Hochspannung aus Dänemark!

Band 1: Winterland

Der erste Fall für das Ermittlerduo Juncker & Kristiansen!

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Leseprobe zu "Winterland"

Prolog

Der Sommerwind streicht ihr warm über das Gesicht. Leicht wie eine Feder geht sie auf bloßen Füßen über die Wiese. Das Gras ist feucht vom Morgentau, irgendwo im Garten zwitschert eine Amsel, und sie spürt eine Freude wie seit Ewigkeiten nicht mehr.
»Ich bin«, sagt sie zu sich selbst, ohne richtig zu wissen, warum. Dann wiederholt sie die Worte mit einem Lächeln, einfach, weil sie so schön klingen. »Ich bin.«
In der Ferne hört sie ein Geräusch, wie von einem Hammer, der mit Wucht auf eine Holzplatte geschlagen wird. Sie sieht sich um. Niemand ist hier. Aber da ist es wieder. Näher diesmal. Sie fühlt Angst in sich aufsteigen, spürt, wie das Geräusch sie packt und in die Höhe zieht. Sie versucht dagegen anzukämpfen, das Bild des Gartens verschwimmt, sie greift danach, doch kann es nicht fassen. In einer langsamen Aufwärtsspirale schwebt sie durch die Schichten zwischen Traum und Wirklichkeit und erwacht mit einem Ruck.
Sie reißt die Augen auf und starrt mit klopfendem Herzen in die Dunkelheit. Ist da jemand? Sie lauscht. Abgesehen vom sanften Rauschen des Windes, der durch die nackten Zweige der Bäume im Hof fährt, ist es totenstill.
Da hört sie es wieder. Drei wütende Schläge. Und plötzlich weiß sie, was es ist. Jemand klopft an der Tür.
Es ist ein fremder Laut. In den vier Jahren, die sie hier im Haus wohnen, hat sie den Türklopfer nur einige wenige Male gehört, normalerweise bekommen sie keinen Besuch (früher hatten sie Freunde, jetzt nicht mehr). Sie schaut zum Nachttisch. Die grünen Ziffern des Radioweckers zeigen 04.16 Uhr.
Wer sollte hier mitten in der Nacht auftauchen? Die Polizei? Eine Zeit lang haben sie ihn beobachtet, so viel weiß sie, aber in den letzten Jahren nicht mehr. Wer dann? Ein Einbrecher?
Aber würden Einbrecher anklopfen?
Sie streckt den Arm aus und rüttelt an ihrem Mann. Er liegt mit dem Rücken zu ihr und schläft tief, wie sie an seinen schnarchenden Atemzügen erkennen kann. Sie rüttelt erneut an ihm, fester diesmal.
»Was?«, murmelt er schlaftrunken.
»Da klopft jemand. Jetzt wach schon auf!«, sagt sie verärgert.
Er dreht sich umständlich um, stützt sich auf die Ellbogen und bringt seinen großen Körper in eine halb aufrechte Position. »Klopft? Was redest du da?«
Er ist noch nicht richtig wach, die Worte kommen undeutlich aus seinem Mund, dennoch schwingt Unruhe in seiner Stimme mit, vielleicht sogar Angst. Nervös schüttelt sie den Kopf. Was ist nur los?
»Jemand klopft an der Tür. Geh endlich und mach auf.« Ihre Stimme überschlägt sich.
Er seufzt, schwingt die Beine über die Bettkante und steht auf. Schwankt kurz, bevor er das Gleichgewicht wiederfindet und mit schweren Schritten in den Flur geht. Er schließt die Schlafzimmertür hinter sich.
Sie hört, wie er den Schlüssel im Eingangsschloss dreht und die Klinke herunterdrückt. Dann wird die Tür mit einem Ruck aufgestoßen. Undeutliches Stimmengewirr dringt zu ihr durch, jemand spricht, und ihr Mann ruft etwas.
Es klingt, als ob ihn jemand packt und zurück ins Haus drängt. Mit einem dumpfen Dröhnen poltert er gegen die Wand, und er stöhnt auf.
Einen Moment ist sie wie gelähmt. Dann krampft sich ihr Zwerchfell panisch zusammen. Ihr Haus liegt einsam am Waldrand. Die nächste Nachbarin, mit der sie noch nie ein Wort gesprochen hat, lebt mehrere Hundert Meter entfernt. Außerdem ist es eine alte Frau, was sollte sie schon ausrichten?
Die Hunde, schießt es ihr durch den Kopf. Die Hunde!
Sie reißt die Nachttischschublade auf und wühlt darin nach dem Pfefferspray. Dann schlägt sie die Decke zur Seite, springt auf und öffnet vorsichtig die andere Schlafzimmertür, die zum Wohnzimmer führt. Niemand zu sehen. So schnell und so leise, wie ihr einhundertdrei Kilogramm schwerer Körper es zulässt, bewegt sie sich durch den Raum zur Terrassentür.
Sie drückt den Griff nach unten, fast lautlos, öffnet die Tür und läuft hinaus, in Richtung Zwinger. Spürt kaum die beißende Kälte und die Kieselsteine, die in ihre nackten Fußsohlen schneiden.
Die beiden großen, muskulösen Hunde stürmen aus ihrer Hütte und schlagen bei ihrem Anblick an. Sie haben immer schon ihm gehört, nur ihm, und sie hat Angst vor ihnen. Aber jetzt muss sie sie loslassen. Jetzt müssen die Hunde sie beide retten. Das Schloss ist eisig vom Frost, das Metall fühlt sich in ihren warmen Händen wie ein scharfes Messer an, als sie mit zitternden Fingern versucht, es zu öffnen, ohne dabei das Pfefferspray fallen zu lassen. Die Hunde werfen sich erwartungsvoll gegen die Zwingertür, die Mäuler weit aufgerissen, Geifer hängt ihnen von den Lefzen. Sie zieht die Tür auf und tritt zur Seite, um den Tieren Platz zu machen. Spürt eine Welle der Erleichterung.
Noch bevor sie die Tür ganz öffnen kann, wird sie von hinten gepackt.
Sie schreit. Es fühlt sich an, als würden ihre Oberarme in zwei Schraubzwingen gespannt. Finger bohren sich in ihre Haut, und noch bevor sie den Schmerz richtig registrieren kann, wird sie gegen die Zwingertür gepresst. Der stählerne Draht schneidet ihr in Stirn und Wangen, die Hunde auf der anderen Seite des Gitters springen an ihr hoch, ein wildes Knurren dringt aus ihren Kehlen. Der Mundgeruch der Fleischfresser schlägt ihr in einer süßlichen Wolke entgegen, während sie sich auf den Hinterbeinen tanzend wie wahnsinnig gegen das Gatter werfen, mit ihren Krallen tiefe Schrammen in ihrem Gesicht hin-terlassen und Löcher in den Stoff ihres Nachthemdes reißen.
Der Mann presst seinen Körper gegen ihren und drückt sie gegen die Zwingertür, um die Hunde zurückzuhalten. Er braucht sein ganzes Gewicht, denn die Hunde sind stark, und sie sind zu zweit. Ihre Lunge wird zusammengequetscht, sie schnappt nach Luft. Gesicht und Brust brennen, sie wimmert machtlos, als sie aus den Augenwinkeln sieht, wie er das Schloss mit der einen Hand einrasten lässt, während er sie mit der anderen festhält wie eine Stoffpuppe. Dann reißt er sie von der Tür weg und stößt sie brutal zu Boden. Sie knallt mit der Schläfe auf die eisigen Fliesen und verliert für ein paar Augenblicke das Bewusstsein.
Als sie wieder zu sich kommt, hat er sie auf den Bauch gedreht. Das Pfefferspray, denkt sie und tastet hektisch danach auf der Erde. Ihre Finger schließen sich um die glatte Spraydose, da stellt sich ein Fuß auf ihren Arm, und sie schreit auf, als er brutal zutritt. Dann wird sie an den Handgelenken gepackt und hochgerissen. Verzweifelt versucht sie, festen Stand zu finden, um nicht mit ihrem vollen Gewicht an den verdrehten Armen und Schultern zu hängen, dennoch breitet sich ein dumpfer Schmerz in sämtlichen Gliedern aus.
Sie ist noch immer benommen. Die Kratzwunden brennen im Gesicht. Der Mann schubst sie rückwärts zurück zur Terrassentür und ins Wohnzimmer. Ihr Mann sitzt auf einem Stuhl beim Esstisch, eine zweite Gestalt steht ein paar Meter entfernt und richtet eine Pistole auf ihn.
Was wollen sie? Sie versucht, sich zu beruhigen. Vielleicht sind es doch nur Einbrecher. Vielleicht wollen sie einfach nur Geld. Schmuck. Ihren Fernseher und die Computer.
Sie wird mit dem Bauch auf den Boden gezwungen. Der Mann, der sie überwältigt hat, geht zu einer Tasche, die bei der Tür zum Eingangsbereich steht. Mühsam dreht sie den Kopf und folgt ihm mit ihrem Blick. Jetzt sieht sie, was sie bereits geahnt hat: Er ist riesig.
Er holt etwas aus der Tasche und kommt mit einer Rolle Klebeband in der Hand zurück. Kniet sich neben sie, dreht ihr die Arme auf den Rücken und fesselt sie mit dem Klebeband. Anschließend macht er dasselbe mit den Knöcheln. Dann packt er ihre Füße und zieht sie wie einen Sack Kartoffeln über den Teppich in eine Ecke des Wohnzimmers.
Sie zittert am ganzen Körper vor Schock, Kälte, Angst und der Ungewissheit, was hier gerade vor sich geht. Tränen laufen ihr übers Gesicht, brennen in den Wunden, die die Krallen der Hunde hinterlassen haben. Der Mann nimmt die Klebebandrolle vom Boden, kommt zu ihr, beißt einen neuen Streifen ab und beugt sich über ihren Kopf. Allmählich dämmert ihr, was er vorhat. Ihr Herz hämmert.
»Nein«, fleht sie. »Meine Nase ist verstopft, ich bekomme keine Luft. Ich ersticke. Ich … Sie dürfen nicht …«
Er schaut sie ausdruckslos an. Dann klebt er ihr seelenruhig den Streifen über den Mund, reißt ein längeres Stück ab, legt es über das erste und wickelt es mehrfach um ihren Kopf.
Sie kämpft gegen die aufsteigende Panik. Wenn sie ihren Atem nicht unter Kontrolle bekommt, ist sie bestimmt in wenigen Augenblicken tot. Das eine Nasenloch ist vollkommen zu, durch das andere saugt sie so viel Luft in die Lunge wie nur möglich.
Langsam gewöhnen sich ihre Augen an die Dunkelheit. Der Mann mit der Pistole hat sich aufs Sofa gesetzt. Der Große ist dabei, ihren Mann am Stuhl festzubinden. Seine aufgerissenen Augen leuchten wie Reflektoren im Dunkeln.
»Was haben wir getan?«, wimmert er.
»Wir?« Die Stimme klingt tief und wohlmoduliert. »Wir haben gar nichts getan. Du hast etwas getan. Stimmt’s?«
»Werde ich … heißt das, ich werde …?« Ihr Mann schluchzt.
Sie spürt, wie die Panik erneut die Kontrolle übernimmt, das bislang offene Nasenloch beginnt zuzuschwellen, und sie saugt verzweifelt die Luft ein. Draußen bellen die Hunde, wenn auch weniger wild als zuvor.
»Ob du was wirst? Sterben?« Der Mann tritt ein paar Schritte zurück und betrachtet sein Werk. »Was glaubst du?«
Der andere ist vom Sofa aufgestanden und reicht ihm etwas. Eine Art Stange? Der Große nimmt sie entgegen. Wiegt sie abschätzend in den Händen. Ihr Mann hustet und stöhnt röchelnd, in ihrem Bauch wächst die Angst.
»Und meine Frau?«
Der Große kommt zu ihr herüber. Stellt sich so dicht vor sie, dass sie nur den unteren Teil seines Beines sehen kann. Er stützt sich auf die Stange, ein Rohr. Das Metall glänzt schwarz in der Dunkelheit, abgesehen von fünf kleinen, parallel verlaufenden Einkerbungen, die wahrscheinlich von einer Metallsäge stammen, ganz unten am Rohr, direkt vor ihren Augen. Wie Treffermarkierungen auf dem Gewehrkolben eines Scharfschützen.
»Sie hat nichts … sie hat doch nichts getan«, stammelt ihr Mann.
Der große Mann steht regungslos da. Es kommt ihr wie eine Ewigkeit vor. Die Angst lässt sie die Kontrolle über ihre Blase verlieren, sie spürt den warmen Urin an Oberschenkel und Pobacke hinunterlaufen.
Der Mann dreht sich um und geht zurück zum Tisch. Er betrachtet das Rohr, streicht mit der Hand darüber.
»Die Frage ist nicht nur, was man getan hat. Sondern auch, wer man ist. Was man ist.«
Er schlägt sich ein paar Mal prüfend mit dem Rohr auf die Handfläche. Dann stellt er sich hinter ihren Mann, der sich verzweifelt auf dem Stuhl windet, um zu sehen, was vor sich geht. Doch vergebens, sein Oberkörper ist fest an die Rückenlehne gebunden, er kann den Kopf nicht weiter als neunzig Grad drehen. Mit einem Blick, der tiefste Trauer und Reue verrät, schaut er zu seiner Frau.
»Es tut mir leid«, flüstert er heiser.
Sie hat nicht verstanden, was der große Mann vorhin gemeint hat. Und versteht es immer noch nicht. Für einen Moment scheint alles um sie herum zu erstarren. Die einzigen Geräusche sind der Atem ihres Mannes und der Wind, der draußen im Garten an den Zweigen rüttelt.
Der Garten. Sie spürt noch immer das nasse Gras unter den Füßen. Das Gefühl von Sommer und Glück. Das hier ist nur ein Albtraum, denkt sie. Gleich wachst du auf.
Aber dann umfasst der große Mann mit beiden Händen das Rohr, als wäre es ein Samuraischwert, und wie von einem eiskalten Wind wird all ihre Hoffnung weggefegt. Auf einmal weiß sie, dass sie sich nicht in einem bösen Traum, sondern in der Realität befindet, und sie beide sterben werden.
Sie schreit, doch der Schrei bleibt hinter dem Klebeband hängen.
Der Mann stellt sich breitbeinig auf und geht leicht in die Knie. Er schwingt das Rohr mehrmals vor und zurück, um sich zu vergewissern, dass er damit nicht die Decke trifft. Dann sieht sie, wie er sorgfältig zielt, tief einatmet, die Muskeln des mächtigen Oberkörpers anspannt.
Und schlägt zu.
Verzweifelt wirft sie den Kopf zur Seite, um dem Anblick zu entgehen. Aber das knirschende Geräusch eines Schädels, der wie eine überreife Wassermelone gespalten wird, dringt ungehindert in ihr Gehirn.

Winterland – jetzt anhören!

Der neue Bestseller aus Dänemark – auch als Hörbuch!

Gelesen von Stefan Kaminski: Auftakt der spektakulären Krimireihe um das Ermittlerduo Juncker und Kristiansen.

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Band 2: Todland

Der zweite Fall für Juncker & Kristiansen!

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Leseprobe zu "Todland"

Montag, 31. Juli

Kapitel 1

Wenn man bedenkt, dass ihm zweimal in den Kopf geschossen wurde, sieht der Mann auf dem Weg erstaunlich gut aus.
Die heftigen Gewitterschauer der letzten Nacht haben das Blut aus den Eintrittswunden in den braunen Kies gespült. Eine der beiden Wunden liegt exakt in der Mitte der Stirn, zwei Zentimeter über der Nasenwurzel, und sieht dem zinnoberroten Bindi hinduistischer Frauen zum Verwechseln ähnlich. Die andere befindet sich an der rechten Schläfe auf Höhe der Augen, die halb geöffnet, blutunterlaufen und erloschen sind.
Der Tote liegt auf dem Rücken, ein Arm ruht auf dem Bauch, der andere liegt wie achtlos hingeworfen in einem Winkel von etwa dreißig Grad neben dem Körper. Das rechte Bein ist gestreckt, das linke dagegen in einem unnatürlichen Winkel gebeugt. Er muss wie ein Kartenhaus zusammengeklappt sein, denkt Polizeikommissar Martin Junckersen, der von allen aber nur Juncker genannt wird.
Im Kies sind keine Schleppspuren zu sehen, allerdings könnte der Regen sie auch weggewaschen haben. Wahrscheinlich ist der Mann also an einem anderen Ort getötet und anschließend mitten auf dem Weg deponiert worden. Aber würde man dabei das Bein in eine derart ungelenke Position bringen? Nein, der Mann liegt genau an der Stelle, wo er umgefallen ist. Er wurde hier getötet, schließt Juncker.
Es sei denn, er hat Selbstmord begangen. Aber es ist keine Waffe zu sehen. Sie könnte natürlich unter der Leiche liegen, oder jemand hat sie entwendet, nachdem sich der Mann selbst erschossen hat. Letzteres ist Juncker vor einigen Jahren tatsächlich mal in einem Fall untergekommen. Damals hatten er und seine Kollegen einzig anhand von Schmauchspuren an der Hand des Toten feststellen können, dass es sich um Selbstmord gehandelt und irgendjemand im Anschluss die Waffe gestohlen hatte.
Außerdem sind es zwei Schusswunden. Und auch wenn es theoretisch sicher möglich ist, dass der erste Schuss nicht tödlich war und der Lebensmüde daher ein zweites Mal auf sich schießen musste, scheint dieses Szenario gelinde gesagt reichlich unwahrscheinlich.
Es ist erst Viertel vor acht, doch die Kühle der Nacht ist bereits in den blauen Himmel verschwunden. Das Thermometer ist auf über zwanzig Grad geklettert, und gerade einmal eine Dreiviertelstunde nach der Morgendusche hat sich Junckers Rücken in ein Flussdelta aus Schweißströmen verwandelt, die sich als dunkle Flecken auf Hemd und Unterhose abzeichnen. Der Umstand wird noch durch den hermetisch geschlossenen Schutzanzug aus Kunststoff verschlimmert, in dem er steckt.
Sein Magen meldet sich ungehalten und klingt wie das Knurren eines verwöhnten Schoßhunds. Juncker seufzt und schluckt ein paar Mal, um die leichte Kartonrotweinübelkeit zurückzudrängen, die inzwischen zum festen morgendlichen Begleiter geworden ist.
Der etwa drei Meter breite Kiesweg teilt den Kildeparken, Sandsteds einzige größere Grünanlage, in seiner gesamten Länge. Unter den Einwohnern der kleinen Provinzstadt im Südosten Seelands heißt der Kildeparken ausnahmslos der »Kitzler«, da sich dort seit eh und je so mancherlei in den Büschen abspielt. Hier ist Juncker vor fünfundvierzig Jahren von seiner ersten Freundin in die Geheimnisse des Zungenkusses eingeweiht worden, und noch heute erinnert er sich an den frischen, leicht süßlichen Geschmack ihrer Lippen und das Unbehagen, das er beim beharrlichen Versuch ihrer feuchten Zunge empfand, sich zwischen seine zusammengebissenen Zähne zu drängen. Hier geschah es auch, dass einen Monat später eben jene Freundin – um Lichtjahre erfahrener als er – sein erigiertes Glied geschickt zu einem sehr schnellen und explosiven Erguss brachte.
Fünfzig Meter entfernt stehen zwei uniformierte Polizisten und sprechen mit dem städtischen Gärtner, der den Toten gefunden hat. Juncker, der sich am liebsten in den Schatten der mächtigen Buchen und Kastanienbäume verkriechen würde, richtet den Blick wieder auf die Leiche und geht auf dem Gras neben dem Kiesweg in die Hocke.
Die beiden Schusswunden sind klein, beinahe unschuldig anzusehen. Der Rechtsmediziner Gösta Valentin Markman, der sich gerade in seinem Wagen auf dem Weg von Kopenhagen nach Sandsted befindet, hat Juncker einmal erklärt, dass der Durchmesser einer Schusswunde aufgrund der Elastizität der Haut so gut wie immer etwas kleiner als der des Projektils ausfällt. Juncker beugt sich vor und studiert das Schussloch in der Stirn. Kaliber .22, schätzt er, jedenfalls irgendwas aus der Kleinkramabteilung. Die Nase des Opfers zeigt gerade zum Himmel, und soweit Juncker erkennen kann, gibt es keinen Blutfleck unter dem Kopf und demnach vermutlich keine Austrittswunde. Dasselbe gilt für die Wunde in der Schläfe, beide Projektile müssen also nach wie vor im Schädel stecken, was auf einen Munitionstyp mit einer geringen Mündungsgeschwindigkeit hindeutet.
Vielleicht ist der Täter Mitglied in einem Schützenverein, überlegt Juncker. Die meisten Sportwaffen haben nämlich just jenes Kaliber .22. Es wäre definitiv eine Möglichkeit, zumal es in der Stadt tatsächlich einen recht großen Schützenverein gibt. Andererseits … es könnte auch die Arbeit eines Profis sein. Ausgeführt von einem Minimalisten. Einem »Weniger ist mehr«-Typ.
Juncker richtet sich auf und stöhnt über den stechenden Schmerz in den neunundfünfzig Jahre alten und reichlich eingerosteten Kniegelenken. Er sollte zu einem Arzt gehen und sie untersuchen lassen. Er sollte so vieles von einem Arzt untersuchen lassen. Seine Prostata beispielsweise. Aber er hat gelesen, dass eine rektale Untersuchung für die Untersuchung des Drüsenumfangs fast schon obligatorisch ist. Und der Finger eines Arztes in seinem Hintern? Nein, danke, erst mal nicht.
Die Leberwerte dagegen? Hierfür braucht es schließlich bloß eine Blutprobe. Ja, bald. Vielleicht. Er schiebt die Verfallsgedanken beiseite. Drüben am Eingang hebt eine Frau das rot-weiße Absperrband an und schlüpft darunter hindurch in den Park. Beim Anblick von Nabiha Khalids entschlossenem Marsch über den Rasen zuseiten des Kiesweges muss Juncker unwillkürlich schmunzeln. Der Rücken der zweiunddreißigjährigen Polizeiassistentin ist durchgedrückt, der Kopf hocherhoben, und der kräftige pechschwarze Pferdeschwanz wippt hinterdrein. Sie behauptet steif und fest, in ihrem Pass stünde eins siebenundsechzig, doch Juncker hat den Verdacht, dass sie sich bei der Messung bis zum Äußersten gestreckt hat und in Wahrheit keinen Zentimeter größer ist als die eins vierundsechzig, die früher einmal als Mindestanforderung für Bewerberinnen in der dänischen Polizei galten. Sie grüßt die beiden uniformierten Beamten. Der eine reicht ihr einen weißen Anzug und Plastiküberzüge für die Schuhe. Sie zieht die Schutzausrüstung über und geht auf Juncker und die Leiche zu. Als sie näher kommt, sieht er ein begeistertes Blitzen in ihren dunklen, fast schwarzen Augen, das zu verbergen sie sich nicht im Geringsten bemüht.
Noch bis vor wenigen Monaten hat Nabiha gemeinsam mit Juncker eine kleine Polizeistation in Sandsted besetzt. Sie war im letzten Jahr mit dem vorrangigen Ziel eingerichtet worden, die Probleme mit dem Asylheim für unbegleitete Minderjährige anzu-gehen, das ein Stück außerhalb der Stadt lag, doch der Zustrom von Flüchtlingen hat seither deutlich nachgelassen, und das Heim wurde im April geschlossen.
Da die Polizei nach einem Terroranschlag in Kopenhagen am dreiundzwanzigsten Dezember ressourcentechnisch am Limit arbeitete, entschied man kurz darauf, auch die Polizeistation in Sandsted zu schließen, woraufhin Juncker und Nabiha zur Abteilung für Gewaltkriminalität der Hauptdienststelle in Næstved versetzt wurden.
Zwar hat Nabiha Juncker bei den Ermittlungen im Doppelmord an einem verheirateten Paar in Sandsted assistiert, der, wie sich später herausstellte, mit dem Terroranschlag in Verbindung stand. Doch dieser Fall hier wird nun ihr erster Mordfall als ordentliche Ermittlerin.
»Guten Morgen«, begrüßt sie ihn mit einem strahlenden Lächeln.
Juncker brummt etwas, das mit ein wenig gutem Willen als »Moin« gedeutet werden kann.
»Na«, sagt sie und reibt sich erwartungsvoll die Hände. »Was haben wir denn hier?« Sie macht einen Schritt auf die Leiche zu.
»He, Moment …« Juncker legt ihr eine Hand auf die Schulter.
»Entspann dich. Ich hatte nicht vor, ganz an ihn ranzutreten. Ich bin doch nicht blöd.« Sie funkelt ihn wütend an, und wieder einmal kann er nur staunen, wie mühelos sie von einem Moment auf den anderen von gut gelaunt zu zornig und wieder zurück switchen kann.
»Dann ist ja gut«, meint er.
Sie positioniert sich leicht breitbeinig, verschränkt die Arme vor der Brust und betrachtet die Leiche. Der Mann trägt eine beige Leinenhose sowie ein schwarzes kurzärmeliges Polohemd, dazu hat er einen ebenfalls schwarzen Pullover um die Schultern gebunden. Die nackten Füße stecken in einem Paar Bootsschuhen. Auch wenn er vermutlich seit mehreren Stunden tot ist, hat seine Haut noch immer eine nussbraune Farbe mit einem satten, intensiven Teint, der darauf hinweist, dass er die Wintermonate an einem weit südlicheren Breitengrad als Sandsted verbracht hat. Das kräftige, fast stahlgraue Haar ist halblang, wie bei einem Künstler, und zurückgekämmt.
»Sieht aus wie ein verdammt gut gealtertes Model«, murmelt Nabiha. »Der stinkt nach Geld.« Sie wirft Juncker einen Blick zu. »Als Erstes müssen wir ihn wohl identifizieren?«
Juncker wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, öffnet den Reißverschluss des Schutzanzugs und fischt sein Handy aus der Tasche. 08.30 Uhr. Die Techniker und Markman sollten in einer halben, spätestens einer Dreiviertelstunde hier sein.
»Das können wir uns sparen«, meint er dann.
»Wieso?« Nabiha runzelt die Stirn.
»Weil …« Er steckt das Handy wieder weg. »Weil ich weiß, wer er ist.«

Ab 09. Mai 2022

Band 3: Blutland

Der dritte Fall für Juncker & Kristiansen!

Martin Junckersen ist gerade zur Kopenhagener Polizei zurückgekehrt, da entbrennt in der dänischen Hauptstadt ein gewalttätiger Kampf zwischen Neonazis und Rechtsradikalen auf der einen Seite und autonomen Gruppen und Einwandererbanden auf der anderen. Dabei wird ein junger Neonazi erstochen, und Junckers frühere Partnerin Signe Kristiansen übernimmt die Untersuchung des Mordes. Kurz darauf wird die Leiche einer jungen Frau in einem Naturschutzgebiet gefunden: erdrosselt und sexuell missbraucht. Juncker ermittelt in diesem Fall, und zum ersten Mal seit langer Zeit arbeiten Juncker und Signe wieder zusammen. Denn die beiden vermuten, dass die Taten von demselben Mann verübt wurden – doch dieser eiskalte und intelligente Killer vermag es, auch die erfahrensten Polizisten auf die falsche Fährte zu locken.

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Kim Faber
© Les Kaner

Die Autoren

Kim Faber ist Architekt und Journalist bei »Politiken«, einer der größten dänischen Tageszeitungen.

Janni Pedersen ist Moderatorin und Kriminalreporterin bei TV2, einem der meistgesehenen Fernsehsender Dänemarks. 2018 wurde sie als beste Nachrichtensprecherin des Jahres ausgezeichnet.

Zusammen schrieben sie mit »Winterland« einen explosiven und packenden Kriminalroman über Terror, Gewalt, Trauer und Einsamkeit. Das Erstlingswerk des Autorenehepaars ist der Auftakt der Reihe um das dänische Ermittlerduo Martin Juncker und Signe Kristiansen, gefolgt vom Roman »Todland«, der ebenfalls die dänische Bestsellerliste im Sturm eroberte.

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