Leserstimmen zu
Der Tag X

Titus Müller

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17. Juni 1953

Von: Eliza

12.03.2017

Meine Meinung: Schon seit längerem bin ich ein Fan von Titus Müller, er schreibt für mich historisch fundierte Romane die unter die Haut gehen und von seinen Lesern bzw. Leserinnen verlangen, dass sie sich eine eigene Meinung zu einem Thema bilden und dies gefällt mir ganz außerordentlich. Als ich in der Vorschau der Verlagsgruppe Random House sah, dass „Der Tag X“ das neue Buch von Titus Müller bald erscheinen würde, setzte ich es mir direkt auf meinen Merkzettel. Auch das Cover sprach mich direkt an, es ist relativ ruhig gehalten, ein wenig beklemmend und strahlt eine gewisse Nachdenklichkeit aus. Der Klappentext bzw. die Beschreibung des Buches gibt nur einen Teil der Geschichte wieder und kratzt somit nur an der Oberfläche dessen, was Titus Müller uns erzählen wird. Die Geschichte wird stringent chronologisch erzählt, als Leserinnen und Leser erleben wird die Zeit des Umbruchs aus verschiedenen Perspektiven und finden uns auf einmal mitten im Geschehen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland wieder. Es ist nahezu unmöglich eine Distanz zum Geschehen zu wahren, so sehr wird man in den Strudel aus Intrigen, politische Spiele und familiäre Beziehungen hineingezogen. Nur die Mischung und Verstrickung der verschiedenen Handlungsstränge ergibt ein Gesamtbild zur Lage in der Gesellschaft, die so komplex und unübersichtlich ist. Nelly, Wolf sowie Ilja sind die Hauptcharaktere dieses Romans, doch spielen sie nicht alleine, sondern müssen sich den Regeln ihrer Regierung, ihren Machthabern, ihrer Familie und Vorgesetzten beugen. Sie erfahren leidvoll, dass sie nicht wirklich frei sind, sondern in einem System gefangen sind, welches man nicht so einfach durchbrechen kann. Die Zeichnung der Charaktere und Nebenfiguren ist Titus Müller wieder einmal sehr gut gelungen. Jede handelnde Figur hat ein unverwechselbares Profil. Was mir sehr gut gefallen hat, ist die Facettierung der Figuren, keine Figur ist nur „schwarz“ oder nur „weiß“. Es gibt nicht die klassisch „Guten“ oder die klassisch „Bösen“ in diesem Roman. Um dem Autor in vollem Umfang folgen zu können, braucht man eine gehörige Portion an geschichtlichem Wissen bzw. die Bereitschaft sich diese(s) während des Lesens anzueignen. Ein recht anspruchsvoller Roman, der genau wegen dieser Tiefe so viel Spaß und Freude bereitet. Auch die Sprache die Titus Müller wählt ist diesem Roman angemessen. Der Schreibstil fordert vom Leser Konzentration und Aufnahmefähigkeit, denn man hat nicht nur das Gefühl, dass jedes Wort wichtig ist, nein jedes Wort ist wichtig und wohl gewählt und trägt zu dem überzeugenden Gesamteindruck bei. Komplettiert wird der sehr gute Eindruck von diesem Buch durch die Karte im vorderen Klappeninnendeckel, sowie einem Abkürzungsverzeichnis und einem umfangreichen Anhang, der viele zusätzliche historische Infos gibt. Titus Müller hat wieder einen sehr guten historischen Roman geschrieben, der volle Beachtung verdient. Für dieses Buch muss man sich Zeit nehmen, um es in seiner ganzen Tiefe und Breite erfassen zu können. Wer hier eine reine Liebesgeschichte vor historischer Kulisse erwartet wird eventuell enttäuscht oder völlig überrascht werden. Von mir gibt es eine ganz klar Lese- und Kaufempfehlung für alle Leserinnen und Leser, die sich auch schon mal gerne etwas tiefer mit einem historischen Thema beschäftigen und dabei nicht auf die Nähe von menschlichen Protagonisten verzichten möchten. Ich bedanke mich bei der Verlagsgruppe Random House und dem Karl Blessing Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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Von Arietta Meine Meinung zum Autor: Titus Müller hat mit seinem Roman »Der Tag X« ein bravouröses Werk der Erzählkunst geschaffen, ein Stück deutscher Geschichte, sehr gut veranschaulicht. Bis ins kleinste Detail hat er vom Aufstand des 17. Juni 1953 erzählt. Da war ich gerade mal 10 Monate alt. Ich habe das Ganze beim Lesen aufgesogen wie ein Schwamm. Schade, dass in meinem Geschichtsunterricht nicht darüber gesprochen wurde. Die internationalen politischen Hintergründe hat er sehr präzise und authentisch beschrieben. Er erzählt sehr spannend, was hinter den Mauern des Kremls passierte. Da bekam man schon manches mal Gänsehaut. Die Machenschaften der Politiker dort, der Druck der UdSSR auf die Politiker in Ostdeutschland, das wurde einem beim Lesen erst so richtig bewusst. Die Politiker in der DDR, die ein sehr hartes Regiment führten, die Menschen unterdrückten und bespitzelten. Auch hier schauderte man, wie machtbesessen diese Bonzen waren. Das Aufbegehren der Menschen im Osten, mehr Arbeit, weniger Lohn, Enteignung, die Unterdrückung und Entmündigung. Ein Volk, das unter der Knute steht. Kein Wunder, dass das Fass überlief und man auf die Straße ging. Ein Aufstand, der aus dem Ruder lief und in Blut und Tränen endete. Das alles hat er sehr gut herübergebracht. Seine Protagonisten sind teilweise echt. Man konnte sich gut in sie hineinversetzen. Er hat sie sehr gut und lebendig beschrieben. Seinen Schreibstil empfand ich als klar, kraftvoll, fließend, informativ und mitreißend. Meine Zusammenfassung zum Inhalt: Sehr gut hat er die vier betroffenen Familien beschrieben. All diese Menschen verbindet das gleiche Schicksal: Sie sehnen sich nach Freiheit, nach einem Staat der ihnen Luft zum Atmen lässt und wo man nicht ständig überwacht und bespitzelt wird. Wo man wieder sagen kann, was man denkt und nicht Angst hat, dass sie einen gleich holen und ins Gefängnis stecken. Was keiner ahnt - sie werden mit in den Aufstand des 17. Juni 1953 hereingezogen, der in Blut, Leid und Tränen endet, was erst so Euphorisch begonnen hatte. Es war schon dramatisch das ganze Ausmaß mitzuerleben. Man sah das Ganze vor seinem inneren Auge wie einen Film ablaufen. Es ging einem ganz schön unter die Haut. Es fängt mit Nelly und ihrer Familie an, in der Nacht in ihrer Ostberliner Wohnung von der russischen Armee aus dem Schlaf gerissen wird. Der Vater, ein Wissenschaftler, wird nach Russland entführt. Er ist wertvoll für die Russen. Die Deutschen besaßen das Wissen, dass sie dringend brauchten. Die Ängstewaren so greifbar, mir tat die Familie so Leid. Wolf, der Uhrmacher, tickt auch ganz anders. Er zweifelt am Regime. Obendrein hat er sich in Nelly verliebt. Sein Vater ist ein hohes Tier in der Partei. Aber Wolf in seiner Verliebtheit möchte Nelly helfen, ihren Vater zu finden und riskiert dabei Kopf und Kragen. Lotti, deren Mann Erwin sich in den Wesen abgesetzt hat, muss Tag und Nacht arbeiten, um sich und ihre 3 Jungen durchzubringen. Diese stille Lotte riskiert bei der Demo einiges und landet im Gefängnis. Was sie dort mitmachte, war unmenschlich und trieb einem beim Lesen die Tränen in die Augen. Auch Katharina und ihr Mann Marc geraten unschuldig ins Fadenkreuz der Politik und müssen viel Leid und Schmerz erdulden. Nicht vergessen möchte ich den russischen Spion Iljas, der auch ein Auge auf Nelly geworfen hat. Was er von ihr will und was sie verbindet erscheint geheimnisvoll. Da ist noch sein Chef und Auftraggeber Lawenri Beria, ein hohes Tier im Kreml. Auch sie geraten nach und nach ins Visier der Mächtigen und müssen um ihr Leben bangen. Eine sehr aufregende und bewegende sowie lehrreiche Geschichte mit einem sehr überraschenden Ausgang.

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Thalia Buchhandlung Nord GmbH & Co KG

Von: Monika Fuchs aus Hamburg

07.03.2017

Vor kurzem habe ich Ihnen von Titus Müller das Buch „Geigen der Hoffnung“ vorgestellt. Und schon vor einiger Zeit „ Tanz unter Sternen“. Titus Müller ist ein sehr interessanter Autor. Er wurde 1977 in Leipzig geboren, hat Literatur, Geschichtswissenschaften und Publizistik in Berlin studiert und 2004 seinen ersten Roman veröffentlicht. Er schreibt historische Romane, die gleichzeitig sehr spannend sind und einen gut unterhalten. Aber es sind auch Romane, die einem bestimmte Teile der Geschichte näher bringen. In seinem aktuellen Roman erzählt er uns eine Geschichte, die um den 17. Juni 1953 in Berlin und Halle angesiedelt ist. Dieses Mal finde ich den Klappentext wieder nicht ganz so passend. Dem Klappentext nach hört es sich für mich wie so eine Art Dreiecksgeschichte an. 2 Männer buhlen um dieselbe Frau. Welcher der beiden bekommt sie am Ende? Aber das ist gar nicht die eigentliche Geschichte. Eigentlich erzählt Titus Müller nämlich mehrere Geschichten, die alle irgendwie zusammengehören. Ja, da ist die Schülerin Nelly, deren Vater in die UdSSR entführt wurde. Und ja, sie hat sowohl Kontakt zu dem sowjetischen Spion Ilja und zu dem jungen Uhrmacher Wolf. Und ja, Wolf landet wegen Nelly im Gefängnis. Aber Ilja hat auch eine ganz eigene Geschichte, die eng mit dem Politiker Lawrenti Beria verknüpft ist. Und Ilja hat eine politische Bedeutung, denn seine Aufträge führen ihn auch nach Bonn in die Nähe des damaligen Kanzlers Adenauer. Und dann gibt es noch die Geschichten in Halle. Die dortigen Haupt-personen sind Lotte, alleinerziehende Mutter dreier Söhne, Heimeran, einem Polizisten der kasernierten Volkspolizei und Katharina und Marc. Und so erzählt uns der Autor, wie das Leben der Menschen in der DDR 1953 aussah, mit welchen Problemen sie zu kämpfen hatten. Aber er klärt uns auch über die politischen Hintergründe auf. 1953 verstarb Stalin. Und für eine kurze Zeit entbrannte ein Machtkampf zwischen verschiedenen hochrangigen sowjetischen Politikern. War die UdSSR gescheitert? Wie sollte weiter mit dem Westen umgegangen werden. Und was sollte mit Deutschland geschehen. Die Geschichte wechselt immer wieder zwischen den einzelnen Akteuren und spielt in Berlin, Halle, Bonn und Moskau. Ich muss gestehen, dass der 17. Juni nie wirklich ein Thema für mich war. Es war ein Feiertag. Und es hat einen Volksaufstand in der DDR gegeben. Und das war mein Wissen. In der Schule war es auch kein Thema. Erst durch dieses Buch habe ich überhaupt verstanden, was damals in der DDR passiert ist. Und das ist es, was ich an dieser Art von Romanen so liebe. Ich werde gut unterhalten und lerne dabei auch noch etwas. Und dass diese Geschichte historisch korrekt ist, beweist uns der Autor in seinen umfangreichen Nachträgen. Im Anhang beschreibt er ausführlich den historischen Kern des Romans, er listet die Bücher auf, die ihm selbst besonders geholfen haben, und er erklärt die vielen Abkürzungen, die in der DDR und UdSSR gebräuchlich waren. Mich hat dieses Buch sehr fasziniert. Und ich habe sehr viel draus gelernt. Allerdings hat mir etwas gefehlt. Wahrscheinlich diese von mir vermutete Dreiecksgeschichte, die es so nicht gibt.

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Frühling 1953 in der noch jungen DDR: der Uhrmacher Wolf verguckt sich in die angehende Abiturientin Nelly. Diese hat jedoch kein Interesse an dem Sohn eines Parteifunktionärs, ist sie doch rebellisch und gegen die Gleichmacherei des Regimes eingestellt. Dennoch lässt der junge Mann nichts unversucht, um Nelly zu begeistern. In Halle hingegen versucht eine alleinerziehende Mutter, sich und ihre 3 Söhne irgendwie durchzubringen. Ihr Mann hat sich in den Westen abgesetzt. Keiner ahnt, dass das Schicksal sie bald alle zusammenführen wird im Juni 1953. "Der Tag X" ist ein Roman um den Arbeiteraufstand 1953 und hat mich komplett überzeugt. Titus Müller beweist einmal mehr, dass Geschichte nicht langweilig sein muss, sondern fühlbar und mitreißend sein kann. Der Autor befasst sich mit einer Thematik, die in meinen Augen noch viel zu kurz in der Aufarbeitung und Behandlung kommt: die junge DDR und die Folgen der sowjetischen Besatzung. Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei erlebt man als Leser viele Perspektiven. Mal ist man aufmüpfig-rebellisch mit der jungen Nelly unterwegs, mal weiß man gemeinsam mit Lotte König nicht, wie man die 3 Jungen und sich ernähren soll und dann sitzt man in Moskau bei Beratschlagungen von Politikern und erlebt hautnah mit, wie Geschichte geschrieben wird. Diese Mischung erfordert vom Leser nicht nur Aufmerksamkeit und Konzentration, sondern auch Mitdenken, was mir sehr gut gefallen hat. Titus Müller offenbart die Zusammenhänge nicht schnöde auf einem Silbertablett, sondern zieht feine Linien zwischen Moskau, Berlin, Halle und Bonn, die der Leser verfolgen kann. So hatte ich beim Lesen mehrere AHA-Erlebnisse. Toll! Die Figuren, die Titus Müller in seinem Roman agieren lässt, sind sowohl fiktional als auch auf realen Persönlichkeiten beruhend. Mir persönlich hat es der Soldat Heimran Kunze sehr angetan. Gefangen in einer Welt von Gehorsam und Linientreue beweist er beeindruckend, dass man dennoch sein eigenes Denken nie einstellen darf. Doch auch die die anderen Charaktere, die alle sehr ausgewogen vorgestellt werden und zu Wort kommen, überzeugten mich durch ihre Ecken und Kanten, ihre Überzeugungen und ihre Schicksale. Der Autor vermeidet es sehr gut, bei seinen Beschreibungen in Klischees über Ost und West zu verfallen. Das hat mir sehr gut gefallen. Die Story hat mich von Seite 1 an mitgenommen und mit jedem Kapitel bin ich tiefer in den aufziehenden Aufstand eingetaucht. Titus Müller versteht es meisterhaft, das Gefühl des Aufbruchs, den Wunsch nach Veränderung und die "Wir packen das" - Einstellung der Arbeiter im Sommer 1953 zu transportieren. Ich fühlte mich zeitweise mitten in dieser Revolte gegen das Regime, wollte ebenso gegen die Ungerechtigkeit kämpfen und erschrak über die aufflammende Gewalt. Sehr zu Herzen gingen mir auch die Beschreibungen der Folter in den Stasi-Gefängnissen, auch wenn der Autor sie nicht bis ins kleinste Detail beschreibt, sondern vieles der Fantasie überlässt. Das Ende hat mich dann zu Tränen gerührt. In wenigen Sätzen wurde mir warm ums Herz und ich spürte Hoffnung für die Charaktere, die sich gegen das gestellt haben, was sich selbst als freiheitlich demokratisch bezeichnet hat. Großartig! Der Stil von Titus Müller ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist detailgetreu, mitreißend, ohne reißerisch zu sein und passend ruhig, wo die Herzen vor Aufregung eh schon schnell schlagen. Fazit: die DDR schnupperte einen Sommer lang an der Freiheit. Ich kann den Roman nur empfehlen.

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Bisher, das gebe ich gern zu, habe ich noch keinen Roman von Titus Mülle gelesen. Als mir dieses Buch ans Herz gelegt wurde, habe ich mir natürlich den Klappentext zu allererst durchgelesen. Und dann die Biographie des Autors. Hmm … er ist jünger als ich – kann also die Zeit nicht miterlebt haben von der er hier schreibt. Wie liest sich dann gerade dieser Roman? Meine Neugierde war also geweckt und ich habe dieses Buch gelesen. Eines ist mir sofort aufgefallen, als ich in die Geschichte eingestiegen bin: Es ist keine Story, die man einfach so wegliest. Es ist keine Geschichte, durch die man gedankenlos hindurch fliegt. Es ist ein hochinteressanter, ein packender Roman, der den Aufstand von 1953 beleuchtet. Es ist ein Roman, der beeindruckt. Vor allen Dingen wenn ich mir vorstelle, wie sehr man für dieses Thema recherchieren muss, wenn man einen halbwegs stimmigen und historisch genauen Roman schreiben möchte. Ich musste während des Lesens immer wieder Pausen mache. Pausen, um das gelesene zu verdauen, sacken zu lassen. Pausen, um mir zu verinnerlichen, was der Autor so sprachgewaltig hier dem Leser anbietet. Gleich zum Anfang gibt es eine Szene, die mich lange nicht losgelassen hat. Der Moment, als Nelly und ihre Eltern aus der Wohnung geholt, der Moment als der Vater nach Russland verschleppt wurde. Der Moment, als sich die Mutter entschied, dass er alleine gehen muss. Der Massenaufstand ist so authentisch beschrieben, dass ich beim Lesen Gänsehaut bekommen habe. Ich habe mich gefühlt, als ob ich direkt dabei bin, mittendrin. Das Thema ist so komplex, das mit Sicherheit nicht alle Faktoren und Facetten des Aufstandes, der damaligen Zeit und der Gegebenheiten berücksichtig werden können. Ich habe damals noch nicht gelebt und kann das erst recht nicht beurteilen. Aber Titus Müller schafft es, bei mir Interesse an der Zeit zu wecken. Er schafft es, das ich mich frage, was wäre wenn … Was wäre gewesen, wenn nach Stalin ein anderer die Macht ergriffen hätten – also Beria statt Chrustschow zum Beispiel? Was hätte bei den Massendemostrationen noch alles passieren können? Die pointierten Charakterisierungen der politischen Riege in der Sowjetunion hat mich am Anfang des Buches begeistert. Die (fiktive) Darstellung der Ereignisse rund im Stalins Tod. Ein Satz in dem Buch, den Beria angeblich sagt, hat mich irgendwie berührt »Bisher ist unsere Zensur derart idiotisch, dass im politischen Bereich nur kriecherische, dumme Bücher veröffentlicht werden. Die sind so unlesbar, dass man ihr Papier besser gleich dazu verwendet hätte, auf dem Markt Fisch darin einzuwickeln.« Ein anderer Satz zeigt, wie die Funktionäre der DDR und ihre „Handlanger“ tickten. »Für das „Abzeichen für gutes Wissen in Silber“ habe ich einen Vortrag über Theodor Fontane gehalten. Der FDJ-Sekretär hat mich mit dem Hinweis unterbrochen, ich solle den Autor gefälligst „Tane“ nennen, der Adel wäre abgeschafft. Du hättest die Blicke der anderen Prüfer sehen sollen. Die wären vor Scham am liebsten in den Boden versunken.« Das schlimme daran ist, das das keine Fiktion ist. Solche Sachen kamen teilweise tatsächlich vor. Auch die Gedanken der Protagonisten, die waren über sehr weite Strecken so real, das man mitunter das Gefühl hat, das der Autor in den eigenen Kopf geschaut hat, auch wenn das Buch weitaus vorher spielt. Aber in so einem – ich nenne es mal „Hamsterrad“ – steckt der ein oder andere durchaus heute auch. Auch wenn einige Dinge heute ganz anders sind, anderes ist jedoch durchaus gleich. Für mich war dieses Buch im noch so jungen Lesejahr 2017 etwas ganz besonderes und so fällt es mir leicht, hier die volle Punktzahl – 5 von 5 möglichen Sternen – zu vergeben.

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