Leserstimme zu
Kennen Sie diesen Mann?

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

Anspruchsvolle Handlung mit kreativer Erzählart

Von: Marquardt aus Duisburg
29.12.2015

Bei diesem Buch habe ich einige Zeit gebraucht um hinter das Erzählkonzept des Autors zu blicken. Einige sind da ja sehr kreativ. In drei Abschnitten, aus Sicht von jeweils drei Figuren, wird David, der sein Gedächtnis verloren hat, über sein Leben erzählt. Das hat der Autor ziemlich raffiniert umgesetzt, denn David kommt selber im Buch überhaupt nicht vor. In den Alltagsgeschehnissen zwischen den Briefen seiner Freunde/Familie wird über die Person, die ihm die Briefe geschrieben hat, erzählt. Es hat bis zum zweiten Part der Geschichte gedauert, bis ich das kapiert habe. Im ersten Teil wird also aus Jons Leben erzählt und er schreibt auch die Briefe an David, dann geht es mit Arvid weiter und zum Schluss mit Silje. Dabei benutzt Carl Frode Tiller auch andere Satzstrukturen, die vor allem ein wenig bei den Geschehnissen der Figuren gewöhnungsbedürftig sind. Die Briefe lesen sich ganz normal. Ansonsten fand ich die Handlung aber recht interessant. Bei Jon hat es etwas gedauert bis ich verstanden habe, dass er auch die Briefe schreibt und anfangs war ich ständig am Rätseln ob die nun eine Frau oder ein Mann schreibt, weil es keinerlei Hinweise in den Briefen gab. Erst nach 60 Seiten, als dann erzählt wurde, dass er und David etwas am laufen hatten, wurde mir klar, dass hier Zusammenhänge bestehen. In den Texten hatte ich teilweise mit den Figuren Mitleid, weil jeder so seine Schwierigkeiten innerhalb der Familie hatte und nicht immer auf Akzeptanz gestoßen ist, egal was sie gemacht haben. Bei allen läuft das Leben gewaltig aus dem Ruder, in der Vergangenheit ebenso wie in der Gegenwart. Jon stößt auf Widerstände innerhalb seiner Familie, weil er schwul ist und sein Berufswunsch mit Musik zu tun hat, die in den Augen der Familie aber nicht als richtige Arbeit angesehen wird. Arvid ist allein im Krankenhaus und auf sich gestellt und Silje hat Schwierigkeiten innerhalb ihrer Ehe. Davids Leben wird von jeder Figur aus einer anderen Sicht erzählt. Jon mochte ich. Er hat auf mich sehr zerbrechlich gewirkt, ebenso wie in Arvids Erzählungen. Silje hingegen hat kaum ein gutes Wort über ihn verloren und ihn als Dramaqueen dargestellt. Wahrscheinlich war sie mir von allen Dreien deswegen auch nicht wirklich sympathisch. Sie wirkte auf mich voreingenommen und ichbezogen. Aus Jons Briefen erschien sie mir auch eher wie eine kleine Diva, die immer alles bekommen hat was sie wollte. Arvid, Davids Stiefvater, war eine interessante Figur. Mir gefiel es, die Geschichte auch aus seiner Sicht zu erfahren und was er durchmachen musste. Neben seiner Ehe hat man hier auch am deutlichsten gemerkt wie drastisch David sich verändert hat und das teilweise doch sehr besorgniserregend. Was Silje hingegen wieder als Teil von Davids Persönlichkeit dargestellt hat und es hingegen eher beschönigte. Es war auf jeden Fall interessant zu lesen und hat mir gut gefallen. Man merkt, dass der Autor sich bei dieser Geschichte sehr viel Mühe gegeben hat. Der Autor hat hier auf jeden Fall ein ansprechendes und tiefgründiges Werk geschrieben mit einer sehr erfrischenden Erzählart und mit einer ebenso dichten Handlung. Für mich war es ein Page-Turner, was wahrscheinlich vor allem an dem Schreibstil lag und auch an den Erlebnissen der Figuren. Wer mal etwas Abwechslung vom üblichen Einheitsbrei braucht sollte hier unbedingt reinlesen.