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Jeder lügt – aber manche Lügen sind tödlich ...

Der neue hoch spannende Roman von Gilly Macmillan, Bestsellerautorin von »Die Nanny«!

Leseprobe "Die Vertraute"

Prolog

Es gibt die Fakten, und dann gibt es die Wahrheit.
Dies sind die Fakten.
Es ist Sommersonnenwende, Juni 1991.
Du bist erst neun Jahre alt. Du bist klein für dein Alter. Die Schulschwester hat empfohlen, dass du abnimmst. Es fällt dir schwer, Freunde zu finden, und oft bist du einsam. Du wirst gehänselt. Die Lehrer und deine Eltern ermuntern dich häufig, mehr an Gruppenaktivitäten teilzunehmen, aber du bist lieber mit deiner imaginären Freundin zusammen.
Wir wissen, dass du in der Nacht in Stoke Woods warst, weil bei deiner Rückkehr Laub und Tannennadeln an deiner Kleidung und in deinem Haar haften, du Schmutz unter den Fingernägeln hast und nach Holzrauch stinkst.
Dein Zuhause ist Charlotte Close Nummer sieben, ein bescheidenes Haus, identisch mit allen anderen in einer kurzen Sackgasse und erbaut in den Sechzigern auf einem Stück Land, das ein Milchbauer verkauft hatte. Die Sackgasse ist nahe Stoke Woods und anderthalb Meilen von der berühmten Hängebrücke entfernt, die den halb ländlichen Bereich mit der Stadt Bristol verbindet.
Wir wissen, dass du um 01:37 Uhr zu Hause ankommst, drei Stunden und sechs Minuten vor Sonnenaufgang.
Was die restlichen Geschehnisse betrifft, beschreibst du sie in den darauffolgenden Tagen viele Male, und natürlich malst du ein außergewöhnlich lebendiges Bild, denn schon in dem Alter kannst du gut mit Worten umgehen.
Du erzählst es so:
Das Seitenstechen fühlt sich wie ein Messer an, aber du wagst nicht, stehen zu bleiben oder langsamer zu werden, als du durch den Wald nach Hause rennst. So weit dein Blick reicht, ragen Bäume wie eine stumme, drohende Armee auf. Mondlicht blinkt durch den Baldachin aus Baumkronen und wirft milchige Sprenkel auf den Unterwuchs und macht die Schatten mal kürzer, mal länger. Das Bild kippt.
Du rast durch das dichtere Unterholz, wo du sonst sehr vorsichtig gehen würdest, aber nicht heute Nacht. Brennnesseln zerkratzen dir die Schienbeine, und das vermoderte Laub auf dem Boden fühlt sich wie Treibsand unter deinen Schuhen an. Unter der knisternden oberen Schicht ist alles feucht und gierig.
Es wird ein wenig leichter, als du den Weg erreichst, obwohl er uneben ist und kleine Kiesel unter den Sohlen wenig Halt bieten. In der Nase brennt dir noch der Geruch vom Feuer.
Die Pforte zum Parkplatz ist leicht zu öffnen, wie schon viele Male zuvor, und von dort ist es nur ein kleines Stück nach Hause.
Jeder deiner Schritte knallt hart auf das Pflaster, und bis du in der Charlotte Close ankommst, tut dir alles weh. Deine Brust hebt und senkt sich. Du ringst nach Luft. Am Ende der Einfahrt bleibst du stehen. Sämt-liche Lichter in eurem Haus brennen.
Sie sind auf.
Deine Eltern sind für gewöhnlich ordentliche Silhouetten. Sie sind saubere, bescheidene Leute.
Noch ein Fakt: Mit dir und deinem kleinen Bruder steht ihr vier, auf dem Papier, für eine sehr durchschnittliche Familie.
Doch als die Haustür aufgeht, stürmt deine Mutter heraus, und im Licht aus der Diele wird ihr Nachthemd durchsichtig, sodass du den schrecklichen Eindruck hast, sie würde dir nackt auf dem Weg entgegenkommen. Und daran ist nichts normal. An dieser Nacht ist nichts normal.
Deine Mum schließt dich in die Arme. Es fühlt sich an, als würde sie die letzte Luft aus dir pressen. Und sie sagt »Gott sei Dank« in dein zerzaustes Haar. Du lehnst dich an sie, was sich wie ein Fallen anfühlt.
In ihrer festen Umarmung denkst du, bitte, kann dieser Moment für immer dauern? Kann die Zeit stehen bleiben? Aber natürlich kann sie das nicht. Genau genommen dauert der Moment nur eine oder zwei Sekunden, denn wie jede gute Mutter hebt deine den Kopf und blickt über deine Schulter zu dem Weg hinter dir, in die Dunkelheit, wo die Straßenbeleuchtung unzureichend ist und das Mondlicht hinter einem Wolkenfetzen verschwunden. Wo das einzige andere Licht das Garagentor von Nummer vier rahmt. Und deine Mutter sagt die Worte, vor denen du dich gefürchtet hast.
»Aber wo ist Teddy?«
Du kannst ihnen nichts von deinem Versteck erzählen.
Das darfst du nicht.
Eliza wäre böse.
Deine Mum hält dich so fest bei den Oberarmen, dass es wehtut. Du hast das Gefühl, dass sie dich womöglich gleich schüttelt. Es kostet dich alle Kraft, sie anzusehen, die Augen weit aufzureißen und alles Böse aus ihnen wegzubekommen, das sie darin an ihnen ablesen könnte, und zu sagen: »Ist er nicht hier?«


1

Ich tippte »Ende«, klickte auf »Speichern« und gleich noch einmal, um sicher zu sein. Es war eine riesige Erleichterung, meinen Roman fertig zu haben, und obendrein empfand ich eine berauschende Mischung aus Freude und Erschöpfung. Aber ich war auch furchtbar nervös, schlimmer als sonst, weil diese Worte zu schreiben bedeutete, mich den Konsequenzen einer heimlichen Entscheidung zu stellen, die ich vor Monaten getroffen hatte.
Jedes Jahr schrieb ich ein neues Buch, und der Entwurf, den ich gerade fertig hatte, war mein fünfter Roman, ein wertvolles Gut, mit Spannung von Verlagen in London, New York und anderen Städten auf der ganzen Welt erwartet. »Wertvolles Gut« waren die Worte meines Agenten, nicht meine, doch unrecht hatte er nicht. Jeden Tag stellte ich mir beim Schreiben vor, wie die Verleger auf das Manuskript warteten und dabei mit den Füßen im Staccato unter dem Schreibtisch auf den Boden tippten. Und diesmal war ich besonders nervös, weil ich wusste, dass ich ihnen etwas schicken würde, mit dem sie nicht rechneten.
»Mutig«, hatte Eliza gesagt, als sie begriff, was ich getan hatte.
»Tut mir leid«, sagte ich zu ihr und meinte es ernst. Ihre Stimme hatte eine neue und scheußlich raspelnde Note, aber alles hatte seinen Preis. Unter anderen Umständen wäre Eliza die Erste gewesen, die darauf hingewiesen hätte, denn mein Mädchen war pragmatisch.
Ich wusste, was ich als Nächstes tun musste, so beängstigend es auch sein mochte. Ich hatte eine Strategie, Mut zu sammeln, was immer schwer war, denn oft verlor er sich im Wirbel und Zweifel des Schreibens.
Bis dreißig zu zählen, dauerte länger, als es sollte, weil ich langsam machte – ich war eine Meisterin der Vermeidung –, doch als ich bei null war, fokussierte ich wie ein zielender Heckenschütze. Ein Fingertippen, und der Roman war fort, draußen, dreihundertfünfzig Seiten auf dem Weg zu meinem Agenten, per E-Mail, und es war zu spät, noch etwas zu ändern.
Ich wartete eine Minute, bevor ich in meinem Mail-Eingang nachsah, ob er den Empfang bestätigt hatte. Hatte er nicht. Ich löschte die E-Mails verschiedener Mode-Websites, die mir neue »Sales« anboten, weil ich es hinterhältig von ihnen fand, mich in einem Moment an meine Internet-Einkaufsgewohnheiten zu erinnern, in dem etwas Bedeutsameres geschah; allerdings sah ich einen Overall, den ich mir später vielleicht doch genauer anschauen würde. Er hatte eine buttrige Farbe, angeblich »der Renner in diesem Frühjahr« und »perfekt kombinierbar«. Verlockend und eindeutig noch einen zweiten Blick wert, aber nicht jetzt.
Ich trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch. Aktualisierte das Postfach. Nichts. Ich klickte zurück und sah nach, ob sie den Overall in meiner Größe hatten. Hatten sie. Und es gab auch keine Warnung à la »Nur noch wenige vorrätig«. Schön. Trotzdem legte ich einen direkt in den Einkaufskorb. Für alle Fälle. Und kehrte zur E-Mail zurück. Aktualisierte wieder. Immer noch nichts. Checkte den Spam-Ordner. Dort war nichts von Max, aber es war gut zu wissen, dass heute Nacht heiße Frauen in meiner Stadt für Sex zu haben waren. Ich löschte alle Spams, aktualisierte mein Eingangsfach erneut. Keine Veränderung.
Ich griff nach dem Telefon und rief an. Er ging sofort ran. Er hatte eine schöne Stimme.
»Lucy! Sekunde bitte, ich bin auf der anderen Leitung«, sagte er. »Ich muss nur noch kurz jemanden loswerden.« Damit stellte er mich in die Warteschleife. Dass er aufgekratzt klang, machte mich ein bisschen unruhig. Nicht etwa, weil ich mich zu ihm hingezogen fühlen würde, bitte nicht auf falsche Gedanken kommen, sondern weil er derjenige war, mit dem ich an meiner Karriere bastelte, der Vermittler zwischen mir und meinen Verlagen, der die Verträge aushandelte, der Retter, wenn Dinge schiefgingen, und der Empfänger eines Prozentanteils meiner Honorare.
Max und ich brauchten einander, und ich war seine mit Abstand erfolgreichste Klientin, weshalb es kein Wunder war, dass er seine Ungeduld zu überspielen versuchte, als mein Abgabetermin für den ersten Entwurf nahte, und mich via Telefon und E-Mail anfeuerte. Wenn ich ihn persönlich traf, fiel mir stets auf, dass seine Fingernägel bis zum Nagelbett runtergenagt waren.
Einen Moment später war er wieder dran. »Jetzt gehöre ich ganz dir.«
»Es ist fertig.«
»Du verdammtes Wunderkind!« Ich hörte die Tastatur, als er in seinen Mail-Eingang sah. »Hab’s«, sagte er. Es folgte ein Doppelklick, mit dem er den Anhang öffnete. Ich stellte mir seinen Blick vor, als er die erste Seite sah. Sekunden verstrichen, die sich wie ein Jahrtausend anfühlten.
»Max?«
Las er? War er von den allerersten Zeilen meiner Geschichte gefesselt, oder überflog er den Anfang und war bereits entsetzt oder maßlos enttäuscht? Meine Nerven lagen blank, und ich machte aus einer Drei-Sekunden-Pause eine Katastrophe.
»Ich lese es sofort«, sagte er. »Jetzt gleich. Und du musst auflegen und feiern. Rücke vor bis auf Los. Gönn dir was. Nimm ein Bad, mach eine Flasche mit irgendwas Leckerem auf, sag deinem Mann, er soll dich verwöhnen. Ich melde mich, sobald ich alles gelesen habe.«
Zu Beginn meiner Karriere, bevor ich zum ersten Mal in Max’ Büro gewesen war, hatte ich versucht, es mir vorzustellen. Ich dachte, er wäre der Typ, der in einem Lederstuhl sitzt, weich genug gepolstert, damit sein Hintern bequem darin versank, und an einem großen Schreibtisch mit einer blankpolierten Oberfläche, in der sich das Licht aus dem Fenster gegenüber spiegelte. Letzteres war wahrscheinlich kunstvoll gestaltet, mit Bleiverglasung vielleicht oder von Stuck umrahmt. So kam Max mir trotz seiner abgekauten Fingernägel vor: wie ein Drahtzieher. Nur der hätte solch einen Schreibtisch. Einmal hatte ich ihm davon erzählt – wir müssen schon einige Cocktails intus gehabt haben, sonst hätte ich nie gewagt, es laut auszusprechen. Er hatte träge gelächelt, was zu seinen asymmetrischen Zügen passt.
»Aber du bist die, die über Leben und Tod entscheidet«, antwortete er. »Fiktiv gesprochen«, ergänzte er einen Tick später.
Es stimmte.
Abgesehen von dem Stuhl, dem Schreibtisch und den architektonischen Feinheiten, stellte ich mir Max’ Büro auch chaotisch vor. Eine schön gerahmte Unordnung, deren Bild in meinem Kopf mir sehr gut gefiel.
Ich konnte in den abwegigsten Dingen Schönheit entdecken. Das muss man, wenn sich Gewalt durch die eigene Arbeit zieht. Ich schätze, jeder Thriller-Autor hat seine eigene Art, damit umzugehen.
Und übrigens, als ich endlich mal Max’ Büro aufsuchte, war es kein bisschen so, wie ich erwartet hatte.

2

Nach Max war immer Daniel, mein Ehemann, die zweite Person, die erfuhr, wenn ich ein Buch abgeschlossen hatte. Aber ich wollte einige Momente für mich, bevor ich es ihm sagte. Momente, in denen ich mich nicht beobachtet fühlte, denn ich hatte ständig das Gefühl, Leute würden mich beobachten.
Mein erster Roman war vor vier Jahren erschienen und explodierte in der Krimiszene (die Worte meines Verlags, nicht meine). Monatelang hielt er sich weit oben auf der Bestsellerliste. Und man stellte mir das Konzept von einem Buch pro Jahr vor – von dem Max und meine Verleger beteuerten, dass es unglaublich wichtig sei. Seitdem wurde mir eine extreme Aufmerksamkeit zuteil. Die Leute beobachteten, was ich als Nächstes schrieb, und lernten einzuschätzen, wie schnell ich war. Sie beobachteten mich bei Veranstaltungen und online. Mit Argusaugen. Sie bombardierten mich über Social Media mit Nachrichten. Ich hatte sogar einen bisher nicht identifizierten Fan, der herausfand, in welchem Haus Dans und meine Wohnung war – in einem schlichten Viertel von Bristol voller Graffiti und Coffee-Shops –, und Geschenke vor die Tür legte.
Allerdings waren die nicht im eigentlichen Sinne für mich. Die Heldin meiner Romane war Detective Sergeant Eliza Grey. Ihre Figur basierte auf der imaginären Freundin aus meiner Kindheit. (Schreib über das, was du kennst, heißt es, und das tat ich.) Leute waren verrückt nach Eliza, und jene Geschenke waren für sie. Darunter waren ihr Favorit (Moltebeerenmarmelade, die sie entdeckte, als sie im zweiten Band für einen Fall nach Oslo »ausgeliehen« wurde) und ihr Lieblingsgetränk (ein koffeinhaltiger Energy-Drink). Mich beunruhigten sie, gestehe ich freimütig, ganz gleich wie gut sie gemeint waren. Ich bat Dan, sie zu entsorgen, denn es fühlte sich wie ein Eindringen in meine Privatsphäre an.
Es hatte mich schockiert, wie plötzlich und umfassend ich nach Erscheinen meines ersten Eliza-Buches zu öffentlichem Eigentum wurde. Damit hatte ich nicht gerechnet, und hätte ich gewusst, dass es so weit kommen würde, hätte ich meinen Roman wohl gar nicht erst an Literaturagenten geschickt. Sobald ich die Rechte an jenem Buch verkauft hatte, scherte niemanden mehr meine natürliche Neigung, mich ganz in mein Privatleben zurückzuziehen.
Mein Moment des Alleinseins im Arbeitszimmer war enttäuschend. Anstatt ein Gefühl friedlicher Ruhe zu empfinden (im Gegensatz zu angespannter Einsamkeit, wie ich sie gewöhnlich beim Schreiben erlebte), konnte ich nur die Unordnung sehen.
Wochenlang hatte ich mich in diesem Raum eingesperrt, um mein Buch fertigzustellen, und einen irrsinnigen Arbeitsrhythmus eingehalten, bis spätabends geschrieben und bei Morgengrauen wieder angefangen, einzig unterbrochen von wenigen Stunden Schlaf. Es war eher eine Tarantella als ein Walzer gewesen, und das sah man. Sogar mein Drucker wirkte müde; die Ausgabefächer hingen schief heraus, Papier lag auf dem Boden darunter, wie eine Kurtisane, deren Kunde soeben gegangen war. Und sie träumte davon, ihn zu heiraten. (Aber ich darf meinen Drucker nicht vermenschlichen. Was würde man von mir denken?) Unter all den Stapeln ausgedruckter Entwürfe und Recherchematerialien, die eine Art Skyline bildeten, waren Fußboden und Couchtisch kaum noch auszumachen.
»Musst du wirklich deinen Kram auf einem echten Perserteppich ausbreiten?«, hatte Dan vor einigen Wochen von der Tür aus gefragt, als sämtliche Oberflächen voll waren und das Chaos auf den Boden überzugehen begann. So hatte ich darüber noch gar nicht nachgedacht. Ich oder eigentlich wir beide waren eher an billige IKEA-Einrichtung gewöhnt, anders kannten wir es nicht. Doch nun waren wir an einem Punkt angelangt, an dem Dan sich für die edleren Dinge im Leben zu begeistern begann, die mit dem neuen Reichtum dank meiner Bücher einhergingen. Und er passte sich schneller an als ich. Er hatte Zeit, sich dem Luxus hinzugeben und zu überlegen, wie wir das Geld ausgaben; ich, angesichts meiner Arbeitsbelastung, nicht. Ich konnte es mir nicht leisten, von der Arbeit aufzublicken und die Veränderung in unserem Leben zu genießen. Vielmehr nahm ich sie gar nicht recht wahr.
Es war nicht bloß der schicke Teppich, der noch einiger Gewöhnung bedurfte. Unser Cottage selbst spiegelte bereits, was wir uns neuerdings erlauben konnten. Die Wochenmiete hatte mir beinahe die Tränen in die Augen getrieben und beleidigte meinen Hang zu Sparsamkeit und Einfachheit. Aber Dan hatte darauf bestanden, dass wir hier wohnen müssten.
»In der Wohnung hältst du die letzte Phase bei diesem Buch nicht durch«, hatte er mit einer enervierenden Autorität behauptet, die er in Jahren zu den Themen Schreiben und Kreativität entwickelt hatte, in jüngster Zeit allerdings immer häufiger auf unseren Haushalt übertrug. »Sie ist zu eng. Da treten wir uns auf die Füße.«
Er hatte recht, und ich wusste es, aber ich liebte das Schreiben in unserer gemütlichen Zweizimmerwohnung mit Blick auf die kleine Ladenzeile gegenüber und dem Duft aus der Bäckerei, der jeden Morgen zu uns herüberwehte. Und ich war abergläubisch. Bisher hatte ich alle meine Bücher in der Wohnung geschrieben. Was, wenn sich ein veränderter Alltag auf mein Schreiben auswirkte? Wenn er signalisierte, dass ich mich überschätzte? Jeder wusste, dass die höchsten Mohnblumen als erste geköpft wurden.
Doch während diese Befürchtungen wie Schmetterlinge in meinem Bauch aufstoben, war mir klar, dass ich Dans Wünsche sorgfältig überdenken musste, denn er arbeitete jetzt Vollzeit für mich, und es machte das Problem, wer bei uns das Sagen hatte, überaus heikel. Ich überlegte, wie ich meine Einwände gegen das Cottage so formulieren könnte, dass ich ihn nicht vor den Kopf stieß, nur fehlten mir die passenden Worte. Beim Schreiben flossen sie immer, steckten mir jedoch wie ein Haarball in der Kehle, sobald ich für mich selbst eintreten musste.
Seinen Siegersatz brachte Dan in einem sanfteren Ton vor: »Wir können es uns leicht leisten. Ich habe mir die Zahlen angesehen. Und stell dir vor, auf dem Land zu sein … noch dazu am Meer! Das würde uns so guttun.«
Für emotionale Erpressung war ich ebenso empfänglich wie für potenzielle Romantik. Schreiben ist ein einsamer Beruf. Und was das Geld betraf, musste ich ihm vertrauen, weil er die Finanzen für mich regelte. Steuerformulare und Zahlentabellen lösten Panik bei mir aus.
Ich willigte ein, das Haus zu mieten, und beobachtete, wie er »Jetzt buchen« klickte, wobei ich das befremdliche Gefühl hatte, mein Leben wäre mir soeben ein wenig entglitten.
Und ich sollte noch etwas anderes erwähnen, um ganz offen zu sein.
Auf dem Papier war unser Arrangement nett, zum Nutzen beider Seiten und privilegiert. Ich würde jedes Jahr einen Thriller schreiben, weiter Geld scheffeln und Dan mir all die Unterstützung bieten, die ich brauchte. Doch in dieser Suppe schwamm ein ziemlich langes, ekliges Haar.
Und das war Folgendes: Mein Assistent zu sein, war nicht die Existenz, die Dan sich erträumt hatte. Er hatte vorgehabt, selbst ein Bestsellerautor zu werden.

I

In der Nacht, in der Teddy verschwindet, wartest du bis Mitternacht, ehe du versuchst, das Haus zu verlassen. Du willst unbedingt los, denn in wenigen Stunden geht die Sonne auf, und nur bis dahin sind die Geister draußen, bewegen sich unter echten Menschen, treiben Unfug, spielen Streiche.
Du weißt, was in der Mittsommernacht passiert, weil du es in der Bücherei nachgeschlagen hast. Du bist eine sehr kluge Neunjährige. »Außergewöhnlich klug«, hat deine Lehrerin in dein Zeugnis geschrieben. »Liest und schreibt auf einem Niveau deutlich über ihrer Altersgruppe.«
Deine Zimmertür quietscht und du verharrst. Du zählst bis zehn, als nichts geschieht, wiegst du dich in Sicherheit und trittst auf den Flur. Aber da geht Teddys Tür auf.
»Was machst du?«, fragt er.
Du bedeutest ihm, still zu sein, scheuchst ihn zurück in sein Zimmer, hilfst ihm ins Bett und drückst ihm seine Kuscheldecke so neben den Kopf, wie er es mag.
»Schlaf weiter«, flüsterst du, streichelst sein Haar. Er steckt den Daumen in den Mund. Die Lider fallen ihm zu. Du zwingst dich zu bleiben, bis er wieder eingeschlafen ist.
Du bist gerade wieder zur Tür geschlichen, als er sagt: »Lucy, du sollst hierbleiben.«
Du ballst die Fäuste. Du willst sehr gern in den Wald gehen. Seit Wochen hast du das geplant. Du drehst dich um. Er sieht niedlich aus, wie er so daliegt.
»Kannst du richtig leise sein?«, fragst du.
»Teddy kann leise sein.« Er spricht meistens in der dritten Person von sich. Später wird jemand sagen, dass es ist, als hätte er immer gewusst, dass er nicht lange unter uns sein würde.
»Nimm ihn nicht mit«, sagt Eliza in deinem Kopf. Deine imaginäre Freundin hat zu allem eine Meinung.
»Aber er wird weinen, wenn ich es nicht mache«, antwortest du stumm, »und Mum und Dad wecken.«
»Dann kannst du nicht gehen.«
Das kommt für dich nicht infrage. Du streckst die Hand aus, und Teddys Augen leuchten.
»Willst du mit auf ein Abenteuer kommen?«, fragst du ihn.

Sie ist die Tote im See. Sie ist die Frau an der Tür.

Sie ist das Kindermädchen!

»Meine Nerven waren bis zur letzten Seite zum Zerreißen gespannt!«
Tess Gerritsen

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Gilly Macmillan
© Céline Nieszawer/Leextra

Die Autorin

Gilly Macmillan wuchs in Swindon, Wiltshire auf und lebte in ihrer Jugend einige Jahre im Norden Kaliforniens. Sie arbeitete beim Burlington Magazine, für die Hayward Gallery und als Dozentin für Fotografie. Heute widmet sie sich ganz dem Schreiben. Gilly Macmillans Romane erfreuen sich besonders in Großbritannien großer Beliebtheit und sind allesamt Bestseller. Sie lebt mit ihrer Familie in Bristol, England.

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