Der Morgenstern von Karl Ove Knausgård

Einer der wichtigsten Literaten unserer Zeit

Es ist Sommer in Norwegen. Eigentlich eine beschauliche, sonnengetränkte Zeit. Doch nun scheint etwas aus den Fugen geraten zu sein. Krabben spazieren an Land, Ratten tauchen an überraschenden Stellen auf, eine Katze kommt unter seltsamen Umständen ums Leben. Kurzum: Die Tiere verhalten sich wider ihre Natur. In seinem neuen Roman schildert Karl Ove Knausgård eine Welt, in der die Natur und die Menschen aus dem Gleichgewicht sind, obwohl das Buch eigentlich ganz realistisch vom Leben einiger Menschen, neun an der Zahl, während mehrerer Hochsommertage erzählt, und zwar in deren eigenen Worten. Da ist der Literaturprofessor Arne, der mit seiner Familie die Tage im Sommerhaus verbringt, an sich selbst zweifelt und mit seinem Nachbarn Egil über den Glauben an Gott diskutiert. Da ist die Pastorin Kathrine, die plötzlich merkt, dass sie ihre Ehe als Gefängnis empfindet. Da ist der Journalist Jostein, der auf einer exzessiven Trinktour von den mysteriösen Morden an Mitgliedern einer Death Metal Band hört, während seine Frau Turid in einer psychiatrischen Anstalt als Nachtwache arbeitet. Ihnen allen unerklärlich ist das Auftauchen eines neuen Sterns am Himmel, den auch die Wissenschaft nicht wirklich erklären kann. Ist er der Vorbote von etwas Bösen oder im Gegenteil die Verheißung von etwas Gutem?

Leseprobe

Erster Tag
ARNE

Der plötzliche Gedanke, dass die Jungen hinter mir im Haus lagen und schliefen, während sich die Dunkelheit aufs Meer senkte, war so friedvoll und freundlich, dass ich bei ihm verharrte, als er auftauchte, und versuchte, das Gute an ihm zu bestimmen, statt ihn ziehen zu lassen.
Ein, zwei Stunden zuvor hatten wir Netze ausgelegt, ihre Hände riechen also nach Salz, dachte ich. Nie im Leben haben sie sich die Hände gewaschen, das hätte ich ihnen sagen müssen. Sie mochten es, den Übergang zwischen Wachsein und Schlafen möglichst schnell zu gestalten; jedenfalls streiften sie gewöhnlich nur ihre Kleider ab, legten sich unter die Decke, schlossen die Augen und schalteten nicht einmal das Licht aus, wenn ich mich nicht mit meinen Forderungen einmischte, zum Beispiel, dass sie sich die Zähne putzen, das Gesicht waschen, die Kleider ordentlich auf den Stuhl legen sollten.
An diesem Abend hatte ich nichts dergleichen gesagt, und so waren sie einfach in ihre Betten geglitten wie langgliedrige, glattglänzende Tiere.
Aber nicht das war das Gute an dem Gedanken gewesen. Es war der Gedanke an die Dunkelheit, die sich unabhängig von ihnen senkte. Dass sie schliefen, während das Licht aus den Bäumen und vom Waldboden vor ihren Zimmern verschwand, um noch eine Weile schwach am Himmel zu schimmern, ehe auch er schwarz wurde und das einzige Licht in der Landschaft der Mondschein war, den die Wasserfläche der breiten Bucht gespenstisch reflektierte.
Ja, das war es.
Dass nichts jemals stoppte, dass alles einfach immer weiterging, Tag zu Nacht wurde, Nacht zu Tag, Sommer zu Herbst, Herbst zu Winter, Jahr auf Jahr folgte, und dass sie sich genau hier, in diesem Moment, in dem sie tief und fest in ihren Betten schliefen, befanden. Als wäre die Welt ein Raum, den sie besuchten.
Die roten Lichter an der Spitze des Funkmasts blinkten in der Dunkelheit über den Bäumen am anderen Ufer. Unterhalb von ihm fiel Licht aus den Sommerhäusern. Ich trank einen Schluck Wein und schüttelte die Flasche anschließend leicht, weil es zu dunkel war, um zu erkennen, wie voll sie noch war. Knapp die Hälfte war noch da.
Als Kind war der Juli mein Lieblingsmonat gewesen. Das war nicht weiter verwunderlich, denn mit seinen langen Tagen voller Licht und Wärme ist es ja der kindlichste und einfachste Monat. Als Jugendlicher mochte ich den Herbst, die Dunkelheit und den Regen, vielleicht, weil das dem Leben einen Ernst hinzufügte, den ich romantisch fand und gegen den ich mich behaupten konnte. Die Kindheit war die Zeit, herumzustreichen und einfach nur zu sein, die Jugendzeit war die Entdeckung der eigentümlichen Süße des Todes.
Jetzt mochte ich den August am liebsten. Auch das war nicht weiter verwunderlich; ich stand mitten im Leben, an jenem Ort in der Zeit, an dem Dinge vollendet werden, in der Stagnation des langsam steigenden Überflusses, in dem Augenblick, bevor dieser nach und nach abgeschöpft wird und in einen ebenso langsamen Verfall ausklingt.
Oh, August, du mit deiner Dunkelheit und Wärme, deinen süßen Pflaumen und deinem sonnenversengten Gras! Oh, August, du mit deinen todgeweihten Schmetterlingen und zuckerbesessenen Wespen!

Der Wind stieg den Hang herauf, ich hörte ihn, noch ehe ich ihn auf der Haut spürte, und dann raschelten die Blätter in den Baumwipfeln über mir für einen Moment, ehe sie wieder zur Ruhe kamen. Ähnlich wie ein Schlafender sich plötzlich umdreht, nachdem er lange stillgelegen hat, so schien es mir. Und danach rasch wieder zur Ruhe kommt.
Auf den Uferfelsen unter mir tauchte eine Gestalt auf. Auch wenn sich die schattenhafte Figur aus dieser Entfernung nicht wirklich identifizieren ließ, wusste ich, dass es Tove war. Sie ging über den glattgeschliffenen, schwach ansteigenden Felsgrund auf den Bootssteg und nahm von dort den Pfad den An- stieg herauf. Wenig später hörte ich ihre Schritte, als sie den grasbewachsenen Hang direkt unterhalb vom Garten emporstrebten.
Ich saß vollkommen still. Wenn sie aufmerksam war, würde sie mich sehen können, aber das war sie seit mehreren Tagen nicht mehr gewesen.
»Arne?«, sagte sie und blieb stehen. »Bist du da?«
»Ich bin hier«, erwiderte ich. »Am Tisch.«
»Sitzt du im Dunkeln? Magst du nicht das Licht anzünden?«
»Doch, kann ich machen«, sagte ich und zündete mit dem Feuerzeug die Lampe auf dem Tisch vor mir an. Der Docht brannte mit einer tiefen, klaren Flamme, während der Lichtschein, überraschend stark, im Halbdunkel eine Kuppel aus Helligkeit schuf.
»Ich setze mich kurz«, sagte sie.
»Tu das«, entgegnete ich. »Möchtest du einen Schluck Wein?«
»Hast du Gläser?«
»Nicht hier.«
»Dann lassen wir es«, sagte sie und setzte sich in den Korbsessel auf der anderen Seite des Tischs. Sie trug Shorts und ein kurzes Top, ihre Füße steckten in Gummistiefeln, die ihr bis zu den Knien gingen.
Von den Medikamenten war ihr immer schon leicht fülliges Gesicht aufgedunsen.
»Ich nehme mir noch was«, sagte ich und füllte mein Glas.
»War es ein schöner Spaziergang?«
»Ja. Mir ist beim Gehen eine Idee gekommen. Deshalb bin ich schnell zurück.«
Sie stand auf.
»Ich fange sofort an.«
»Und womit?«
»Einer Bilderserie.«
»Aber es ist kurz vor elf«, sagte ich. »Du musst auch mal schlafen.«
»Schlafen kann ich, wenn ich tot bin«, sagte sie. »Es ist wichtig. Du kannst dich morgen um die Jungs kümmern, du hast ja Urlaub. Ihr könntet fischen gehen oder so.«
Wann zum Teufel wirst du anfangen, dich für andere außer dir selbst zu interessieren, dachte ich und sah zu dem blinkenden Mast hinaus.
»Sicher, können wir machen«, meinte ich.
»Schön«, sagte sie.
Meine Augen folgten ihr, während sie durch den Garten zu dem weißen Gästehaus an seinem hinteren Ende ging. Als das Licht in ihm anging, leuchteten die Fenster gelb inmitten der schwarzen Masse, die Bäume und Sträucher in der Dunkelheit davor bildeten.
Im nächsten Moment kam sie wieder heraus. Die Shorts und ihre nackten Beine in den großen Stiefeln lassen sie wie ein kleines Mädchen aussehen, dachte ich. Der Kontrast zu dem Top, das um den rundlichen Körper spannte, und zu ihrem trägen, erschöpften Blick war groß und erfüllte mich plötzlich mit Mitleid.
»Ich habe unten im Wald drei Krebse gesehen«, sagte sie und blieb vor dem Tisch stehen. »Ich habe vergessen, es dir vorhin zu erzählen.«
»Die haben bestimmt ein paar Möwen da abgeworfen«, sagte ich.
»Aber sie waren am Leben«, sagte sie. »Sie sind über den Waldboden gelaufen.«
»Bist du sicher? Dass es Krebse waren, meine ich? Könnten es nicht andere kleine Tiere gewesen sein?«
»Natürlich bin ich mir sicher«, erwiderte sie. »Ich dachte, dass du es gern wissen würdest.«
Sie drehte sich um, ging wieder zurück und schloss die Tür hinter sich. Im nächsten Moment erklang Musik aus dem Haus.
Ich schenkte mir den restlichen Wein ein und überlegte, ob ich ins Bett gehen oder noch einen Moment sitzen bleiben sollte. Dann müsste ich mir einen Pullover holen, dachte ich.
Seit ein, zwei Tagen war sie jetzt in der Hochphase. Die Anzeichen waren immer die gleichen. Sie begann zu mailen und zu telefonieren und schrieb lange Facebookposts und wollte plötzlich alles Mögliche erledigen, was im Grunde zu nichts führte, jedenfalls zu nichts Substantiellem wie zum Beispiel, ein Haus in Ordnung zu halten oder an irgendeiner Sache dranzubleiben. Ein anderes Anzeichen bestand darin, dass sie so achtlos wurde. Sie ließ die Tür offenstehen, wenn sie auf der Toilette saß, sie drehte das Radio extrem laut, ohne Rücksicht auf andere, und wenn sie das Essen zubereitete, sah die Küche hinterher aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.
Das alles nervte mich unglaublich. Wenn sie endlich einmal vor Energie strotzte, warum konnte sie die dann nicht nutzen, um allen eine Hilfe zu sein? Gleichzeitig tat sie mir aber auch leid, sie war wie ein in der Welt verlorenes Mädchen, das sich einredete, wie gut alles lief.
Aber ein Krebs im Wald? Was war es wohl gewesen? Welches Tier konnte sie auf die Idee gebracht haben, dass es sich um Krebse handelte? Oder hatte sie sich das nur eingebildet? Ich lächelte, als ich aufstand. Stehend trank ich den restlichen Wein in einem langen Schluck, ehe ich Flasche und Glas nahm und ins Haus ging. Die Zimmer waren von der Wärme des Tages aufgeheizt, und als die warme Luft mein Gesicht und die nackte Haut an den Armen umschloss, fühlte es sich fast so an, als nähme ich ein Bad. Dass alles hell erleuchtet war, verstärkte dieses Gefühl noch, plötzlich war ich in einem anderen Element.
Ich stellte die leere Flasche zwischen die anderen auf den Boden des Schranks, überlegte einen Moment, ob ich sie in eine Tüte stecken und zum Auto tragen sollte, um sie am nächsten Tag zum Glascontainer zu fahren, weil ich die Anzahl der Flaschen auf einmal mit den Augen anderer sah, aber das war noch lange kein Grund, sie gerade jetzt nach draußen zu bringen, um elf Uhr abends, das konnte ich morgen machen, dachte ich, spülte das Glas unter fließendem Wasser, rieb mit den Fingern über den Boden, trocknete es mit dem Küchenhandtuch ab und stellte es in das offene Regal über der Spüle.
So.
Eine winzige Spinne war dabei, sich unter dem Regal an einem Faden abzulassen. Sie war nicht größer als ein Brotkrümel, schien aber genau zu wissen, was sie tat. Als sie etwa zwanzig Zentimeter über der Arbeitsplatte war, hielt sie inne und blieb baumelnd in der Luft hängen.
In dem Moment schlug ein Fenster im Haus, mehrmals hintereinander. Es klang, als wäre es das Badezimmerfenster, und ich ging nachsehen. Das Fenster stand tatsächlich weit offen und folgte den Launen des stärker werdenden Winds. Jetzt knallte es gegen die Außenwand, und die Gardine flatterte in der Fensteröffnung. Ich zog sie herein und schloss das Fenster, ehe ich mich vor den Spiegel stellte und mir die Zähne putzte. Gedankenverloren zog ich das T-Shirt nach oben und betrachtete meinen Bauch, mit dem ich mich nicht mehr identifizieren konnte; er gehörte nicht dem Mann, als der ich mich fühlte. Ich hatte nicht das, was erforderlich war, um ihn loszuwerden, denn obwohl ich mehrmals täglich daran dachte, dass ich abnehmen, laufen und schwimmen sollte, fing ich niemals damit an. Deshalb stellte sich die Frage, ob es vielleicht möglich war, ihn in etwas Gutes zu verwandeln?
Der größte Fehler, den man machen konnte, war der Versuch, sein Übergewicht zu verbergen, in großen Hemden und weiten Hosen herumzulaufen und zu glauben, keiner würde es merken, solange unter dem Stoff nichts spannte. Dann sah man einen fetten Mann, der sich schämte. Und das war schlimmer als einfach ein fetter Mann, weil man etwas unangenehm Persönlichem und Intimem nahekam.
Ich spuckte die Zahncreme ins Becken, spülte den Mund mit Wasser aus dem Hahn aus, stellte die Zahnbürste an ihren Platz in das Glas im Regal.
War es nicht männlich, korpulent zu sein? Maskulin, eine gewisse Schwere zu haben?
Im Garten rauschte und raschelte es in Blättern und Ästen, ab und zu knackte es in den alten Wänden, wenn ein Windstoß gegen sie schlug. Bald fängt es an zu regnen, dachte ich und ging ins Wohnzimmer, löschte dort das Licht, ehe ich in die obere Etage ging und einen Blick in das Zimmer der Jungen warf. Es war warm darin, nachdem die Sonne den ganzen Nachmittag darauf gestanden hatte, und sie lagen beide auf ihren Decken, Asle, Hände und Beine um seine geschlungen, war in das Licht der Deckenlampe getaucht.
Wenn sie schliefen, sahen sie sich noch ähnlicher, denn viele der Unterschiede, die es zwischen ihnen gab, erzeugten sie selbst, etwa durch die Art, wie sie verschiedene Dinge machten, den Kopf hielten und drehten, die Hände bewegten, die Augenbrauen runzelten, oder wie sie Dinge sagten, die Nuancen in den Stimmen, der Tonfall in einer Frage. Jetzt waren sie nur Körper und Gesichter, und darin waren sie sich fast völlig gleich.
Ich hatte mich immer noch nicht daran gewöhnt, denn obwohl das Augenmerk auf ihre Ähnlichkeit im Alltag natürlich verschwand, tauchte es in Momenten wie diesem doch immer wieder auf, wenn ich sie plötzlich nicht als zwei Individuen sah, sondern als zwei Versionen des gleichen Körpers.
Ich schaltete das Licht aus und ging ins Schlafzimmer am anderen Ende des Flurs, zog mich aus und legte mich hin, um zu lesen, hatte aber ein wenig zu viel getrunken, so dass ich nach ein paar Sätzen das Buch zuklappte und das Licht löschte. Nicht, dass ich betrunken gewesen wäre, es war nicht etwa so, dass die Sätze und ihre Bedeutungen verschwammen, es ging eher darum, dass der Alkohol meinen Willen aufgeweicht, ihn geschwächt hatte und es mir praktisch unmöglich machte, die kleine Anstrengung zu mobilisieren, der es trotz allem bedurft hätte, um einen Roman zu lesen.
Es war so viel besser, mit geschlossenen Augen dazuliegen und die Gedanken nach Lust und Laune im Weichen und Dunkeln umhergleiten zu lassen.
Tagsüber war etwas Hartes und Kantiges an dem, was in mir war, etwas Trockenes und Ödes, eine Art Reich des Verneinens, in dem es häufig darum ging zu entsagen. Der Wein füllte das aus; das Harte und Kantige verschwand nicht, war aber nicht mehr alles. Wie ein Uferfelsen nach der Ebbe, wenn der Tang in der Sonne getrocknet ist und das Wasser wieder steigt: das Gefühl des Tangs dann! Wenn er das Salzige und Kalte spürt, das ihn anhebt, wenn er in diesem Herrlichen, Lebensspendenden hin und her schwenkt, und alle Flächen wieder weich und feucht werden …
Als ich die Zone knapp außerhalb des Bewusstseins erreichte, in die hinein und aus der heraus man manchmal einige Minuten gleitet, ehe der Schlaf einen endgültig übermannt, meinte ich Regentropfen gegen das Fenster und auf das Dach schlagen zu hören, sozusagen im Vordergrund des gleichmäßigen Rauschens der Bäume und Sträucher im Garten, und des ferneren Brausens der Wellen unten in der Bucht.
Ich wurde davon geweckt, dass Tove mich rief.
»Arne!«, rief sie. »Arne, du musst kommen!«
Ich setzte mich auf. Sie stand unten im Flur, und mein erster Gedanke war, dass sie nicht so laut schreien sollte, die Jungen könnten sonst wach werden.
»Es ist etwas passiert«, rief sie. »Komm!«
»Ich komme«, sagte ich, zog mein Hemd an und ging die Treppe hinunter.
Sie stand in ihren Shorts und den Gummistiefeln in der Türöffnung. Sie weinte.
»Was ist denn passiert?«, fragte ich.
Sie öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus.
»Tove«, sagte ich. »Was ist passiert?«
Sie gab mir ein Zeichen, ihr zu folgen. Wir gingen zum Gästehaus, durch den Flur dort und ins Wohnzimmer hinein. Auf dem Boden lag eines der Kätzchen, struppig und schön.
Aber es war ganz still, und als ich nähertrat, sah ich, dass es in einer kleinen Blutlache lag.
Es lebte noch, erkannte ich, denn eine Pfote bewegte sich. Das zweite Kätzchen stand dahinter und schaute zu.
»Ich habe es nicht gesehen«, sagte Tove. »Ich bin auf es getreten. Es tut mir so leid.«
Ich sah sie an. Dann ging ich vor dem Kätzchen in die Hocke. Aus Schnauze und Ohren war Blut geflossen, und es lag mit geschlossenen Augen da, während die Pfote über den Fußboden scharrte.
»Kannst du etwas tun?«, fragte sie. »Können wir es morgen früh zum Tierarzt bringen?«
»Wir müssen es töten«, sagte ich und richtete mich auf.
»Ich hole einen Hammer oder so.«
»Doch keinen Hammer«, sagte sie.
»Uns bleibt nichts anderes übrig«, erklärte ich und ging ins andere Haus hinüber, in die Küche. Ich hatte noch nie ein Tier getötet, war kaum fähig, einen Fisch zu erledigen, und als ich eine der Schubladen aufzog und den Hammer herausholte, war mir schlecht.
Zurück im Gästehaus drehte das Kätzchen, noch immer mit geschlossenen Augen, ein wenig den Kopf. Eine Art Zittern lief durch den kleinen Körper. Ich ging vor ihm in die Hocke und hielt den gummiverkleideten Stiel des Hammers fest umschlossen. Ich stellte mir vor, wie der Schädel unter ihm knirschen würde, wenn ich zuschlug.
Tove stand ein Stück weiter im Zimmer und sah zu. Das Kätzchen lag jetzt vollkommen still.
Ich strich ihm mit dem Zeigefinger behutsam über die wolllige Stirn. Es reagierte nicht.
»Ist es tot?«, sagte Tove.
»Ich denke schon«, antwortete ich.
»Was sollen wir mit ihm machen?«, fragte sie. »Was sollen wir den Jungen sagen?«
»Ich werde es irgendwo im Garten vergraben«, erklärte ich.
»Wir werden wohl sagen müssen, dass es verschwunden ist.« Ich richtete mich auf, und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich nur eine Unterhose anhatte.
»Ich habe es nicht gesehen«, sagte sie. »Auf einmal war es unter meinem Fuß.«
»Schon gut«, sagte ich. »Es war nicht deine Schuld.« Ich ging zur Tür.
»Wo willst du hin?«, fragte sie.
»Mich anziehen, danach begrabe ich es draußen.«
»Okay«, sagte sie.
»Kannst du bitte so lieb sein und ins Bett gehen?«, fragte ich.
»Ich kann jetzt nicht schlafen.«
»Kannst du es nicht versuchen?« Sie schüttelte den Kopf.
»Das hat keinen Sinn.«
»Und wenn du eine Tablette nimmst?«
»Die hilft nicht.«
»Okay«, sagte ich und ging in den Regen hinaus, überquerte den Hof zwischen den beiden Häusern, zog im Schlafzimmer meine Hose an, fand die Regenjacke, die an einem Haken in dem schuppenartigen Anbau hing, wo auch ein Spaten stand, und kehrte ins Gästehaus zurück.
Tove saß am Tisch und schnitt etwas aus einem roten Papierbogen. Neben ihr lag ein größerer und steiferer Bogen, auf den sie mehrere rote Figuren geklebt hatte.
Ich ließ sie in Ruhe, legte den Spaten auf den Fußboden, hob das tote Kätzchen vorsichtig auf das Blatt und trug es, auf dem Spaten ruhend, den ich vor mir hielt, hinaus.
Die Äste der Bäume schlugen in der Dunkelheit wie Masten. Die Luft war voller Regentropfen, die in Schwüngen mit dem Wind kamen. Ich blieb neben den Beerensträuchern in der hinteren Ecke des Gartens stehen, legte das Kätzchen auf die Erde und stach den Spaten in die Schicht aus Rindenmulch und Erde. Als ich die Grube ein paar Minuten später ausgehoben hatte, waren meine Haare klatschnass und die Hände eiskalt.
Das Kätzchen war noch warm, spürte ich, als ich es hineinlegte.
Wie war das möglich?
Ich begann Erde darauf zu schaufeln. Als sie den Körper traf, lief ein Zucken durch ihn.
Lebte es?
Das sind bestimmt nur Muskelzuckungen, dachte ich und schaufelte weiter, bis es vollständig mit Erde bedeckt war. Dann klopfte ich die oberste Schicht fest und streute etwas Mulch darüber, damit die Jungs nicht neugierig wurden, falls sie im Laufe des Tages wider Erwarten hier vorbeikommen sollten.
Ich hängte die glänzende Regenjacke an den Haken und sah, als ich mir die Hände wusch, wie die Erde das Wasser für einige Sekunden braun färbte, als es zum Abfluss lief, ging anschließend ins Schlafzimmer hinauf, zog mich aus und legte mich ins Bett, um weiterzuschlafen.
Der Gedanke an das Kätzchen, das lebendig gewesen war, als ich die Erde darauf geschaufelt hatte, ließ mich nicht los. Es half mir nicht, dass ich mir sagte, es wären nur krampfhafte Zuckungen gewesen, ich sah trotzdem vor mir, wie es da draußen mit offenen Augen unter der Erde lag, unfähig, sich zu bewegen.
Sollte ich hinausgehen und es wieder ausgraben? Es war auch ein Geschöpf dieser Welt.
Was für ein Leben hatte es hier bekommen?
Ein paar Wochen in einem Zimmer mit Dielenboden, dann hinab in die dunkle und kalte Erde, wo es sich nicht rühren konnte, nur dalag, bis es ganz für sich allein starb.
Was war der Sinn dieses Lebens?
Aber verflucht nochmal, es war nur eine Katze. Und wenn sie noch nicht tot war, als ich sie begrub, war sie es jetzt auf jeden Fall.


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Leserstimmen

Schwarzes Loch statt Morgenstern

Von: Vi
18.05.2022

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Langsamer Gesellschaftsroman

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Karl Ove Knausgårds neuer Roman in ungekürzter Lesung mit Thomas Loibl.

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Karl Ove Knausgård
© Sølve Sundsbø

Über den Autor

Karl Ove Knausgård wurde 1968 geboren und gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen, autobiographischen Projektes wurden weltweit zur Sensation. Sie sind in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. 2015 erhielt Karl Ove Knausgård den WELT-Literaturpreis, 2017 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Er lebt in London.

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