Ein neuer Geist weht durch die Schulen ...

Die neue packende Saga von Bestsellerautorin Julia Kröhn um das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte!

Die Alster-Schule - Zeit des Wandels

Hamburg 1931: Ein neuer Geist weht durch die Schulen der Weimarer Republik. Wo einst der Rohrstock regierte, erobern sich die Schüler den Stoff nun mit Kopf, Herz und Hand. Felicitas, die gerade eine neue Stelle als Lehrerin angetreten hat, ist beseelt von den Idealen der Reformpädagogik. Auch Sportlehrer Emil scheint ein Verbündeter zu sein, ist er doch heimlich in sie verliebt. Doch das bürgerliche Leben, das er anstrebt, scheint mit Felicitas' Freiheitswillen nicht vereinbar. Ganz anders sieht es bei ihrer Freundin Anneliese aus, die alles daransetzt, Emil für sich zu gewinnen. Während Annelieses und Emils aufkeimende Zuneigung einen Keil zwischen die Freundinnen treibt, ziehen auch am Horizont der Geschichte dunkle Wolken auf: Die Nazis ergreifen die Macht, und auf dem Schulhof weht die Hakenkreuzfahne. Felicitas und ihre Kollegen müssen eine Entscheidung treffen: Wollen sie zum Dienst am Führer erziehen? Oder ihren Idealen treu bleiben?

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Die Alster-Schule - Jahre des Widerstands

Hamburg im Zweiten Weltkrieg: Das Heulen der Sirenen liegt über der Stadt, Hamburger Juden werden scharenweise deportiert und Abiturienten möglichst schnell an die Front geschickt. Wo gerade noch anschaulicher, lebendiger Unterricht gehalten wurde, ist wieder Zucht und Ordnung eingekehrt. Die einstigen Bildungsideale scheinen verloren. Doch während sich Emil und Anneliese dem NS-Regime andienen, bleibt Felicitas ihren Werten unverrückbar verbunden. Als sie ehemaligen Schülern wiederbegegnet, aus denen mittlerweile Studenten geworden sind, kommt ihr ein Flugblatt aus München in die Hände, das neue Hoffnung macht. Und eine radikale Entscheidung verlangt …

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Leseprobe Band 1 "Die Alster-Schule - Zeit des Wandels"

1930
März

A ls Felicitas Marquardt an ihrem ersten Arbeitstag als Oberlehrerin das Harvestehuder Gymnasium betrat, befanden sich in ihrer Tasche das Lateinbuch Ludus Latinus, ein in Butterbrotpapier verpackter Kuchen mit Mandeln und Rosinen und eine Feige. Die Feige rumpelte bei jedem Schritt hin und her – umso mehr, da Felicitas’ Schritte immer schneller wurden. Schon bereute sie, zu Fuß von ihrer Pension im Gängeviertel zur Schule auf dem Klosterstieg aufgebrochen zu sein, um möglichst viel von Hamburg zu sehen. Mindestens zweimal war sie schon in die falsche Straße abgebogen, und als sie endlich das Schulgebäude erreicht hatte, wusste sie nicht mehr, ob sich die Sekunda, in der sie in der ersten Stunde unterrichten würde, im ersten oder zweiten Stock befand. In den Gängen war es still, der Unterricht hatte längst begonnen.
Kurz hielt sie inne, beim nächsten Schritt rumpelte die Feige nicht länger. Gut möglich, dass sie sich in den Kuchen gebohrt hatte und der zu Krumen zerfallen würde. Ihre Freundin Anneliese, eine angehende Hauswirtschaftslehrerin, hatte ihr den Kuchen gebacken, damit sie sich auf der Zugfahrt von Lüneburg nach Hamburg stärken konnte, doch Felicitas hatte ihn aufgehoben, um sich an ihrem ersten Tag am Harvestehuder Gymnasium etwas zu gönnen. Das setzte allerdings voraus, dass sie an diesem Tag tatsächlich unterrichtete.
Sie studierte die Türschilder neben den Klassenräumen. Untersekunda, Obersekunda, Unterprima. In diesem Stockwerk befanden sich offenbar nur die höheren Jahrgänge.
Ein Fluch lag ihr auf den Lippen, wie sie ihn in ihrer Kindheit im Hafenviertel oft ausgestoßen hatte – so’n Schiet. Gerade noch rechtzeitig rief sie sich in Erinnerung, dass eine Oberlehrerin besser auf Latein fluchte, und stieß aus: »Me Hercule! Merda!«
Sie hatte nicht den Eindruck, dass sie besonders laut gewesen war, dennoch ertönte vom Ende des Gangs her ein Auflachen. Sie trat näher, sah niemanden – noch nicht. Erst als sie das Ende des Gangs erreichte, entdeckte sie in der Nische vor den raumhohen Fenstern einen schmächtigen Jungen in dunkelblauer Schuluniform stehen, der Kopf wie Schultern hängen ließ.
Er hatte gar nicht gelacht, er hatte geschluchzt. Und sicher nicht wegen ihres lateinischen Fluchs, sondern weil ihm eine Tragödie widerfahren sein musste. Die Schultern des Jungen bebten.
»Was … was ist denn los?«, fragte Felicitas.
Er fuhr zusammen, wandte sich blitzschnell ab und wischte sich die Tränen von den Wangen. Es glückte nicht recht, denn als er sich wieder zu ihr umdrehte, glänzten seine Augen immer noch.
»Nichts, gar nichts«, sagte er bedrückt.
Ihr Blick fiel auf den Ranzen vor seinen Füßen. »Hast du denn keinen Unterricht?«
Na, sie war die Richtige, das zu fragen!
»Ich … ich bin zu spät«, murmelte er, wischte sich noch einmal verstohlen über das Gesicht. Als seine Unterlippe zu zittern begann, biss er darauf.
»Ich fürchte, ich auch«, gab Felicitas freimütig zu, zwinkerte ihm zu, erntete aber immer noch kein Lächeln.
»Das geht doch nicht!«, rief der Junge.
»Dass man sich als neue Lehrerin in der Schule verläuft? Oh, und ob das geht! Ich war erst zweimal hier, um …«
»Letzte Woche habe ich den Klassenschrank geöffnet, ohne vorher zu fragen, ob ich es darf. Und vorletzte Woche habe ich einmal im Unterricht geschwätzt. Das heißt, ich habe schon zwei Einträge ins Klassenbuch bekommen. Wenn heute wieder einer erfolgt, fliege ich von der Schule.«
Sein Tonfall verriet so viel Scham, Verzweiflung und Not, dass Felicitas kurz überlegte, ihm ein Stück von ihrem Butterkuchen anzubieten.
»Wegen solch geringfügiger Vergehen fliegt man doch nicht vor der Schule.«
»Herr Moritz hat nicht nur damit gedroht, auch mit dem … Stock.«
Das letzte Wort brachte er so erstickt hervor, dass sie nicht sicher war, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Lauter war ein Geräusch in ihrer Erinnerung, das Zischen des Lineals, das ihr Lehrer von der Volksschule so gern auf ihren Handrücken hatte schnalzen lassen. Irgendeinen Vorwand hatte sie ihm immer geboten. Mal waren ihre Holzpantinen schmutzig gewesen, mal hatten sich unter ihren Fingernägeln dunkle Halbmonde befunden, mal hatte sie spitze Steine in ihrer Schürzentasche verborgen, um sich notfalls gegen die Jungen zu wehren.
Mit deinem Lineal konntest du mich nicht kleinhalten, ging es Felicitas durch den Kopf. Du hast mir zwar Striemen am Handrücken zugefügt, meinen Geist aber hast du nicht erwischt.
Ob des Anblicks des schmächtigen Jungen mit dem verweinten Gesicht währte das Triumphgefühl aber nicht lange.
»Dein Lehrer droht euch mit dem Stock?«, fragte sie irritiert.
»Manchmal benutzt er ihn auch.«
Der Schweiß, der sich in ihrem Nacken gebildet hatte, war längst erkaltet. Mit ihrer Wut ging das nicht so schnell.
»Wie heißt du denn?«
»Willy.«
»Ich verspreche dir, Willy, dass du heute ganz sicher nicht den Stock zu spüren bekommst.«
Sie trat auf die Klassentür zu, wummerte energisch mit der Faust dagegen und öffnete sie, ohne ein Herein abzuwarten.
Während sie Herrn Moritz fixierte, musterte sie aus den Augenwinkeln den Raum. Die Schulbänke, die in fünf Reihen hinterei-nanderstanden, waren leicht angeschrägt, in kleinen Löchern waren Tintenfässer eingelassen, in einem Regal darunter lagen die Schulranzen. Die Kinder – wie auf diesem Gymnasium üblich, waren es ausschließlich Knaben – saßen kerzengerade mit durchgestrecktem Rücken da, die Hände geschlossen auf dem Tisch, die Füße parallel nebeneinandergestellt. Keines von ihnen wagte, sie oder Willy, der schnell an seinen Platz huschte, anzuschauen.
An den Wänden hing eine historische Karte, die – wie die zahlreichen Pfeile verrieten – die Völkerwanderung darstellte, außerdem ein ausgestopftes Tier mit einem spitzen Schnabel, wohl ein Greifvogel. Der Mund von Herrn Moritz glich auch einem spitzen Schnabel, als er ihn öffnete, tief Luft holte und fragte, wer sie sei
Felicitas antwortete nicht gleich.
Während ihres Studiums hatte sie gelernt, dass eine kurze Pause vor dem Beginn eines Vortrags zu größerer Aufmerksamkeit verhalf. Obwohl es ihr schwerfiel, zählte sie innerlich bis zehn, ehe sie ruhig sagte: »Guten Morgen, Herr Kollege.« Sie brachte sogar ein Lächeln zustande, deutete dann mit dem Kinn auf das, was er in der Hand hielt. »Wir haben keinen Kaiser mit Zepter mehr«, erklärte sie laut und deutlich.
Sie wusste, dass viele Lehrer den Rohrstock als Zepter bezeichneten. Sie wusste ebenso, dass es selbst im Kaiserreich Gesetze gegeben hatte, wie dieser Rohrstock eingesetzt werden solle: Mädchen durfte man nur auf den Rücken und den linken Arm schlagen, Jungen nur auf Rücken und Gesäß, Kinder unter acht Jahren gar nicht. Mittlerweile aber hatte nicht nur der Kaiser sein Zepter verloren, der Rohrstock war verboten. Und das sagte sie laut. Die Schüler saßen sämtlich wie erstarrt da, keiner schien auch nur zu atmen.
Herr Moritz hatte das wohl ebenfalls kurz vergessen, ehe er einmal mehr nach Luft schnappte.
»Das ist kein Rohrstock, sondern eine Weiderute«, rechtfertigte er sich. »Und damit zu strafen ist nur bei Schulkindern verboten, nicht bei Lausbuben.«
Felicitas zählte wieder bis zehn, anstatt die Worte, die ihr schon auf der Zunge lagen, auszusprechen: Wir leben im Jahr 1930. Heutzutage bläut man Kindern nichts mehr mit dem Rohrstock ein, erst recht nicht Gehorsam, Ordnung und Selbstüberwindung. Heutzutage erzieht man Kinder zu aufrechten Menschen, und der Mensch ist gut, wenn seine Bedürfnisse befriedigt werden. Lernen soll Spaß machen, nicht in einer Atmosphäre von Angst geschehen, all das hat sich doch längst herumgesprochen, vor allem hier in Hamburg!
Aber ihr Schweigen erwies sich ohnehin als mächtiger. Herr Moritz errötete, und als sie erklärte: »Ich sehe gar keine Lausbuben«, legte er den Rohrstock, oder die Weiderute, unauffällig zur Seite und wandte sich an Willy.
»Warum bist du zu spät?«
»Das ist allein meine Schuld«, kam Felicitas dem Knaben zuvor. »Ich unterrichte heute zum ersten Mal hier, habe meine Klasse aber leider nicht gefunden und Willy gebeten, mir den Weg zu zeigen. Er ist ein sehr höflicher, zuvorkommender Junge. Ich habe mich nicht nur bei ihm zu bedanken. Auch bei Ihnen, seinem Lehrer, der ihm offenbar beigebracht hat, wie wichtig Hilfsbereitschaft ist.« Herr Moritz hielt den Kopf etwas schief, ähnelte immer noch einem Vogel, jedoch keinem, der mit spitzem Schnabel zuzustoßen drohte. »Ich wollte Ihren Unterricht nicht stören, lediglich berichten, dass Willy mich gerettet hat. Wenn überhaupt, verdient er eine Belohnung, keine Strafe.«
Sie starrte den Kollegen so lange schweigend an, bis der knapp nickte.
»Wir fahren fort!«, sagte er statt eines Abschiedsgrußes.
Sie war überzeugt, dass Willy keine Schwierigkeiten mehr bekommen würde und zwinkerte ihm vertraulich zu. Er merkte es nicht, hatte schon Platz genommen, seine Hände auf den Tisch gelegt und die Füße parallel nebeneinandergestellt wie die anderen.
Dass ein Junge wie er beim nächsten Mal, wenn Herr Moritz sein Zepter schwang, auf dessen Verbot beharren würde, war unwahrscheinlich. Und sie selbst konnte solche Ewiggestrigen nur zum Nachdenken bringen, nicht von ihrem Platz hinter dem Katheder verbannen. Aber in ihrer eigenen Klasse würde die Zukunft des Schulwesens hier und heute beginnen.
Als Felicitas endlich vor der richtigen Tür stand, lauschte sie kurz. Es war totenstill, obwohl sie mittlerweile über fünfzehn Minuten zu spät war. Als sie die Klasse betrat, zeigte sich, dass es nicht soldatische Disziplin war, die die Knaben schweigen ließ. Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie sah, auf wen sich die Aufmerksamkeit richtete – auf zwei Jungen, die sich am Lehrertisch zu schaffen machten.
Ihr energisches »Guten Morgen!« ließ sie zusammenschrecken, und sie stolperten fast über die eigenen Füße, als sie zurück auf ihre Plätze hasteten. Felicitas tat so, als hätte sie nicht gemerkt, was die beiden da getrieben hatten, stellte schwungvoll ihre Tasche ab und wollte sich ebenfalls schwungvoll auf den Stuhl hinter dem Katheder setzen. Erst im letzten Augenblick verharrte sie in der Hocke.
»Das ist ja gar kein Stuhl, das ist ein Papierkorb!«, rief sie.
Die zwei Jungen, die ihr den Streich gespielt hatten, liefen glühend rot an, irgendwo ließ sich ein ersticktes Kichern vernehmen, aber es wurde nicht lauter.
»Wie gut, dass er noch leer ist«, sagte sie, nahm den Eimer, drehte ihn einfach um und setzte sich darauf. Obendrein schlug sie ihre Beine übereinander, etwas, das eine Dame niemals tat und eine Lehrerin wohl auch nicht.
Das Kichern wurde zu einem Lachen, doch als sie in die Richtung blickte, aus der es kam, riss es wieder ab. Ohne dass sie den entsprechenden Befehl erteilt hatte, streckten die Kinder ihren Rücken durch und legten die Hände auf die Tischplatte.
»Ihr seid ja nicht sehr ideenreich«, stellte sie fest. »Eine Lehrerin, die sich in den Papierkorb setzt, ist doch langweilig. Als ich noch Schülerin war, habe ich einmal das Lehrerpult mit Leim eingepinselt.«
Die Blicke, bis jetzt starr auf die Tintenfässchen gerichtet, hoben sich. »Sind die Ellbogen des Lehrers daran festgeklebt?«, fragte der Junge, der ihren Stuhl gegen den Papierkorb ausgetauscht hatte.
»Die leider nicht, aber das Klassenbuch.«
Wieder ertönte ein Lachen, sie stimmte mit ein.
»Könnt ihr auch etwas anderes als Streiche spielen, zum Beispiel euch bewegen?«, fragte sie, als es abgeklungen war.
Mehrere Köpfe hoben sich. »Bewegen?«
»Na, wenn eure Gedanken so eingeschlafen sind wie eure Füße, hat es keinen Sinn, mit dem Stoff zu beginnen. Also steht auf!«
Sie musste den Befehl zweimal wiederholen, ehe die Kinder endlich gehorchten. Noch länger dauerte es, sie dazu zu bringen, sich paarweise an den Händen zu fassen und im Kreis um die Bänke zu laufen – was erst möglich war, nachdem sie ein paar zur Seite geschoben hatte.
»Darf man das überhaupt?«, fragte ein Junge zweifelnd.
»Oh, wir werden die Klasse ohnehin ganz neu einrichten, näm-lich immer zwei Tische nebeneinanderstellen, sodass man in Vierergruppen arbeiten kann. Aber jetzt stellt euch erst mal vor, ihr wärt nicht in einer Klasse, sondern in einem Zoo. Ihr wart doch sicher schon im Tierpark Hagenbeck, oder? Wie bewegen sich Elefanten, wie die Pinguine, wie die Affen?« Die Kinder verharrten prompt starr nebeneinander. »Ich sehe schon«, sagte Felicitas seufzend »ihr seid es eher gewohnt, die Ameisen zu imitieren, die in Reih und Glied marschieren.« Sie klatschte in die Hände. »Will denn niemand ein Flamingo sein?« Verstohlen hob ein Junge das Bein, allerdings nur um zehn Zentimeter. »Was macht ihr denn in eurer Pause auf dem Schulhof? Steht ihr dort auch so starr herum wie die Soldaten beim Morgenappell?«
Ein Junge antwortete erst, nachdem er aufgezeigt hatte und zum Sprechen aufgefordert worden war. Er trat einen Schritt vor, schlug die Fersen aneinander, reckte sein Kinn.
»Wir marschieren in einer Kolonne«, erklärte er. »Und wir singen ›Wem Gott will rechte Gunst erweisen.‹«
»Hm«, machte Felicitas. »Ich kenne das Lied nicht. Wollt ihr es mir mal vorspielen?«
»Vorspielen oder vorsingen?«
»Vorspielen, und zwar mit der Geige.«
»Hier gibt es doch überhaupt keine Geige.«
»Nicht?« Felicitas tat überrascht. Sie ging zum Wandschrank, öffnete ihn. Hier befanden sich nur ausgestopfte Tiere, Landkarten, Papierbogen, aber sie tat so, als würde sie ganz behutsam ein Streichinstrument hervorholen. Danach klemmte sie sich die ima-ginäre Geige in die Halsbeuge und begann mit dem unsichtbaren Bogen zu fiedeln. »Ich fürchte, ich bin schon ein bisschen aus der Übung. Wenn wir alle zusammenspielen, wird vielleicht ein Lied daraus.« Die Kinder ließen ihre Hände los, traten unsicher von einem Bein auf das andere, keiner machte Anstalten, die Geige zu spielen, einer hob endlich die Hände, als hielten sie eine Flöte, wenn auch eine recht kleine. »Was ist denn mit euch los? Ich sehe weder Sportler noch Musiker!«
Und ich sehe keine Kinder, fügte sie in Gedanken zu. Kinder, die Lust an der Bewegung, am Spiel haben, denen das Lernen so viel leichter fiele, wenn sie beides zuvor getan hätten.
Aber wahrscheinlich forderte sie zu viel auf einmal. Ihre Freundin Anneliese betonte auch immer wieder, dass man, wenn man einen Kuchen buk, die Zutaten nacheinander verrühren musste, nicht alle gleichzeitig.
Felicitas hängte die imaginäre Geige in den Schrank zurück und entschied, die Sitzbänke vorerst noch nicht umzustellen. Sie verzichtete allerdings nicht darauf, erneut auf dem Papierkorb Platz zu nehmen, und wurde einmal mehr mit einem Kichern belohnt.
»Stimmt es, dass Sie von einer Reformschule kommen?«, fragte ein Junge.

Julia Kröhn
© Feinkorn Photography Gaby Gerster

Die Autorin Julia Kröhn

Die große Leidenschaft von Julia Kröhn ist nicht nur das Erzählen von Geschichten, sondern auch die Beschäftigung mit Geschichte: Die studierte Historikerin veröffentlichte – teils unter Pseudonym – bereits zahlreiche Romane. Nach ihrem großen Erfolg, »Das Modehaus«, ein Top-20-SPIEGEL-Bestseller, und ihrem hochgelobten Riviera-Zweiteiler folgt nun die nächste opulente Saga vor schillernder Kulisse. Darin lässt die Tochter zweier Lehrer, die selbst auch Lehramt studiert hat, viele ihrer eigenen Schulerfahrungen mit einfließen.

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