismus, sie ist chaotisch, wird mit allen Mitteln der literarischen Moderne als chaotische „visualisiert“, und ihre Magie ist ungezügelt, gleichzeitig kaum greifbar und doch immer und in jedem Moment Teil der Welt. Aber auch die Schublade „magischer Realismus“ greift nicht, denn jener zeichnet sich ja gerade durch das enge Arbeiten an der realen Weltgeschichte aus, die durch magische Momente mit symbolischer Bedeutung gebrochen wird. Meist lässt Magisches sich sowohl übersinnlich als auch (kollektiv) psychologisch lesen. Schwarzer Leopard, roter Wolf aber spielt in einer ausgearbeiteten Parallelwelt. Klar IST das Fantasy, aber eben in einem Sinne, der gleichzeitig Genre-Zuordnungen bedeutungslos werden lässt. Starker Fokus auf Sex und Gewalt Zuletzt einige Schwächen: Was Kämpfe betrifft merkt man Marlon James die Faszination für klassische Fantasy an, hier sinkt das erzählerische Niveau regelmäßig – zumindest in der deutschen Übersetzung – ab, bis hin zu einigen Sätzen, für die man sich schämen möchte, wie etwa „Einer griff mich mit Schwertkunst an“ (S. 31). Das Ausmaß der Welt wirklich fühlbar zu machen, gelingt James nicht. Der Held ist zu stark, wenn er stark ist, und plötzlich schwach, wenn es der Plot verlangt. Die Reise von Stadt zu Stadt wird teilweise lapidar in Sätze gepackt wie, „Ich ging nach XY“, – man bedenke, durch unwegsame Wildnis voller Gefahren. Und trotzdem ist der Roman zu lang. James will zu viel erzählen, verliert sich dann auch noch in seinen Kampfszenen und Beschreibungen, so dass nach 800 Seiten gerade erst ein Drittel der Geschichte fertig erzählt ist, denn dem Plan nach handelt es sich um eine Trilogie. Da kann dann gerade der sprachliche Sog, der am Anfang so an das Buch fesselt, mit der Zeit auch ermüden. Zu viel Überbordendes wirkt irgendwann redundant. Und meine Fresse: Ich glaube ich habe noch nie in einem Roman so oft das Wort „ficken“ gelesen. Es steht mindestens einmal auf jeder Seite. Zwar spricht James über Sinnlichkeit, die in der Literatur oft zu kurz komme. Doch nein: Fast aller Sex ist hier gewaltsam, vieler nicht-konsensuell. Zahlreiche Nebencharaktere sind nur dazu da, vergewaltig zu werden. Eine Zeit lang akzeptiert man das als die generelle „Düsternis“ der Welt. Mit der Zeit wirkt es nur noch pubertär. James soll ein großer Fan von Mervyn Peaks Gormenghast sein. Dort könnte man sich abschauen, dass düster und beklemmend auch ohne dauerndes Blutvergießen und Vergewaltigungen geht.

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>>Ein gefährliches, halluzinatorisches, vergangenes Afrika als Fantasywelt...<< „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ von Marlon James ist definitiv alles andere als konventionell... es ist sehr brutal, kalt, verwirrend, erschreckend, verstörend und doch voller Wortkraft und einer wie ich finde sehr bunten und anziehenden Welt. Das Buch ist ein ziemlich dicker Leseschicken und bedarf definitiv die ganze Aufmerksamkeit des Lesers. Nebenbei konnte ich das Buch folglich nicht lesen. Dafür musste ich mir wirklich Ruhephasen nehmen, damit ich eben abtauchen und mich auf Marlon James Erzählung einlassen konnte. Manchmal war das ehrlich gesagt nicht ganz einfach und ich fand mich des öfteren etwas zerrissen zwischen beeindruckt und völlig schockiert wieder. Der Fantasy-Aspekt wurde hier für meinen Geschmack sehr schön mit den afrikanischen Einflüssen inszeniert. Neben der Zerrissenheit waren es viele bunte und magische Bilder, die meine Lesezeit so begleitet haben. Für mich persönlich war dieses Buch definitiv sehr besonders, wenn auch auf brutale Art und Weise. Ich habe die Lesezeit mit diesem Buch genossen und es wird definitiv ein Buch bleiben, was mir noch eine ganze ganze Weile gedanklich nachhängen wird, denn Marlon James konnte mich als Leser brutal tief und gewaltig treffen. Ich bin gespannt, was die weiteren Bände dieser Trilogie bereit halten werden und ich werde ganz sicher nicht umhin kommen sie zu lesen! Ich kann das Buch definitiv empfehlen, allerdings mit der Warnung, dass es wirklich wortgewaltig und mitunter sehr brutal ist! Für Leser unter 18 Jahren würde ich es nicht empfehlen! Ich denke man sollte sich gegebenenfalls vorher auch mal eine Leseprobe anschauen, denn Marlon James Stil ist doch sehr besonders und speziell, das wird Liebhaber begeistern, aber auch sicher ab Abneigung stoßen.

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