Christoph Peters: Dorfroman

»Ein Buch wie eine ganze Welt.« Denis Scheck / Das Erste

Im Schatten des Reaktors: Christoph Peters erzählt vom turbulenten Aufbruch in jene Bundesrepublik, in der wir heute leben.

Die große weite Welt gibt es nur im Fernsehapparat – zumindest in Hülkendonck, einem kleinen Dorf am Niederrhein in den 70er Jahren. Bäuerlich und zutiefst katholisch ist das Milieu, in dem der Erzähler seine Kindheit und Jugend verbringt. Doch diese Welt wird brüchig mit dem geplanten Bau eines neuartigen Atomkraftwerks, das die Menschen im Ort genauso tief spaltet wie im ganzen Land. Als die Atomkraftgegner schließlich im Dorf ihr Lager beziehen, prallen die Gegensätze aufeinander…

»Einfühlsam und packend, ein großer Roman von einem der besten Schriftsteller der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.«
Christoph Schröder / SWR2

»Ein wunderbar nachdenkliches Buch, das den Zeitgeist, aber auch die Konflikte der jungen Bundesrepublik einfängt und zugleich - durchaus fesselnd - eine tragische Liebesgeschichte erzählt.«
Katja Lückert / NDR Kultur

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I.
Schwarzweiß. Alles, was wichtig ist, ist schwarzweiß. Es ist auf unangenehm riechendes Zeitungspapier gedruckt und wird vor Sonnenaufgang in unseren Briefkasten gestopft, oder es flimmert hinter einer leicht gewölbten Scheibe in einem großen Holzkasten. Ein schwarzweißer Mann mit Brille, einer kräftigen Stimme und ernsthaftem Gesichtsausdruck sitzt dort in Anzug und Krawatte vor einer grauen Fläche mit fettem Schriftzug, der in eine Weltkarte übergeht. Er liest klare, manchmal auch umständliche Sätze von einem akkurat zurechtgestoßenen Stapel Papier ab, wobei er sich Mühe gibt, so selten wie möglich auf seine Blätter zu schauen. Dazwischen erscheinen kurze Filme, in denen der Bundeskanzler oder Menschen aus anderen Weltgegenden gezeigt werden – zum Beispiel aus Amerika, Afrika oder Vietnam. Wer nach Amerika, Afrika oder Vietnam reisen will, muss ein Flugzeug nehmen, so weit sind diese Länder von uns entfernt, weshalb es meistens Präsidenten, Generäle oder Könige sind, die man dort sieht. Häufig liegen sie miteinander im Krieg, dann steigen Rauchwolken über Städten und Landschaften auf, Menschen mit vor Angst verzerrten Gesichtern rennen weg, die Kinder haben keine Kleider am Leib, stattdessen tragen sie verbrannte Lumpen oder sind von einer Schicht schwarzer Fliegen bedeckt und sogar zu schwach zum Weinen. Der schlimmste Krieg ist zur Zeit in Vietnam, davor war er in Biafra. Meine Mutter sagt jedes Mal, wenn darüber berichtet wird, dass sie gar nicht hinschauen kann, und oft bittet sie meinen Vater umzuschalten. Ihre Stimme klingt dann bedrückt, als müsste sie weinen. Das hängt damit zusammen, dass sie selbst, als bei uns Krieg war, ausgebombt wurde – in Essen – und auch gehungert hat. (…)
Neben den Präsidenten, Generälen und Königen werden auch häufig Ölscheichs gezeigt, wenn sie aus Flugzeugen steigen, Hände schütteln und Soldatenreihen abschreiten. Sie herrschen im Nahen Osten. (…)Es scheint, dass sie viele Probleme haben, die sich direkt auf uns auswirken, weil unsere Autos mit Benzin oder Diesel fahren, die aus Öl gemacht werden. Wir haben außerdem eine Ölheizung im Keller. Das Öl der Scheichs wird in riesigen Schiffen über verschiedene Meere zu uns gebracht. Wenn die Ölscheichs unzufrieden sind, stoppen sie die Lieferungen oder nehmen Wucherpreise, so dass wir es uns nicht mehr leisten können. Mein Vater studiert immer die Anzeigen in der Zeitung, wann das Öl am billigsten ist, um den besten Zeitpunkt für den Kauf abzupassen. Ein- oder zweimal im Jahr kommt dann der Tankwagen und pumpt eine große Menge davon in unseren Heizungskeller. (…)
Das, was in den Nachrichten gezeigt wird, ist eigentlich nichts für uns Kinder, deshalb werden wir abends schon um sieben ins Bett gebracht. Wenn ich aber nicht einschlafen kann, weil sehr viel passiert auf der Welt, worüber ich mir Gedanken mache, schleiche ich die Treppe wieder hinunter, verstecke mich hinter der halb geöffneten Tür zwischen Küche und Esszimmer und schaue durch den Spalt, um in Erfahrung zu bringen, was meine Eltern vor uns verheimlichen. Es kann nämlich sein, dass auch bei uns bald wieder ein Krieg ausbricht, da die Russen unser Land erobern wollen, oder dass die Terroristen von der Baader-Meinhof-Bande auf dem Weg in unsere Gegend sind, um uns zu ermorden.
Sonntags, nach dem Internationalen Frühschoppen mit Journalisten aus verschiedenen Ländern und Werner Höfer als Gastgeber, läuft über Mittag die Tagesschau mit dem Wochenspiegel, so dass ich doch ungefähr Bescheid weiß, was gerade vor sich geht. Wenn meine Großeltern zu Besuch sind, schauen mein Vater und mein Großvater den Frühschoppen gemeinsam an. Obwohl sie einander nicht besonders gut leiden können, prosten sie sich mit Bier und Cognac zu, während meine Mutter und meine Großmutter ein Glas Wein trinken. Sobald das Essen auf dem Tisch steht, sagt meine Mutter, dass mein Vater den Apparat ausschalten soll, aber mein Großvater und er wollen nichts verpassen, weshalb der Fernseher meistens weiterläuft. Ich bleibe lieber still, denn wenn ich meinen Vater und meinen Großvater unterstützen würde, wüsste meine Mutter, dass ich genau hinschaue, und würde sich wieder Sorgen machen, dass ich schlecht träume.
Manchmal verwackelt das Bild mitten in der Übertragung oder es reißt ganz ab und man sieht nur Schnee: ein Flimmern aus winzigen schwarzen und weißen Punkten, das einen regelrecht wütend macht, wenn man länger hinschaut. Selbst meine Mutter, die sonst immer behauptet, dass es sie sowieso nicht interessiert, was im Fernsehen kommt, schimpft dann: »Ich sag doch, dass etwas nicht stimmt mit dem Apparat: Du musst den Schmitz anrufen.«
Der Schmitz ist unser Radio- und Fernsehhändler. Bevor mein Vater zum Telefonhörer greift, öffnet er erst einmal das kleine Schubfach mit den nummerierten Rädchen rechts unten neben dem Bildschirm. Es kann sein, dass das Bild sich fängt, wenn er das entsprechende Rädchen ganz vorsichtig in die richtige Position dreht – das ist Millimeterarbeit. Oft verschwindet es aber auch ganz. Mein Vater versucht dann herauszufinden, ob es eine allgemeine Übertragungsstörung ist oder an unserem Apparat liegt, indem er auf die beiden anderen Programme und den Holländer umschaltet. Der Holländer ist sowieso immer verschneit, weil er von jenseits der Grenze, aus der Stadt Hilversum gesendet wird, aber man kann trotzdem erkennen, was gerade läuft. Mein Vater versteht sogar, was sie dort sagen. Die Wettervorhersage beim Holländer soll sehr viel zuverlässiger sein als bei uns, allerdings findet meine Mutter die holländische Sprache so hässlich, dass sie lieber unsere eigene Wettervorhersage schaut.
Wenn die anderen Programme und auch der Holländer ordnungsgemäß zu sehen sind, liegt der Fehler wahrscheinlich an unserer Antenne, die vom Wind verdreht oder verbogen wurde oder sich aus anderen Gründen nicht mehr in der richtigen Position befindet. Das will mein Vater lieber erst einmal selbst überprüfen, bevor er den Schmitz kommen lässt, zumal der Schmitz Geld kostet. Er geht in die Garage, holt die lange Leiter, die dort an der Wand hängt, und steigt aufs Dach, während meine Mutter neben dem Fernseher steht und das Fenster öffnet, damit sie hören kann, was er von oben ruft. Meine Mutter hat immer Angst, dass mein Vater herunterfällt und sich den Hals bricht, wenn er auf dem Dach ist. Sich den Hals zu brechen ist eine der Gefahren, die überall drohen, ganz gleich, ob man auf Bäume klettert, zu wild Fahrrad fährt oder auf dem Dach herumspaziert. Meistens gehe ich mit meinem Vater nach draußen und schaue vom Rasen aus zu, wie er die Antenne zurechtrückt. Außer dem Schmitz und dem Schornsteinfeger traut sich niemand dort oben hin, weshalb ich stolz bin, dass mein Vater sich so sicher auf den Ziegeln bewegt und sogar die Antenne reparieren kann, wofür man eigentlich einen Fachmann braucht.
Für uns Kinder gibt es eigene Sendungen mit »Skippy«, dem Buschkänguru, »Lassie«, dem Collie, und »Flipper«, dem klugen Delfin. Diese Tiere sind echte Freunde, wie man sie selbst unter Menschen selten findet – eigentlich gar nicht. Sie helfen bei der Aufklärung von Diebstählen, Schmuggel oder sonstigen Verbrechen, so dass man sich keine Sorgen mehr machen muss, wenn man eines von ihnen an seiner Seite hat. Leider gibt es solche Tiere bei uns nicht, obwohl sehr viele Tiere im Dorf leben: Kühe, Schweine, Pferde, der Esel von Bauer Seesing, Katzen, Hühner, Enten und Gänse, ganz zu schweigen von Wildtieren wie Füchsen, Mardern, Rehen, Hasen, Fasanen und Rebhühnern, die nach der Treibjagd auf dem Platz vor der Gaststätte Pooth ausgebreitet sind. Hunde gibt es natürlich auch, aber keinen wie Lassie. Die hiesigen Hunde sind angekettet oder in Zwingern eingesperrt. Die meisten beißen, und man soll sich ihnen nicht nähern. Da meine Mutter keinen Hund im Haus will und mein Vater eine Abneigung gegen Katzen hat, haben wir lediglich Kaninchen und das Meerschweinchen Mary. Sie wohnen in Ställen draußen unter dem Küchenfenster. Manchmal bekommen die Kaninchen Junge, die ganz nackt sind und geschlossene Augen haben. Wenn es zu viele geworden sind, schlachtet mein Vater eins von ihnen und es wird am darauffolgenden Sonntag gegessen. Das Meerschweinchen Mary ist weiß und hat rote Augen. Es scheint klüger zu sein als die Kaninchen, die, ganz egal, wie viel ich mich mit ihnen beschäftige, nicht den Eindruck machen, als verstünden sie irgendetwas von dem, was ich ihnen sage, so dass wir weit entfernt von einer Freundschaft sind, wie Sonny sie mit Skippy oder Jeff mit Lassie hat.
Verglichen mit den anderen Kindern in der Nachbarschaft, dürfen mein Bruder und ich nur wenig fernsehen. Uwe Fonck, Wilfried Fischer, Werner Terhorst und auch meine Vettern schauen regelmäßig Sendungen, die bis in die Nacht dauern und eigentlich für Erwachsene gedacht sind, zum Beispiel »Der Kommissar«, »Tatort«, »Raumpatrouille« oder auch die »Winnetou«-Filme. Meine Mutter ist trotzdem nicht bereit, ihre Meinung zu ändern, als ich ihr davon erzähle: »Was die anderen tun, interessiert uns nicht«, sagt sie. (…)
Bislang ist in unserer Gegend nie etwas passiert, das wichtig genug gewesen wäre, um im Fernsehen gezeigt zu werden. (…)
Als meine Mutter nach dem Frühstück die Samstagszeitung liest, sagt sie: »Wir dürfen nachher nicht vergessen Hier und Heute zu gucken: Da sind wir nämlich drin.«
Mein Vater sagt: »Die waren bei Fritz Opgenrhein auf dem Hof und haben mit Ernst Winkels gesprochen. – Wie sie an den gekommen sind, weiß ich auch nicht.«
Ich glaube erst, dass sie Witze machen, weil mir die ganze Woche über nirgends etwas Besonderes aufgefallen ist, aber dann sprechen sie beim Mittagessen wieder darüber, mein Vater hört anderthalb Stunden früher als sonst mit der Gartenarbeit auf, wir fahren auch nicht in die Vorabendmesse, sondern gehen morgen ins Hochamt.
Das Dritte Programm ist schon zehn Minuten vor Beginn der Sendung eingeschaltet, damit wir auf keinen Fall etwas verpassen und mein Vater noch reagieren kann, falls Schnee kommt. Heute ist das Bild aber zum Glück klar. »Jetzt bin ich mal gespannt, was sie daraus gemacht haben«, sagt meine Mutter, als endlich der Hier-und-Heute-Vorspann mit der Elektroorgelmelodie und dem kreisenden Würfel anfängt, auf dem sich ein Kohleberg, grasende Schweine, Schwäne im Park, Fachwerkhäuser, der Hafen von Duisburg, der Kölner Dom und Berge aus dem Sauerland drehen.
Tatsächlich erscheint jetzt der Rhein im Bild, wie er bei uns hinter dem Haus fließt, genauso schwarzweiß wie Tom Sawyers Mississippi oder der Nil in Ägypten. »Der Verbrauch von elektrischem Strom wird auch in Zukunft aufgrund seiner besonders umwelt- und anwendungsfreundlichen Eigenschaften ständig zunehmen …«, sagt eine Männerstimme, während ein Schubschiff und ein Kohlefrachter unter der Schanzer Brücke hindurchfahren. »Wissenschaftler und Techniker in der ganzen Welt arbeiten zur Zeit an der Entwicklung schneller Brutreaktoren. Es sind Kernkraftwerke der zweiten Generation, die nach einer längeren Erprobungsphase in einigen Jahren zum kommerziellen Einsatz kommen sollen.«
In den Rheinwiesen steht noch ein Rest vom letzten Hochwasser und spiegelt den weißen Himmel als weiße Fläche, darin die Kopfweiden, die wir oft als Baumhäuser nutzen – auch die, in der ich neulich das Käuzchen gesehen habe. Sie zeigen die Wiesen mit den schwarzweißen Milchkühen von Bauer Seesing gleich vor dem Deich, die ich genau kenne, weil ich ihm nachmittags manchmal helfe, sie von dort in den Stall zu treiben. Es sind nicht Wiesen, die so ähnlich aussehen, sondern genau diese Wiesen, daran besteht kein Zweifel. Sie enden an Haus Hülkendonck, dem Hof von Bauer Seesing, der früher die Burg des Raubritters Hilbert war. Daneben steht unsere Kirche, Sankt Verafredis, mit dem Friedhof und der alten Schule, wo wir bis vor drei Jahren gewohnt haben, daran angrenzend die Höfe der Bauern Praats, Seesing und van Elst. Mit Frau Seesing, Frau Praats und Frau van Elst fährt meine Mutter einmal im Monat zum Kaffeeklatsch nach Schloich. Dort essen sie Schwarzwälder Kirschtorte, während ich mit meinem Großvater im Stadtpark die Enten füttere oder in die Zoohandlung Bruns gehe, wo es Aquarienfische, Papageien und sogar Affen zu kaufen gibt, die genauso aussehen wie Herr Nilsson von Pippi Langstrumpf. Leider hat mir meine Mutter verboten, so einen Affen zu halten. – Man erkennt die Küsterei mit der riesigen alten Kastanie, dann die Gaststätte Pooth, keine zweihundert Meter von unserem Haus entfernt, und mein Vater sagt zu meiner Mutter: »Wenn sie die Kamera ein bisschen weiter rechts aufgestellt hätten, wäre dein Haus drauf gewesen.«
Auch wenn wir schon gewusst haben, dass Hülkendonck im Fernsehen sein würde, staunen meine Eltern jetzt doch und sagen bei jedem Gebäude, das auf dem Bildschirm erscheint, wem es gehört oder wer dort wohnt. Ein Professor tritt ins Bild und erklärt: »Brutreaktoren sind ein wichtiger Schritt hin zu einer langfristigen und preisgünstigen Stromversorgung. Mithilfe der Brutreaktoren kann die Energieerzeugung aus den vorhandenen Uranvorkommen vervielfacht werden, da diese Reaktoren den in den bisherigen Kernreaktoren nicht spaltbaren Teil des Urans in spaltbares Plutonium umwandeln. Um dieses ungeheure Energiepotential wirtschaftlich nutzen zu können, arbeiten derzeit alle führenden Industrienationen an der Brüter-Technologie.«
Danach spricht ein Minister und sagt, dass der Standort Calcar in jeder Hinsicht ideal für das Projekt ist und dass es keinen vernünftigen Grund gibt, an der Sicherheit der Anlage zu zweifeln. Sie wird sogar gegen Erdbeben und Flugzeugabstürze gewappnet sein. Es folgen Bilder vom Calcarer Marktplatz, dann aus der Nikolai-Kirche, wo wir zur Messe gehen, wenn meine Mutter unseren Pastor und sein Gequassel nicht mehr hören kann. Vor dem Rathaus ist gerade Wochenmarkt. Man sieht den Käsewagen, den Fischwagen und Blumenstände. Etwas abseits davon haben sich einige Leute versammelt und treten jetzt näher. Ein Mann, der so alt ist wie mein Vater, wird gefragt, was er darüber denkt, dass hier ein Kernkraftwerk gebaut werden soll, ob er es begrüßt oder sich doch eher Sorgen macht? Er sagt: »Ich finde das eine gute Sache, man muss ja dem Neuen gegenüber aufgeschlossen sein, und die Ingenieure wissen schon, was sie tun, das sind ja auch Leute mit Verantwortungsgefühl.« Ein anderer sagt: »Es wird höchste Zeit, dass hier in der Gegend mal investiert wird, es gibt doch kaum Arbeitsplätze für die Leute, und Strom wird immer mehr gebraucht.«
Der Mann, der als Letzter gefragt wird, sieht es allerdings anders: »Das ist viel zu gefährlich mit der Atomspaltung, deswegen wollen sie das ja bei uns in der Gegend bauen, weil es hier so dünn besiedelt ist, und wenn dann was passiert, gibt es halt weniger Opfer unter der Bevölkerung … Daraus wird nicht einmal ein Geheimnis gemacht von den Politikern in Bonn und Düsseldorf.«
Während er noch redet, sagt mein Vater zu meiner Mutter: »Kennst du den? – Eigentlich müsstest du den kennen.«
Meine Mutter schüttelt den Kopf.
»Das ist Hein Thissen, der die Samenhandlung in der Monrestraße hat. Es heißt ja, dass er so gut wie pleite ist, aber reden konnte der immer gut, ganz egal, ob er was davon versteht oder nicht. Enen rechtigen Schwätzbüll is dat.«

Leserstimmen

Ein vielschichtiger Roman, der Sittengemälde und Coming of Age zugleich ist

Von: eschenbuch
22.08.2021

Inhalt: Hülkendonck am Niederrhein in den 1970er Jahren. In der Nähe des Dorfes soll ein Kernreaktor neuen Typs gebaut werden: ein sogenannter Schneller Brüter. Das Projekt ist umstritten – sowohl innerhalb als auch außerhalb des Dorfes; es beginnt, die Dorfgemeinschaft zu spalten. Während sich die einen Arbeitsplätze und eine Modernisierung des Ortskerns erhoffen, sorgen sich die anderen vor unkalkulierbaren Folgen für Natur und Mensch – mittendrin der Ich-Erzähler, der im Schatten der Brüter-Baustelle aufwächst.

Zum Hintergrund der Handlung: „Dorfroman“ von Christoph Peters ist ein Gegenwartsroman, der sich mit dem Bau des Kernkraftwerks Kalkar am Niederrhein auseinandersetzt. Der „Schnelle Brüter“ wurde zwischen 1973 und 1985 gebaut, ist aber nie in Betrieb gegangen. Seit Ende der 1970er Jahre kam es verstärkt zu Protesten und Kundgebungen gegen das Kernkraftwerk, sodass sich Fertigstellung und Inbetriebnahme immer weiter hinauszögerten. Letztlich distanzierte sich auch die Landesregierung immer weiter von dem Projekt (u.a. aufgrund der Proteste und der Katastrophe von Tschernobyl), sodass es 1991 stillgelegt wurde. Kurze Zeit später kaufte ein Unternehmer das Areal und richtete dort einen Freizeitpark ein (deshalb das alpine Panorama auf dem Kühlturm).

Persönliche Meinung: Hülkendonck, das Dorf, in dem „Dorfroman“ von Christoph Peters spielt, ist fiktiv, doch sein reales Vorbild lässt sich mithilfe des zeitgeschichtlichen Kontextes leicht identifizieren: Hinter Hülkendonck verbirgt sich Hönnepel, ein Ortsteil von Kalkar, in dessen Nähe das Kernkraftwerk gebaut wurde. Es ist zugleich der Ort, in dem Peters aufwuchs, weshalb sich auch autobiographische Züge in „Dorfroman“ finden. Erzählt wird der Roman von einem namenlosen Ich-Erzähler auf drei Zeitebenen, die miteinander verschränkt sind. Eine Zeitebene spielt in Hülkendonck in den 1970er Jahre; der Ich-Erzähler ist im Grundschulalter, der Bau des Schnellen Brüters beginnt. Peters zeichnet mit dieser Zeitebene ein treffendes und detailliertes Sittengemälde des dörflichen Mikrokosmos am Niederrhein. Die Großstadt ist weit entfernt, man ist bäuerlich geprägt, katholisch und konservativ. Sonntags geht’s in die Kirche, danach – für die Männer – zum Frühschoppen in die Kneipe. Neuem steht man erstmal skeptisch gegenüber. Denn: Es durchbricht den gewohnten Gang der Dinge, der sich über Generationen hinweg eingespielt hat. In diesem Milieu entfaltet sich der Konflikt um das Kernkraftwerk. Der Vater des Ich-Erzählers setzt sich für das Kraftwerk ein, dementsprechend glaubt auch der kindliche Ich-Erzähler, es sei richtig und wichtig, dass es gebaut wird. Die zweite Zeitebene spielt Ende der 1970er/Anfang der 1980er-Jahre. Die Protestaktionen gegen das Kraftwerk nehmen zu, der Riss durch das Dorf hat sich manifestiert. Der Ich-Erzähler ist mittlerweile 16 Jahre alt. Dieser Zeitabschnitt ist geprägt von einer schönen Coming-of-Age-Handlung. Der Ich-Erzähler verliebt sich in eine Protestierende, die sich mit anderen Protestierenden im Melkstall eines Bauern einquartiert hat und von dort aus Kundgebungen gegen den Schnellen Brüter plant (der reale Melkstall steht übrigens noch, verfällt aber immer mehr). Es kommt zu einem Generationenkonflikt: Der Ich-Erzähler beginnt zu hinterfragen, ob die Ansichten seines Vaters richtig sind, dieser sorgt sich vor einer Radikalisierung seines Sohnes, wodurch die Handlung spannungsgeladen wird. Im dritten Handlungsstrang, der in der Gegenwart spielt, haben sich die Problemfelder des Ich-Erzählers verlagert. Das Kernkraftwerk ist (mehr oder weniger) Geschichte, der Freizeitpark hat das Areal bezogen. Der Ich-Erzähler, mittlerweile in Berlin wohnhaft, besucht seine Eltern in Hülkendonck. Einfühlsam beschreibt Peters, wie der Ich-Erzähler den physischen und psychischen Verfall seiner Eltern beobachtet und sich fragt, wie es mit ihnen weitergehen soll. Das Kraftwerk rückt an die Peripherie. Peters Schreibstil ist in „Dorfroman“ eher schlicht, wenig ausschmückend aber mit deutlichen Worten und flüssig zu lesen, weshalb der Roman an Realitätsnähe gewinnt. Insgesamt ist „Dorfroman“ ein vielschichtiger Roman, der zwischen Coming-of-Age und Sittengemälde des Niederrheins changiert, dabei aber zugleich von dem Erwachen des ökologischen Bewusstseins der Bundesrepublik erzählt.

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Dorfroman

28.02.2021

Dorfroman – im neuen Buch von Christoph Peters ist drin, was draufsteht. Und noch so viel mehr. Es ist nicht nur die hinreißende Geschichte einer Kindheit auf dem Land in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, sondern auch eine melancholische Liebesgeschichte im Schatten der Anti-AKW-Bewegung der Achtziger und ein nachdenklicher Versuch über das Vergehen der Zeit, die Veränderung der Welt und über Verantwortung.

„Roman“ ist das Buch überschrieben, und tatsächlich gibt es leichte Verfremdungseffekte, so etwa bei den Ortsnamen, wo etwa das niederrheinische Kalkar mit altertümlichem C geschrieben wird. Auch den Heimatort des Protagonisten, Hülkendonck, findet man auf keiner Karte. Und doch ist es sehr einfach ihn als den Heimatort des Autors, Hönnepel, zu identifizieren. Die Kirche im Roman nennt sich Verafredis, in Hönnepel heißt sie Regenfledis. Es ist also ganz eindeutig, dass Christoph Peters im Dorfroman seine eigene Kindheit und Jugend erzählt, sich dabei aber erzählerische Freiheiten erlaubt.

Peters erzählt auf drei Zeitebenen, die er gekonnt miteinander verflicht. Einmal ist es die Zeit um 1973, das kleine Alter-Ego des Autors ist da im Grundschulalter, etwa sieben. Im noch stark bäuerlich geprägten Grenzgebiet zu den Niederlanden ist die alte Bundesrepublik fest verankert. Die Dorfgemeinschaft ist stabil, man kennt und unterstützt sich. Ein Ausscheren wird nicht geduldet. Der Rasen muss sorgsam gemäht und unkrautfrei, die Haare ordentlich geschnitten und das Auto sauber sein. Spätestens am Sonntag in der Kirche wird das kontrolliert. Man ist streng katholisch, selbst Protestanten misstraut man und „Mischehen“ werden nicht gern gesehen. Und man wählt politisch stramm konservativ. Kanzler Willy Brandt beäugt man äußerst kritisch.

Der kleine Protagonist wächst hier sehr behütet auf und zweifelt, wie das für sein Alter typisch ist, seine Eltern nicht an. Der Vater ist Monteur für Landwirtschaftsmaschinen und schon immer hier zuhause. Die Mutter kommt aus der Stadt und ist Lehrerin. Ihre Ansichten sind aber eher noch rückwärtsgewandter als die des Vaters. Besonders erschreckend dabei ist, wie schnell und unbarmherzig die Menschen von ihr abgeurteilt werden, wenn sie den eigenen Vorstellungen nicht entsprechen. Es herrscht ein erbarmungsloses Schwarz-Weiß, Wir und Misstrauen gegen alles andere. Wie eng das Weltbild dort in der Provinz noch war! Die Achtundsechziger und die damit einhergehende Befreiung sind hier bisher nicht angekommen.

Eine ganz wichtige Rolle spielt die Kirche. Man geht regelmäßig zur Messe, der Vater ist im Kirchenvorstand. Als im benachbarten Kalkar eine neue Form von Kernkraftwerk, der Schnelle Brüter, gebaut werden soll und dafür Kirchenland benötigt wird, setzt er sich für den Verkauf ein. Das von Anfang an umstrittene Projekt spaltet die gewachsene Dorfgemeinschaft. Einige der Bauern stellen sich dagegen, unterstützen die aufkommende Anti-AKW-Bewegung. Als auch der Kirchenvorstand sich mehrheitlich gegen den Schnellen Brüter entscheidet, wird er kurzerhand vom Generalvikar entlassen. Ein unglaublicher Vorgang, in den sich sogar der Papst einschaltet.

Leser*innen, die in etwa der gleichen Generation wie der 1966 geborene Christoph Peters angehören, werden im Dorfroman viel aus ihrer eigenen Kindheit wiedererkennen. Skippy, Lassie, das Ohnsorg-Theater – diese Reminiszenzen werden absolut organisch in den Roman eingefügt und verkommen nicht nur zu Versatzstücken. Durch den naiv-gläubigen Kinderblick, den der Autor wählt, und der wunderbar authentisch gelungen ist und eine sehr geschickte Perspektive, denn so kann der Autor die von heute aus gesehen sehr fragwürdigen Einstellungen seiner Eltern schildern, ohne sie bewerten zu müssen, erlebt man die von Angst, Ablehnung und Hass übersteigerten Meinungen über die Terroristen der RAF, die „Gammlern“, die „Langhaarigen“ und Religionslosen mit einem gewissen Amüsement, ist aber gleichzeitig erschrocken über die Rigidität der ideologischen Gewissheiten. Wie gespalten auch damals die bundesrepublikanische Gesellschaft war, wie hasserfüllt, wird greifbar.

Die Spaltung des Dorfs verschärft sich im Laufe der Jahre mit dem Baufortschritt des Schnellen Brüters. Bauer Praats hat seinen Melkstall an junge Kernkraftgegner verpachtet, die dort eine ökologische Kommune gründen wollen und Proteste gegen das Kraftwerk organisieren. Die zweite Zeitebene des Romans führt in die frühen Achtziger. Das Alter-Ego des Autors ist mittlerweile fünfzehn. Und wenn er auch noch kindlich dem Traum, einmal Naturforscher wie seine Kindheitsidole Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek werden zu wollen, nachhängt und mit dem Netz auf Schmetterlingsfang geht, brechen doch immer mehr Konflikte in der persönlichen Entwicklung mit den Überzeugungen seiner Eltern auf. Klar, Pubertät.

Ausgerechnet in eine der Kommunenbewohnerinnen, die sieben Jahre ältere Juliane, verliebt sich der Junge. Das beschleunigt den Abnabelungsprozess, die Haare wachsen, die politischen Ansichten und auch die Einstellung zum Schnellen Brüter wandeln sich vehement. Das führt natürlich zu Problemen mit den Eltern. Und auch die Auseinandersetzungen um das Kernkraftwerk radikalisieren sich. Waren zu Beginn, 1974, nur einige Tausend Demonstranten vor Ort, zählte man 1977 bereits 40.000 Atomkraftgegner. Mit welcher Brutalität die Polizei da vorging, ist mir noch lebhaft in Erinnerung.

Mit der dritten Zeitebene in der Gegenwart beginnt und endet Christoph Peters seinen Dorfroman. Der Ich-Erzähler reist zum Pfingstfest zu seinen mittlerweile hochbetagten Eltern. Der 1985 fertiggestellte, aber auch angesichts der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl nie ans Netz gegangene Schnelle Brüter, ist mittlerweile zum Freizeitpark „Kernwasserwunderland“ transformiert und als Deutschlands größte Investitionsruine in die Geschichte eingegangen. Die bäuerliche Welt am Niederrhein ist längst untergegangen. Nur ein paar Großbauern haben überlebt und betreiben ihre Höfe nahezu industriell. In diesen Episoden herrscht ein nachdenklicher, melancholischer Ton vor, so wie Christoph Peters auch für die anderen Zeitebenen ganz eigenständige Tonarten gefunden hat.

Der Erzähler lebt schon lange in Berlin, kehrt immer nur für kurze Stippvisiten ins elterliche Haus zurück. Doch was tun mit den alten Eltern, jetzt wo sich die Verantwortung fast umgekehrt hat? Hier wird das Buch zu einer Reflexion über das Vergehen der Zeit und die Veränderung der Welt. In alle drei Teile flicht der Autor wunderbare Landschaftsbilder aus der Niederrhein-Gegend ein.

Christoph Peters ist mit Dorfroman ein ganz großartiges Buch gelungen. Kindheitsgeschichte, bundesrepublikanischer Epochenroman, zartbittere Liebesgeschichte, Eltern-Kind-Reflexion und – Dorfroman. Schon jetzt ein Höhepunkt im noch jungen Lesejahr. Ich mochte 1999 bereits Stadt Land Fluss von Christoph Peters sehr gerne, und frage mich, warum ich diesen herausragenden Autoren zwischenzeitlich so lange beiseitelassen konnte.

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Christoph Peters
© Peter von Felbert

Christoph Peters

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018) und dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021). Christoph Peters lebt heute in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm bei Luchterhand "Das Jahr der Katze" (2018) und der "Dorfroman" (2020).

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