Leserstimmen zu
Stella

Takis Würger

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Dieses Buch hat mich so beeindruckt, dass ich vom Lesen bis zur Rezension einige Tage brauchte, um meine Gefühle dazu zu ordnen. Die Schreibweise des Autors gefällt mir sehr gut, zieht sie doch den Leser in den Bann der damaligen Zeit und die Geschichte lässt einem beim Lesen spüren, wie kalt und unmenschlich diese Zeit war und wie sich die jungen Menschen nach Liebe und Geborgenheit gesehnt haben. Die Geschichte wird in mehreren Erzählsträngen beschrieben. Sie verbindet echte Ereignisse und Personen mit fiktiven Romanfiguren und Geschehnissen. Am Anfang jedes Kapitels steht eine Zusammenfassung der aktuellen Nachrichten an dem jeweiligen in der Geschichte vorkommenden Tag und wird beendet mit Zeugenaussagen des Verrats von jüdischen Mitbürgern, die sich vor den Faschisten versteckt hielten, und deren Schicksal. Eine der Hauptpersonen ist der 19jährige Schweizer Friedrich, aus reichem Elternhaus, der aber immer auf der Suche nach elterlicher Liebe ist und sich selbst als schwachen Menschen sieht. 1943 mitten im 2. Weltkrieg beschließt er nach Berlin zu fahren. Er hat davon gehört, dass dort Juden in Möbelwagen in Lager abtransportiert werden, kann es aber nicht glauben. Auch möchte er an einer Kunstschule ein Studium beginnen, trotz seiner Farbenblindheit. So mietet er in in einem Luxushotel in Berlin ein Zimmer. Stella, nach der der Roman benannt ist, ist eine Romanfigur, die im wahren Leben Stella Goldschlag hieß ( über ihr wahres Schicksal erfährt der Leser mehr am Ende des Buches). Ihr begegnet Friedrich in der Kunstschule, wo sie Model sitzt. Es ensteht eine zarte Liebe, die beide fast den Krieg und die Faschisten vergessen lässt. Doch Stella umgibt ein Geheimnis, das Friedrich trotz aller Bemühungen nicht enträtseln kann...bis zu dem Tag, als sie plötzlich blutend und geschunden an seine Hoteltür klopft, nachdem sie einige Tage spurlos verschwunden war. Die dritte Person ist eine fiktive Figur, Tristan von Appen, mit der Friedrich glaubt einen echten Freund gefunden zu haben. Jedoch muss er erkennen, fast zu spät, dass dieser ein SS Mann ist, der sich zwar kultiviert gibt, aber ein Mensch ohne Gewissen ist und für den besonders die Juden Unmenschen sind, die es auszurotten gilt. Stella, die von den Nazis aufgefordert wird, jüdische Menschen, die sich vor den Faschisten verstecken, zu verraten, um ihre Eltern vor dem Transport in ein Vernichtungslager zu bewahren, wird zur Marionette des Holocaust. Wie wird Friedrich mit dieser Erkenntnis umgehen? Wird er seinen Weg im Leben finden oder wird auch er ein Mitläufer der Nazis? Mit diesem Roman wird die Unmenschlichkeit des Faschismus dargestellt. Es zeigt auf, dass auch schon junge Menschen zu Mittätern geworden sind in einem Vernichtungskrieg, der Millionen Opfer gefordert hat. Der ganze Wahsinn, das sogar Juden von Juden verraten worden sind und sich durch den Verrat auch oft nicht retten konnten, sondern genau wie die von ihnen verratenen Opfer in den Gaskammern gelandet sind - darf und soll nie vergessen werden. Dazu wird dieses Buch einen großen Beitrag leisten.

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Über den Roman „Stella” von Takis Würger gab es eine riesige Literaturdebatte und aus diesem Grund wollte ich wissen, was wirklich hinter dem Buch steckt. Erzählt wird das Buch in mehreren Erzählebenen. Jedes Kapitel beginnt mit einer historischen Einordnung des Zeitgeschehens. Dazu gibt es die Sicht von Friedrich, dem fiktiven Charakter des Buches und am Ende jedes Kapitels gewährt der Autor uns Zugriff zu echten Zeugenaussagen. Der Schreibstil von Takis Würger, ist, wie auch schon in seinem Debüt, sehr nüchtern, distanziert und wertfrei (man bildet sich selbst eine Meinung). Kurze Sätze, die sich aneinanderreihen. Anfangs ist das etwas gewöhnungsbedürftig - ich persönlich mag seinen Schreibstil aber sehr. Geschildert in einer fiktiven Liebesgeschichte, erfährt man als Leser mehr über die reale Stella Goldschlag. Eine Jüdin, die sich als solche nicht gesehen hat und im zweiten Weltkrieg in Berlin lebte und als „Greiferin” für die Gestapo arbeitete. Im Roman verliebt sie sich in den naiven Friedrich, der sein Leben im Luxushotel genießt und dabei vollkommen vergisst, weshalb er überhaupt in die Hauptstadt gereist ist. Friedrich ist blind vor Liebe, stellt nichts in Frage und kann der Wahrheit nicht ins Auge sehen. Meiner Meinung nach war er zu oberflächlich und naiv dargestellt. Ich hätte mir gewünscht, mehr über ihn und seine Kindheit zu erfahren (da diese am Anfang eine große Rolle spielt) - vielleicht hätte man dann auch eher nachvollziehen können, warum er vor vielen Dingen die Augen verschließt. Zu der Handlung möchte ich eigentlich gar nichts sagen. Meiner Meinung nach sollte man unvoreingenommen an das Buch rangehen und beim Lesen nicht vergessen, dass es eine fiktive Geschichte gepaart mit wahren Elementen ist. Nach dem Lesen habe ich sehr viel recherchiert und mich mit dem Thema mehr auseinandergesetzt und finde die Kritik an dem Buch teilweise gerechtfertigt. Es behandelt ein sehr sensibles und komplexes Thema und daher würde ich jedem empfehlen, sich nach dem Buch nochmal über die „echte” Stella Goldschlag zu informieren. Dazu kann ich euch auch den „Stories”-Podcast mit der Folge mit Takis Würger sehr ans Herz legen. Schlussendlich finde ich ist „Stella” ein unterhaltsamer und gut geschriebener Roman über ein sehr sensibles und komplexes Thema, über das ich immer noch viel nachdenke. Ich empfehle euch ohne Vorwissen an dieses Buch ranzugehen und zu berücksichtigen, dass es eine fiktive Geschichte mit wahren Elementen ist. Wer sich aber richtig mit dem Holocaust auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich das Buch nicht.

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📖 𝚂𝚝𝚎𝚕𝚕𝚊 🔎 𝚃𝚊𝚔𝚒𝚜 𝚆𝚞̈𝚛𝚐𝚎𝚛 🔎 KT: Es ist 1942. Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: "Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt." Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt: Wird sie, um ihre Familie zu retten, untergetauchte Juden denunzieren? Eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht - über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe. 🖍 Teile dieses Buches basieren auf einer wahren Geschichte ! Es ist in recht kurze Kapitel eingeteilt und wird zwischendurch durch Gerichtsprotokollauszüge unterbrochen. Mir gefielen die aktuellen Meldungen des Monats immer besonders gut, die eben zu diesem Datum in der Welt in die Geschichte eingingen (Geburtstage wichtiger Politiker zb, Fußballnationalmannschaftsergebniss im Berliner Olympiastadion, Luftangriffe auf London im Juni '42 usw) ! Dieses Buch beschreibt die Liebesgeschichte einer Frau, die unmenschliches tat, um am Ende ihre eigene Haut und ihre Familie zu retten! Mit dem Schreibstil musste ich mich erst vertraut machen. Die kurzen , aber intensiven Sätze waren am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig ! Dennoch, ein wirklich interessantes historisches Buch ! Zitat : „Berlin ist ein Ort, an dem sogar Friseure sagen, was sie denken“!

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Polarisierend

Von: Christiane

10.03.2019

Als Friedrich nach Berlin kommt, hat er keine Ahnung was ihn erwartet, geschweige denn wonach genau er sucht. Mit Sicherheit aber rechnet er nicht damit auf eine Frau wie Kristin zu treffen, unerschrocken, offenherzig und bereit für Abenteuer. Allerdings hütet sie ein Geheimnis, dass sie Friedrich erst eröffnet, als er ihr schon hoffnungslos verfallen ist. Wird es trotz allem eine Zukunft für die zwei Liebenden geben? „Stella“ ist zweifelsohne ein Titel, der mehr als kontrovers diskutiert wurde und wird. Die Frage, die sich immer wieder stellt: Was darf Kunst und welche Thematik darf der Unterhaltung dienen? Doch muss man ebenso bedenken, dass Takis Würger mitnichten für sich beansprucht einen Tatsachenbericht verfasst zu haben. Natürlich lebt die Geschichte von der Mischung aus belegbaren historischen Fakten und einer rein fiktiven Geschichte, doch sollte ebenfalls deutlich werden, worauf tatsächlich der Fokus des Geschehens liegt. Man stelle sich vor, der Autor hätte sämtliche Hinweise auf den Holocaust verschwiegen, den Krieg wegrationalisiert, dann wären ebenso Stimmen laut geworden, die Kritik geübt hätten. Entsprechend bezieht diese Besprechung sich rein auf den künstlerischen Aspekt, der auf den ersten Blick zeigt, dass der Autor sein Handwerk versteht. Er schafft es, den Hörer sogleich für sich einzunehmen, indem er zunächst Friedrichs Werdegang skizziert, bevor es überhaupt zu der verhängnisvollen Begegnung in Berlin kommt. Auch wenn die ein oder andere Passage etwas zu langatmig daher kommt, so wird man doch hineingezogen in ein Geschehen, das im weiteren Verlauf mit einigen Höhen und Tiefen aufwartet, gleichzeitig aber auch durchaus Überraschungsmomente bereit hält. Trotz der bedrückenden Atmosphäre auf Grund der vorherrschenden Ereignisse möchte man einfach wissen wie und ob es mit dem doch eher ungleichen Paar weitergeht. Vieles ist denkbar, und doch ergibt nur der erzählte Verlauf schlussendlich Sinn. Gelesen wird die Geschichte von Robert Stadlober und Valery Tscheplanowa, wobei Stadlobers Part deutlich überwiegt. Dennoch ist das Zusammenspiel beider Stimmen sehr gut gelungen und in sich eine runde Sache. Der Hörer kann sich auf die Charaktere einlassen und erschafft sich ein lebendiges Bild vor dem inneren Auge, auch von Begebenheiten außerhalb des eigentlichen Blickfeldes. Bleibt zu hoffen, dass Würger, der bereits mit seinem Debüt „Der Club“ ordentlich punkten konnte, sich nicht von den Kritikern verunsichern lässt, sondern Lesern und Hörern noch weitere, möglicherweise gleichsam polarisierende, Werke beschert.

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Wahr

Von: Nicole Globke aus Herten

27.02.2019

Ich habe dieses Buch begonnen und war erst nicht sehr angetan. Wie Daniel Kiehlmann auf der Rückseite schreibt: "(...) Man beginnt dieses Buch mit Skepsis, man liest es mit (...) Erschrecken, (...)" So habe ich mich auch gefühlt. Auch im Nachwort beschreibt eine Aussage es sehr treffen: "Du schreibst, dass als ob du keine Gefühle hast." Es ist wie Bericht geschrieben und mir etwas langweilig. Aber es ist so gewollt und so gut.

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"Andere sehen die Dunkelheit. Ich sehe die Schönheit."

Von: Travel Without Moving

27.01.2019

"Andere sehen die Dunkelheit. Ich sehe die Schönheit." (CD 2, Track 5) Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als ich während meines Studiums erstmals im Detail vom Milgram-Experiment gehört habe. Nach der Präsentation des Versuchsaufbaus und der Ergebnisse wurde im Hörsaal aufgeregt diskutiert, und viele der anwesenden Psychologie-Studenten waren der Meinung, sie würden ganz anders reagieren, sie würden den anderen Versuchsteilnehmern keine gefährlichen Stromstöße verpassen, sie würden sich wehren und dem Versuchsleiter sagen, dass sie ein solches Vorgehen ethisch nicht vertreten könnten. Ich war schon damals der Meinung, dass solche Situationen aus der Entfernung schlecht eingeschätzt werden können, und dass auch gute Menschen unter bestimmten Bedingungen schlimme Dinge tun, die sie sich im Vorfeld vielleicht selbst nicht zutrauen würden. Mit einer solchen Meinung möchte ich Gräueltaten nicht herunterspielen oder verharmlosen, sondern lediglich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass man nicht wissen kann, wie man unter Druck, aus Angst oder aus x anderen Gründen tatsächlich reagiert, wenn man mit einer Ausnahmesituation konfrontiert wird. Wer sich mehr für dieses Thema und damit verbundene Forschungsergebnisse interessiert, dem lege ich das wunderbare Buch ‚Der Luzifer-Effekt. Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen‘ von Philip Zimbardo ans Herz. Unter diesen Gesichtspunkten habe ich ‚Stella‘ angehört. Eigentlich hatte ich das Buch gar nicht auf dem Schirm, obwohl ich mich für das Dritte Reich und die Shoa interessiere. Vielleicht war das so, weil ich Takis Würgers Erstling ‚Der Club‘ noch nicht kenne, oder weil ich mich noch nie mit dem Leben von Stella Goldschlag beschäftigt hatte. Letztendlich haben mich jedoch die kontroversen Besprechungen des Buches neugierig gemacht, so dass ich schließlich das Hörbuch gehört habe. Um es kurz zu machen: Mir hat ‚Stella‘ gut gefallen, und ich verstehe die Aufregung um das Buch sowie die massive Kritik am Roman, am Autor und am Verlag nicht recht. Ich empfand das Buch nicht als kitschig, nicht als verharmlosend und nicht als eine unerlaubte Art und Weise, wie man über die Shoa sprechen darf. Vielmehr zeigt Würger in seinem zweiten Buch, dass das Leben komplexer ist als die simple Einteilung in gut und böse, schwarz und weiß, Opfer und Täter, richtig und falsch. Und weil Dinge komplex sind, darf es meiner Meinung nach auch ein solches Buch geben. "Ich weiß nicht, ob es falsch ist, einen Menschen zu verraten, um einen anderen zu retten. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, einen Menschen zu verraten, um einen anderen zu retten." (CD 4, Track 16) Vollends begeistern konnte mich ‚Stella‘ dennoch nicht, was sicherlich an der langen Einführung in die Geschichte lag, wo der Hörer viele Informationen über Friedrich und seine Familie erhält, die zwar nicht uninteressant sind, die ich in dieser Ausführlichkeit aber nicht als sonderlich relevant für die Geschichte empfand. Sobald Friedrich im kriegsgebeutelten Berlin eintrifft und Stella, die sich zu der Zeit noch Kristin nennt, kennenlernt, hat mich das Hörbuch mitreißen können. Die Einschübe von historischen Dokumenten haben mir gut gefallen, und diese tragen meiner Meinung nach sehr zur Spannung bei. Auch die Stimmung im Berlin der 1940er Jahre wurde vom Autor hervorragend eingefangen, und die Sprecher Robert Stadlober und Valery Tscheplanowa geben der Geschichte die passende Intonation. ‚Der Club‘ von Würger liegt schon recht lange auf meinem Hörbuch-Stapel, und nachdem ich ‚Stella‘ fertiggehört habe, bin ich noch gespannter auf Würgers Erstling als ohnehin schon. Takis Würger: Stella. Ungekürzte Lesung mit Robert Stadlober und Valery Tscheplanowa. Random House Audio, 2019; 20 Euro.

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Berlin zur Zeit des Zweiten Weltkrieges und Friedrich, ein leicht blauäugiger junger Schweizer, mittendrin. Er erlebt, was das Naziregime mit den Menschen und der Stadt macht. Doch er erlebt nicht die wirklich harten Seiten, denn er ist geschützt durch seinen schweizerischen Pass und dem Geld, welches er von zu Hause zugeschickt bekommt. Er lernt über die Kunstschule Kristin (Stella) kennen und lieben und doch weiß er nichts über sie. Sie verbringen Zeit miteinander und Stella erlebt durch ihn Luxus, Essen und Champagner, aber sie hat auch eine dunkle Seite und große Angst davor, dass sie entdeckt wird. Valery Tscheplanowa liest die dunkle Seite vor. Prozessakten, die den Verrat von etlichen Juden durch Stella Goldschlag beschreiben. Sie hat Juden in Berlin aufgespürt und an die Nazis verraten, um sich und ihre Eltern zu schützen. Sie hoffte so dem Lager zu entkommen und vorallem den Krieg zu überleben. Friedrich erfährt von ihrem Verrat und muss nun entscheiden, ob er dies akzeptieren und verkraften kann. Es ist eine Mischung aus fiktiver und realer Geschichte, welche manchmal etwas trocken und zu nüchtern ausfällt. Die Liebesbeziehung zwischen Friedrich und Stella war für mich nicht greifbar und wirkte aufgesetzt. Der geschichtliche Aspekt war traurig und beklemmend, vorallem der Part von Valery Tscheplanowa. Zur gleichen Zeit während ich das Hörbuch hörte, kam auf ARD der Film "Die Unsichtbaren", der sich ebenfalls mit diesem Thema auseinandersetzte und auch Stella Goldschlag taucht in dieser Geschichte auf. Beides zusammen lohnt sich anzuhören bzw. anzusehen.

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Dieses Buch scheint in aller Munde zu sein. Würgers Stella hat in den Augen des deutschen Feuilletons die altbekannte Debatte "Was darf Literatur?" wieder aufkeimen lassen. Meiner Ansicht nach völlig unverständlich, handelt es sich doch um ein Buch, das weder verunglimpft, noch verschweigt. Wir folgen darin dem jungen Schweizer Fritz Anfang der 40er Jahre, der sich auf die Suche nach der Wahrheit begibt. In Gerüchten ist ihm zu Ohren gekommen, dass in Deutschland Juden in LKWs gepfercht und danach abtransportiert werden. Wohin, das weiß keiner so genau. Deswegen reist er selbst nach Berlin, wo er die junge Christin kennenlernt und sich kurz darauf in sie verliebt. Doch Christin ist nicht die, für die sie sich ausgibt. Ich muss gestehen, dass ich anfangs gar keine Ahnung hatte, dass die Geschichte teilweise auf wahren Begebenheiten beruht. Hinter Christin alias Stella verbirgt sich die Jüdin Stella Goldschlag, die in Zeiten des dritten Reichs andere Juden köderte und an die Gestapo verriet. Harter Tobak, bis dahin aber noch nicht verwerflich. Das, was den meisten Kritiker*innen wahrscheinlich ein Dorn im Auge ist, ist die Liebesgeschichte, die Würger drumherum spinnt, denn dabei handelt es sich um reine Fiktion. Fritz, von Stella so eingenommen, findet sich bald in der unausweichlichen Situation wieder, dass er seine Ahnungen nicht mehr ignorieren kann und der Wahrheit ins Auge sehen muss. Die Frau, die er liebt, ist eine Verräterin, die fast täglich Menschen in den Tod schickt. Das Hören von Stella hat mich fasziniert und auch ein wenig zerrüttet zurückgelassen. Einen sanftmütigen Protagonisten zu erschaffen, der die Wahrheit hinter den Schrecken des deutschen Antisemitismus mit eigenen Augen sieht, war einerseits ein cleverer Schachzug. Andererseits merkt man als Leser*in/Hörer*in schnell, dass Fritz nur ein Mittel zum Zweck ist und an eigener Geschichte kaum beizutragen hat. Trotzdem fand ich diese Perspektive gut gewählt, da sie uns einen, wenn auch fiktiven, Einblick ermöglicht, den ich so in Büchern zum Thema noch nie gelesen habe. Da mir vor allem die Lesung von Robert Stadlober und Valery Tscheplanowa gefallen hat und ich nicht sagen kann, ob mir das Selbstlesen auch so zugesagt hätte, spreche ich hier in erster Linie eine Empfehlung für das Hörbuch aus.

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