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Dämmerung. Die Sonne geht hinter den Hochhäusern unter, die man durch die hohen Loftfenster sehen kann. Ein paar hartnäckige Sonnenstrahlen stehlen sich zwischen den Fassaden hindurch, wie goldene Speerspitzen zerteilen sie die herannahende Dunkelheit. Ein weiterer Abend. Seit Wochen hat Elin nicht mehr zuhause Abendbrot gegessen. Und auch heute wird sie es nicht tun. Sie sieht aus dem Fenster, sieht ihre üppig bewachsene Dachterrasse nur ein paar Straßenzüge entfernt, den roten Sonnenschirm und den Grill, der bereits angezündet wurde. Eine schmale Rauchsäule steigt in den Himmel auf.
Sie sieht die undeutlichen Umrisse einer Person, das wird Sam sein, oder Alice. Oder ein Freund, der zu Besuch gekommen ist. Sie kann nur eine Gestalt erkennen, die sich zwischen den Sträuchern bewegt.
Sie warten zuhause bestimmt auf sie. Vergeblich.
Hinter ihr im Studio ist auch Bewegung, die Leute laufen kreuz und quer. An einem Stahlgestell hängt eine Leinwand aus graublauem Fond, die weich zwischen Wand und Boden abschließt. Davor steht mittig eine mit Goldbrokat bezogene Chaiselongue. Auf der liegt eine schöne Frau mit mehreren Perlenketten um den Hals. Sie trägt einen fließenden weißen Rock aus Tüll, der sich auf den Boden er- gießt. Ihr Oberkörper ist mit glänzendem Öl eingerieben, die Perlenketten bedecken ihre nackte Brust. Die Lippen sind dunkelrot. Ihre Gesichtszüge und ihre Haut sind bis zur Perfektion von mehreren Schichten Make-up geglättet.
Zwei Assistenten sind mit dem Licht beschäftigt, sie verschieben die großen Strahler mal nach oben, mal nach unten, drücken den Auslöser der Kamera, überprüfen den Belichtungsmesser und fangen wieder von vorn an. Hinter den Assistenten steht ein Team aus Stylisten und Make-up-Artisten. Konzentriert mustern sie jedes kleine Detail der Aufnahme, die im Begriff ist zu entstehen. Sie tragen schwarze Kleidung. Alle tragen schwarze Kleidung. Alle außer Elin. Sie trägt ein rotes Kleid.
Rot wie Blut, rot wie das Leben. Rot wie die Abendsonne draußen vor den Fenstern.
Elin wird aus ihren Gedanken gerissen, als die schöne Frau ihren Unmut laut zum Ausdruck bringt.
»Warum dauert das denn so lange? Ich kann die Pose bald nicht mehr halten. Hallo! Können wir jetzt bitte anfangen?«
Die Frau auf der Chaiselongue seufzt und rückt ihren Körper in eine bequemere Stellung, die Ketten verrutschen und entblößen eine ihrer Brustwarzen, die ganz blau und steif sind. Zwei der Stylisten sind sofort zur Stelle und legen alle Perlen geduldig und sorgfältig wieder an ihren Platz, damit sie ihre bedeckende Rolle einnehmen können. Teile der Ketten befestigen sie mit durchsichtigem, doppelseitigem Klebeband auf der Haut. Die Frau verdreht die Augen, ungefähr den einzigen Körperteil, den sie frei bewegen kann. Ein Mann im Anzug kommt auf Elin zu, er ist der Agent der Frau. Er beugt sich zu ihr herunter und flüstert ihr mit einem freundlichen Lächeln etwas ins Ohr.
»Am besten wäre es, wenn es bald weitergeht. Sie bekommt langsam schlechte Laune, und dann werden die Aufnahmen nichts.«
Elin schüttelt den Kopf und wendet sich wieder der Fassade vor den Loftfenstern zu. »Wir können ruhig aufhören, wenn sie will. Da sind bestimmt schon ein paar Aufnahmen dabei, die wir nehmen können. Es ist ja dieses Mal nur eine Bildstrecke, keine Titelseite.«
Der Agent hebt die Hände und starrt sie entgeistert an.
»Kommt nicht infrage. Wir machen auch diese Serie noch.« Elin reißt sich von dem Anblick ihrer Dachterrasse los und kehrt zurück ans Stativ und hinter die Kamera. Ihr Handy brummt in der Jackentasche, sie weiß genau, von wem die Nachricht ist, aber antwortet nicht. Sie weiß, dass die SMS nur ihr schlechtes Gewissen verstärken wird. Sie
weiß, dass die zuhause enttäuscht sind.
Kaum hat Elin ihren Platz hinter der Kamera eingenommen, gehen in den Augen des Models tausend kleine Sterne auf, sie streckt ihren Rücken und schürzt die Lippen. Ihr Haar fällt nach hinten, als sie den Kopf neigt, es flattert sanft im Windzug des Ventilators. Sie ist ein Star, und das ist Elin auch. Nur sie beide existieren in diesem Universum, sie verschlingen einander förmlich. Elin fotografiert, gibt Anweisungen, die Frau lacht, flirtet mit ihr. Das Team im Hintergrund applaudiert. Der Rausch der Kreativität pulsiert durch Elins Adern.

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Das sagen die LeserInnen

Überraschend

Von: Testleser
16.12.2020

Ein Buch zu bewerten ist schwer weil es natürlich eine Ansichtssache ist. Ich würde 10 Punkte geben weil es zu meinen absoluten Buch Nummer 1 geworden ist. Aus meiner Sicht wurde die Spannung, die Geschichte bis zum Ende hoch gehalten. Super!

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Buchhandlung und Bürobedarf Ebert
Von: Martina Ebert
09.09.2020

"Ein halbes Herz" von Sofia Lundberg gefällt mir sehr gut, eine schöne Geschichte die einen sofort in ihren Bann zieht.

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Sofia Lundberg
© Viktor Fremling

Sofia Lundberg wurde 1974 geboren und arbeitete als Journalistin in Stockholm, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Büchern widmete. Mit ihrem Debütroman »Das rote Adressbuch« eroberte sie die schwedische Literatur- und Bloggerszene im Sturm, woraufhin die Rechte in über 30 Länder verkauft wurden.

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