Leserstimme zu
Vielleicht wird morgen alles besser

Ein bewegendes Buch

Von: Annette Traks
16.07.2018

Ercole wohnt in Turin. Er ist 6, seine Schwester Asia 11 Jahre alt, als ihre Mutter die Familie verlässt. In der gleichen Woche erleidet die Großmutter einen tödlichen Unfall und der Großvater kehrt von einem Gesprächstermin nicht zurück - beide hatten sich immer um ihre Enkel gekümmert. Während der Vater mit zum Teil zwielichtigen Machenschaften halbwegs für den Lebensunterhalt sorgt, ansonsten aber allzu sehr dem Alkohol zuspricht und auch mal tagelang nicht nach Hause kommt, kümmert sich Asia fortan um Ercole und den gesamten Haushalt. Alle sind bemüht, nach außen die Fassade einer funktionierenden Familie aufrechtzuerhalten, damit nur das Jugendamt nicht auf den Plan gerufen wird. Kurz vor seinem 15. Geburtstag lernt Ercole die gleichaltrige Viola kennen, die aus guten Verhältnissen stammt. Sie kann nur darüber staunen, was er ihr über seine Familie erzählt, und ihm wird klar, dass man sich als Kind so schnell an Lebensumstände gewöhnt, dass man sie schließlich als normal empfindet. Doch wie labil diese vermeintliche Normalität, wie brüchig die Fassade auch nach vielen Jahren noch ist, muss er erfahren, als die mittlerweile 20-jährige Asia zu ihrem Freund zieht, ihr Vater verhaftet wird und Ercole nach kurzer Suche seine Mutter und den kleinen Stiefbruder findet. Es wird eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, die sein Leben total durcheinanderbringt. Resümee: Der mittlerweile 19-jährige Ercole erzählt die Ereignisse rückblickend aus seiner Sicht. Seine Geschichte bewegt den Leser, was natürlich zum einen an der familiären Situation liegt: Im Alter von 6 Jahren verlässt die Mutter die Familie und meldet sich danach nicht wieder, obwohl sie gar nicht so weit entfernt wohnt, wie der Junge später herausfindet. Die Großeltern, die immer für die Enkel gesorgt haben, sind auch nicht mehr präsent, der Vater kümmert sich kaum um seine Kinder, und die erst 11-jährige Asia übernimmt die Rolle der Hausfrau und Mutter. Zum anderen berührt der Schreibstil: Es gelingt dem Autor meisterhaft, sich in die Lebens- und Gefühlswelt Ercoles hineinzuversetzen und ihn in dessen altersgemäßer Sprache erzählen zu lassen. So werden z.B. Freude und Verliebtsein, aber auch Unsicherheit, Ängste und Verzweiflung authentisch vermittelt. Wir sehen die Dinge aus seiner Sicht ... und die entspricht nicht immer dem Blickwinkel, der Denkweise oder Bewertung Erwachsener. Ercole stellt außerdem fest: "Denn eines hab ich in all den Jahren gelernt ... (...) Nämlich dass die Erwachsenen manchmal verwirrt sind. Wir bilden uns ein, dass sie immer wissen, was das Beste ist, aber das stimmt nicht. Manchmal muss man ihnen einen gehörigen Stoß versetzen (...)". (E-Reader Pos. 3503) Für den erwachsenen Leser ist es höchst interessant, Ercoles Geschichte aus dessen ganz eigener Perspektive zu erfahren. Und wenn man sich darauf einlässt, sind seine Überlegungen und Schlussfolgerungen durchaus logisch und vernünftig. Die Kinder und Jugendlichen stehen zwar im Mittelpunkt dieses Romans, aber natürlich kommt er nicht ohne die Erwachsenen aus. Es gelingt dem Autor jedoch, sie nur pointiert auftreten und die Beweggründe für ihr Handeln minimalistisch skizzieren zu lassen. Fazit: ein bewegendes Buch, in dem ein Teenager seine aus Erwachsenensicht desolate, für ihn aber normal gewordene familiäre Situation schildert.