Eine Geschichte von drei Generationen, den Dingen, die uns trennen, und jenen, die uns verbinden

Es ist ein durch und durch normaler Tag in einer Kleinstadt in Upstate New York, als das Leben von Astrid Strick sich schlagartig ändert. Eine Bekannte wird vor Astrids Augen überfahren, und obwohl Astrid diese nicht einmal mochte, bringt sie der Vorfall zum Nachdenken. Das Leben kann so schnell vorbei sein – hat Astrid ihres gut genutzt? Ist es zu spät, Neues zu wagen? Und war sie wirklich eine gute Mutter? Astrid wollte immer das Beste für ihre Kinder, und doch scheint keines richtig angekommen im Leben. Elliott ist unglücklich in seiner Bilderbuchfamilie. Tochter Porter ist Single, gewollt schwanger und doch überfordert. Und Nicky lebt trotz Frau und Kind ein Vagabundenleben – aber zu welchem Preis? Astrid und ihre Kinder waren immer gut darin, ihre wahren Leben voreinander zu verbergen. Doch dann zieht Cecilia, Nickys Teenager-Tochter, bei Astrid im großen Haus am Fluss ein und stellt das ganze sorgsam gehegte Konstrukt auf den Kopf.

Die Launen des Lebens

Erzählt warmherzig, klug und mit feinem Humor über das, was Familie und Beziehungen ausmacht.

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Leseprobe zum Roman

Kapitel 1

Der schnelle Tod

Gemocht hatte Astrid Strick Barbara Baker während ihrer vierzigjährigen Bekanntschaft nicht einen einzigen Tag, aber als Barbara vom leeren Schulbus am Kreisverkehr der Kreuzung von Main und Morrison Street erfasst wurde, stand für Astrid fest, dass ihr Leben sich verändert hatte, wenn Schock und Erleichterung sich auch nicht voneinander trennen ließen. Der Tag war ohnehin schon vollgepackt gewesen – den Vormittag hatte sie im Garten vom Big House zugebracht, um halb zwölf stand ein Friseurtermin an, und dann erwartete sie ihre Enkelin, die allein mit dem Zug kommen würde (sie brauchte mal eine Auszeit von ihrer Schule). Cecelia musste am Bahnhof von Clapham abgeholt werden.
Der Bus erwischte Barbara kurz nach elf. Astrid saß in ihrem geparkten Wagen auf der Innenspur des Kreisverkehrs und richtete im Rückspiegel ihr Haar. War es nicht immer so, dass die Frisur am Tag des geplanten Friseurtermins am besten saß? Sie wusch ihr Haar nie selbst, außer sie war am Strand gewesen oder in Chlorwasser geschwommen oder irgendeine fremdartige Substanz (Farbe, Kleber) hatte sich versehentlich hineinverirrt. Nein, Birdie Gonzales wusch es jeden Montag, und das bereits seit fünf Jahren. Davor war es von Nancy gewaschen worden, ebenfalls im Shear-Beauty-Salon. Wenn man durch die offenen Seiten des weißen Holzpavillons blickte, der auf der grünen Insel des Kreisverkehrs stand, befand sich der Salon auf der südöstlichen Seite, im Viertelkreis zwischen Clapham Credit Union und Susan’s Bookshop gleich neben Spiro’s Pancake House.
Dass Astrid das Waschen ihres Haares den Händen von Profis anvertraute, war ein Relikt aus der Generation ihrer Mutter, aber auch ein Bedürfnis, das diese nicht gekannt hatte. Es war ein Luxus, der nicht viel kostete, wenn man es gegen eine richtig gute Haarspülung aufrechnete. Jeden achten Montag schnitt Birdie ihr das Haar. Nancy war geschickter darin gewesen, aber Birdie shampoonierte besser, und eitel war sie, Astrid, nie gewesen, nur pragmatisch. Jedenfalls hatte sie Nancy noch nie vermisst, seit diese sich zur Ruhe gesetzt hatte. Birdie stammte aus Texas, ihre Eltern waren aus Mexiko eingewandert, und für Astrid war sie Mensch gewordener Sonnenschein: strahlend, warmherzig, manchmal ein wenig ruppig, aber immer ein Stimmungsaufheller.
Der Sommer war zu Ende, und das bedeutete, dass Clapham schon bald wieder von Montag bis Freitag den Einwohnern gehören würde. Kinder kehrten in die Schulen zurück, Feriengäste wurden wieder zu Wochenendgästen, und alles würde wieder ein wenig ruhiger vonstattengehen. Astrid untersuchte ihre Haut auf Flecken. Zecken und Hautkrebs waren die Ängste von allen, die im Hudson Valley Zeit im Freien verbrachten, auf jeden Fall von allen über fünfundzwanzig. Im Rückspiegel beo-bachtete sie das morgendliche Treiben von Clapham: Frauen mit zusammengerollten Yogamatten kamen aus der Stadthalle getrottet, wohlsituierte Sommergäste schlenderten über die Gehwege und hielten Ausschau nach möglichen Kaufangeboten, die ihnen während der vergangenen drei Monate entgangen waren, Einheimische tranken ihren Kaffee am Tresen von Spiro’s oder dem Croissant City, wo man morgens um halb acht die über fünfundsechzigjährigen Männer bei der Zeitungslektüre antraf, und das an sieben Tagen die Woche.
Frank, dem das Haushaltswarengeschäft gehörte, wo es von Fensterventilatoren und frischen Eiern bis zu Batterien und einer kleinen Auswahl an DVDs alles gab, stand vor dem Haus unter der Markise, sein Teenagersohn zog das Eisentor hoch. Die kleinen Läden, die T-Shirts und Sweatshirts mit der Aufschrift CLAPHAM in Großbuchstaben verkauften, machten nicht vor Mittag auf. Der nobelste Kleiderladen auf der Main Street, die Boutique Etc?, deren Name sie sowohl der Grammatik als auch der Philosophie wegen immer irritiert hatte, würde auch erst mittags öffnen – das wusste sie, weil sie dort, wenn auch widerwillig, fast all ihre Kleidung kaufte.
Ihre Augen schweiften ab zum Schandfleck, dem Reizthema sämtlicher Bewohner von Clapham, egal ob dauerhaft ansässig oder nur sommerlicher Eindringling – dem riesigen trapezförmigen Gebäude, seit einem Jahr leer stehend bis auf das, was der letzte Mieter im Innenraum zurückgelassen hatte: eine Leiter, zwei Kübel Farbe und drei prall gefüllte Müllsäcke. Im Schaufenster hing ein VERKAUFT-Schild mit einer Telefonnummer, zu der aber schon lange kein Anschluss mehr gehörte. In den Bezirksakten, die für jedermann einsehbar waren, der sich die Mühe machte – und das hatte Astrid –, hieß es, dass das Gebäude in der Tat ein Jahr zuvor verkauft worden war, aber keiner wusste, an wen. Wer immer es war, hatte nichts weiter getan, als die Vermehrung der Staubmotten zu begünstigen. Und dabei war es so wichtig, was dort reinkam: Wäre es ein großes Kaufhaus oder ein Laden einer Kette, käme das einer Kriegserklärung gleich. Einem Todesurteil für die Stadt, so wie die Bewohner sie kannten.
Als die Drogeriekette Rite Aid sich angesiedelt hatte, und zwar nicht mal im Zentrum von Clapham, sondern am Stadtrand, waren die Leute durchgedreht. Sie hatte noch immer eines der LOKALE-EINZELHÄNDLER-UNTERSTÜTZEN-Schilder neben ihrem Briefkasten in der Erde stecken. Von ihrem eigenen Geld hatte sie die Schilder bezahlt und dann verteilt. Und wenn es den Stadtkern getroffen hätte? Das wollte Astrid sich gar nicht ausmalen. Wenn die Person, die das Gebäude erworben hatte, davon nichts wusste oder sich nicht darum scherte, würde es zu Krawallen kommen, die sie höchstpersönlich mit der größten Mistgabel, die sie besaß, anführen würde.
Weil die Schaufensterfront am östlichen Rand des Kreisverkehrs lag – aus der Richtung kamen die meisten Autos, die nach Clapham hineinfuhren –, begrüßte die Stadt nun die Menschen mit riesigen Schaufensterscheiben, hinter denen es nichts zu sehen gab. Ein sehr trauriger Anblick. Wenigstens war Sal’s Pizzeria mit den rot-weiß gefliesten Wänden und den Schachteln mit dem aufgedruckten Porträt des schnurrbärtigen Besitzers ein einladender Anblick.
Barbara stand auf dem Gehweg, direkt neben dem Briefkasten vor dem Friseursalon. Ihr Wagen, ein grüner Subaru Kombi, stand vor der Stadthalle, in der das Büro des Bürgermeisters sowie eine Vorschule, ein Yogastudio und im Winter der Bauernmarkt untergebracht waren. Wollte sie wieder in ihr Auto einsteigen, nachdem sie einen Brief eingeworfen hatte? Richtete sich ihr Blick auf die andere Straßenseite auf das VERKAUFT-Schild, als würde es eine neue Information liefern? Astrid würde es nie erfahren.
Sie beobachtete, wie Barbara um die vordere Stoßstange ihres Autos herum auf die Straße trat. Dann sah sie, wie der gelbe Schulbus der Clapham Junior High mit seinen vierundsechzig Sitzen die Straße entlanggebrettert kam und Barbara so ruhig umwarf wie ihre Enkel ihre Spielzeugsoldaten. Astrid klappte den Schminkspiegel zu und sprang aus dem Wagen. Bis sie bei Barbara war, hatte sich bereits ein halbes Dutzend Leute eingefunden. Da war Blut, aber nichts Blutrünstigeres als das, was jeder Zwölfjährige im Fernsehen zu Gesicht bekam. Tote hatte Astrid bereits aus der Nähe gesehen, aber nicht so, nicht auf der Straße, als wäre ein Waschbär überfahren worden.
»Er war leer«, sagte Randall. Ihm gehörte die Tankstelle, was ihn zu einer Autorität in puncto Fahrzeuge machte. »Bis auf den Fahrer. Keine Kinder.«
»Soll ich sie zudecken? Ich sollte sie zudecken, oder? Soll ich?«, fragte Louise, die den Yogakurs leitete – ein ziemlich begriffsstutziges süßes Mädel mit zwei linken Händen.
»Ich hab die Polizei dran«, rief ein nervös wirkender Mann, und das war natürlich das einzig Richtige, wenngleich die Wache zwei Häuserblocks weit entfernt war und die Polizei hier eindeutig nichts mehr tun konnte, jedenfalls nicht für Barbara. »Hallo«, sprach er ins Handy und wandte sich ab, wie um die Herumstehenden vor dem abzuschirmen, was noch auf dem Asphalt lag. »Es gab einen Unfall.«
»Ach, um Himmels willen«, sagte Birdie, die aus ihrem Laden kam.
Sie entdeckte Astrid und nahm sie beiseite, hielt ihren Ellbogen umklammert und wartete gemeinsam mit ihr schweigend, bis der Rettungswagen kam und die Polizei eintraf. Sie gab den Männern Telefonnummer und Adresse von Barbaras Ehemann. Für Situationen wie diese hatte sie immer ein wohlgeordnetes Adressbuch dabei. Die Rettungssanitäter hoben Barbaras Körper hoch und legten ihn auf eine Trage.
Nachdem die Ambulanz abgefahren war, schob Birdie Astrid sanft in Richtung Salon.
Shear Beauty war im Laufe der Jahre behutsam modernisiert worden. Die rahmenlosen Spiegel und die silbernen Tapeten mit dem grauen geometrischen Muster sollten dem Raum einen gehobenen Anstrich geben, was natürlich nicht wirklich gelungen war. Birdie konnte einfach nicht von den Schalen mit den verstaubten Potpourris auf der Toilette lassen und ebenso wenig auf die bestickten Kissen verzichten, die auf der Bank im Eingangsbereich lagen. Sollte jemand was Schickeres suchen, konnte er das gerne tun.
»Ich fass es nicht«, sagte Astrid. Sie legte ihre Handtasche auf der Bank ab. Der Salon war leer, wie er das montags immer war, denn da war er für die Öffentlichkeit geschlossen. »Ich fass es nicht. Ich stehe unter Schock, ich bin zweifellos geschockt. Hör mir zu! Mein Gehirn funktioniert nicht mehr.« Sie machte eine Pause. »Ob ich ein Aneurysma habe?«
»Du hast kein Aneurysma. Sonst würdest du einfach tot umfallen.« Birdie führte sie zu einem Waschbecken. »Versuch dich zu entspannen.«
Birdie schnitt auch im Heron Meadows Haare, einer Einrichtung für betreutes Wohnen am Stadtrand von Clapham, und hatte deshalb einen ziemlich gelassenen Blick auf die Vergänglichkeit. Am Ende versuchte jeder zu tricksen. Astrid nahm Platz und lehnte sich zurück, bis ihr Nacken das kalte Porzellan des Waschbeckens berührte. Sie schloss die Augen und lauschte, während Birdie das warme Wasser aufdrehte und mit der Hand die Temperatur testete.
Wenn Randall recht hatte und der Bus tatsächlich leer gewesen war, dann war das wichtig. Astrid hatte drei Kinder und drei Enkelkinder, und selbst wenn sie diese nicht hätte, fand sie, dass der Verlust eines Kindes die schlimmste Tragödie war, dicht gefolgt von dem eines jungen Elternteils, von Krebsforschern, dem jeweiligen Präsidenten, Filmstars und vielen anderen. Menschen ihres Alters – Astrids und Barbaras – waren zu alt, um für eine echte Tragödie zu sorgen, und in Anbetracht dessen, dass Barbara keine eigenen Kinder gehabt hatte, würde man es wohl einen Segen nennen, soll heißen, einen Segen, dass der Schulbus nicht jemand anderen umgefahren hatte. Aber das wäre Barbara gegenüber nicht fair. Sie hatte immerhin einen Ehemann und Katzen gehabt. Sie war – Ironie des Schicksals – viele Jahre zuvor sogar Schülerlotsin der Grundschule gewesen. Wenigstens ist es nicht in ihrem Viertel passiert, dachte Astrid und atmete tief durch, während Birdie ihr die Kopfhaut massierte.
Was mochte Barbara wohl durch den Kopf gegangen sein, als der Bus auf sie zugerast gekommen war? Warum hatte sie überhaupt dort geparkt und nicht auf der anderen Straßenseite? Was hatte sie sich für diesen Tag vorgenommen? Astrid rich-tete sich auf, und von ihren Haaren tropfte es in den Nacken und auf die Bluse.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Birdie und wickelte ein Handtuch um ihr nasses Haar.
»Nein«, erwiderte sie, »ich denke nicht. Dabei habe ich Barbara nicht mal gemocht, wie du weißt. Ich bin nur ein wenig … na ja … erschüttert.«
»Nun, wenn das so ist«, sagte Birdie, kam um den Sessel herum und ging davor in die Hocke, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. »Lass uns nach hinten gehen.«
Birdie wirkte so gefasst wie eine katholische Lehrerin. Sie hatte für alles eine Lösung.
Astrid nickte bedächtig und reichte ihr die Hand. Gemeinsam gingen sie in den Raum, in dem eine augenbrauenlose junge Frau namens Jessica an drei Tagen in der Woche anderen Leuten die Körperhaare entfernte. Dort legten sie sich nebeneinander auf die Doppelmatratze – sie selbst auf den Rücken und Birdie auf einen Ellbogen gestützt. Plötzlich erschöpft, schloss Astrid die Augen. Und wie üblich, denn nach so langer Zeit gab es einen gewissen Rhythmus, begann Birdie, sanft ihre Wangen und Ohren und ihren Hals zu küssen, alles bis auf den Mund, aber an diesem Tag war es anders. Astrid zog sie an sich und drückte ihre Lippen auf Birdies. Es gab keine Zeit zu verlieren, nicht in diesem Leben. Es gab immer irgendwelche Schul-busse. Wie oft musste man daran erinnert werden? Diesmal war es eindeutig. Sie war Witwe und achtundsechzig. Besser spät als nie.

Emma Straub
© Melanie Dunea

Die Autorin

Emma Straub ist eine »New York Times«-Bestsellerautorin, die bislang fünf Romane geschrieben hat, die in über 15 Sprachen übersetzt wurden. Außerdem verfasst sie Essays und Kurzgeschichten, unter anderem für »The Wall Street Journal«, »Vogue« und »Elle«. Zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen lebt Emma Straub in Brooklyn, New York City, wo sie auch den Buchladen »Books are Magic« betreibt.

"Ich freue mich sehr, dass „Die Launen des Lebens“ jetzt in Deutschland erscheint. Bücher schaffen Geborgenheit und eine Flucht aus dem Alltag, und das war in den letzten Jahren noch wichtiger als sonst – so wie auch Gemeinschaft und Familie, und genau davon handelt „Die Launen des Lebens“. Danke, dass Sie sich Zeit für mein Buch nehmen!“
Emma Straub

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