Rezension zu
Todesstiche

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

Die perfekte Mutter

Von: Rezifeder
01.03.2016

Die ehemalige Schauspielerin Jennifer führt ein glückliches Familienleben in Philadelphia mit ihrem Ehemann Mark und den drei Kindern Emma, Lily und Eric, bis ein nächtlicher Anruf die heile Welt zusammenbrecht lässt: Die einundzwanzigjährige Emma, seit acht Monaten als Austauschstudentin im spanischen Sevilla, wurde in einen Mordfall verwickelt und in Haft genommen. Sofort fliegt Jennifer zu ihrer Tochter, während Mark später nachkommen will. Jennifer erfährt, dass in Emmas Wohnung ein junger Mann erstochen wurde. Laut Emmas Aussage wollte er sie vergewaltigen, ehe ein Passant von der Straße sich Zugang verschaffte und ihn in Notwehr tötete. Da Emmas Retter als Algerier Ärger mit den Behörden fürchtete, flüchtete er, ohne eine Aussage zu machen oder Kontaktdaten zu hinterlassen. Jennifer glaubt ihrer Tochter und hofft, dass mit Hilfe des spanischen Anwaltes José und dem Privatermittler Roberto bald alles geklärt und ausgestanden ist. Doch die Polizei entdeckt Widersprüche in Emmas Aussagen. Bald erfährt Jennifer, dass Emma in Spanien längst nicht das mustergültige Leben führte, das sie vorgab. Sie ist hin- und hergerissen, ob sie ihrer Tochter glauben soll ... Bewertung: Die Grundhandlung von Nina Darntons "Todesstiche" lässt unweigerlich an die realen Ereignissen um den Mordfall Meredith Kercher im italienischen Perugia denken. 2007 wurde die amerikanische Austauschstudentin Amanda Knox gemeinsam mit ihrem damaligen Freund Raffaele Sollecito des Mordes an Amandas WG-Partnerin Meredith beschuldigt, die in der Wohnung erstochen wurde. Während die italienischen Medien Knox als gefährliche Femme fatale stilisierten, erfuhr die Studentin seitens der heimischen Presse überwiegend deutliche Verteidigung. Nach einigem juristischen Hin und Her sowie fehlerhaften Ermittlungen wurden Knox und Sollecito mittlerweile letztinstanzlich freigesprochen, wenngleich die öffentliche Diskussion um den Fall und die Spekulationen über eine mögliche Beteiligung noch lange nicht abgeebbt sind. In Nina Darntons Roman dreht sich das Geschehen gleichfalls eine einundzwanzigjährige amerikanische Austauschstudentin, in deren Wohnung jemand erstochen wurde. Während die amerikanischen Medien Emmas Version vehement unterstützen, wird die junge Frau von italienischen Medien als promiskes Partygirl porträtiert. Freilich gibt es auch genug Unterschiede zum Kercher-Mordfall, sodass nur von einer losen Inspiration gesprochen werden kann und keinesfalls von einer belletristischen Adaption. Im Fokus steht hier, wie der Originaltitel "The perfect mother" verrät, zudem weniger Emma Lewis als vielmehr ihre Mutter Jennifer. Der Roman dreht sich einerseits um die Frage, ob Emma schuldig ist und ob sie verurteilt wird und andererseits darum, welche Sichtweise Jennifer einnimmt. Während Ehemann Mark sich rasch an frühere Verfehlungen Emmas erinnert und sie nicht per se für unschuldig hält, beharrt Jennifer sehr lange auf dieser Ansicht. Der Leser wiederum zieht seine eigenen Schlüsse, die nicht notwendigerweise mit Jennifers übereinstimmen. Die Stärke des Romans ist seine Spannung, die dazu einlädt, die knapp 300 Seiten an ein, zwei Tagen herunterzulesen. Durch den recht geradlinigen Verlauf, der keine besondere Konzentration erfordert, eignet sich "Todesstiche" etwa sehr gut als Lektüre für Bahnfahrten. Nachdem Emma ihre Version dargeboten hat, ergeben sich im Verlauf der nächsten Wochen immer wieder neue Ungereimtheiten, die allerdings nicht zwingend so eindeutig sind, dass Emma als Lügnerin überführt wäre. Ihre konkrete Rolle und der genaue Ablauf der Tatnacht sind dementsprechend sehr lange offen; das Hin und Her zwischen den Vorwürfen und entlastenden Erklärungen wird fesselnd dargeboten, der Unterhaltungsfaktor ist hoch. Gelungen ist zudem die Darstellung Sevillas; es fließen einige Informationen zur Stadt und ihrem Flair ein. Weniger überzeugend ist das Werk indessen in Sachen Charakterzeichnung. Weder Jennifer noch Emma sind sonderlich sympathisch. Anfangs ist es noch sehr verständlich, dass Jennifer fest an ihre Tochter glaubt; allerdings nervt diese Naivität nach einer Weile, nachdem einige Lügen und frühere Verfehlungen Emmas aufgetaucht sind und Jennifer ein wenig die Augen geöffnet haben sollten. Es wäre sicherlich reizvoller gewesen, wenn Emma dem Leser sympathisch wäre, damit man besser mit ihr mitfiebern kann. Sie präsentiert sich allerdings in erster Linie als verwöhnt und bockig, ihr Schicksal geht nicht wirklich ans Herz - phasenweise wünscht man ihr beinah, der Beteiligung überführt zu werden. Mark Lewis ist nicht unsympathisch, aber er bleibt blass und wirkt gleich bei seinem ersten Auftreten unrealistisch: Als er und Jennifer mitten in der Nacht von einer verstörten Emma in wenigen Sätzen über die Situation informiert werden, reagiert Jennifer angemessen geschockt, Mark dagegen so souverän und ruhig, dass es irritiert. Ein grundsätzlich interessanter Charakter ist der Privatermittler Roberto, der auf Jennifer eine sehr beruhigende Wirkung hat und ihr Hoffnung schenkt. Allerdings ist es eher unnötig, dass Jennifer bei allen Schwierigkeiten auch noch unangemessene Gefühle für ihn entwickelt. Fazit: Wenn man keine hohen Erwartungen in Sachen Charakterzeichnung hat, erwartet den Leser ein kurzweiliger und spannender Thriller, der zur schnellen Lektüre einlädt.