Rezension zu
Trügerische Nähe

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

Der Traum vom idyllischen Landleben wird zum Alptraum

Von: Belles Leseinsel
22.10.2015

Zwei Paare Mitte Vierzig erfüllen sich ihren Traum und ziehen auf einen Hof vor den Toren Berlins. Liebevoll restauriert genießen Marlis, Johannes, Nora und Alexander mit Sohn Lukas das beschauliche Leben auf dem Land. Bis auf kleinere Reibereien läuft das Zusammenleben der beiden Paare scheinbar problemlos, bis Livia auf dem Hof erscheint. Marlis Tochter aus erster Ehe studiert eigentlich in München Schauspiel, doch anscheinend gab es einen Vorfall, welchen die junge Frau veranlasst hat, kurzfristig Urlaub bei ihrer Mutter zu machen. Schnell ist es mit der Idylle vorbei, denn die äußerst attraktive Livia versucht geschickt, die beiden Paare gegeneinander auszuspielen, hinzu kommt, dass der 16-jährige Lukas hoffnungslos in Livia verliebt ist und auch die beiden Männer nicht ganz immun gegenüber Livias Reizen sind. Eifersucht, Misstrauen und Verdächtigungen gehören bald zur Tagesordnung. Dann wird im nahegelegenen Wald eine Leiche gefunden und der Täter kann nur vom Hof kommen. Die Idylle vom trauten Landleben trügt, das stellt man als Leser schnell fest. Denn zwischen den beiden Paaren herrscht beileibe kein trautes Miteinander. Zwischen Johannes und Alexander, die sich seit Studienzeiten kennen, aber all die Jahre aus den Augen verloren hatten, brodelt es unterschwellig. Und auch die Freundschaft zwischen Marlis und Nora ist nicht frei von Konflikten. Aber beide Paare sind bemüht, sich ihr Leben auf dem Land so angenehm wie möglich zu gestalten und sie hätten auch durchaus eine Chance, sich zusammenzuraufen, wenn da nicht Livia unerwartet auf dem Hof erscheinen würde. Der Roman ist weniger ein Kriminalroman, sondern mehr ein fein gezeichnetes psychologisches Drama. Ruhig und fast schon beschaulich lässt es Susanne Kliem angehen, schildert das Landleben und das Miteinander der beiden Paare. So bekommt man ein gutes Gefühl für die einzelnen Protagonisten, lernt ein wenig ihre Stärken und Schwächen kennen, ihre Vorlieben, ihre Macken wie auch ihre Beziehungen zueinander. Es dauert nicht lange, da erscheint auch schon Livia auf der Bildfläche und mit ihrer Ankunft verändert sich das Klima zwischen den Paaren zunehmend, der Ton wird rauer, Verdächtigungen werden ausgesprochen und das Misstrauen nimmt zu. Geschickt spielt Livia mit den beiden Paaren, doch was bezweckt die junge Frau wirklich? Geschickt offenbart Susanne Kliem, dass es mit der Harmonie bei den Hofbewohnern nicht weit her ist, der äußere Schein eigentlich bei allen trügt, sie ihre kleinen oder größeren Geheimnisse voreinander haben und die Grundzüge von Eifersucht und Neid bereits vor der Ankunft von Livia vorhanden waren. Die Ankunft der jungen Frau ist der Auslöser für den Ausbruch dieser Gefühle, zu den denen sich schnell noch Misstrauen und schlussendlich auch Hass gesellen. Spannung ist anfangs wenig vorhanden, die Geschichte ist mehr subtil, emotional, atmosphärisch dicht und nachdenklich angelegt. Doch durch die Inhaltsangabe weiß man bereits, dass irgendjemand zu Tode kommt. Mit der Zeit bekommt man eine Vermutung ob der Identität des Opfers, doch wer der Täter sein soll, dies lässt Susanne Kliem bis zum Schluss offen. Denn kurz vor dem Mord eskalieren die Emotionen und jeder hätte ein Motiv für die Tat. Fazit: Psychologisch ausgereiftes Drama, welches erst zum Ende hin kriminalistische Züge annimmt. Überzeugend und eindringlich erzählt.