Rezension zu
Die Erfindung der Flügel

Befreiungen aus Zwängen

Von: Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
16.03.2018

Sue Monk Kidd erzählt in diesem halb fiktiven, halb historischen Roman die Geschichte der Schwestern Sarah und Angelina Grimké, die Anfang des 19. Jahrhunderts für die Abschaffung der Sklaverei und Gleichberechtigung der Frauen kämpften. Mithilfe des (erfundenen) Sklavenmädchens Hetty „Handful“ geht Monk Kidd der Frage nach, wie Sarah als höhere Tochter einer wohlhabenden, sklavenhaltenden Südstaatenfamilie dazu kam, für die bedingungslose Freilassung aller Sklaven und Gleichberechtigung der Farbigen und der Frauen einzutreten und sich damit gegen ihre Herkunft und ihre eigene Familie zu stellen. Sarah war schon immer wissensdurstig und haderte damit, als Frau nicht studieren zu dürfen. Nach dem Tod ihres Vaters konvertierte sie zu den Quäkern und zog als alleinstehende Frau von Charleston nach Philadelphia – ein Skandal! Ihre jüngere Schwester Angelina folgte ihr alsbald und beide fingen an, gegen die Sklaverei anzuschreiben und später auch als erste Frauen überhaupt vor Publikum Reden zu halten. Zuerst wusste ich nicht so recht, ob ich dieses Buch überhaupt lesen wollte – ich mag zur Entspannung keine schweren Themen. Als ich damit mal anfing, konnte ich gar nicht mehr aufhören. Beeindruckend fand ich, wie geschickt die Autorin den Kontrast, aber auch die Gemeinsamkeiten zwischen der jungen Sklavin namens „Handful“ und Sarah, der privilegierten Tochter aus reichem Haus herausgearbeitet hat: Beide sind Gefangene der jeweiligen Umstände, aber der goldene Käfig der Einen ist trotzdem nicht zu vergleichen mit der totalen Hörigkeit einer Sklavin. Bei allen Benachteiligungen, denen sie als Frau ihrer Zeit ausgesetzt ist, kann Sarah trotzdem ausbrechen. Sie bezahlt einen hohen Preis dafür, aber nicht mit dem Leben oder ihrer körperlichen Unversehrtheit. Aber im Kopf ist Hetty Handful eben so frei, weil sie weiss, dass nur ihr Körper anderen gehört. “Die Erfindung der Flügel” ist eine spannende Lektion in der Geschichte der Anti-Sklaverei-Bewegung und der Frauenbewegung, die beide untrennbar zusammenhängen. Die Autorin schont ihre Leserschaft nicht, sondern lässt sie an den inneren Konflikten und äusseren Zwängen der Protagonistinnen manchmal fast verzweifeln. Trotzdem ist es kein schweres Buch, sondern gute Unterhaltung und dafür, dass ihr dieser Spagat zwischen Unterhaltung und ernstem Hintergrund so gut gelungen ist, hat die Autorin meinen tiefsten Respekt!