Leserstimme zu
Henri

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

Ein sehr gelungenes Buch ...

Von: Anne
13.05.2015

... über die Lichtjahre, die wir von einer inklusiven Gesellschaft entfernt sind, aber auch über die Menschen, die Mut haben und machen, scheinbar in Stein gemeißelte Wege zu verlassen und neue Pfade auszuprobieren. Gewiss, das Buch ist gelungen, sein Inhalt sollte von den so unreflektierten wie provokationsgeilen Köpfen zur Kenntnis genommen werden, die Inklusion für eine "pädagogische Sau" halten, die vorübergehend "durchs Dorf getrieben" wird und die man aussitzen sollte. Diejenigen, die Kirsten E. schlicht zur überkandidelten Mutter machen möchten, um daraus ihre Legitimation für menschenverachtende Beleidigungen zu ziehen, haben nicht nur übersehen, dass es sich nicht um eine unmaßgebliche Einzelmeinung einer "Eislaufmutti" handelt, sondern dass Henris Familie immerhin eine UN-Konvention auf ihrer Seite hat. Wer das Buch ergebnisoffen gelesen hat (und das habe ich im Gegensatz zu anderen Rezensenten auf diversen Internetportalen), versteht zumindest ansatzweise, was eine Familie in Deutschland erdulden muss, die von der Geburt ihres Kindes an nur eines wollte: Ihren Sohn, trotz der Genveränderung und der damit vergesellschafteten Beeinträchtigung, nicht aussortieren. Darin sind wir gut: Wir sortieren Menschen in gesellschaftlich festgeschriebene Schubladen, wie Champignons im Glas: I. Wahl, II, Wahl, III. Wahl. Das, was nicht der Norm entspricht, wird weggeworfen oder zumindest so sehr unkenntlich gemacht, dass jemand, der es in die Welt der "I. Wahl" "geschafft" hat, alles andere nicht gleich sehen muss. Ich bitte um Entschuldigung, sehr geehrte Frau E., wenn ich Zweifel daran habe, dass Ihr "kleiner Junge" "die Welt" verändern wird. Ich bewundere, wie wenig verbittert Sie angesichts der Beschimpfungen und Entwertungen, denen Sie ausgesetzt waren und sind, 'rüberkommen. Gerade diese Anfeindungen zeigen, unbeabsichtigt und paradoxer Weise, wie wichtig und richtig Ihr Weg ist, damit in den Köpfen der Menschen ohne Behinderung etwas (längst Überfälliges) bewegt wird. Aber wie realistisch ist ein solcher Paradigmenwechsel denn - im Zeitalter von G-8 und Fremdsprachenkursen, die am Ende des Geburtskanals beginnen, um die eigene Prinzessin oder den eigenen Prinzen ein Treppchen höher ins Leben starten zu lassen? Wie dankbar müssten der Autorin all jene sein, die ihren "Standpunkt" (= Horizont mit Radius Null) so vehement und überheblich verteidigen? Wie empört müssten eigentlich die Eltern nicht-behinderter Kinder sein, deren Kindern in so genannten "normalen" Schulen der Umgang mit beeinträchtigten Kindern verwehrt wird? Ich fürchte indes, dass all das nicht passieren wird. Inklusion wird so sehr von allen Beteiligten erfolgreich zu verhindert versucht, dass sich am Ende die Schulpolitik mit ruhigem Gewissen und dem Totschlagargument des "Elternwillens" darauf berufen kann, man habe es versucht, aber Inklusion - zumindest von schwer behinderten Kindern - sei ja doch nicht gewollt: Nicht von Lehrern, nicht von Eltern nicht-behinderter Kinder, die um ein Zehntel im Abi-Schnitt ihrer Abkömmlinge fürchten, und schließlich auch nicht von den Eltern der Kinder mit einer Behinderung. Deren Elternwille wird unter den gegebenen Umständen dann doch die Sonderschule vorziehen, um das eigene Kind nicht auf dem Altar der Inklusion zu opfern. In vielen deutschen Schulämtern hofft man jährlich neu, der vielbemühte Elternwille möge doch bitte so sein, dass man sich über Inklusionsplätze nicht allzu viele Gedanken machen muss. Und, wen wundert's, die so genannten "harten Förderschwerpunkte" bleiben - Erleichterung greift um sich - in ihren Sonderschulen. Wegen des Elternwillens, versteht sich. Ich wünsche dem Buch eine große Leserschaft, den Behörden- und anderen Köpfen jede Menge Streichhölzer zum Reinhalten - und Henri und seiner Familie ganz viele Menschen, deren Leidenschaft nicht das Sortieren ist, Menschen, die durch Vielfalt nicht erschreckt, sondern erfreut und bereichert werden: "Wege entstehen dadurch, dass man sie geht." (Franz Kafka)."