Rezension zu
Sieh mich an

Eine Überlebende auf der Suche nach einem neuen „Normal“

Von: Lisatschernouzki.writer
27.04.2020

Den Schreibstil der Autorin mochte ich von Anfang an. Ava wirkt im ersten Moment sehr sarkastisch, was ihre Art ist, mit ihrer aktuellen Situation umzugehen. Wobei man relativ schnell merkt, dass sie es nicht schafft, sondern auf diesem Weg lediglich versucht, alle auf Abstand zu halten und ihnen vorzuspielen, dass es ihr gut geht. Denn gut geht es ihr keinesfalls. Das Leben, wie sie es kannte, ist vorbei. Sie erkennt ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr und die Menschen, die sie am meisten geliebt hat und von denen sie bedingungslos geliebt wurde, sind tot. Sie existiert nur noch und bewegt sich eher im Schatten ihrer verstorbenen Cousine. Mir ist natürlich klar, dass auch Cora und Glenn einen schweren Verlust zu verkraften haben, ich finde es dennoch eine Zumutung, dass sie Ava in das unveränderte Zimmer von Sara stecken und ihr deren Klamotten geben. Sie meinen es immer nur gut, aber das fand ich dann doch irgendwie grausam, weil sie ihr damit das Gefühl gaben, sie müsste eine Lücke füllen, der sie niemals gerecht werden könnte. Der erste Tag in der Schule ist für sie sehr anstrengend, weil die Menschen dort nicht wissen, wie sie mit ihr umgehen sollen. Obwohl Ava immer wieder versucht, es nicht näher an sich heranzulassen, gelingt ihr das nicht. Meiner Meinung nach tritt Piper zur rechten Zeit in ihr Leben. Sie ist frech, direkt und vertritt offen ihre Meinung. Auch wenn es im ersten Moment so wirkt, als würde sie Ava Flausen in den Kopf setzen, ist es genau das, was sie braucht. Sie werden also Freundinnen und Piper will ihr helfen, das neue „Normal“ zu akzeptieren. Auch Asad trägt mit seiner Art dazu bei, dass Ava sich sicher fühlt und in der Schule eine weitere Person hat, die neben ihr durch die Flure schreitet. Bei Kenzie wusste ich erst nicht, was ich denken sollte. Anfangs schien sie naiv und beleidigte Ava versehentlich, wenn man das so ausdrücken kann. Doch das wandelte sich in absichtliche Böswilligkeit, weil sie einerseits nicht damit klarzukommen schien, dass Ava und Piper Freundinnen wurden und andererseits auch eifersüchtig auf sie war. Schade fand ich hier, dass sich Piper Ava hinsichtlich ihrer Vergangenheit nicht anvertrauen wollte. Natürlich ist mir klar, dass ein schweres Schicksal noch mehr Ängste und negative Gefühle hervorrufen und dass man nicht immer darüber reden will. Aber braucht denn nicht auch sie jemanden, mit dem sie darüber reden kann? Im Laufe der Geschichte zeigte sich, dass auch Piper nicht nur so taff war, wie sie sich gab. Aber auch mir waren die kleinen Hinweise entgangen, sie es hierfür gab. Besonders wichtig fand ich auch, dass Ava endlich sehen konnte, dass sie gar nicht alleine war. Dass sie den Kampf um ihr Leben nicht alleine ausfochten musste. Und dass man zwar nicht alles besser oder ungeschehen machen kann, es aber ausreichend ist, einfach für jemanden da zu sein, der es dringend braucht.