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Kristine Bilkau

Kristine Bilkau über die gesellschaftlichen Hintergründe von "Nebenan"

„Während die Welt da draußen überfordernd wirkt, konzentrieren sich viele auf die Optimierung des häuslichen Raums. Da trifft die wachsende Furcht vor Einsamkeit auf den Rückzug ins Private.“

Ihr Roman „Nebenan“ spielt unter anderem in einer namenlosen Kleinstadt am Nord-Ostsee-Kanal. Wie in vielen Kleinstädten veröden auch dort die Innenstadt, Cafés und Kinos schließen, Lokale stehen leer. Der „Großstadtroman“ sowie der „Dorfroman“ sind uns vertraut. Warum haben Sie die Kleinstadt gewählt?

Vor einigen Jahren habe ich angefangen, mich für die kleineren Städte zu interessieren, besonders für die Entwicklung der Innenstädte. Diese verblassenden Zentren erzählen Geschichten. Sie erzählen etwas über das soziale Miteinander. An leeren Geschäften, mit Spanplatten zugenagelten Schaufenstern und maroden Schriftzügen ehemaliger Läden lässt sich ablesen, wie empfindlich unser soziales Gefüge sein kann, wie empfindlich es auf Veränderungen und Vernachlässigung reagiert. Zudem hat mich das Zusammenspiel aus Dorf, Kreisstadt, Natur und Industrie interessiert, diese gebrochenen Landschaften, in die sich die Industrialisierung und unsere Mobilität eingeschrieben haben.

Einige Figuren sind Nachbarn, ihre Leben kreuzen sich jedoch nur flüchtig. Die fehlende Gemeinschaft und die Sehnsucht nach einem Miteinander stehen im Mittelpunkt der Handlung. Wieso war es Ihnen ein Anliegen, darüber zu schreiben?

Ich wollte zwei gesellschaftlichen Entwicklungen auf die Spur kommen: Zum einen ist da die wachsende Furcht vieler Menschen vor Einsamkeit. Zum anderen der Rückzug ins Private, der allgemein zunimmt. Damit meine ich nicht die Zeit der Pandemie, das waren ja andere Umstände, sondern einen langsamen Prozess, der sich unabhängig davon schon länger vollzieht. Während die Welt da draußen überfordernd oder bedrückend wirkt, konzentrieren sich viele auf die Optimierung des häuslichen Raums. Da trifft eine Sehnsucht nach Verbundenheit auf den Rückzug ins Private. Dieses Paradox hat mich interessiert. Davon wollte ich erzählen, ohne die Figuren vorzuführen oder zu verurteilen, sondern indem ich ihre Suchbewegungen und Rückzugsbewegungen nachzeichne. Zugleich ließ sich auf der politischen Ebene in den vergangenen Jahren eine Form von Abschottung beobachten: Die Briten, die nicht mehr Teil der EU sein wollten. Trump, der mit dem Wahlspruch „America First“ Präsident wurde. Der aufkommende Nationalismus in vielen Ländern Europas. Nach den Jahrzehnten der Bündnisse und Annäherungen ging es wieder stark um Abgrenzung und Entsolidarisierung. Ich habe die Geschichte in das Jahr 2017 gelegt, dem Jahr, in dem sich diese Entwicklungen verdichtet haben.

Julia, eine der beiden Hauptfiguren, ist aus der Großstadt „ins Grüne“ gezogen, sie und ihr Mann haben sich den Traum des Eigenheims mit Garten erfüllt. Mit der Nachbarsfamilie hat sie nur wenig Kontakt. Als diese plötzlich verschwindet, macht sich Julia große Sorgen um das Wohl der Mutter und ihrer Kinder. Ist das vermeintliche Desinteresse an den Nachbarn nicht oft eher eine Scheu davor, den anderen zu nahe zu kommen?

Ja, ich glaube, das Miteinander ist immer eine Gratwanderung, verbunden mit grundsätzlichen Fragen: Wie achtet man aufeinander? Was können wir wirklich voneinander wissen? Wenn ich den Eindruck habe, jemand in meiner Nachbarschaft könnte in Schwierigkeiten stecken, aber ich bin mir nicht sicher – wie gehe ich damit um? Was kann ich tun, um zu helfen? Wo wird Hilfe zu unerwünschtem Einmischen? Julia und Astrid werden mit diesen Fragen konfrontiert. Julia ist eine sensible, aber passive Beobachterin, die aus der Reserve gelockt wird. Astrid, eine Ärztin kurz vor dem Ruhestand, ist eine manchmal etwas selbstgewisse Kümmerin, die ungern Hilfe annimmt und das auf ihre alten Tage noch lernen muss. Und Elsa, ihre über 80-jährige Tante, scheint da auf geheimnisvolle Weise eine Balance zu haben. Auf eine stille, unmerkliche Art scheint sie die Menschen um sich herum im Blick zu haben, mit einem Gespür für Notlagen.

Julia leidet an ihrem unerfüllten Kinderwunsch und quält sich mit Betrachtungen von perfekt inszeniertem Familienglück auf Social-Media. Am Thema Mutterschaft kommt keine Frau vorbei, oder?


Fast jede Frau, ob sie will oder nicht, kommt mit dem Thema Mutterschaft in Berührung. Und sei es, dass sie sich rechtfertigen muss, wenn sie keine Kinder möchte. Anders herum werden Frauen, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben, oft bemitleidet oder belächelt, als wäre ihr Bemühen und ihr Leid überempfindlich oder egozentrisch. Im Roman zeigt sich, dass die „klassische“ Familie kein Glücksgarant sein muss. Es kommen unterschiedliche Familienmodelle vor, die manchmal besser funktionieren als das vermeintlich klassische Modell. In sozialen Medien findet Julia eine Gegenwelt, eine Scheinwelt, die sie einerseits durchschaut und der sie trotzdem nicht widerstehen kann: perfekte häusliche Idyllen. Da wird gebacken und geboren, da werden Kinder in geschmackvoll eingerichteten Zimmern gezeigt, Gemüse in romantischen Gärten geerntet. Eine Welt, die alle Brüche kaschiert oder negiert. Und das mit längst überholten Rollenbildern – die Frau, das Kind, das Heim, der Herd. Pastellfarbene Welten, die etwas Regressives haben.

Ihre Sprache ist, wie in den beiden Vorgängerromanen „Die Glücklichen“ und „Eine Liebe, in Gedanken“, klar und präzise, das soziale Gefüge der Figuren ist fein beobachtet. Diesmal haben Sie außerdem unheimliche Elemente in die Handlung eingewoben, die eine unheilvolle Stimmung erzeugen. Was hat es damit auf sich?


Das Unheimliche, das sich im Vertrauten zeigt, hat mich interessiert, weil Momente des Unheimlichen den Blick auf Situationen und Zusammenhänge noch einmal anders öffnen können. Das Unheimliche kann zum Beispiel etwas über die Verletzbarkeit der Figuren erzählen. Für mich ging es dabei auch um die Frage: Was macht ein Zuhause aus? Welche Gedanken und Ideen verbinden wir damit? Der französische Philosoph Gaston Bachelard hat in seinem Buch „Poetik des Raumes“ sinngemäß gesagt: Ein Nest ist ein fragiler Ort, der Stabilität vortäuschen soll. Das hat mich beschäftigt, davon wollte ich erzählen. Die Figuren kreisen gedanklich um das leere Haus, in dem bis vor Kurzem noch eine Familie gelebt hat. Dabei setzen sie sich mit der Fragilität des Miteinanders auseinander – ob in einer Stadt, einem Dorf, einer Nachbarschaft oder unter dem eigenen Dach. Julia und Astrid schärfen ihren Blick auf ihr Umfeld, ihr Nebenan, und sie erfahren dabei etwas über sich selbst. Auch Gewalt spielt für beide Frauen eine Rolle, angefangen bei den auf den ersten Blick kaum sichtbaren, alltäglichen Nuancen, mit denen sie zu tun haben. Was nehmen wir wahr? Wie ordnen wir das ein? Was blenden wir aus? Was verdrängen wir? Für mich ist das kein eigenes, für sich geschlossenes Thema, sondern gehört zur Frage des sozialen Miteinanders dazu. Es geht um Erfahrungen, Beobachtungen und Ahnungen von Gewalt. In den Geschichten von Julia und Astrid sind das vereinzelt Momente, Situationen und Erinnerungen, die nach und nach ein Muster ergeben. Oft hat dabei das Unausgesprochene eine Bedeutung. Die Leerstellen und Brüche sind wichtig, und das Unheimliche bezieht sich auf diese Leerstellen und Brüche. Und manchmal gibt es auf das vermeintlich Unheimliche eben auch konkrete Antworten.

Der Roman wird von seinen weiblichen Hauptfiguren getragen. Sie sind es, die über den Gartenzaun schauen und die zarten Fäden einer Gemeinschaft spinnen. Sorgen vor allem die Frauen für den sozialen Zusammenhalt?

Wenn es um Kindererziehung, die Pflege Angehöriger oder um soziale Berufe geht, ja, da erledigen Frauen den größeren Teil der Arbeit. In fast jeder Familiengeschichte kommt auf die eine oder andere Weise der abwesende Vater vor. Seltener die abwesende Mutter. In den Lebensläufen von Julia und Astrid spielt das eine Rolle. In meinem Roman kümmern sich aber auch Männer um soziale Fragen. Da ist Wolfgang, der das Jugendhaus der Stadt leitet und Julia in ihrem Laden aufsucht. Da ist Andreas, Astrids Mann, der sich für den Erhalt dieses Jugendheims einsetzt, als da etwas auf der Kippe steht, und der immer wieder durch seine Fürsorge für Astrid auffällt. Allerdings gibt es einen Moment, da wird Astrid bewusst, im Vergleich mit anderen Lebensgeschichten, dass Andreas ein Glücksfall ist. Und der Gedanke – Ich habe Glück gehabt – erstaunt sie wiederum: Warum ihr etwas eigentlich so Einfaches – ein Mensch an der Seite, der auf den anderen achtet – als so seltener Glücksfall vorkommt. Der Roman erzählt einen ganzen Reigen aus Verbindungen, bei denen es immer wieder um das Aufeinander-Achten geht. Die weibliche Perspektive hat mich dabei besonders interessiert, weil ich davon erzählen wollte, wie Frauen sich in diesem sozialen Miteinander immer wieder neu verorten.

Sie binden im Roman auch Zitate anderer Autoren und Autorinnen ein, weisen auf subtile Weise auf andere Werke hin. Welche Bedeutung haben diese Verweise?

Zum Teil sind das regionale Bezüge, zum Teil historische oder thematische, um Zusammenhänge zu erstellen und Erzähltraditionen aufzugreifen. Da ist zum Beispiel Sarah Kirsch, die viele Jahre auf dem Land in Schleswig-Holstein, nicht weit vom Nord-Ostsee-Kanal gelebt und darüber geschrieben hat. In diesen Texten verwebt sie Landschaftliches, Gegenwart und Historisches, und auch das Unheimliche spielt bei ihr eine Rolle. Außerdem tauchen in meinem Roman Märchen und Mythen auf. Astrid erinnert sich an ihre Kindheit, in der sie mit ihrer Schwester ein bestimmtes Märchen – Das Waldhaus – immer wieder spielerisch veränderte, um sich weniger vor dieser für sie bedrohlich klingenden Geschichte zu fürchten. Julia hingegen entdeckt, welche Widerstandskraft in einigen Frauenfiguren aus Sagen und Mythen steckt. Und an einer Stelle bezieht sich der Texte auf „Die gelbe Tapete“ von Charlotte Perkins Gilman, eine Schauergeschichte aus dem späten 19. Jahrhundert, die von der bedrückenden häuslichen Situation einer jungen Mutter erzählt. Ihr Mann mietet für die Familie ein Landhaus, die Frau soll sich ausruhen und das Zimmer nicht verlassen. Das verschlungene Tapetenmuster ständig vor Augen wird sie langsam verrückt und bildet sich ein, eine Frau wäre hinter dem Tapetenmuster gefangen. In „Nebenan“ klingt diese sanft schauerliche Saite an. Viktorianische Ghost Storys haben für mich beim Schreiben eine Rolle gespielt. Zwischen diesen Geschichten aus dem 19. Jahrhundert und den auf altmodisch gemachten Instagram-Accounts der Gegenwart entstanden für mich Verbindungen: In den Ghost Stories geht es – besonders für die Frauen – darum, der häuslichen Domäne zu entkommen. In den Social-Media-Idyllen wird diese Häuslichkeit dagegen romantisch inszeniert. Die Mütter sperren sich sozusagen freiwillig in das Zimmer mit der gelben Tapete ein und machen eine kommerzielle Story daraus. Diese artifiziellen Motive häuslichen Glücks drängen sich in Julias Leben und verstärken die Sehnsucht nach einer Welt ohne Brüche.


Kristine Bilkau „Nebenan“, Roman. Luchterhand Literaturverlag, 2022

April 2022. Fragen von Elsa Antolín, Luchterhand Literaturverlag
© Luchterhand Literaturverlag. Die Nutzung des Interviews oder von Auszügen daraus ist nach Rücksprache mit der Presseabteilung möglich. Kontakt: karsten.roesel@penguinrandomhouse.de

Nebenan

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