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"Ich weiß, wer den Bolenda getötet hat." - Ein altes Geheimnis kommt wieder ans Licht.

Leseprobe "Die Toten von Fehmarn"

»Drei können ein Geheimnis bewahren, wenn zwei von ihnen tot sind.«
Benjamin Franklin

»Forsche nie nach des Freundes Geheimnis.«
Johann Caspar Lavater



»Jan-Arne Asmus ist tot, und stell dir vor, er hat deinen Namen auf dem Totenbett geflüstert.«
Ich war von der Nachricht völlig überfordert, weshalb ich kein Wort erwiderte. Nicht nur, dass meine Mutter ohne ein »Hallo, ich bin’s. Wie geht’s?« ihre Neuigkeit ins Telefon gepustet hatte. Dass sie überhaupt anrief, war eine Sensation.
Wir hatten zuletzt vor drei oder vier Monaten gesprochen, immer war ich diejenige, die anrief, und immer wirkte sie so, als hätte sie den Tag auch gut ohne meinen Anruf bewältigt. Damit nicht genug. Den Namen Jan-Arne Asmus hatte ich eine kleine Ewigkeit nicht mehr gehört. Kaum, dass ich mich an sein Gesicht erinnerte. Er war in meinem Alter, allein deshalb traf mich sein Tod. Am meisten irritierte mich jedoch, dass er ausgerechnet an mich gedacht haben sollte, kurz bevor er gestorben war.
»Du sagst ja gar nichts«, stellte meine Mutter fest. »War ich zu unsensibel, Doro? Na ja, ihr habt ja mal miteinander poussiert.«
Dieser Ausdruck war schon zu der Zeit hoffnungslos veraltet, als ich Jan-Arne kennengelernt hatte. Mitte der Achtziger.
»Wir haben nie poussiert, Mama.«
Ich sagte die Wahrheit. Zwischen ihm und mir war nichts gewesen, und wenn doch, hätte meine Mutter davon nichts mitbekommen. Dafür hatte sie sich viel zu wenig für mein Privatleben, ach, für mein ganzes Leben interessiert.
»Wenn du meinst. Aber von den Leuten aus der Fehmarn-Clique hattest du mit ihm am längsten Kontakt. Gib es doch zu.«
Allein diese Wortwahl! Ich sollte zugeben, mit jemandem über mein zwanzigstes Lebensjahr hinaus in Kontakt gestanden zu haben.
»Ja, das gebe ich zu«, sagte ich todernst.
»Siehst du. Siehst du.«
So wie sie es hinausposaunte, galt es weniger mir als jemandem, mit dem sie gewettet hatte. Ich vermutete, dass ihre Mitbewohnerin bei ihr war, Frau Rötel. Das war nicht schwer zu erraten. Wenn sie nicht gerade zerstritten waren, saßen die beiden eigentlich immer zusammen, also fünfzig Prozent ihrer Zeit.
»Du hast noch gar nicht gefragt, woran er gestorben ist.«
»Woran ist er denn gestorben?«
»Überfahren.«
»Schlimm. Auf der Straße?«
»Nein, nicht so überfahren. Ein Auto ist buchstäblich über seinen Brustkorb gerollt.«
Was für eine grausame Art zu sterben, dachte ich und unterdrückte meine Vorstellungsgabe mit aller Gewalt, sonst wäre mir übel geworden.
»Du meinst, er wurde ermordet?«, fragte ich.
»Ich kenne mich in diesen Dingen natürlich weniger gut aus als eine Expertin wie du, aber man muss sich schon ziemlich dämlich anstellen, um versehentlich jemandem einmal vor-wärts und einmal rückwärts über den Oberkörper zu rollen, meinst du nicht?«
Dass jemand, den ich kannte, und sei es nur aus ferner Vergangenheit, auf diese beinahe an Mafiamethoden erinnernde Weise zu Tode gekommen sein sollte, war befremdlich und erschütternd zugleich.
»Was wirst du nun tun?«, fragte meine Mutter.
Ich dachte daran, für Jan-Arne im Geiste eine Kerze zu entzünden, am Abend bei einem Glas Chardonnay an ihn zu denken, ein paar alte Fotos auszukramen, Yim von ihm zu erzählen … So in der Art.
»Gib mir bitte seine Adresse, ich schreibe seiner Familie eine Karte … falls er eine hat. War er verheiratet und hatte Kinder?«
»Doro, der Mann ist mit deinem Namen auf den Lippen gestorben, herausgequetscht aus seiner zerdrückten Brust, das Gesicht des Mörders vor seinem geistigen Auge. Und du willst eine schwarzweiße Karte mit dem Aufdruck In tiefer Trauer hinschicken? Was wirst du tun, wenn ich sterbe? Versendest du dann auch eine Karte? Oder veranstaltest du ein Grillfest?«
»Nur wenn du im Sommer stirbst«, erwiderte ich flinkzüngig. Tatsächlich lief mir jedoch ein Schauer über den Rücken bei der erneuten Erwähnung von Jan-Arnes Tod und dessen Umstände. Auch wenn meine Mutter den Vorfall dramati-sierte, was wahrscheinlich war – »mit deinem Namen auf den Lippen«, »das Gesicht des Mörders«, du lieber Himmel! –, irgendetwas war sicherlich an der Geschichte dran. Denn sie war zu blutig, als dass jemand sie sich komplett ausgedacht haben könnte.
»Du musst natürlich nach Fehmarn kommen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Als Gerichtsreporterin bist du prä-destiniert, Kriminalfälle zu lösen.«
Ich fiel aus allen Wolken. Ein absolutes Novum. Sie wollte, dass ich sie besuchte. Das war so unglaublich, dass ich in Erwägung zog, mich geirrt zu haben, dass vielleicht doch alles eine Erfindung von ihr war, zumindest die Sache mit meinem Namen auf dem Sterbebett. Möglicherweise war meine Mutter einsamer, als sie sich das eingestehen wollte. Vielleicht dachte sie, dass es ein Fehler gewesen war, mit Ludwina Rötel zusammenzuziehen. Oder sie verschwieg mir etwas, ihre Gesundheit betreffend.
Sie mit meinem Verdacht zu konfrontieren hätte mir nichts als weitere vier Monate Funkstille eingebracht, und auch wenn die Telefonate mit ihr anstrengend werden konnten und ich unmittelbar danach nicht gerade bester Dinge war, war ich am darauffolgenden Tag stets froh, ihre Stimme gehört zu haben.
Selbst wenn ich nach einem Grund hätte suchen wollen, ihren Vorschlag abzulehnen – es gab keinen. Die Pfingstferien waren vorüber, die Sommerferien hatten noch nicht begonnen, die Redaktion meines Wochenmagazins war gut besetzt und ich mit allen Aufträgen auf dem Laufenden. Eine Woche am Meer würde mir guttun.
Würde uns guttun, dachte ich und meinte damit nicht meine Mutter, sondern meinen Mann Yim. Sein Fischrestau-rant hatte die Corona-Pandemie nicht überlebt. Das Schiff, das auf der Spree vor Anker lag, hatte ohnehin nur Platz für vierzehn Tische geboten, die Yim auf die Hälfte hatte reduzieren müssen. Trotz staatlicher Hilfen hatte es nicht gereicht, und bevor er in die Insolvenz gerutscht wäre …
»Also gut, ich komme. Übermorgen.«
An der zeitverzögerten Reaktion meiner Mutter bemerkte ich, dass sie nicht mit einer Zusage gerechnet hatte.
»Und Yim wahrscheinlich auch«, fügte ich hinzu.
»Muss er nicht kochen?«
»Mama, ich habe dir doch geschrieben, dass er die Nixe schließen musste.«
»Mit der Post?«
»Nein, per Brieftaube. In einer E-Mail natürlich.«
»Ach so. Ich komme in dieses Akkord-Dingsda nicht mehr rein, habe das Passwort vergessen.«
»Wenn ich bei dir bin, kümmere ich mich um deinen Account.«
»Frau Rötel richtet das Gästezimmer her. Ich erwarte dich … euch dann am Freitag.«
Sie beendete das Gespräch, wie sie es begonnen hatte, ohne einen Gruß.
Die Strecke von Berlin nach Fehmarn führte über ruhige brandenburgische und mecklenburgische Landstraßen, alle paar Kilometer von kleinen Dörfern unterbrochen. Wir fuhren mit meiner alten Karre, da Yim sein Cabrio verkauft hatte, um das Restaurant etwas länger über Wasser zu halten. Nun war beides weg, und das lag wie Blei auf der Fahrt, verlieh unserem Schweigen Schwere und unseren Worten einen Beigeschmack. Sein Unglück war immer da. Selbst wenn es sich nicht offen zeigte, bestimmte es unser Zusammensein.
Als Yims betriebliche Rücklagen aufgebraucht waren, hatte er vor der Wahl gestanden, auch unsere privaten Ersparnisse einzubringen. Ich war dafür gewesen, er dagegen, und er hatte Recht behalten, denn sie wären mit allem anderen den Bach runtergegangen. Nun hatte er »nichts mehr«, wie er es formulierte, womit er darauf anspielte, dass die verbliebenen Ersparnisse zu einhundert Prozent aus meinen Honoraren resultierten. Selbstredend sah ich das anders, es war unser Geld. Aber ich wusste auch, dass es mir im umgekehrten Fall wie Yim gehen würde. Seit dem Abitur stand ich auf eigenen Füßen und hatte mich stets allein über Wasser gehalten. Diese Unabhängigkeit mit einem Mal zu verlieren und von dem Geld meines Mannes zu leben hätte mein Selbstver-ständnis auf den Kopf gestellt.
Während inzwischen die dritte Amy-Macdonald-CD lief, sah Yim nur wortlos aus dem Beifahrerfenster, wo ein Regen-schauer über dem flachen sattgrünen Land mit seinen Kühen und Reihern niederprasselte. Natürlich war er enttäuscht und – viel schlimmer – orientierungslos. Gutes Essen war sein Leben. Er hatte immer entweder als angestellter Koch oder als selbständiger Gastronom gearbeitet, und beides war nun auf unabsehbare Zeit nicht mehr möglich.
Unvermittelt drehte er die Musik leiser.
»Was war das für ein Mann, der Tote?«
»Jan-Arne?« Ich war froh, dass Yim von sich aus seine ruinöse Gedankenspirale unterbrach. »Gesehen habe ich ihn zuletzt vor beinahe dreißig Jahren auf Fehmarn. Mein letzter Kontakt zu ihm liegt an die zwanzig Jahre zurück, ich weiß also nicht wirklich, wie er war. Als wir uns kennengelernt haben … herrje, da kann ich nicht älter als neun gewesen sein.«
Natürlich kannte Yim die Geschichte, wie und warum ich als Kind nach Fehmarn gekommen war. Seit ich denken konnte, fuhr meine Familie im Sommer für drei Wochen auf die Insel, wo wir auf einem kleinen Bauernhof mit Gästezimmern wohnten, bei den Rötels. Irgendwann zerstritt meine Mutter sich mit Frau Rötel, und wir wechselten im darauffolgenden Jahr den Bauernhof, nicht aber die Insel. Fehmarn war fester Bestandteil unseres Jahres, auch weil dort die einzige deutlich ältere Schwester meines Vaters lebte, an der er sehr hing, weil sie ihn praktisch großgezogen hatte.
Der gewaltsame Tod meines wenige Jahre älteren Bruders Benny, der von einem Sexualverbrecher überfallen wurde, zerstörte meine Kindheit. Mein Vater brachte sich bald da-nach um, meine Mutter verbitterte. Sie und ich waren als Einzige übrig geblieben, doch mir kam es vor, als hätte ich auch sie verloren. Wir besprachen nur noch das Nötigste, meist praktische Dinge. Erst als sich mein Notendurchschnitt binnen eines Schuljahres von 2,2 auf 3,6 verschlechterte, bemerkte meine Mutter, dass außer ihr noch jemand litt. Was die Tode betraf, bekam ich Hilfe von einer Psychotherapeutin. An die einhundert Sitzungen schafften es tatsächlich, mich zu stabilisieren. Doch danach blieb ich mit meinen ganz norma-len Kinder- und später Teenagerproblemen allein, weil sie, verglichen mit dem ungeheuren, nicht nachlassenden Schmerz meiner Mutter, geradezu lächerlich wirkten.
Die Sommer verbrachte ich von da an bei Tante Thea in Alt-Petri im Nordwesten von Fehmarn. Sechs komplette Wo-chen. Mein elftes, mein zwölftes, mein dreizehntes, mein vierzehntes, mein fünfzehntes Lebensjahr. Anfangs fremdelte ich noch mit diesem Arrangement: ein weggeschicktes Kind, irgendwo geparkt, damit man es nicht um sich haben musste. Die alte, kinderlose ledige Tante, die ständig Probleme mit ihrem Hörgerät hatte, das nicht richtig eingestellt war. Der Labskaus, den sie immer zusammenrührte. Doch dadurch verbrachte ich viel Zeit außer Haus, konnte tun und lassen, was ich wollte. Thea war kein besorgter Mensch, und es war auch niemand da, der sich nach mir erkundigt hätte. Also ließ sie mir weitgehend freie Hand, was meine Freizeit anging. Schon im ersten Jahr lernte ich gleichaltrige Kinder kennen, aus Alt-Petri, Westermarkelsdorf, Schlagsdorf und von den vielen Höfen dazwischen. Mit einigen schloss ich Freundschaften.
»Es war toll damals auf Fehmarn«, sagte ich zu Yim. »Ich kam im Jahr darauf wieder, und es war, als wäre ich nie fort gewesen. Dazwischen schrieben meine neuen Freunde mir Briefe … na ja, nicht alle. Da waren auch ein paar Bauernlümmel dabei, sehr nette Bauernlümmel, die einen Stift nur in die Hand nahmen, wenn der Lehrer sie dazu zwang. Jan-Arne hat allerdings regelmäßig geschrieben. Kein Wunder, er ist später Journalist geworden, wie ich. Das war auch der Grund, weshalb wir den Kontakt so lange aufrechterhielten, während des ganzen Studiums.«
»Und danach?«
»Er schlug einen völlig anderen Weg ein als ich, wurde Reporter in Kriegs- und Krisengebieten. Irgendwann hörte er auf, meine E-Mails zu beantworten, und so verlief unsere Freundschaft im Sand. Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, war, dass er einen Job für CNN zu erledigen hatte. Im Kongo, glaube ich.«
»Was ist mit den anderen?«
»Keine Ahnung. Dieser letzte Sommer, der Sommer des Jahres … es muss 1990 gewesen sein, nein, 1991, der war irgendwie anders. Verrückt.«
»Du warst vierzehn, kein Kind mehr.«
Yim hatte Recht, das spielte eine Rolle. All die verwirrenden Gefühle … Aber da war noch etwas anderes.
Wieso musste ich ausgerechnet in diesem Moment an die Leiche denken? Jene Leiche, die ich und die anderen Kinder der Clique vor dreißig Jahren auf Fehmarn entdeckt hatten.
»Einer von uns war eines Abends, ziemlich am Anfang der Ferien, auf die Idee gekommen, an einem einsamen Weiher in der Nähe einer kleinen Kapelle ein Lagerfeuer zu machen«, schilderte ich. »Auf der Suche nach Brennholz teilten wir uns auf. Ich stapfte mit Maren Westhof durch Schilf und Unterholz. Ich weiß noch genau, dass Maren schnatterte und schnatterte und ich dachte: Du lieber Himmel, kann irgendetwas dieses Mädchen zum Schweigen bringen? Mit einem Mal standen wir vor dem leblosen Körper eines Mannes, der mit dem Kopf nach unten im Uferwasser trieb. Natürlich rannten wir sofort zum Sammelplatz zurück, laut schreiend, glaube ich. Ein paar von den anderen waren von ihren Exkursionen bereits zurück, doch keiner glaubte uns. ›Netter Versuch, gute Show, steigt mal besser von Wodka auf Buttermilch um, Mädels‹, das waren so die Sprüche. Ich ließ nicht locker, nahm Jan-Arne an der Hand und zog ihn hinter mir her. Zuerst fand ich die Stelle nicht mehr. Und als wir dort ankamen, war die Leiche nicht mehr da.«
»Sie war wirklich weg?«, fragte Yim.
»Wir haben überall gesucht, aber sie war verschwunden.«
»Waren du und diese Maren …?«
»Nein, wir waren nicht betrunken und auch nicht hysterisch. Jedenfalls nicht mehr, als unter solchen Umständen tolerabel ist.«
»Wart ihr euch sicher, dass der Mann tot war?«
»Hundertprozentig. Das lag daran, dass er … Na ja, er war eine Wasserleiche, mit allem, was dazugehört. Auch wenn er mit dem Gesicht nach unten schwamm, war das unüberseh-bar. Die Hände, weißt du, die Hände …«
Ich schluckte und fuhr schweigend durch einen Kreisverkehr.
»Überspring es einfach.«
»Ja, also … Maren und ich beharrten darauf, nicht zu spinnen, und am Ende gingen wir alle zusammen zur Polizei. Die schickte eine Streife dorthin, wo wir die Leiche gesehen hatten, aber da sie leider nicht auf wundersame Weise wiederaufgetaucht war … Ich erspare dir die Schilderung der feixenden Beamten. Zwei Tage lang waren Maren und ich das Ge-spött der Clique, sogar Jan-Arne glaubte uns nicht mehr. Zu guter Letzt war sich nicht mal mehr Maren sicher, ob wir doch einem Scherz zum Opfer gefallen waren.«
»Jetzt kommt die große Auflösung.«
»Teilweise, mein Schatz. Am dritten Tag nach unserem Erlebnis wurde eine Leiche aus dem Weiher geborgen, die einem Angler unter die Rute gekommen war.«
»Wer war der Tote?«
»Der Bolenda.«
»Was bitte?«
Um das zu erklären, musste ich ein wenig ausholen. Der Bolenda … Der Mann war ein Phänomen gewesen auf Fehmarn. Die Leute nannten ihn entweder bei seinem Nachnamen
– sein voller Name war André Bolenda, doch niemand rief ihn so – oder einfach »Inselgeist«. Letzteres war durchaus zwie-spältig gemeint. Zum Zeitpunkt seines Todes war der Bolenda Mitte zwanzig. Zuvor war er ein Jahrzehnt lang über die Insel gestreift, tauchte mal hier auf und mal da, und während die einen ihn für harmlos hielten und das mit dem Inselgeist eher humorig meinten, war er den anderen unheimlich. Das lag an seinem plötzlichen Erscheinen – er stapfte manchmal unerwartet aus irgendeinem Gebüsch hervor – und seinem Aussehen. Er war recht groß und schlaksig, trug einen ungepflegten Bart, einen ausgefransten Schlapphut und muffig riechende Kleidung. Man hätte ihn für einen Obdachlosen hal-ten können, und ganz sicher schlief er bei seinen Streifzügen über Fehmarn nicht selten unter freiem Himmel. Dabei besaß er wohl irgendwo ein kleines Häuschen. Wo, darüber gingen die Meinungen der Insulaner auseinander. Die im Nordteil sagten, er wohne im Süden, und umgekehrt. Auch wenn er manchmal am Strand und an Kinderspielplätzen gesehen wurde, so sprach er doch niemals jemanden an, weder Alt noch Jung. Zweifellos lebte er eine ungewöhnliche Existenz, das allein war jedoch kein Vergehen – und schon gar kein Grund, ihn umzubringen.
»Ich bin dem Bolenda in den fünf Sommern, die ich bei meiner Tante auf Fehmarn verbracht habe, bestimmt ein halbes Dutzend Mal begegnet. Trotzdem habe ich ihn nicht gleich erkannt, als er vor mir im Wasser lag. Der Schlapphut war weg, die Klamotten waren nass … Ist ja auch egal. Ich weiß wirklich nicht, wie ich jetzt auf den Bolenda komme.«
»Da fehlt noch was an der Geschichte.« Yim sah mich ernst von der Seite an.
»So? Was denn?«
»Das Ende. Ohne Ende ist es keine Geschichte, sondern ein Ereignis.«

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Überraschend erhält Doro Kagel einen Anruf. Ihr Jugendfreund Jan-Arne, zu dem sie seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr hatte, wurde auf Fehmarn ermordet. Kurz bevor er im Krankenhaus starb, flüsterte er Doros Namen. In Doro werden sofort Erinnerungen wach an ihren letzten Besuch auf der Insel vor vielen Jahren – an den jungen Vagabunden Bolenda, dessen Leiche sie und ihre Clique damals am Weiher fanden, und dessen Tod nie aufgeklärt wurde. Und an das »Geheimnisspiel«, das sie und ihre Freunde damals spielten. Ein wenig angeschwipst, hatte jeder der acht Freunde anonym ein Geheimnis auf einen Zettel geschrieben. Einer der Zettel lautete: Ich weiß, wer den Bolenda getötet hat.
Doro fährt nach Fehmarn und begegnet ihren alten Freunden wieder, doch schon wenige Tage nach ihrer Ankunft sind zwei weitere von ihnen tot. Es stellt sich heraus, dass Jan-Arne den ungeklärten Fall des Bolenda aufgerollt hat, den Doro nun gewissermaßen erbt. Schnell gerät auch sie in Gefahr.

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Lesen Sie auch Doro Kagels ersten Fall ...

Seit Jahren haben die Studienfreunde Timo, Philipp, Yasmin und Leonie sich aus den Augen verloren. Als sie sich im Internet wiederbegegnen, verabreden sie sich für ein Wiedersehen auf Hiddensee. Doch das Treffen endet in einem grauenvollen Verbrechen: In einer stürmischen Septembernacht werden drei Menschen erschossen, eine Frau wird schwer verletzt und fällt ins Koma.

Zwei Jahre nach dem Massaker beginnt die Journalistin Doro Kagel, den Fall neu aufzurollen. Nach und nach kommt sie den tatsächlichen Geschehnissen jener Nacht auf die Spur und bald keimt in ihr ein schrecklicher Verdacht auf …

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... und ihren zweiten Fall!

Frühsommer: Der Hotelbesitzer Holger Simonsmeyer, angeklagt des Mordes an einer jungen Frau aus seinem Heimatdorf Trenthin, wird freigesprochen. Er und seine Familie hoffen, damit sei nun endlich alles überstanden. Doch im Dorf herrscht Misstrauen, nur wenige glauben an die Unschuld des Hoteliers. Dann wird erneut ein junges Mädchen ermordet aufgefunden …
Spätsommer: Schockiert steht die Journalistin Doro Kagel vor den Ruinen eines ausgebrannten Hauses in Trenthin. Vor Monaten hatte Bettina Simonsmeyer sie inständig gebeten, ebenso ausführlich über den Freispruch ihres Mannes zu berichten wie zuvor über den Mordprozess. Doro hatte abgelehnt. Nun hat die Familie einen schrecklichen Blutzoll bezahlt. Von Schuldgefühlen geplagt beginnt Doro, den Fall neu aufzurollen …

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Eric Berg
© Derek Henthorn

Der Autor

Eric Berg zählt seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Autoren. 2013 verwirklichte er einen lang gehegten schriftstellerischen Traum und veröffentlichte seinen ersten Kriminalroman »Das Nebelhaus«, der 2017 mit Felicitas Woll in der Hauptrolle der Journalistin Doro Kagel verfilmt wurde. Seither begeistert Eric Berg mit jedem seiner Romane Leser und Kritiker aufs Neue und erobert regelmäßig die Bestsellerlisten.

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