Leserstimme zu
Sie mussten nach links gehen

Eine düstere und schmerzerfüllte Zeit wurde ehrlich und detailreich verpackt!

Von: Miss Letter - Marens Bücherwelt
20.10.2020

„Sie mussten nach links gehen“ ist auf meine Wunschliste gewandert, weil ich noch keinen Jugendroman gelesen habe, der die erschreckenden Geschehnisse nach der Befreiung eines Konzentrationslagers thematisiert, sondern nur über die Zeit in den verschiedenen Lagern. Dass die Sorgen und Ängste für z. B. die jüdische Gesellschaft nach der Befreiung aus dem KZ nicht anhalten, zeigt die Autorin mit der 18-jährigen Protagonistin Zofia, die direkt nach Groß-Rosen ihren kleinen Bruder Abek suchen will. Vor drei Jahren musste Zofia einen Albtraum durchleben. Sie musste mitansehen, wie ihre Familie den schweren Gang zu den Duschen gehen musste. Nur ihr Bruder ist ihr im KZ geblieben, bis auch er nach kurzer Zeit in ein anderes Lager deportiert wurde. Drei Jahre nach der Befreiung aus dem KZ ist Zofia eine gebrochene junge Frau, die nur noch ein Ziel vor Augen hat: Sie will überleben und ihren Bruder finden. Auf diese besondere und sehr emotionale Reise nimmt Zofia den Leser mit. Wer Pech hatte - wir konnten den Rauch sehen. Der Rauch kam von den brennenden Leichen der Leute, die Pech gehabt hatten. In dieser Schlange wurden Abek und ich nach rechts geschickt. Ich muss nur einen einzigen Menschen auf diesem Kontinent finden. Ich muss nach Hause. Ich muss überleben. [...] Denn die meisten Menschen aus Sosnowiec mussten alle anderen: Papa, Mama, Baba Rose, die schöne Tante Maja - sie alle, alle - nach links gehen. - S. 27 Als Journalistin und Autorin hat mich Monica Hesse absolut von sich überzeugt. Im Nachwort gibt sie an, dass sie fünf Jahre über die Nachkriegszeit recherchiert hat und diese Energie, die Monica in den Roman investiert hat, zahlst sich auf jeden Fall aus. Ein Satz des Nachwortes hat sich besonders tief in meinen Kopf gebrannt: „In dieses Buch ist viel Traurigkeit eingeflossen, weil es so viel Traurigkeit gab“ (S. 443). Diese Traurigkeit hat mich auf jeder einzelnen Seite überrollt, bis ich das Buch erneut kurz zur Seite legen musste, damit ich mich nicht zu sehr in der Geschichte verliere. Zofias Geschichte hat mich demnach sehr berührt und obwohl sie eine gebrochene junge Frau ist, kann sie dem Leser so unfassbar viel geben. Wenn ich ehrlich bin, war mir nicht klar, wie steinig der Weg auch nach der Befreiung aus dem KZ war. Durch Zofias Sicht erleben wir, wie chaotisch und düster das Leben nach dem Lager ist. Von Hoffnung und Sicherheit ist in diesem Roman keine Rede. Zwar wurden einige Hilfsorganisationen gegründet, aber letztendlich muss Zofia das weitere Überleben und die Suche selbst in die Hand nehmen, um ihren geliebten Bruder zu finden. Ich habe gar nicht erwartet, dass einer von euch zurückkommt. Das hat Frau Wójcik gesagt. Aber ihre Stimme klang nicht dankbar. Sie wollte nicht sagen, ich bin so froh, dich zu sehen. Sie klang nicht erfreut. Sie klang enttäuscht. Was sie meinte war, ich dachte, sie hätten euch alle umgebracht. - S. 50 f. Auf Zofias ereignisreicher Suche nach ihrem kleinen Bruder, lernen wir zahlreiche Nebencharaktere kennen, die ein ähnliches Schicksal wie Zofia teilen: Familienangehörige sind entweder gestorben oder verschollen. Ob Esther, Breine, Miriam, Josef, Chaim oder Frau Yost – ich habe alle Charaktere fest in mein Herz geschlossen, weil alle so liebevoll ausgearbeitet worden sind. Jeder Charakter hat eine eigene Geschichte, jeder kämpf mit eigenen Ängsten und geht wiederum anders mit der schwierigen Situation um. Es ist sehr berührend mitzuerleben, wie die Charaktere versuchen, sich gegenseitig Hoffnung zu schenken und aufzumuntern. Der junge Soldat sagte, er könne etwas arrangieren, aber das wäre ein großer Gefallen, der seinen Preis hätte. Ich steckte meine Hand in seine Hose; ich war damals sehr hübsch. Drei Minuten später gab er nach. Er würde uns nicht nach Auschwitz schicken. Er würde uns nach Birkenau schicken. [...] Er hatte mir nicht gesagt, dass Birkenau auch als Auschwitz 2 bekannt war. -S. 88 f. Der Schreibstil von Monica Hesse geht unter die Haut. Sie schreibt sehr gefühlvoll, passt sich den Charakteren an, vermittelt eine spannungsgeladene Atmosphäre und kann die Gefühle und Gedanken von Zofia dem Leser sehr authentisch vermitteln. Ich bin begeistert und will dieses Jugendbuch nicht mehr in meinem Regal missen. Aufgrund der Thematik und weil Monica Hesse diese düstere und schmerzerfüllte Zeit so ehrlich und detailreich verpackt, muss dieser Roman eigentlich in jedem Bücherregal vorhanden sein. Story ♥♥♥♥♥/5 Charaktere ♥♥♥♥♥/5 Gefühle ♥♥♥♥♥/5 Spannung ♥♥♥♥♥/5 Schreibstil ♥♥♥♥♥/5 Ende ♥♥♥♥♥/5